1841
Das Lied der Deutschen
Überblick↑
Das Werk Das Lied der Deutschen, auch Deutschlandlied genannt, dichtete August Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 auf der Insel Helgoland, damals eine britische Kronkolonie. Die dritte Strophe bildet heute den Text der deutschen Nationalhymne. Anlass waren französische Gebietsansprüche auf das Rheinland während der sogenannten Rheinkrise, die der Dichter mit dem Lied zurückwies. Vor allem aber warb er für die deutsche Einigkeit, die er als einzige Voraussetzung dafür sah, feindliche Angriffe abwehren zu können. Hoffmann schrieb den Text ausdrücklich zur Melodie der alten österreichischen Kaiserhymne von Joseph Haydn aus dem Jahr 1797. Lange Zeit war es nur eines von vielen Liedern der deutschen Nationalbewegung, ehe es zur Hymne aufstieg.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Das Lied besteht aus drei Strophen, die alle zur selben Melodie gesungen werden. Die erste Strophe beginnt mit der vielzitierten Zeile „Deutschland, Deutschland über alles“. Sie ruft dazu auf, die Einheit Deutschlands höher zu stellen als die vielen einzelnen Fürsten und Kleinstaaten des damaligen Deutschen Bundes. Diese Einigkeit soll den Deutschen ermöglichen, sich zusammenzuschließen und zu verteidigen.
Die zweite Strophe preist Werte des deutschen Lebens: deutschen Wein, deutsche Frauen und deutschen Sang. Die dritte Strophe schließlich beschwört „Einigkeit und Recht und Freiheit“ als Ziele, für die das Volk gemeinsam streben soll.
Auffällig ist, dass Hoffmann von Fallersleben das besungene Deutschland nicht politisch, sondern geografisch umreißt. Der Vers „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ nennt vier Gewässer, die den Raum umgrenzen. Weder Frankreich noch der Rhein werden im Text erwähnt, obwohl der Streit um das Rheinland den äußeren Anlass bildete.
Die Handlung im Detail↑
Um das Lied zu verstehen, muss man seine Entstehungszeit kennen. Im Sommer 1840 erlitt Frankreich in der sogenannten Orientkrise eine außenpolitische Niederlage gegen eine Koalition aus Großbritannien, Russland, Österreich und Preußen. Die französische Öffentlichkeit fühlte sich gedemütigt; es war von einem „diplomatischen Waterloo“ die Rede. Die Regierung unter Adolphe Thiers lenkte die nationale Empörung gegen die deutschen Nachbarstaaten und forderte den Rhein als „natürliche Grenze“ Frankreichs. Diese Rheinkrise ließ die deutsche Nationalbewegung neu aufleben. Es entstanden zahlreiche sogenannte Rheinlieder, etwa Die Wacht am Rhein von Max Schneckenburger. In diesem Zusammenhang verfasste Hoffmann von Fallersleben 1841 seinen Text.
Anders als die Rheinlieder nennt sein Lied jedoch weder Frankreich noch den Rhein. In einer frühen Abschrift hatte es zunächst geheißen „Von dem Rhein bis an die Memel“, doch diese Fassung verwarf der Dichter. Stattdessen umreißt er das Land mit vier Gewässern: der Maas im Westen, der Memel im Osten, der Etsch im Süden und dem Belt im Norden. Zwei davon markierten tatsächlich Grenzen des damaligen Deutschen Bundes. Die Maas durchfloss das Herzogtum Limburg, das von 1839 bis 1866 zum Bund gehörte; die Etsch fließt durch Südtirol, das damals zum Kaisertum Österreich zählte. Bis heute ist umstritten, welchen Belt der Dichter meinte – möglicherweise stand der Name stellvertretend für die Ostsee. Die Auswahl kurzer, ein- und zweisilbiger Namen und die Alliteration „Maas – Memel“ machen den Vers besonders einprägsam. Keine dieser Grenzen bildete eine klare sprachliche oder ethnische Trennlinie: Um die Etsch lebten neben Deutschen auch italienischsprachige Bevölkerungsgruppen, um die Memel auch preußische Litauer.
Die vielzitierte Zeile „Deutschland, Deutschland über alles“ wird oft missverstanden. Sie fordert, die Einheit des Landes höher zu schätzen als die einzelnen Fürsten – ein liberaler Gedanke, denn bei einer echten Einigung Deutschlands wären die Herrscher der Kleinstaaten an den Rand gedrängt worden. Auch die Wendung „zu Schutz und Trutze“ der ersten Strophe ist rein verteidigend gemeint, da das alte Wort „Trutz“ schlicht „Gegenwehr“ oder „Widerstand“ bedeutet. Es geht nicht um Höherwertigkeit oder Großmachtstreben, sondern um die Unüberwindlichkeit im brüderlichen Zusammenstehen. Die dritte Strophe schließlich beschwört mit „Einigkeit und Recht und Freiheit“ jene Werte, die im Vormärz die liberale Opposition antrieben: nationale Einigung, politische Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.
Größere Bedeutung erlangte das Lied im Ersten Weltkrieg. In der Weimarer Republik bestimmte der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert das Deutschlandlied mit allen drei Strophen zur offiziellen Nationalhymne. Nach dem verlorenen Krieg entstand zusätzlich eine „vierte Strophe“, die Albert Matthäi unter dem Eindruck der Versailler Friedensverträge schrieb; sie wurde jedoch nie Teil der Hymne. Zur Zeit des Nationalsozialismus sang man bei offiziellen Anlässen nur die erste Strophe, gefolgt vom Horst-Wessel-Lied. Nach dem Zweiten Weltkrieg stritt man über die weitere Verwendung. 1952 legten Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer in einem Briefwechsel fest, dass das Lied insgesamt Nationalhymne bleibe, zu offiziellen Anlässen aber nur die dritte Strophe gesungen werde. Nach der Wiedervereinigung erklärten Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl 1991 die dritte Strophe zur Nationalhymne Deutschlands.
Stil↑
Formal folgt der Text streng dem Bau eines Liedes zum Singen: drei gleich gebaute Strophen, die alle auf Haydns Melodie passen. Aus dieser musikalischen Vorgabe ergibt sich das Versmaß, an das sich Hoffmann von Fallersleben genau hielt. Besonders geschickt zeigt sich dies in der geografischen Umgrenzung „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“. Der Dichter wählte gezielt ein- und zweisilbige Gewässernamen, die sich ins Versmaß fügen, und verstärkte den Klang durch die Alliteration von „Maas“ und „Memel“. So entstand eine leicht merkbare, klangvolle Zeile.
Kennzeichnend ist ferner die alte Reimformel „Schutz und Trutz“, die dem Text einen feierlichen, altertümlichen Ton verleiht. Der Gedanke, ein Land durch den Verlauf von Flüssen zu umschreiben, war nicht neu: Hoffmann griff damit auf eine Idee Walthers von der Vogelweide zurück, der schon um 1198 in seinem Gedicht Ir sult sprechen willekomen ähnlich verfahren war.
Rezeption↑
Über die Jahrzehnte wandelte sich die Deutung des Liedes stark. Zunächst blieb es eines von vielen Liedern der deutschen Nationalbewegung. Die Anfangszeile „Deutschland, Deutschland über alles“, ursprünglich ein Ruf nach nationaler Einheit gegen die Fürstenherrschaft, galt später als Symbol deutschen Großmachtwahns. Der französische Philosoph Alfred Fouillée übersetzte 1903 die dritte Zeile der ersten Strophe fehlerhaft und unterstellte dem Lied damit eine teils angriffslustige Haltung. Spätere Deutungen betonten dagegen, dass die Formulierung rein defensiv gemeint sei – der Musiker Hellmuth von Ulmann wies 1984 darauf hin, dass es dem Text um „Unüberwindlichkeit im brüderlichen Zusammenstehen in der Verteidigung“ gehe.
Immer wieder rief das Werk Gegenentwürfe hervor. Bertolt Brecht dichtete 1950 seine Kinderhymne ausdrücklich als bewussten Gegenentwurf, als die Wiedereinführung des Liedes als Nationalhymne der Bundesrepublik erwogen wurde. Er verlegte darin die geografische Umgrenzung auf „Von der See bis zu den Alpen, von der Oder bis zum Rhein“. Bis heute bleibt umstritten, welche Gewässer Hoffmann von Fallersleben genau vor Augen hatte und ob er damit Grenzen des Deutschen Bundes oder Sprachgrenzen bezeichnen wollte. Fachleute wie der Germanist Matthias Buschmeier warnen davor, den Text allzu wörtlich als Grenzbeschreibung auszulegen.
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