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Oráculo manual y arte de prudencia
1647
– Werkseintrag –

Oráculo manual y arte de prudencia

1647 · Prosa

Dreihundert geschliffene Merksätze aus dem Spanien des 17. Jahrhunderts, die lehren, wie man klug und unbeschadet durch eine verwickelte Welt kommt.

Überblick↑

Das Werk Oráculo manual y arte de prudencia, auf Deutsch meist als Handorakel und Kunst der Weltklugheit bekannt, erschien 1647 in Huesca. Es zählt zur lehrhaften Prosa des spanischen Jesuiten Baltasar Gracián. In dreihundert kurzen, jeweils kommentierten Aphorismen versammelt es Regeln dafür, wie ein Mensch in einer verwickelten und krisenhaften Welt bestehen kann – jener Welt des Barock, in der Gracián selbst lebte. Vieles, was er in früheren Schriften zur Moralphilosophie entwickelt hatte, fasst er hier knapp und geschliffen zusammen. Der Rat, den das Buch erteilt, zielt darauf, klug, umsichtig und wachsam durchs Leben zu kommen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Ratschläge für das rechte Verhalten sind der Stoff dieses Buches. In dreihundert kurzen Merksätzen entwirft Gracián eine Kunst der Klugheit, die dem Leser hilft, sich in einer schwierigen und wandelbaren Gesellschaft zu behaupten. Anders als ältere Werke dieser Art richtet es sich nicht mehr allein an Fürsten, sondern an jeden Menschen, der klug leben will.

Viele der Sätze beginnen mit der Wendung „wissen, wie man …“: wissen, wie man mit allen zurechtkommt, wie man Narren erträgt, wie man bittet, wie man vergisst. Jeder Aphorismus wird durch eine kurze Erläuterung ergänzt, die genauer ausführt, worin die jeweilige Fähigkeit besteht. Für Gracián hat alles Wissen nur dann Wert, wenn es dem Leben dient. Das Buch verzichtet auf lange Beweisführungen und auf Beispiele aus der Geschichte. An deren Stelle treten die genaue Beobachtung der Welt und die Erprobung im Alltag. So entsteht ein knapper, dichter Leitfaden, den man buchstäblich in der Hand tragen und immer wieder aufschlagen kann.

Die Handlung im Detail↑

Eine fortlaufende Handlung besitzt das Werk nicht; es ordnet sich als Reihe von dreihundert Aphorismen, von denen jeder mit einem eigenen Kommentar versehen ist. Zwar zeigt das Ganze keine streng durchgeführte Gliederung, doch lassen sich wiederkehrende Grundgedanken erkennen, die ein bewusst durchdachtes Gedankengebäude ergeben – gerade auch in seinen Widersprüchen.

Auffällig ist die immer wiederkehrende Formel „Wissen + Tätigkeitswort“. So heißt es etwa: mit allen zurechtkommen (Aphorismus 77), Übel auf andere abwälzen (149), seine Dinge verkaufen (150), Narren ertragen (159), bitten (235), ein wenig mehr wissen und ein wenig weniger leben (247) oder vergessen (262). Solche Wendungen bezeichnen Fähigkeiten, die man erlernen muss, um sich angemessen zu verhalten. Es geht Gracián um praktisches Wissen, das sich im Handeln bewährt. Wissen ohne Nutzen erklärt er für wertlos; alles Wissen soll darauf zielen, „zu wissen, wie man lebt“. Klugheit besteht für ihn darin, aus jeder Lage unbeschadet hervorzugehen.

Der Titel selbst ist bezeichnend. Das Wort oráculo meint einen von der Gottheit ausgehenden geheimen Spruch, während manual – „was in die Hand passt“ – auf den handlichen, tragbaren Gebrauch verweist. Der zweite Teil, arte de prudencia, verbindet die Kunst, also feste Regeln, mit der Klugheit, die sich eigentlich keinen starren Vorschriften fügt. Aus diesem Spannungsverhältnis entsteht ein Buch, das aus der alten Gattung der Fürstenspiegel hervorgeht, sich nun aber an alle Menschen wendet.

Veröffentlicht wurde das Werk 1647 in Huesca unter einem irreführenden Untertitel, wonach die Aphorismen den Werken eines „Lorenzo Gracián“ entnommen seien. Hinter diesem Namen verbarg sich der Autor selbst, der so der vorherigen Zensur des Jesuitenkollegs auswich. Auf dem Titelblatt erscheint zudem der Name des Mäzens Vincencio Juan de Lastanosa als Herausgeber, und das Werk ist dem Grafen und Herzog Luis Méndez de Haro gewidmet. Weil man das Buch für eine bloße Sammlung älterer Sätze hielt, wurde sogar vermutet, Lastanosa habe die Aphorismen zusammengestellt. Ein genauer Vergleich zeigt jedoch, dass der Anteil der aus früheren Schriften wie El Héroe, El Político oder El Discreto übernommenen Sätze keine fünfundzwanzig Prozent erreicht. Heute steht außer Frage, dass Baltasar Gracián der alleinige Verfasser ist. Indem er einige seiner eigenen Sätze kommentierte – ein Verfahren, das sonst den Klassikern des Altertums vorbehalten war –, stellte er sich selbst in die Reihe der maßgeblichen Autoren seiner Zeit.

Stil↑

Knappheit und Zuspitzung bestimmen die Form dieses Werkes. Statt langer Argumente und ausführlicher Beispiele aus der Geschichte bietet Gracián verdichtete Merksätze, die jeweils durch eine kurze Erläuterung entfaltet werden. Damit gibt er das alte Verfahren auf, sich auf geschichtliche Vorbilder als Beweis zu berufen. An deren Stelle setzt er die Beobachtung der Welt und die Bewährung im täglichen Gebrauch.

Prägend ist die immer wieder gebrauchte Wendung „wissen, wie man …“, eine sprachliche Umschreibung, die aus jedem Aphorismus eine erlernbare Verhaltensregel macht. Der Titel arbeitet mit einem bewussten Widerspruch: Das geheimnisvolle, göttliche Orakel wird mit dem handlichen, alltäglichen Gebrauch verbunden. Diese gespannte Kürze macht die Sätze einprägsam und lädt zum wiederholten Nachschlagen ein. Man hat das Werk als eine Art praktisches Wissen beschrieben, das den Leser lehrt, sich zu verkaufen und durchzusetzen.

Rezeption↑

Weit über den Kreis der Literaturfreunde hinaus hat dieses schmale Buch gewirkt. Denker und Philosophen haben sich seit seinem Erscheinen bis in die Gegenwart mit ihm beschäftigt. Besonders Arthur Schopenhauer schätzte es so sehr, dass er eigens Spanisch lernte, um es ins Deutsche zu übertragen. Seine Übersetzung war lange die verbreitetste im deutschen Sprachraum.

Auch außerhalb Europas fand das Werk späten Widerhall. Eine englische Fassung unter dem Titel The Art of Worldly Wisdom, die als Ratgeber für Führungskräfte angeboten wurde, verkaufte sich im englischsprachigen Raum über fünfzigtausend Mal. Darin zeigt sich, dass Graciáns Kunst der Klugheit bis heute als brauchbar empfunden wird.

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