1925
Ossi di seppia
Überblick↑
Der Gedichtband Ossi di seppia ist der erste Lyrikband von Eugenio Montale. Er erschien am 15. Juni 1925 in Turin beim Verlag von Piero Gobetti. Der Titel spielt auf die kalkigen Überreste von Tintenfischen an – jene Schulpe, die das Meer nach dem Tod der Tiere an den Strand spült. Sie werden zum Sinnbild eines ausgezehrten, ins Karge und Substanzlose zurückgeworfenen Daseins. Im Mittelpunkt stehen die ligurische Küste, das Meer und die Erfahrung, die Montale „das Übel des Lebens“ (il male di vivere) nennt. Der Band zählt zu den wichtigen Werken der italienischen Dichtung des 20. Jahrhunderts.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Band führt den Leser an die Küste Liguriens, in die Landschaft der Cinque Terre. Man begegnet dem Meer, der gleißenden Mittagshitze, den Steinen, Mauern und der spröden Vegetation dieses Küstenstreifens. Aus diesen einfachen, oft unscheinbaren Dingen entwickelt Montale eine Dichtung über die Zeit und über das Gefühl, in einer sinnentleerten Welt zu leben.
Ein wiederkehrender Grundzug ist der Verzicht auf große Antworten. In einem seiner bekannten Gedichte weigert sich der Dichter, dem Leser eine feste Formel oder ein tröstliches Wort zu geben: Er könne nur sagen, was er nicht sei. So kreisen die Verse um das Warten, um die reglose Stille des Mittags und um jenes „Übel des Lebens“, dem der Dichter überall begegnet.
Immer wieder blitzt aber auch die Möglichkeit eines Wunders auf – etwa das plötzliche Erscheinen einer weiblichen Gestalt, das für einen Augenblick den grauen Alltag aufreißt. Trotz der düsteren Themen wirkt der Band nicht bedrückend. Was den Leser vor allem einnimmt, ist der Reichtum an Dingen, Bildern und Wörtern und die musikalische Kraft der Sprache.
Die Handlung im Detail↑
Über die Entstehung des Bandes gibt es kaum gesicherte Zeugnisse. Ursprünglich trug er den vorläufigen Titel „Rottami“ (Trümmer). Der endgültige Titel Ossi di seppia deutet, nach der verbreitetsten Erklärung, auf die kalkigen Reste der Tintenfische, die das Meer als „nutzlosen Schutt“ an den Strand wirft. Damit ist eine Dichtung der Abfälle und Überbleibsel gemeint, das Bild eines aufs Kargste reduzierten Lebens. Montale traf für die Ausgabe von 1925 eine strenge Auswahl aus seinen frühen Gedichten, weshalb das Buch sehr schmal ausfiel. 1928 folgte beim Turiner Verleger Ribet eine zweite Auflage mit sechs zusätzlichen Gedichten, einigen Umstellungen und einer Einleitung von Alfredo Gargiulo.
Der Band ist in mehrere Abteilungen gegliedert, darunter Movimenti, Sarcofaghi, die titelgebende Abteilung Ossi di seppia, Mediterraneo und Meriggi e ombre. Gerahmt wird das Ganze von einem einleitenden Gedicht, In limine, und einem abschließenden, Riviere.
Die Abteilung Movimenti gehört noch zum frühen, „protomontalischen“ Montale. Hier tauchen erste philosophische Anklänge auf, etwa in I limoni und Falsetto. In Sarcofaghi herrschen die Kindheit und die Jugend vor, samt ihren Mythen, von denen man sich lösen muss – auch wenn am Ende die schmerzhafte Erfahrung eines entfremdenden Erwachsenseins steht.
Den Kern bildet die Abteilung Ossi di seppia. In ihr entwirft Montale zwischen den flüchtigen Erscheinungen einer stets vom Zerfall bedrohten Welt sein philosophisches Grundgefühl. Hierher gehören die berühmten Gedichte Non chiederci la parola (in dem der Dichter sich weigert, ein festes Wort zu geben), Meriggiare pallido e assorto, Spesso il male di vivere ho incontrato („Oft bin ich dem Übel des Lebens begegnet“) und Cigola la carrucola del pozzo.
In der Abteilung Mediterraneo tritt das Meer ganz ins Zentrum. Es wird zum Ort, an dem sich das Verhältnis von Jugend und Reife entscheidet. Das Meer, Sinnbild von Tiefe und fernem Horizont, zieht den Heranwachsenden an, um ihn dann seines Sinnes beraubt wieder an den Strand zu werfen – wie einen ausgehöhlten Schulp.
Die abschließende Abteilung Meriggi e ombre schreitet, wie der Kritiker A. Marchese sagt, „die Geschichte des eigenen Lebens“ ab: von Fine dell'infanzia („Ende der Kindheit“) bis hin zu Arsenio. Die Figur des Arsenio gilt als Montales Beitrag zur modernen Gestalt des Antihelden; die Forschung verweist zu ihrem Verständnis auf Leopardis Consalvo. Der einzige Ausweg aus der Zwangsläufigkeit des Lebens bleibt der Zufall oder das „Wunder“ einer Erscheinung – meist eine weibliche Gestalt –, das dem Dichter aber nicht vorbehalten ist. Die Kritik hat dafür den Begriff einer vor-existentialistischen Haltung geprägt.
Auf Montales dichterische Anfänge wirft ein spätes Dokument Licht: 1983 erschien postum sein Tagebuch aus den Studienjahren unter dem Titel Quaderno genovese, das auf die erste Hälfte des Jahres 1917 zurückgeht. Bedeutsam war für ihn auch die musikalische Bildung, die er zwischen 1915 und 1923 erhielt. Eine Gruppe von Gedichten sollte ursprünglich die Musik mit Worten nachahmen; davon blieb im Band nur Corno inglese erhalten.
Stil↑
In einer Zeit, in der die Futuristen und die Dichter um die Zeitschrift „La Voce“ Rhythmus, Form und Satzbau bewusst zertrümmerten, ging Montale einen entgegengesetzten Weg. Er baute den Vers in seiner klaren, klassischen Form wieder auf. Eine Dichtung, die den Zerfall von Sinn und Leben zum Thema hat, kann sich – so scheint Montale zu sagen – gerade einer schlichten, streng gebauten Form am wirksamsten bedienen. In seiner rhythmischen Struktur ist der Band mit Giovanni Pascolis Sammlung Myricae verglichen worden.
Diese Schlichtheit wird durch die Musikalität der Sprache bereichert: durch Reime, Assonanzen und Konsonanzen, durch einen fein gearbeiteten poetischen Satzbau und weitere Klangwirkungen. In der Sprache verbinden sich Musik und Malerei mit dem Erbe Dantes, D'Annunzios und Pascolis. Montales „Dantismus“ gilt in seiner Dichte und Vergegenwärtigung als ungewöhnlich für die italienische Dichtung des 20. Jahrhunderts: die harte, steinige Sprache und die „höllische“ Ausweglosigkeit der menschlichen Lage fanden bei ihm einen starken Widerhall. Von Pascoli übernahm er die genaue, fast wissenschaftliche Benennung von Pflanzen und Tieren – die Sprache als Lupe für alles Kleine und Gewöhnliche, das so gewöhnlich ist, dass es in der Literatur keinen Namen hat. Von D'Annunzio schließlich rührt die Suche nach Metrum und Rhythmus und die Lust an der Worterfindung.
Der Kritiker Pier Vincenzo Mengaldo hat auf die besonderen sprachlichen Verfahren hingewiesen: seltene Wörter, die im ganzen Band nur ein einziges Mal vorkommen und so die Einmaligkeit jedes Dinges bezeichnen; literarische Wörter, die aus ihrem gewohnten Zusammenhang gelöst sind; eine präzise Terminologie, die keinen symbolischen Schimmer um die Wörter entstehen lässt, sodass das Wort eher am Leser „abprallt“ wie eine Frage, die keine Antwort erhält. Auffällig ist der Gegensatz zwischen Inhalt und Ton. Mengaldo beschreibt ihn als das Zusammentreffen eines verneinenden Geistes mit einer festen, runden, geradezu beredten Aussprache: Die Inhalte sind von Negativität und Zerfall bestimmt, der Stil dagegen ist keineswegs zerbrochen, sondern kompakt, bestimmt und entschieden.
Rezeption↑
Die Literaturkritik hat Ossi di seppia von früh an große Bedeutung zugesprochen. Schon 1928 erschien eine erweiterte zweite Auflage mit sechs zusätzlichen Gedichten und einer Einleitung von Alfredo Gargiulo. Thematisch wurde der Band als bewusste Gegenrede zu Gabriele D'Annunzios Alcyone gelesen. Wo D'Annunzio den Sommer an der Küste in einer rauschhaften, mythisch aufgeladenen Feier der Natur festhält, kehrt Montale dieses Bild ins Negative: Bei ihm wird das Meer zum Sinnbild von Entfremdung und vom „Übel des Lebens“.
Kritiker wie Pier Vincenzo Mengaldo und A. Marchese haben die Deutung des Bandes geprägt. Mengaldo sah in dem Zusammentreffen von verneinendem Geist und fester, beredter Sprache einen der Gründe für die bleibende Bedeutung des Werks. Für die düster-existenzielle Grundhaltung prägte die Kritik den Begriff einer vor-existentialistischen Position. Zum Verständnis der Gestalt des Arsenio, in der Montale den modernen Antihelden vorwegnahm, verweist die Forschung auf Leopardi. Zur Klärung von Montales dichterischen Ursprüngen trug schließlich die postume Veröffentlichung seines Studientagebuchs Quaderno genovese im Jahr 1983 bei.
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