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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Baltasar Gracián
Baltasar Gracián
1604 – 1658
– Autorenporträt –

Baltasar Gracián

1604 – 1658 · 54 Jahre

Der spanische Jesuit verfasste im 17. Jahrhundert das „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“, eine bis heute gelesene Sammlung von Sinnsprüchen zur klugen Lebensführung.

Kurzbiografie↑

Baltasar Gracián y Morales gilt als einer der bedeutendsten philosophischen Schriftsteller der klassischen spanischen Literatur. Der Jesuit und Hochschullehrer verfasste mehrere höfisch-politische Traktate im barocken Stil. Sein bekanntestes Werk, das Handorakel und Kunst der Weltklugheit, versammelt Sinnsprüche zur Kunst der klugen Lebensführung und wirkt bis heute nach. Wegen seiner aufklärerischen Weltsicht erhielt der Moraltheologe schließlich Publikationsverbot. Er lebte von 1601 (oder 1604) bis 1658.


Biografie↑

Über das genaue Geburtsjahr Graciáns gehen die Quellen auseinander: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt den 8. Januar 1601, Wikidata dagegen den 8. Januar 1604. Als Geburtsort gilt Belmonte, ein Ort bei Calatayud in Aragonien. Im Jahr 1619 wurde Gracián in den Jesuitenorden aufgenommen.

Als Prediger und Professor für Theologie wirkte er unter anderem am Hof in Madrid und am Ordenskollegium in Huesca. Dort schloss er Freundschaft mit Vincencio Juan de Lastanosa und lernte über ihn zeitgenössische Schriftsteller und Künstler kennen. De Lastanosa förderte die Veröffentlichungen seines Freundes, die zumeist unter Pseudonym erschienen. Unter dem eigenen Namen erschien 1647 das wohl bekannteste Werk Graciáns, das Handorakel und Kunst der Weltklugheit. Es versammelt in der Art eines Ratgebers Aphorismen zur klugen Lebensführung.

Seine erste religiöse Schrift verfasste Gracián erst 1655, drei Jahre vor seinem Tod. Nach der Veröffentlichung des allegorischen Romans El Criticón (1651–1657, Das Kritikon) geriet er mit seinem Orden in Konflikt. Er erhielt Publikationsverbot, verlor sein Lehramt in Saragossa und wurde eine Zeitlang unter Hausarrest gestellt. Anfang 1658 verbannte man ihn für mehrere Monate unter Schreibverbot in die Pyrenäen nach Graus in der Provinz Huesca. Danach durfte er nach Tarazona übersiedeln. Gesundheitlich ruiniert starb Baltasar Gracián am 6. Dezember 1658 im Jesuitenkolleg von Tarazona.

Zu seinen weiteren Werken zählen El Héroe (1639, Der Held), El político Don Fernando el Católico (1640) über Ferdinand den Katholischen, die Schrift über Scharfsinn und Kunst, die 1642 erschien und 1648 erweitert unter dem Titel Agudeza y arte de ingenio herauskam, sowie El Discreto (1646, Der kluge Weltmann).


Literarische Merkmale↑

Gracián schrieb im barocken Stil und verfasste höfisch-politische Traktate. Das Handorakel und Kunst der Weltklugheit besteht aus dreihundert parataktisch verkürzten Sinnsprüchen, die schon im 17. Jahrhundert eine intellektuelle Herausforderung darstellten. In seinem Denken ist die Weltklugheit durch Skeptizismus geprägt, mitunter bis hin zur Weltverneinung. In Das Kritikon gestaltet er den Konflikt zwischen dem Individuum, das nach Selbsterhaltung strebt, und dem gesellschaftlichen Niedergang Spaniens. Der allegorische Roman erinnert an die Bilder von Hieronymus Bosch oder an Dante Alighieris Göttliche Komödie, kommt aber weltgewandter und kritischer daher.


Rezeption↑

Bereits 1686 wurde Graciáns Handorakel erstmals ins Deutsche übersetzt, wobei nicht das spanische Original, sondern eine französische Ausgabe als Vorlage diente. Wenig später erschien eine von August Friedrich Müller besorgte Übertragung aus dem Spanischen mit ausführlichen Kommentaren. Diese frühaufklärerische Rezeption ging maßgeblich auf Christian Thomasius zurück. Zwischen 1828 und 1832 übertrug Arthur Schopenhauer das Handorakel erneut ins Deutsche; diese Fassung ist in vielen Ausgaben verbreitet. Dort findet sich auch das Zitat „Denken wie die Wenigsten und reden wie die Meisten.“ Eine Neuübersetzung legte der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht 2020 vor.

Lange beschränkte sich die deutschsprachige Rezeption auf das Handorakel. Das änderte sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts mit mehreren Neuausgaben. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde Das Kritikon durch den Romanisten Hartmut Köhler in einer vollständigen deutschen Übersetzung auch für Nichtromanisten zugänglich. In den Jahren 1985 und 2001 wurde ein nach Gracián benannter Kulturpreis verliehen, getragen vom Institut für Konservative Bildung und Forschung sowie der Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung.

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