1949
Bekenntnisse einer Maske
Überblick↑
Der Roman Bekenntnisse einer Maske erschien am 5. Juli 1949 in Japan. Er erzählt die Lebensgeschichte eines schüchternen, kränklichen Jungen namens Kochan, der seine Homosexualität und eine starke Faszination für den Tod an sich entdeckt. Aus Furcht vor der Ablehnung durch die Gesellschaft verbirgt er sich hinter einer angepassten Rolle, einer Maske. Das Buch machte den bis dahin unbekannten Verfasser im Alter von 24 Jahren international bekannt. Weil sich der Lebenslauf der Hauptfigur mit dem des Autors in vielem deckt, gilt das Werk als halb autobiografisch. Auf Deutsch erschien 1964 zunächst eine Übersetzung aus dem Englischen bei Rowohlt unter dem Titel Geständnis einer Maske. Die Direktübersetzung aus dem Japanischen kam 2018 bei Kein & Aber heraus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird das Leben Kochans, der 1925 in eine verarmte Familie in Tokio hineingeboren wird. Sein Großvater hat sein Amt als Gouverneur verloren und das Anwesen aufgeben müssen. Schon als kleines Kind wird der Junge den Eltern entzogen und wächst bei der chronisch kranken Großmutter auf, die ihn kaum aus den Augen lässt.
Kurz vor seinem vierten Geburtstag erkrankt er schwer und wäre beinahe gestorben. Das Leiden bleibt und plagt ihn fortan Monat für Monat. Weil ihn die Großmutter von gleichaltrigen Jungen fernhält, verbringt er seine Kindheit fast nur mit ausgewählten Mädchen aus der Nachbarschaft. Seine Welt sind Bilder und Bücher: eine Fotografie von einem muskulösen Arbeiter, die Darstellung eines blutüberströmten Ritters, Märchen von Prinzen, die sterben.
In der Pubertät begreift der Junge, dass diese Bilder mit seinem erwachenden Begehren zu tun haben und dass sich Tod und Verletzung darin mit der Lust vermischen. In der Mittelschule verliebt er sich in den Mitschüler Omi, einen kräftigen, schlecht beleumundeten Jungen, der für ihn zum Inbegriff männlicher Vollkommenheit wird. Kochan beginnt, sich zu verstellen: Er legt seine Sprechweise ab, übt sich in männlichem Auftreten und richtet sich hinter einer angepassten Rolle ein.
Später scheint der Wunsch nach einem neuen, unauffälligen Leben in Erfüllung zu gehen, als er das Mädchen Sonoko kennenlernt.
Die Handlung im Detail↑
Vorangestellt ist dem Buch ein Zitat aus Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow. Es weist auf eines der Hauptthemen hin: die Schönheit. Danach beginnt der Ich-Erzähler bei seiner Geburt.
Kochan kommt am 4. Januar 1925 in eine zerrüttete Familie. Der einst angesehene Großvater musste seinen Posten als Gouverneur wegen der Verfehlungen eines Untergebenen aufgeben. Das Anwesen ist nicht mehr zu halten, und so zieht er zu seiner Tochter in ein Mietshaus im Armenviertel Tokios. Der Junge wird früh von den Eltern getrennt und der Großmutter überlassen, obwohl diese selbst chronisch krank ist. Sein Bettchen steht neben ihrem Krankenlager, und sie beobachtet ihn unablässig. Kurz vor seinem vierten Geburtstag erkrankt Kochan an einer Selbstvergiftung des Körpers und entgeht nur knapp dem Tod. Das Leiden wird chronisch und kehrt sein Leben lang monatlich wieder.
Als kleiner Junge behauptet Kochan, sich an ein Bad in einer Holzwanne kurz nach seiner Geburt erinnern zu können. Die Erwachsenen halten ihm entgegen, dass ein Neugeborenes die Augen noch nicht öffnen könne. Weil er darauf beharrt, vermuten sie, er wolle sie auf Umwegen zu einem Gespräch über Sexualität bringen. Dem Leser gesteht er, dass seine Erinnerung an eine sonnenbeschienene Wanne der nächtlichen Stunde seiner Geburt widerspricht. Trotzdem hält er sie für echt.
Im Fotoalbum der Großmutter entdeckt er das Bild eines muskulösen Mannes in verdreckten blauen Hosen, der Jauchekübel über die Straße trägt. Die Aufnahme und vor allem die Hose wirken auf ihn mit einer Kraft, die er sich nicht erklären kann. Er äußert den Wunsch, später selbst Latrinenreiniger zu werden. Gerade das äußerlich elende Leben dieses Mannes zieht ihn an, weil er sich davon durch seinen schwachen Körper ausgeschlossen fühlt.
Ähnlich stark wirkt die Abbildung eines blutüberströmten Ritters zu Pferd. Kochan betrachtet sie lange und empfindet dabei zum ersten Mal so etwas wie Schuld. Er stellt sich vor, wie der schöne, entschlossene Mann kurz nach diesem Augenblick getötet wird. Seine Krankenschwester ertappt ihn und klärt ihn auf: Es handle sich gar nicht um einen Mann, sondern um Jeanne d'Arc. Da ist er mit einem Schlag angewidert, fühlt sich betrogen und sieht das Bild nie wieder an. Als er eines Tages an einer Gruppe Soldaten vorbeikommt, fasziniert ihn deren Schweißgeruch. Von da an träumt er immer lebhafter davon, an ihrer Stelle im Krieg zu fallen.
Eines Nachmittags besucht er mit der Großmutter eine Zaubershow. Die Eleganz und Schönheit der Magierin Tenkatsu begeistert ihn. Am Abend zieht er bei den Eltern heimlich die Kleider seiner Mutter an, um Tenkatsu zu sein. Die Verwandlung versetzt ihn in solches Glück, dass er durch das Haus läuft. Die Familie schämt sich sichtlich, und der Junge weint. Künftig verkleidet er sich nur noch heimlich.
Kochan lässt sich gern Märchen vorlesen, kann sich aber immer nur mit dem Prinzen identifizieren, nie mit der Prinzessin. Besonders liebt er jeden Jungen, der getötet wird. Eine ungarische Geschichte ärgert ihn: Der Prinz stirbt immer wieder, wird aber jedes Mal durch einen Zauberdiamanten ins Leben zurückgeholt. Eines Abends schleicht Kochan ins Wohnzimmer und reißt die letzten Seiten heraus, damit der Prinz vom Drachen getötet wird und tot bleibt.
So sehr ihn der Gedanke an den Tod anzieht, so krankhaft fürchtet er das eigene Sterben. Er bildet sich ein, die Krankenschwester werde ihn vergiften, wenn er sich nicht benehme. Die Großmutter, beunruhigt über seinen Zustand, hält ihn von gleichaltrigen Jungen fern und lässt ihn nur mit ausgesuchten Mädchen aus der Nachbarschaft spielen. Bruder und Schwester, die später geboren werden, wachsen viel freier auf. Dem Leser gesteht Kochan, dass seine Klagen darüber immer nur gespielt waren: In Wahrheit war er nicht eifersüchtig, sondern zog sein zurückgezogenes Leben dem Lärm und der ständigen Gesellschaft vor.
Mit sieben besucht er seine Cousinen und spürt, dass die Großmutter von ihm weniger „weibisches“ Verhalten erwartet. Er überlegt, was männliches Verhalten sein könnte, und spielt mit den Mädchen fortan nur noch Krieg. Die Rolle des lauten Anführers stößt ihn ab. Umso mehr Vergnügen bereitet es ihm, in den erfundenen Schlachten zu sterben.
Das erste Kapitel endet mit einem Erlebnis, das der erwachsene Erzähler für besonders bedeutsam hält. Zum Sommerfest zieht eine Parade von Feuerwehrmännern am Haus vorbei, maskiert und mit einem schwarz-goldenen Schrein auf den Schultern. Kochan ist erschrocken und fasziniert zugleich. Plötzlich wendet sich der Zug und läuft geradewegs auf den Eingang des Hauses zu. Voller Angst flieht der Junge auf den Balkon im ersten Stock. Was im Garten unter ihm zerstört wird, entsetzt und begeistert ihn gleichermaßen.
Mit zwölf beschreibt Kochan den Beginn seiner Pubertät. Er entdeckt seinen Penis und nimmt ihn als geheimnisvolles, verwirrendes Spielzeug wahr. Indem er auf dessen Wünsche hört, begreift er, dass seine Hingabe mehr ist als eine Frage der Schönheit: Es sind die ersten Anzeichen seiner Sexualität. Seine Kindheitserinnerungen erscheinen ihm mit einem Mal in ganz neuem Licht. Auch seine Versenkung in den Tod, so erkennt er, hat eine sexuelle Seite bekommen. Bilder von Tod und Verletzung erregen ihn zunehmend. Zum ersten Mal gibt er dieser Sehnsucht bewusst nach und übermalt alte Bilderbücher so, dass aus harmlosen Männerdarstellungen blutige, aufgeschnittene Körper werden. Er versteckt die Zeichnungen und fürchtet doch, dass man sie findet. Mehrfach denkt er daran, sie zu vernichten, bringt es aber nicht über sich.
Am Ende seines zwölften Lebensjahres zieht Kochan wieder zu den Eltern. Die Großmutter kränkt die Trennung, und sie verlangt wöchentliche Besuche. Weil der Vater nach Osaka versetzt wird, lebt der Junge fortan mit der Mutter und den beiden jüngeren Geschwistern.
Im Fotoalbum des Vaters findet er die Darstellung des heiligen Sebastian von Guido Reni: ein Mann mit nacktem Oberkörper, von Pfeilen durchbohrt. Der Anblick erregt ihn stark, und er beginnt zu masturbieren. Als der Rausch nachlässt, schämt er sich für die Unordnung, die er angerichtet hat. Das ist der Anfang dessen, was er seine „schlechte Angewohnheit“ nennt.
In der Mittelschule genießt Kochan die neue Freiheit, lange Hosen zu tragen und die Mitschüler beim Vornamen zu nennen. Die Eltern nehmen seine schwache Gesundheit zum Vorwand, damit er nicht im Schlafsaal übernachten muss; in Wahrheit fürchten sie den schlechten Einfluss der anderen Jungen. Trotzdem übernimmt er deren rohe Sprechweise und legt seinen vornehm klingenden Dialekt ab.
Eines Tages verbreitet ein Mitschüler ein Gerücht über Omi, einen auffälligen Schüler, der wegen unangemessenen Verhaltens für mehrere Wochen von der Schule beurlaubt war. Omi soll schon mit mehreren Frauen geschlafen haben und sehr groß gebaut sein. Kochan schlägt vor, das beim nächsten „Drecksspiel“ zu überprüfen, einem Spiel, bei dem man dem Gegner an die Genitalien fassen muss und laut ausruft, wie er bestückt ist. Obwohl er Angst vor Omi hat, reizt ihn der Gedanke.
Im Winter fürchtet Kochan, in eine Schneeballschlacht zu geraten, und kommt eine Stunde früher zur Schule. Auf dem Pausenhof sieht er, wie Omi seinen Namen in den Schnee stapft. Omi scheint sich über sein Kommen zu freuen, und die beiden kommen ins Gespräch. Als Omi mit seinen kalten Händen die Wangen des Jüngeren streichelt, weiß Kochan, dass er verliebt ist. Er stellt sich Omi von da an nackt vor.
Der erwachsene Erzähler gibt zu, Omi in der Erinnerung so verklärt zu haben, dass ihm kein einziger Makel mehr einfällt. Omi wurde für ihn zum Sinnbild männlicher Vollkommenheit. Deshalb ziehen ihn nur noch große, rohe, muskulöse und wenig kluge Männer an. Wer klug genug wäre, seine Sehnsüchte zu durchschauen, stößt ihn ab.
Die Erzählung kehrt in die Vergangenheit zurück. Kochan erinnert sich an eine Schulfeier, für die sich alle in Uniformen nach Marineart kleiden mussten. Omi und seine Freunde verscheuchen einen neuen Schüler von der Schaukel, auf der sie König des Hügels spielen. Aus der Ferne beobachtet Kochan, wie viel stärker Omi ist als die anderen. Dann mischt er sich ins Spiel, obwohl er sich eigentlich vor Verletzungen fürchtet. Im Gerangel fallen die beiden gemeinsam zu Boden und halten lange Blickkontakt. Kochan fürchtet, Omi könne ihm die Liebe an den Augen ablesen. Omi hilft ihm auf, klopft ihn ab und geht mit dem Arm um dessen Schulter mit ihm zur Klasse. Kochan schämt sich ein wenig, so gesehen zu werden, und ist zugleich entzückt. Später fragt er sich, ob er damals Liebe empfand oder nur eine Form harmloser Lust.
Vom Sportunterricht ist Kochan wegen seiner Krankheit oft befreit, muss aber von der Bank aus zusehen. Omi führt den Mitschülern vor, wie das Reck zu benutzen ist. Kochan sieht die Haare unter dessen Achsel und kann den Blick nicht mehr abwenden. Zugleich schüchtert ihn diese Erscheinung ein: Omis Vollkommenheit und Sportlichkeit kommen ihm wie eine Beleidigung all derer vor, die kränklich und unsportlich sind. Er überlegt, ob seine Eifersucht nicht auch zu seiner Liebe gehört, denn Liebe sei ja auch der Wunsch, so zu werden wie der geliebte Mensch. Er nimmt sich vor, mehr wie Omi zu werden, und übt zunächst, den Menschen beim Sprechen in die Augen zu sehen.
Die Sommerferien beginnen, und Kochan langweilt sich. Wegen seiner Krankheit darf er nicht lange in der Sonne sein und hat deshalb nie schwimmen gelernt, obwohl ihn das Meer auf sonderbare Weise anzieht.
Sein Wunsch nach einer neuen Identität scheint sich später zu erfüllen, als er das Mädchen Sonoko kennenlernt. Die Beziehung zerbricht jedoch, und Kochan führt sein Leben hinter der Maske weiter.
Stil↑
Bestimmend für das Buch ist ein Ton, der eher an eine gedankliche Abhandlung erinnert als an eine Erzählung. Im Mittelpunkt stehen die Gedanken und Gefühle Kochans. Was er tut, bleibt stets zweitrangig gegenüber dem, was er vorher oder nachher denkt. So wird spürbar, dass die Hauptfigur für vieles, was ihr wichtig ist, keine Ausdrucksform findet.
Selbst die Beschreibungen sind nicht sachlich, sondern spiegeln den inneren Aufruhr. Berührt eine Situation den Erzähler besonders, ob im Guten oder im Schlechten, so wechselt die Sprache vom Nüchternen ins Leidenschaftliche. Dann werden auch die banalsten Nebensächlichkeiten ausführlich und verklärt geschildert. Die Gewaltfantasien beschreibt Mishima durchweg hochpoetisch, gefärbt von Selbsthass.
Scham durchzieht das ganze Buch. Auch wo Kochan seine Lage zunächst gefasst und vernünftig zu erfassen scheint, meldet sich der erzählende Erwachsene zu Wort und legt Scham und Schuld unter der Fassade offen. Selbst wo nichts ausgesprochen wird, erkennt der Leser die Unsicherheit und den Selbsthass daran, dass Kochan sein Verhalten mit besonderem Nachdruck zu rechtfertigen versucht.
Rezeption↑
Das Buch wurde rasch zu einem internationalen Erfolg und machte den bis dahin unbekannten Mishima mit 24 Jahren weltweit bekannt. Weil sich der Lebensweg Kochans in vielem mit dem des Autors deckt, wird der Roman gemeinhin als halb autobiografisch bezeichnet.
Mishima wurde 1925 in Tokio geboren und schrieb Romane, Dramen, Kurzgeschichten, Essays und Gedichte. Der Nobelpreisträger Yasunari Kawabata war sein Mentor. Sein Werk überschreitet inhaltliche wie stilistische Grenzen und macht ihn zu einem der wichtigsten japanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Politisch blieb er eine umstrittene Gestalt. 1970 beging er nach einem gescheiterten Aufruf zur Wiedereinsetzung des japanischen Kaisers rituellen Selbstmord.
Im deutschen Sprachraum wirkte das Werk lange in einer Fassung nach, die aus dem Englischen übertragen worden war und 1964 bei Rowohlt unter dem Titel Geständnis einer Maske erschien. Erst 2018 legte der Verlag Kein & Aber eine unmittelbar aus dem Japanischen übersetzte Ausgabe vor. Auch andere Bücher Mishimas erscheinen weiterhin auf Deutsch, darunter Der Held der See und Leben zu verkaufen.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →