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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Das Leben meiner Mutter
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Das Leben meiner Mutter
1946
– Werkseintrag –

Das Leben meiner Mutter

1946 · Roman

Die Lebensgeschichte einer bayerischen Bäuerin und ihres Sohnes, in der sich das Schicksal einer Familie und der Wandel eines ganzen Zeitalters spiegeln.

Überblick

Das Werk Das Leben meiner Mutter ist ein autobiographischer Roman des bayerischen Schriftstellers Oskar Maria Graf. Es zeichnet das Leben seiner Mutter Resl nach und verbindet ihre Geschichte mit der eigenen Lebensgeschichte des Autors. Zugleich entsteht ein breites Bild des ländlichen Bayern rund um den Starnberger See, von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit der nationalsozialistischen Machtübernahme. Graf verbindet die Chronik einer Bauern- und Bäckerfamilie mit den großen Ereignissen ihrer Epoche. Graf schrieb das Buch im US-Exil; eine erste englische Ausgabe unter dem Titel The Life of My Mother erschien bereits 1940 beim New Yorker Verlag Howell, Soskin & Co., die deutsche Erstausgabe folgte erst 1946 im Münchner Verlag Kurt Desch.

Inhalt (ohne Spoiler)

In zwei großen Teilen erzählt Oskar Maria Graf die Geschichte seiner Herkunft und seines eigenen Werdegangs. Der erste Teil, überschrieben mit „Menschen der Heimat“, schildert das Leben seiner Eltern, ehe der Autor selbst geboren wird. Im Mittelpunkt stehen die Bäuerin Resl Heimrath und der Bäcker Max Graf, deren Familien in der Gegend um Berg am Starnberger See leben. Graf beschreibt die harte Arbeit auf dem Hof, den Bau der Dorfbäckerei gegen alle Widerstände und die vielen kleinen und großen Umbrüche einer bäuerlichen Welt. Immer wieder öffnet er den Blick auf die Zeitgeschichte, etwa den Krieg gegen Frankreich und die Gründung des Kaiserreichs.

Der zweite Teil, „Mutter und Sohn“, wendet sich dem Leben des Autors selbst zu. Er erzählt von seiner Kindheit in der großen Geschwisterschar, von seiner frühen Liebe zu Büchern und von seiner Flucht aus dem elterlichen Haus nach München. Dort sucht er als junger Mann seinen Weg zwischen Gelegenheitsarbeit und Künstlerkreisen. Durch alles hindurch bleibt die Beziehung zu seiner Mutter der ruhende Mittelpunkt der Erzählung. Der Bogen reicht bis in die bewegten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Handlung im Detail

Der erste Teil umfasst den Zeitraum von 1857 bis 1894, von den Vorfahren bis zur Geburt des Autors. Graf erzählt zunächst die Geschichte der Familie Heimrath auf ihrem Hof in Aufhausen bei Aufkirchen und blickt weit in die Vergangenheit der Gegend zurück, bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Er schildert die Tagesabläufe und die Feldarbeit, den Tod von Resls Vater Ferdinand und die Einstellung des Jani Hans als Baumeister, der den Verstorbenen bei der Arbeit ersetzen soll. Der Krieg gegen Frankreich bricht aus, die wehrfähigen Männer werden eingezogen, die stärksten Pferde ausgemustert, die Arbeit wird härter. Die Bauern erleben die Gründung des Kaiserreichs und die Wahl Wilhelms I. Als Resls Mutter eine Heirat mit dem Jani Hans ablehnt, gibt dieser seine Stelle auf. Breiten Raum nimmt auch das Schloss Berg und sein Eigentümer, König Ludwig II., ein. Schließlich führt Graf die noch ärmliche Familie Graf ein, deren Großvater als Stellmacher nur wenig verdient. Der Vater Max Graf baut gegen alle Widerstände eine Bäckerei auf, obwohl die Dorfbewohner meinen, ihr Brot backe man ohnehin selbst. Zu ihrer Überraschung finden seine Backwaren guten Absatz.

Der zweite Teil erstreckt sich von 1894 bis 1934 und ist die eigene Lebensgeschichte des Autors, in die er auch die Schicksale seiner Geschwister einflicht. Er beginnt mit dem Mord an der Kaiserin Elisabeth von Österreich, dem Tod des elften Kindes der Eltern und der Krankheit der Mutter Resl. Der älteste Bruder Maxl erhält eine Lehrstelle in München, der Vater plant ein neues Haus und eine größere Bäckerei. Graf berichtet vom Ausbau des Hauses, vom Mord am beliebten Viehhändler Schlesinger und von der behinderten Schwester Zwerg, die von umherziehenden Leuten fortgeholt und wieder zurückgebracht wird. Das Haus wird fertig, der junge Oskar beginnt seine Arbeit in der Bäckerei, das elektrische Licht hält Einzug, und das Geschäft des Vaters läuft gut. Graf erzählt vom Bader, der sich in der Bäckerei einen Strick kauft und sich erhängt, und vom Militärdienst des Bruders Maxl. Die Erfindung des Automobils lehnt der Vater ab und beschimpft die Fahrzeuge als Teufelskarren.

Als Maxl vom Militär zurückkehrt, hat er sich zum Schlechten verändert: Er spricht nur noch im Befehlston und will über alles bestimmen. Nach dem Tod der Tante Kathl und schließlich des Vaters Max Graf übernimmt Maxl das Sagen in der Familie. Sein herrisches Auftreten treibt die älteren Geschwister nacheinander aus dem Haus, Eugen etwa wandert nach Amerika aus. Der junge Oskar findet über seinen Bruder Maurus zu den Büchern, in die er geradezu versinkt, entdeckt seine Neigung zur Sozialdemokratie und träumt davon, Tierarzt zu werden. Seine Bücher muss er vor dem büchergegnerischen Maxl verstecken. Als dieser sie findet, wird Oskar brutal verprügelt und flieht siebzehnjährig nach München. Dort schlägt er sich mühsam mit Gelegenheitsarbeiten durch, etwa als Liftboy, und findet Anschluss an die Schwabinger Bohème. In Berg übernimmt Maxl nach seiner Hochzeit mit Moni das Graf-Haus.

Oskar freundet sich mit dem Kunstmaler Georg Schrimpf an und lebt mit ihm einige Monate in einer Anarchistenkolonie beim Monte Verità in der italienischen Schweiz. Er beginnt, Gedichte zu schreiben. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird er unfreiwillig eingezogen. Beim Militär zieht er das Soldatenleben ins Lächerliche, bricht bei Befehlen in Lachen aus, verweigert sie und landet immer wieder in der Zelle. Schließlich simuliert er eine Geisteskrankheit, wird in eine Anstalt eingewiesen, tritt in den Hungerstreik und wird als untauglich entlassen. Durch einen Brief seiner Schwester erfährt er vom Tod des verhassten Bruders Maxl im Krieg. In München wächst die Revolutionsstimmung; seine geliebte Schwester Emma stirbt nach langer Krankheit.

In den Jahren der Inflation werden die Bauern reich und bei der leidenden Stadtbevölkerung unbeliebt. Bei Besuchen in Berg bemerkt Graf die zunehmende Präsenz des Nationalsozialismus, die Bäckerei wird verpachtet. Er erlebt den Hitlerputsch in München mit und trifft nach langer Zeit die ehemalige Magd Leni wieder, der er einst vergeblich seine Liebe gezeigt hatte. Er berichtet von einer Operation seiner Mutter und ihrer Genesung sowie von der Ausrufung eines Heiligen Jahres durch den Papst. Mit dem Bruder Eugen, der aus den USA zu Besuch ist, reist er nach Rom, um den Papst zu sehen, von dessen kümmerlicher Erscheinung die Mutter enttäuscht ist. Oskar erfährt, dass er auf einer Suchliste der Nationalsozialisten steht. Als sich die blutigen Zusammenstöße mit den Nationalsozialisten häufen, flieht er nach der Machtübernahme nach Österreich und erhält noch einen letzten Brief seiner Mutter. Im Epilog schildert Graf seine Reise in die Sowjetunion. Durch einen Brief seines Bruders Maurus erfährt er vom Tod der Mutter, und während er sich in Tiflis aufhält, muss er unablässig an sie denken.

Stil

Angelegt ist das Werk als autobiographischer Roman, der zwei Erzählweisen verbindet. Der erste Teil erzählt die Vorgeschichte der Familie noch aus der Distanz des Nachgeborenen, während der zweite Teil zur unmittelbaren Lebenserinnerung des Autors wird. Graf verknüpft das private Familiengeschehen eng mit der großen Geschichte seiner Zeit: Immer wieder treten Kriege, politische Umbrüche und technische Neuerungen wie das elektrische Licht oder das Automobil neben die Ereignisse im Dorf. Die Gliederung in benannte Kapitel gibt dem umfangreichen Stoff eine klare Ordnung. Die Nähe zum bäuerlichen Milieu Oberbayerns prägt die Schilderung von Menschen, Arbeit und Landschaft.

Rezeption

Aufgenommen wurde der Roman von der Kritik überwiegend positiv. Das Buch gilt als eines der bekannten Werke Oskar Maria Grafs und verbindet die liebevolle Erinnerung an die Mutter mit einem eindringlichen Bild der bayerischen Heimat und ihrer Menschen über mehrere Generationen hinweg.

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