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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Malgudi-Tage
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Malgudi-Tage
1943
– Werkseintrag –

Malgudi-Tage

1943 · Erzählung

Zweiunddreißig kurze Geschichten aus einer erfundenen südindischen Kleinstadt, in der ein Astrologe, ein Briefträger und ein pensionierter Pförtner jeder auf seine Weise mit einer unerwarteten Zumutung fertig werden müssen.

Überblick↑

Der Erzählungsband Malgudi-Tage von R. K. Narayan erschien 1943 bei Indian Thought Publications. Er versammelt 32 Geschichten, die alle in der erfundenen südindischen Kleinstadt Malgudi spielen. Jede Erzählung beleuchtet eine andere Seite des dortigen Alltags. Außerhalb Indiens erschien der Band 1982 erneut bei Penguin Classics. Malgudi ist der Schauplatz, der Narayans Werk zusammenhält; auch der Junge Swami aus seinem Roman Swami und seine Freunde kehrt hier in einer Geschichte wieder.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Eine erfundene Kleinstadt in Südindien bildet den gemeinsamen Boden aller 32 Erzählungen. Wer hier auftritt, gehört zum gewöhnlichen Leben: ein Astrologe, der vom Sternenhimmel nichts versteht und trotzdem gefragt ist; ein Briefträger, der die Menschen seiner Route seit Jahrzehnten kennt; ein Arzt, den man nur ruft, wenn es um Leben und Tod geht; ein Pförtner, der nach fünfundzwanzig Dienstjahren in den Ruhestand geht und anfängt, kleine Figuren aus Ton zu formen.

Andere Geschichten führen an den Bahnhof, ins Kino, auf den Markt oder in einen Schnellzug. Ein streunender Hund freundet sich mit einem blinden Bettler an. Ein Bildhauer vollendet nach fünf Jahren Arbeit eine Götterstatue, die dem Priester zu vollkommen erscheint. Ein Student erfährt nach neun vergeblichen Anläufen endlich sein Prüfungsergebnis. Ein Beamter verspricht seiner Tochter einen Kinobesuch und hat doch nur seinen Schreibtisch im Kopf. Immer wieder tritt ein Erzähler auf, den man nur den Redseligen nennt und der von Tigern, Schlangen und einer gewonnenen Dampfzugmaschine berichtet.

Die Geschichten sind kurz, in sich geschlossen und leben von der Frage, wie ein einzelner Mensch mit einer kleinen, plötzlichen Zumutung fertig wird.

Die Handlung im Detail↑

Zu den bekannten Stücken des Bandes gehört die Erzählung vom Astrologen. Er kennt sich weder mit Sternen noch mit Astrologie aus, sondern lebt von genauer Beobachtung, Übung und geschicktem Raten; die Leute glauben ihm. Er hatte den Beruf ergriffen, nachdem er auf der Flucht war. Eines Tages wettet ein Kunde eine große Summe, der Astrologe könne ihm nichts Wesentliches sagen. Der Astrologe weicht aus, bis er den Mann erkennt: Es ist Guru Nayak. Nach einigem Feilschen sagt er ihm, man habe ihn niedergestochen und für tot in einem Brunnen zurückgelassen. Beeindruckt zahlt der Kunde, wenn auch nicht die versprochene Summe, und der Astrologe warnt ihn, nie wieder in diese Gegend zu kommen. Nachts fragt seine Frau, wo er so lange geblieben sei. Da gesteht er, dass er es war, der den Mann vor Jahren umzubringen versuchte.

Der Briefträger Thanappa trägt seit Jahren an Ramanujam aus und hat dessen Tochter aufwachsen sehen. Als eine Heiratsaussicht scheitert, empfiehlt er einen Bräutigam aus einem entfernten Ort. Die Hochzeit muss am 20. Mai stattfinden, sonst verschiebt die Ausbildung des Bräutigams alles um drei Jahre. Nach der Feier legt Thanappa eine Postkarte vor, die vom Tod eines Verwandten berichtet und am 20. Mai hätte zugestellt werden müssen. Er hatte die Hochzeit nicht stören wollen, obwohl ihn das Zurückhalten den Posten kosten müsste. Ramanujam erklärt, er werde keine Beschwerde einreichen.

Dr. Raman wird nur in aussichtslosen Fällen gerufen und hält nichts von tröstlichen Lügen. Dann erkrankt sein bester Freund Gopal schwer. Der Arzt schätzt dessen Aussichten auf eins zu tausend, und jede Anstrengung verschlechtert sie. Gopal drängt auf die Wahrheit, um sein Testament noch unterschreiben zu können. Raman bringt es nicht über sich und sagt ihm, er werde durchkommen. Am nächsten Morgen ist Gopal auf dem Weg der Besserung, und der Arzt weiß bis ans Ende seiner Tage nicht, wie das zugehen konnte.

Govind Singh war fünfundzwanzig Jahre lang Pförtner und Wachmann und hat den Direktor in dieser Zeit nur zweimal gesprochen; er sieht in ihm eine gottähnliche Gestalt. Im Ruhestand baut er kleine Figuren und Szenen aus Ton, Sägemehl und Farbe. Bei jeder Pensionsabholung bringt er ein neues Stück in die alte Firma und fragt nach dem Urteil des Direktors; der Buchhalter versichert stets, es habe gefallen. Als ein eingeschriebener Brief des Direktors eintrifft, wagt Singh nicht, ihn zu öffnen. Er lässt ihn beim Röntgentechniker durchleuchten, wo man ihm sagt, er sei krank. Singh schließt daraus, er sei verrückt, weil er mit Ton spiele, und benimmt sich in der Stadt wie ein Irrer, bis der Buchhalter ihn sieht und den Brief öffnet: Der Direktor dankt ihm, schickt einen großen Scheck und wünscht sich mehr von seinen Arbeiten. Singh gibt das Formen auf mit der Begründung, das sei keine Beschäftigung für einen vernünftigen Mann.

Ein herrenloser Hund freundet sich mit einem blinden Bettler an. Als die alte Frau stirbt, die den Blinden versorgt hat, legt er dem Tier eine Leine an und lässt sich durch die Straßen führen. Seine Einnahmen steigen, und er wird gierig; er tritt und schlägt den Hund, damit dieser weiterläuft. Als die Händler erfahren, dass der Bettler so wohlhabend ist, dass er Geld verleiht, schneiden sie die Leine mit der Schere durch, und der Hund läuft davon. Wochen später sieht man beide wieder: an einer Metallkette. Der Blinde erzählt, sein Hund sei eines Nachts zurückgekommen. Die Händler haben Mitleid mit dem Tier.

Im Schnellzug beschimpft ein Mitreisender einen anderen Fahrgast. Rajam Iyer, ein tamilischer Brahmane, mischt sich ein; der Grobian wirft den Brahmanen vor, heimlich Fleisch zu essen und die Preise zu treiben. Der Streit wächst, beide erheben sich zum Kampf. Rajam hält vor dem ersten Schlag inne und kündigt bluffend an, er werde dem anderen das Gesicht so umbauen, dass der Mund unter dem linken Ohr sitze. Als er ausholt, sieht der Grobian den Halt, springt aus dem Fenster und ruft, hier müsse er aussteigen. Rajam erzählt den Mitreisenden, der Mann sei in ein anderes Abteil gestiegen, doch niemand glaubt ihm.

Jäger bringen einen toten Tiger in die Stadt, und der Redselige erzählt den Kindern seine Geschichte. Als Düngemittelvertreter übernachtete er einmal im Bahnhof eines winzigen Dorfes und ließ wegen der Hitze die Tür einen Spalt offen. Nachts drang ein Tiger ein. Der Mann verschanzte sich hinter Möbeln, sodass das Tier nur eine Pranke hindurchschieben konnte, und schnitt ihm mit dem Messer drei Zehen ab, bis es abließ. Die Kinder verlangen, die Pranke zu sehen, und tatsächlich fehlen drei Zehen. Die Jäger erklären, manche Stammesleute nähmen junge Tiger und schnitten ihnen drei Zehen als Glücksbringer ab.

Iswaran ist neun Jahre in Folge durch die Zwischenprüfung gefallen. Nach dem zehnten Versuch geht er am Tag der Bekanntgabe ins Kino, statt sein Ergebnis anzusehen. Als jubelnde Mitschüler den Saal betreten, hält er sich für einen hoffnungslosen Fall und beschließt, sich im Fluss zu ertränken. Er schreibt einen Abschiedsbrief und lässt ihn in der Jacke am Ufer zurück. Weil er es genau wissen will, sieht er doch noch nach: Er hat bestanden, sogar mit Auszeichnung zweiter Klasse. Vor Freude springt er in den Fluss. Am nächsten Tag findet man seinen Körper und den Abschiedsbrief.

Ein Bildhauer vollendet nach fünf Jahren eine Statue des Gottes Nataraja. Alle halten ihre Gestalt für so vollkommen, dass der Anblick die Betrachter verzehren würde. Der Priester bittet ihn, den kleinen Zeh abzuschlagen, damit die Statue gefahrlos zu sehen sei; der Bildhauer weigert sich, der Priester verweigert daraufhin die Weihe im Tempel. Der Bildhauer macht sein Haus zum Tempel und lässt dort weihen. Da erwacht der Gott und erschüttert die Gegend mit Naturkatastrophen jeder Art. Die Leute flehen den Bildhauer an, die Vollkommenheit zu zerstören, nachdem viele gestorben sind, doch er bleibt hart. Auf dem Weg zum übergelaufenen See, in dem er sich als Opfer ertränken will, stürzt ein Baum auf sein Haus. Er kehrt zurück und findet die Statue unversehrt bis auf den abgetrennten kleinen Zeh. Die nun unvollkommene Statue wird im Tempel geweiht, und der Bildhauer gibt sein Handwerk auf.

Swami verschläft an einem Montag und überredet die Mutter, ihn zu Hause zu lassen. Der Vater besteht darauf, dass er trotz seiner angeblichen Kopfschmerzen zur Schule geht. Da behauptet Swami, sein Lehrer Samuel prügle Kinder für die kleinste Verfehlung. Der Vater schreibt einen Brief an den Schulleiter, der Samuel die Stellung kosten, vielleicht sogar ins Gefängnis bringen würde. In der Schule reizt Swami den Lehrer, damit dieser sich etwas zuschulden kommen lässt, doch Samuel gibt ihm nur ein paar Schläge auf die Hand, die den Jungen kaum berühren. Der Schulleiter ist die ganze Woche nicht da; annehmen dürfte den Brief allein der stellvertretende Leiter, und das ist ausgerechnet Samuel. Swami läuft mit dem Brief nach Hause. Der Vater hält die Abwesenheit des Schulleiters für eine Lüge und meint, Swami habe Samuel verdient.

Nach einem Konzert schwärmen alle von der Aufführung, nur der Redselige wirkt gequält. Er findet, der Geschmack sei verkommen, und erzählt seine Geschichte: Er lernte Bambusflöte bei einem Meister. Eines Nachts unterbrach ein Bettler sein Üben und bat um Essen; er wies ihn ab und verwehrte ihm sogar, hereinzukommen und zuzuhören. Der Bettler verfluchte ihn: Das sei sein letzter Tag mit Musik. Später in derselben Nacht kam eine mächtige Kobra und lauschte seinem Spiel. Sie wurde unruhig, sobald er aufhörte oder etwas anderes spielte als das Schlangenlied. Nachdem er die ganze Nacht dasselbe Stück gespielt hatte, warf er sich zu Boden und flehte um sein Leben; als er aufsah, war die Schlange fort. Seither rührt er die Flöte nicht mehr an. Fände er den Bettler und könnte ihn um Verzeihung bitten, würde er wieder spielen.

In einer weiteren Geschichte gewinnt der Redselige auf einem Jahrmarkt eine Straßenzugmaschine. Er kann sie weder fahren noch anheizen und lässt sie im Park stehen. Die Stadt verlangt für den Stellplatz mehr als das Doppelte seiner Miete. Beim Versuch, sie fortzuschaffen, fährt sie in eine Mauer, und er muss den Schaden zahlen. Ein Swami kommt in die Stadt, der Glas isst und sich lebendig begraben lässt; er wünscht sich die Zugmaschine, damit sein Gehilfe ihm über die Brust fahre, doch der Magistrat verbietet es. Nach einem schweren Erdbeben steckt die Maschine im Brunnen desselben Mannes, dessen Mauer sie beschädigt hatte. Der bedankt sich, denn die Stadt hätte ihn wegen des schmutzigen Wassers zur Kasse gebeten, wenn der Brunnen offen geblieben wäre. Sehen kann man die Maschine im Brunnen freilich nicht mehr, denn er ist inzwischen einbetoniert.

Die Schülerin Shanta will früh aus der Schule, weil ihr Vater Venkat Rao versprochen hat, mit ihr ins Kino zu gehen. Zu Hause macht sie sich fein und wartet. Als er zur versprochenen Zeit nicht kommt, sucht sie sein Büro und verirrt sich; ein Diener bringt sie heim. Der Blick zurück auf den Tag des Vaters zeigt einen Mann mit schlechtem Gewissen: Er sitzt sieben Tage die Woche im Büro, bis die Tochter schläft. Deshalb hat er das Kino versprochen. Am Nachmittag bittet er den Vorgesetzten um freie Zeit und droht andernfalls zu kündigen; der Vorgesetzte erklärt, nichts sei dringender als die Arbeit, und Rao arbeitet weiter. Weil er es leid ist, für vierzig Rupien im Monat gekauft zu sein, schreibt er die Kündigung. Da erfährt er von seiner Erhöhung auf fünfundvierzig Rupien und zerreißt das Schreiben. Er kommt heim, als das Kind schon schläft, und sagt seiner Frau, wegen der Gehaltserhöhung könne er nun überhaupt nicht mehr mit Shanta ausgehen.

Stil↑

Kennzeichnend für den Band ist die Beschränkung auf einen einzigen Ort: Alle 32 Erzählungen spielen in Malgudi, und jede zeigt eine andere Seite des Lebens dort. Erzählt wird knapp, in einfachen Handlungsbögen, meist um eine einzige Entscheidung oder eine einzige Wendung herum gebaut. Die Figuren sind Menschen aus dem Alltag: Postboten, Lehrer, Beamte, Händler, Bettler, Handwerker.

Mehrere Geschichten sind als Erzählung in der Erzählung angelegt. Sie werden vom Redseligen vorgetragen, einer Gestalt, die in verschiedenen Stücken wiederkehrt und dem Band eine gemeinsame Stimme gibt. Auch Figuren aus Narayans Romanen tauchen wieder auf, etwa der Schuljunge Swami. Häufig endet eine Geschichte mit einer überraschenden Zuspitzung, die das zuvor Erzählte in ein anderes Licht rückt. Wunderbares und Alltägliches stehen dabei ohne Umschweife nebeneinander: Eine Statue kann lebendig werden, und im nächsten Stück geht es um eine Gehaltserhöhung von fünf Rupien.

Rezeption↑

Der Band erschien zunächst in Indien und wurde 1982 auch außerhalb des Landes bei Penguin Classics herausgebracht. Die New York Times hob als besondere Qualität hervor: "everyone in the book seems to have a capacity for responding to the quality of his particular hour. It's an art we need to study and revive."

Auch im Fernsehen wirkte das Buch nach. 1986 wurden einige der Geschichten in die Serie Malgudi Days aufgenommen, bei der der Schauspieler und Regisseur Shankar Nag Regie führte. 2004 nahm man das Vorhaben wieder auf, nun mit der Filmemacherin Kavitha Lankesh anstelle des verstorbenen Shankar Nag. Die neue Staffel lief ab dem 26. April 2006 auf Doordarshan.

Wie bekannt das Buch geblieben ist, zeigte sich 2014: Google würdigte Narayans 108. Geburtstag mit einem Doodle, das den Autor hinter einem Exemplar von Malgudi Days zeigt.

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