1836
Mai
Überblick↑
Das romantische Epos Máj (deutsch Mai) erschien 1836 und stammt von Karel Hynek Mácha. Es gilt als eines der herausragendsten Werke der tschechischen Literatur und als Fundament der modernen tschechischen Dichtung. Mácha erzählt darin eine düstere Liebes- und Schuldgeschichte, doch die eigentliche Kraft des Gedichts liegt in seinen Naturbildern. Der Dichter selbst erklärte, es gehe ihm weniger um die Handlung als darum, die Schönheit der Mainatur zu feiern. Diesem Frühlingszauber stellt er das menschliche Leid gegenüber: das Liebesleid, die Angst vor dem Tod und die Sehnsucht nach der Kindheit.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Am Abend des ersten Mai wartet Jarmila an einem See auf ihren Geliebten Vilém. Doch statt seiner erscheint ein Bekannter mit einer erschütternden Nachricht: Vilém steht eine Hinrichtung bevor. Der Bote gibt Jarmila die Schuld an diesem Unglück und verflucht sie.
Auf der anderen Seite des Sees sitzt Vilém in einem Turm gefangen. Er ist der Hauptmann einer Räuberbande und hat einen Mann erschlagen. Nun erwartet er in tiefer Nacht sein Ende, klagt über sein unglückliches Schicksal und öffnet sich dem Wächter, den das Leid des jungen Mannes tief berührt.
Um diese knappe Handlung herum entfaltet Mácha ein weites Bild der Frühlingslandschaft. Die verliebte, abendliche Natur des Mai steht in scharfem Gegensatz zu Schuld, Angst und Vergänglichkeit der Menschen. So verbindet das Werk eine Liebestragödie mit einer Feier des irdischen Lebens, dessen Glück Mácha ganz auf die Erde legt.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung beginnt am Abend des ersten Mai. Jarmila erwartet am See ihren Geliebten Vilém. An seiner Stelle kommt ein Bekannter und meldet ihr, dass Vilém hingerichtet werden soll. Er macht sie für das Unglück verantwortlich und stößt einen Fluch gegen sie aus.
Vilém, der Hauptmann einer Räuberbande, sitzt derweil auf der anderen Seite des Sees in einem Turm eingekerkert. Es herrscht tiefe Nacht. Er hat seinen Nebenbuhler erschlagen und damit, ohne es zu wissen, den eigenen Vater getötet – jenen Mann, der ihn einst als Kind fortgejagt hatte. Vilém beklagt sein unglückliches Schicksal und erwartet den Tod. Dem Wächter vertraut er sich an, und das Leid des jungen Mannes erschüttert diesen zutiefst. Währenddessen meldet sich die Natur zu Wort und bereitet gleichsam das Begräbnis vor.
Am nächsten Morgen wird Vilém zur Richtstatt geführt, und die Natur umrahmt die Szene in ihrer vollen Schönheit. Der Verurteilte nimmt Abschied von der Erde und erinnert sich an die für immer verlorene Kindheit. Er bittet die Wolken, auch Jarmila zu grüßen, doch bei den letzten Worten verschlägt es ihm die Sprache. Vilém wird enthauptet, sein Kopf auf einen Pfahl gesteckt und der Körper in ein Rad geflochten. Am Abend betrauern die Räuber ihren toten Hauptmann.
Sieben Jahre später kommt der Erzähler selbst im tiefen Winter an den Ort des Geschehens und erblickt Viléms Gebeine. Im Gasthaus erfährt er die ganze Geschichte. An einem ersten Mai kehrt er nach vielen weiteren Jahren noch einmal zurück und nennt dieses Gedicht seine eigene Jugendzeit.
Stil↑
Als romantisches Versepos verbindet Máj eine knappe Handlung mit ausgedehnten Naturschilderungen. Mácha gibt von der Geschichte nur so viel preis, wie nötig ist, damit seine Bilder wirken können. Sein eigentliches Anliegen ist die abendliche und nächtliche Frühlingslandschaft, die er der menschlichen Erfahrung gegenüberstellt. Der verliebten Mainatur setzt er das Liebesleid, die Angst vor dem Tod und die Sehnsucht nach der Kindheit entgegen. Diesem Gegensatz liegt eine klare Ordnung zugrunde: Die Maienzeit entspricht den verschiedenen Zeiten des menschlichen Lebens – Kindheit, Jugend und Tod.
Bezeichnend für die Romantik ist Máchas Betonung des Irdischen. Nach dem Tod gebe es nur das Nichts, das Glück sei allein auf der Erde zu finden, die er als Mutter aller Menschen bezeichnet. Diese Grundstimmung trägt das ganze Gedicht.
Besondere Wirkung entfaltet Máchas Bildersprache. Sie wurde später als geradezu unlogisch und stark assoziativ empfunden und zusammen mit der ausgeprägten Lautmalerei der Verse als wegweisend für die moderne Dichtung gerühmt.
Rezeption↑
Bereits bei seinem Erscheinen im Jahr 1836 spaltete das Werk die Meinungen. Mácha veröffentlichte Máj im Selbstverlag. Die zeitgenössische tschechische Kritik lehnte es als nihilistisch und nicht patriotisch ab. Josef Kajetán Tyl würdigte zwar Máchas Sprachstil, bemängelte aber, dass das Gedicht keinen nationalen Anspruch erhebe. Die deutschsprachigen Rezensionen fielen dagegen begeistert aus. Rasch folgten erste Übertragungen ins Deutsche: Einzelne Verse und ein Zwischenspiel erschienen schon bald, und 1843 legte Siegfried Kapper die erste vollständige deutsche Übersetzung vor.
Nachdem Karel Sabina 1845 die erste Gesamtausgabe herausgebracht hatte, entbrannte zu Beginn der 1850er Jahre ein regelrechter Mácha-Kult. Die Dichtergruppe der Májovci trug den Werktitel sogar in ihrem Namen, übernahm Máchas poetische Neuerungen aber kaum. Seine Bildersprache griffen erst die Symbolisten auf, unter ihnen Otokar Březina und Karel Hlaváček. Später erhoben die tschechischen Poetisten und Surrealisten, allen voran Vítězslav Nezval, das Gedicht zum Vorbild der modernen Dichtung.
In Tschechien ist Máj bis heute Schullektüre und wird passagenweise auswendig gelernt. Am ersten Mai treffen sich Liebespaare unter Máchas Statue auf dem Petřín und tragen Verse aus dem Gedicht vor. Ein vergleichbarer internationaler Einfluss blieb aus. Im deutschsprachigen Raum folgten weitere Übersetzungen, etwa von Alfred Waldau, Karl Müller und Eduard Neumann, bevor der Nationalsozialismus dem deutsch-tschechischen Austausch vorläufig ein Ende setzte. 1983 erschienen die Fassungen von Otto F. Babler und Walter Schamschula gemeinsam in einem Band, und erst die überarbeitete Neuausgabe von Ondřej Cikán aus dem Jahr 2020 erreichte wieder eine breitere Öffentlichkeit. Máj ist das meistübersetzte Werk der tschechischen Literatur und wurde in zahlreiche Sprachen übertragen. 2008 verfilmte F. A. Brabec den Stoff unter dem Titel May.
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