1894 – 1967
Oskar Maria Graf
Kurzporträt↑
Als Bäckersohn vom Starnberger See gehört Oskar Maria Graf zu den eigenwilligsten Erzählern der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Geboren 1894 in Berg, floh er als Siebzehnjähriger vor der Gewalt in der elterlichen Bäckerei nach München, wo er sich in anarchistischen Kreisen und der Schwabinger Bohème bewegte. Der literarische Durchbruch gelang ihm 1927 mit dem Bekenntnisbuch Wir sind Gefangene. Weithin bekannt wurde er 1933 durch seinen Aufruf Verbrennt mich!, mit dem er das NS-Regime aufforderte, seine Bücher von der Liste der erlaubten Literatur zu streichen. Nach Jahren des Exils in Wien, Brünn und Prag ließ er sich 1938 in New York nieder, wo er 1967 starb.
Biografie↑
Oskar Graf kam am 22. Juli 1894 in Berg im Bezirksamt Starnberg zur Welt, als neuntes von elf Kindern des Bäckermeisters Max Graf und der Bauerntochter Therese Heimrath. Ab 1900 besuchte er die Dorfschule in Aufkirchen. Nach dem Tod des Vaters 1906 arbeitete er in der Bäckerei, die sein ältester Bruder Max übernommen hatte. Die Misshandlungen, die ihm dort widerfuhren, schilderte er später in seiner Autobiografie Wir sind Gefangene. Sein Bruder Maurus weckte in ihm das Interesse für Literatur, doch im bäuerlichen Umfeld fand diese Neigung kein Verständnis: Bücher musste Graf heimlich beschaffen und verstecken. Als sein Bruder Max davon erfuhr, schlug er ihn erneut zusammen. Daraufhin verließ Graf 1911 das Elternhaus, um in München als Schriftsteller Fuß zu fassen.
Die Anfänge in der Großstadt waren von Not und Orientierungslosigkeit geprägt. Durch Zufall kam der mittellose Siebzehnjährige mit der anarchistischen Gruppe „Tat“ um Erich Mühsam und Gustav Landauer in Kontakt, wurde deren Schriftführer und geriet in den Dunstkreis der Schwabinger Bohème. Er hielt sich als Bäcker, Posthelfer und Liftboy über Wasser, war aber immer wieder arbeitslos. 1912/13 vagabundierte er durch Oberitalien, begleitet vom Maler Georg Schrimpf, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Zeitweise arbeiteten beide in der Reformerkolonie Monte Verità bei Ascona. 1914 erschienen erste Gedichte Grafs in der expressionistischen Zeitschrift „Die Aktion“.
Am 1. Dezember 1914 wurde Graf zum Kriegsdienst eingezogen und diente 1915 bei einer bayerischen Eisenbahntruppe an der Ostfront. 1916 sollte er wegen Befehlsverweigerung abgeurteilt werden, wurde jedoch in die Irrenanstalt eingewiesen und nach einem Hungerstreik als „dienstunbrauchbar“ aus dem Militär entlassen. Anschließend fand er in München Arbeit in einer Keks-, später einer Brotfabrik und betätigte sich als Literatur- und Kunstkritiker. Nach der Beschwerde eines gleichnamigen Kriegsmalers publizierte er zunächst als Oskar Graf-Berg; 1917 legte er sich den zweiten Vornamen Maria zu. Im selben Jahr erschien sein erster Gedichtband Die Revolutionäre. Am 26. Mai 1917 heiratete er Karoline Bretting; 1918 wurde die Tochter Annemarie geboren, doch die Ehe zerbrach noch im selben Jahr. Graf trat für die Räte-Idee ein und wurde 1918 wegen der Teilnahme am Munitionsarbeiterstreik kurzzeitig inhaftiert; 1919 kam er wegen der Beteiligung an den revolutionären Bewegungen in München erneut für einige Wochen ins Gefängnis. Der Dichter Rainer Maria Rilke setzte sich für seine Freilassung ein. 1919 begann seine Lebensgemeinschaft mit Mirjam Sachs, einer Cousine von Nelly Sachs.
Ab 1920 wirkte Graf als Dramaturg am genossenschaftlichen Arbeitertheater „Die neue Bühne“, wo eine Freundschaft mit Bertolt Brecht entstand. 1927 gelang ihm mit dem autobiografischen Wir sind Gefangene der Durchbruch, der ihm eine Existenz als freischaffender Schriftsteller ermöglichte. Thomas Mann betrachtete das Buch als Zeugnis von „unvergänglichem Wert“. Weitere Publikumserfolge folgten mit dem Bayrischen Dekameron (1928) und dem Roman Bolwieser (1931).
Im Februar 1933 folgte Graf einer Einladung zu einer Lesereise nach Wien; damit begann sein anfangs freiwilliges Exil. Als er erfuhr, dass seine Bücher der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 nicht zum Opfer gefallen waren und ihre Lektüre sogar empfohlen wurde, veröffentlichte er am 12. Mai 1933 in der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ den Artikel Verbrennt mich!. Das Regime reagierte mit einem nachträglichen Verbot aller seiner Werke. Graf selbst hat später erzählt, seine Bücher seien 1934 in einer eigens für ihn angesetzten Verbrennung im Innenhof der Münchner Universität verbrannt worden; Wilfried F. Schoeller weist jedoch darauf hin, dass die Verbrennung zwar angekündigt wurde, ihr tatsächliches Stattfinden aber unbewiesen sei. 1934 wurde Graf die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.
Über Brünn und Prag führte ihn der Weg ins Exil. In Prag gehörte er zur Redaktion der Monatsschrift „Neue Deutsche Blätter“, die er gemeinsam mit Anna Seghers, Wieland Herzfelde und Jan Petersen herausgab. 1934 nahm er in Moskau am Unionskongress der Sowjetschriftsteller teil. In diesen Jahren entstanden die Romane Der harte Handel (1935) und Anton Sittinger (1937). 1938 floh Graf mit Mirjam Sachs über die Niederlande in die USA und ließ sich in New York City nieder. Dort wurde er Präsident der German-American Writers Association, von der er sich nach Streit über den Hitler-Stalin-Pakt enttäuscht abwandte. 1942 gründete er mit Herzfelde und weiteren Emigranten den Aurora-Verlag. Wegen seines Engagements wurde er vom FBI beobachtet, das 1943 eine Hausdurchsuchung durchführte. 1944 heiratete er Mirjam Sachs.
Als Grafs Hauptwerk gilt der Roman Das Leben meiner Mutter, den er 1940 als Stipendiat der Künstlerkolonie Yaddo beendete; er erschien zuerst englisch 1940, deutsch dann 1946. Es folgte 1947 der pazifistische Roman Unruhe um einen Friedfertigen. Erst im Dezember 1957 erhielt Graf die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, wobei aus der Eidesformel wegen seines kompromisslosen Pazifismus der Passus über die Verteidigung mit der Waffe gestrichen wurde. 1958 wagte er seine erste Nachkriegsreise nach Europa; bei einer Lesung in München löste sein Auftritt in der kurzen Trachtenlederhose einen „mittleren Skandal“ aus. 1959 starb seine Frau Mirjam an Krebs. 1962 heiratete Graf in dritter Ehe Gisela Blauner. 1966 erschien seine Autobiografie Gelächter von außen. Oskar Maria Graf starb am 28. Juni 1967 im Mount Sinai Hospital in New York. Die Quellen benennen den Sterbeort leicht unterschiedlich: Wikidata nennt „New York City“, die Deutsche Biographie „New York, NY“. Ein Jahr nach seinem Tod wurde seine Urne nach München überführt und auf dem Alten Bogenhausener Friedhof beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
In der Tradition eines Volksschriftstellers hat sich Graf selbst zunehmend verstanden. Seine Literatur war sozial engagiert und ging mit politischer Tätigkeit Hand in Hand: Er hielt Vorleseabende, verfasste offene Briefe, unterstützte die Rote Hilfe und setzte sich für die Abschaffung der Todesstrafe ein. Vor allem schrieb er Zeitromane. In Bolwieser (1931) setzte er sich kritisch mit der Mentalität von Kleinbürgern auseinander; Walter Benjamin erkannte in dem Roman eine „neue epische Schule“, die den Abbau der Protagonisten betreibe.
Immer wieder schöpfte Graf aus der eigenen Herkunft und der oberbayrischen Provinz. In Werken wie Unruhe um einen Friedfertigen lieferte er minutiöse Darstellungen des ländlichen Lebens im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und beschrieb die zersetzenden Auswirkungen des Ersten Weltkriegs und des aufkeimenden Nationalsozialismus. Sein bekanntestes Buch, Das Leben meiner Mutter, erzählt die Geschichte seiner Familie entlang der Ahnenreihe und der Biografie seiner Mutter. Stark autobiografisch war auch der frühe Erfolg Wir sind Gefangene, der Ereignisse aus seinem Leben verarbeitete. Sein Werk nach 1945 bezeichnete Graf unter Berufung auf einen Begriff Jean-Paul Sartres als „engagierte Literatur“, ordnete es aber keiner politischen Theorie unter.
Rezeption↑
Über das ganze Leben Grafs zieht sich die Wirkung seines Aufrufs Verbrennt mich!, der ihn weithin bekannt machte und zu einem der eindrücklichsten Zeugnisse des literarischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus wurde. Bereits sein Durchbruchsbuch Wir sind Gefangene hatte Anerkennung gefunden: Thomas Mann sah darin ein Werk von „unvergänglichem Wert“. Seine Romane Der Abgrund (1936) und Anton Sittinger (1937) zählen zu den scharfsinnigsten literarischen Analysen des Verhältnisses von Kleinbürgertum und Faschismus.
Als linksengagierter Autor veröffentlichte Graf nach dem Zweiten Weltkrieg in beiden Teilen Deutschlands, stets die Einheit des Landes und seiner Leserschaft im Blick, und übte zugleich Kritik an beiden deutschen Staaten. Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil: 1960 verlieh ihm die Wayne State University in Detroit die Ehrendoktorwürde, 1964 wurde er korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste der DDR und mit der Ehrengabe und Goldmedaille der Stadt München ausgezeichnet. Nach ihm sind unter anderem ein Gymnasium in Neufahrn bei Freising, ein Ring in München und eine Straße in Nürnberg benannt. Zum 100. Geburtstag wurde 1992 in München die Oskar-Maria-Graf-Gesellschaft gegründet, die mit einem Jahrbuch und einem Journal die Erforschung seines Werks fördert.
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