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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Le occasioni
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Le occasioni
1939
– Werkseintrag –

Le occasioni

1939 · Lyrik

In knappen, verschlüsselten Bildern beschwört Eugenio Montale die Erinnerung an ferne Frauengestalten, die dem hoffnungslosen Dasein einen Rest von Rettung versprechen.

Überblick↑

Der Gedichtband Le occasioni (deutsch etwa „Die Gelegenheiten“) von Eugenio Montale erschien 1939. Er gilt als eine der wichtigsten Sammlungen des Dichters und knüpft an seinen ersten Band Ossi di Seppia an. Die Gedichte sind aus Symbolen und Analogien gebaut. Montales dichterische Welt erscheint bedrückt, dunkel und leidend, ohne rechte Hoffnung – und doch nicht in bloßer Verneinung, denn er betrachtet alles um sich herum mit Mitleid und einem maßvollen Mitgefühl. Im Zentrum steht die Erinnerung, die an einzelnen „Gelegenheiten“ aufscheint und dem Dichter für kurze Augenblicke etwas wie Rettung verspricht.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt der Sammlung steht die Erinnerung, die immer wieder durch bestimmte Anlässe geweckt wird. Vor allem tauchen weibliche Gestalten auf – Frauen, die dem Dichter wie neue „Beatrices“ erscheinen und denen er seine Hoffnung anvertraut. Eine von ihnen geht auf eine junge Frau zurück, die er im Ferienort Monterosso kennengelernt hatte. Besonders in den Gedichten der Gruppe Mottetti, einem kleinen Liederbuch innerhalb des Bandes, wird diese Rückbindung an die alte italienische Liebesdichtung sichtbar. Die geliebte Frau bleibt dabei meist eine ferne, fast unwirkliche Erscheinung. Gerade ihre Abwesenheit ruft bei Montale das große Thema des Bandes hervor: das Gedächtnis und die Kraft, die von einem geretteten Bild ausgehen kann.

Die Handlung im Detail↑

Die Erinnerung ist das tragende Motiv des Bandes, doch sie erweist sich als immer flüchtiger und vergänglicher. Schon in dem Gedicht Cigola la carrucola del pozzo („Die Winde des Brunnens knarrt“) aus dem früheren Band Ossi di Seppia schien das Gedächtnis nicht der erträumte Ausweg aus dem tragischen Dasein sein zu können. In Le occasioni verstärkt sich dieser Eindruck, besonders in Gedichten wie Non recidere, forbice, quel volto und La casa dei doganieri („Das Haus der Zöllner“).

Die weiblichen Gestalten sind die eigentlichen „Gelegenheiten“, an denen die Erinnerung sich entzündet. Vor allem die Figur der Clizia, deren Name aus der antiken Dichtung stammt, gestaltet Montale nach dem Vorbild Dantes: als Frau-Engel, als Botin Gottes, angelehnt an ein altes Bild aus der Dichtung der Provence. Die Züge, mit denen er sie beschreibt, bleiben sparsam; das Begehren ist ganz aufgehoben in einer rein platonischen Vorstellung der Liebe. So wird der Band zum Buch des rettenden Trugbildes, das oft die Gestalt einer Frau annimmt – doch bleibt sie meist eine ferne Gegenwart, beinahe eine Nicht-Gegenwart, die gerade dadurch das Thema des Gedenkens weckt.

Über die Liebesbilder hinaus sucht der Dichter tiefer zu dringen: Er fragt nach den Gründen des Lebens, denkt über den Tod nach und über die Unmöglichkeit, dem Dasein eine gültige Erklärung zu geben. Solche Gedanken waren schon in seinem ersten Band angelegt, gewinnen hier aber eine neue Tiefe. An die Stelle des einsamen Meeres, das die frühen Gedichte prägte, tritt nun die Welt der Menschen.

Stil↑

Die Sprache wird in dieser Sammlung weniger zugänglich, die Aussagen bleiben oft nur angedeutet. Montale verfällt dabei aber nicht in eine unvernünftige, rein bildhafte Dunkelheit, sondern hält an einer klaren, vernünftigen Spannung fest, die zugleich verhalten gefühlvoll bleibt. Seine Dichtung ist aus Symbolen und Analogien gefügt. Der Satz wird freier als zuvor, und die philosophische Betrachtung – die stärkste Seite seiner Dichtung – gewinnt an Strenge. In den Mottetti greift er die alte italienische Liebesdichtung des Dolce Stil Novo auf, die damals auch durch Thomas Stearns Eliot und Ezra Pound wieder in Mode kam. Das Begehren erscheint dabei stets veredelt und ins rein Geistige gehoben.

Rezeption↑

Der Band erschien im Oktober 1939, kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Er ist einer geheimnisvollen I. B. gewidmet – den Initialen der Dichterin Irma Brandeis, mit der Montale von 1933 bis 1939 in Briefwechsel stand. Rund zwanzig Jahre zuvor, im Ersten Weltkrieg, hatten die Dichter die Gedichte Giosuè Carduccis und Giuseppe Ungarettis Band Allegria di Naufragi bei sich getragen; nun war es Montales Sammlung, die in den Tornistern mitgeführt wurde. Ausdrückliche Anspielungen auf den Krieg finden sich darin nicht. Und doch sahen die Soldaten in der fast schon absurd anmutenden, passiven Haltung dieser Dichtung einen Weg, dem sie folgen konnten.

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