1925 – 1970
Mishima Yukio
Kurzbiografie↑
Der japanische Schriftsteller Mishima Yukio wurde 1925 in Tokio als Hiraoka Kimitake geboren. Berühmt wurde er mit 24 Jahren durch den halbautobiografischen Roman Bekenntnisse einer Maske. Er schrieb Romane, Theaterstücke, Erzählungen, Gedichte und Drehbücher, trat als Schauspieler auf und stand für Fotobände Modell. In seinen letzten Jahren wandte er sich einem radikalen Nationalismus zu und gründete eine kleine paramilitärische Truppe, die Tatenokai. Am 25. November 1970 besetzte er mit vier Anhängern eine Tokioter Garnison, rief in einer Rede zum Umsturz auf und nahm sich anschließend durch Seppuku das Leben.
Biografie↑
Geboren wurde Mishima am 14. Januar 1925 im heutigen Tokioter Bezirk Shinjuku. Sein Vater Hiraoka Azusa war Beamter der japanischen Fischereibehörde, die Familie gehörte der Oberschicht an. Der Großvater mütterlicherseits, Kenzō Hashi, unterrichtete chinesische Literatur an einer Privatschule; seine Familie hatte über Generationen dem Samurai-Klan der Maeda gedient. Mishima hatte einen Bruder, Chiyuki, und eine Schwester, Mitsuko.
Die frühe Kindheit prägte vor allem die Großmutter väterlicherseits, Hiraoka Natsuko. Sie trennte den Jungen für mehrere Jahre von seinen Eltern und zog ihn selbst auf. Natsuko stammte aus einer Daimyō-Familie und war im japanischen Kaiserhaus erzogen worden; ihre aristokratischen Ansprüche behielt sie auch nach der Heirat bei. Sie neigte zu Wutausbrüchen und verbot dem Enkel den Umgang mit gleichaltrigen Jungen. Biografen sehen darin oft eine Wurzel seiner späteren Beschäftigung mit dem Tod.
Mit zwölf Jahren kehrte Mishima zu seinen Eltern zurück. Zur Mutter entwickelte er ein enges Verhältnis: Sie versteckte seine Manuskripte und besprach seine Geschichten mit ihm. Der Vater dagegen erzog ihn mit militärischer Härte und verspottete seine Liebe zur Literatur als „weibisch“. Er durchsuchte das Zimmer des Sohnes nach Manuskripten, zerriss sie und verbot ihm das Schreiben. Mishima schrieb heimlich weiter. Mit dreizehn nahm ihn die Großmutter Natsuko zu seinem ersten Kabuki-Stück mit, wenig später führte ihn die Großmutter mütterlicherseits in das Nō-Theater ein. Beide Besuche nannte er später den Ursprung seiner Begeisterung für das traditionelle japanische Theater.
Auf Betreiben Natsukos besuchte er die Eliteschule Gakushūin. Mit zwölf Jahren schrieb er erste eigene Texte, nicht nur auf Japanisch, sondern auch auf Französisch, Deutsch und Englisch, die er sich selbst beigebracht hatte. Als Anregung nannte er unter anderem Oscar Wilde, Rainer Maria Rilke und Raymond Radiguet. Im selben Jahr wurde er jüngstes Mitglied der Schülerzeitungsredaktion. Seine ersten Beiträge in der Schulzeitschrift waren Haiku und Waka, erst danach wandte er sich der Prosa zu.
1941 verfasste der Sechzehnjährige die Erzählung Der Wald in voller Blüte. Sein Japanischlehrer Fumio Shimizu war so beeindruckt, dass er den Text zur Literaturzeitschrift Bungei Bunka mitnahm, deren Mitherausgeber er war. Dort wurde die Erzählung angenommen und gedruckt; 1944 erschien sie als Buch, wegen der Papierknappheit im Krieg in begrenzter Auflage. Um den Schüler vor dem Zorn des Vaters und vor Hänseleien der Mitschüler zu schützen, erfand die Redaktion für ihn das Pseudonym Yukio Mishima. Der Redakteur Zenmei Hasuda, ein glühender Nationalist, wurde ihm zum Mentor; Mishima maß dessen Abschiedsworten vor der Einberufung 1943 später große Bedeutung für seinen Werdegang bei.
Im September 1944 schloss Mishima die Gakushūin-Oberschule als Jahrgangsbester ab und wurde zum Schülersprecher gewählt. Kaiser Hirohito war bei der Feier anwesend und überreichte ihm eine silberne Armbanduhr. Diesen Augenblick hob er später als besonders bedeutsam hervor. Bei der Musterung am 10. Februar 1945 hielt ein Armeearzt seine Erkältung für Tuberkulose. Mishima galt damit als wehrdienstuntauglich und wurde ausgemustert. Seine Einheit wurde auf die Philippinen geschickt und nahezu vollständig aufgerieben. Während die Eltern erleichtert waren, empfand er selbst die Sache zwiespältig: Seine Mutter berichtete, er habe den Wunsch geäußert, einer Spezialeinheit beizutreten, und er bekundete Neid auf die Kamikaze-Truppen.
Das Jahr 1945 nannte Mishima später sein prägendstes. Vier Tage nach der japanischen Kapitulation tötete sein Mentor Hasuda einen kaiserkritischen Offizier und erschoss sich anschließend; Mishima erfuhr davon erst ein Jahr später und schrieb ein Gedenkgedicht. Im Oktober starb seine siebzehnjährige Schwester Mitsuko an Typhus. Im selben Zeitraum erfuhr er, dass seine Schulfreundin Kuniko Mitani, mit der er eine Heirat geplant hatte, mit einem anderen Mann verlobt war. Sie war das Vorbild für die weibliche Hauptfigur Sonoko in Bekenntnisse einer Maske.
Nach Kriegsende erlaubte der Vater das Schreiben als Liebhaberei, sah den Sohn aber weiterhin im Staatsdienst. Statt Literaturwissenschaft schrieb sich Mishima daher an der juristischen Fakultät der Universität Tokio ein. Das Studium fesselte ihn zunehmend, vor allem die Vorlesungen zum Strafrecht. Im November 1947 bestand er mit Bestnoten, kurz darauf auch die Prüfung für den höheren Beamtendienst, und erhielt einen Posten im Finanzministerium. Die Doppelbelastung aus Amt und Schreiben zermürbte ihn. Nach einem Sturz am Bahnhof Shibuya im August 1948 erlaubte ihm der Vater, die Stellung aufzugeben und nur noch zu schreiben.
Im Januar 1946 suchte Mishima den Romancier Yasunari Kawabata in Kamakura auf, der seine Texte gelesen und weiterempfohlen hatte. Kawabata sorgte dafür, dass die Erzählung Die Zigarette im Juni 1946 in der Zeitschrift Ningen erschien; Das Mittelalter folgte im Dezember. 1948 erschien der Roman Diebe. Der Durchbruch kam ein Jahr später mit Bekenntnisse einer Maske, der Geschichte eines Jungen, der seine Homosexualität entdeckt und verbirgt. Das Buch war international erfolgreich und machte den Vierundzwanzigjährigen berühmt. Es folgten Liebesdurst (1950) und Verbotene Farben (1951–1953).
Ab 1950 reiste Mishima viel; die Eindrücke hielt er in Der Becher des Apollo fest. 1952 lebte er einige Monate in Griechenland und beschäftigte sich eingehend mit der griechischen Mythologie. Der Roman Der Klang der Wellen verarbeitet Erlebnisse dieser Reise. Das Buch wurde ein Bestseller, brachte ihm aber von links den Vorwurf ein, überholte konservative japanische Werte zu verherrlichen; vereinzelt wurde er sogar als „Faschist“ beschimpft. 1956 erschien Der Tempelbrand, die Geschichte eines Mönchs, der den goldenen Tempelbau niederbrennt, den er zugleich verehrt. Der Roman greift eine wirkliche Brandstiftung von 1950 in Kyōto auf; zur Vorbereitung besuchte Mishima den Täter im Gefängnis. Der Roman Kyōkos Haus von 1959 verteilt vier Seiten seiner eigenen Persönlichkeit auf vier junge Männer. Kommerziell erfolgreich, wurde er von der Kritik als zu experimentell und selbstbezogen verrissen und galt fortan als sein erstes gescheitertes Buch.
Ab 1960 wurde Mishima auch politisch wahrgenommen. Die Massenproteste gegen den Sicherheitsvertrag mit den USA beobachtete er aufmerksam, ohne selbst mitzumarschieren. In einem Kommentar für die Tageszeitung Mainichi Shimbun warf er linken Gruppen vor, unter dem Vorwand der Rettung der Demokratie eigene Ziele zu verfolgen. Kurz darauf schrieb er seine bekannteste Erzählung Patriotismus, in der er den Selbstmord eines jungen nationalistischen Offiziers nach dem gescheiterten Putsch vom Februar 1936 verherrlicht. Der Roman Nach dem Bankett (1960) trug ihm eine Klage des Diplomaten Arita Hachirō wegen Verletzung der Privatsphäre ein, der nach drei Jahren Prozess eine Entschädigung zugesprochen bekam. 1962 folgte Ein bezaubernder Stern, das sich unter anderem bei der Science-Fiction bedient. Für das Theater schrieb er 1965 Madame de Sade, in dem sechs Frauenfiguren über den Marquis de Sade sprechen; angeregt wurde es durch seinen Freund Tatsuhiko Shibusawa und den Prozess um dessen Sade-Übersetzung.
Daneben trat Mishima in den 1960er Jahren in Samurai- und Yakuza-Filmen auf, unter anderem in der Hauptrolle in Masumura Yasuzōs Afraid to Die (1960), dessen Titellied er selbst schrieb und sang. Er posierte für Fotobände mit homoerotischen Halbakten, etwa für Bara-kei von Eikō Hosoe. 1967 wählten ihn die Leser des Männermagazins Heibon Punch zum „Mr. Dandy“.
Zwischen 1965 und 1970 entstand die Roman-Tetralogie Das Meer der Fruchtbarkeit aus Schnee im Frühling, Unter dem Sturmgott, Der Tempel der Morgendämmerung und Die Todesmale des Engels. Statt vom Weg eines Einzelnen oder einer Familie zu erzählen, wollte Mishima darin die menschliche Zivilisation als Ganzes deuten. Der Schlussband erschien 1971 nach seinem Tod, nachdem das Manuskript in seiner Wohnung gefunden worden war.
Am 25. November 1970 suchte Mishima mit vier Mitgliedern der Tatenokai unter einem Vorwand den Kommandanten Kanetoshi Mashita im Tokioter Militärhauptquartier auf. Sie verbarrikadierten die Türen und nahmen ihn als Geisel. Vom Balkon aus rief Mishima die Armee zur Besetzung des Parlaments und zur Wiedereinsetzung des Kaisers als Machthaber auf und warf den Soldaten vor, ihren Samurai-Geist verloren zu haben. Spott der Soldaten und Hubschrauberlärm ließen ihn die Rede vorzeitig abbrechen. Anschließend entschuldigte er sich bei Mashita, ließ ihn frei und beging Seppuku. Sein Gefährte Masakatsu Morita sollte ihn enthaupten, scheiterte dreimal, worauf Koga übernahm; Morita nahm sich danach ebenfalls das Leben.
Über die Beweggründe wird bis heute gestritten. Mishima hatte seinen Todestag ein Jahr im Voraus festgelegt. Der Biograf John Nathan hielt den Putschversuch für einen bloßen Vorwand für den lange ersehnten rituellen Suizid. Sein Biograf und Vertrauter Henry Scott-Stokes widersprach: Der Ort, das Zentrum der Streitkräfte, mache die Tat zu einem eindeutig politischen Akt. Auch die Wahl des Datums wurde vielfach gedeutet, unter anderem als Bezug auf den Tag, an dem Hirohito Kaiser wurde. Die beiden angeklagten Beteiligten Koga und Ogawa erhielten überraschend milde vier Jahre Haft und fanden im Land breite Unterstützung.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Mishimas Bücher sind ein weit gefächerter Wortschatz und vielschichtige Bilder. Er verband traditionelle japanische mit moderner westlicher Literatur und kreiste immer wieder um die Einheit von Schönheit, Erotik und Tod.
Schon die frühe Erzählung Der Wald in voller Blüte arbeitet mit jenen Metaphern und Aphorismen, die später zu seinem Erkennungszeichen wurden. Für Das Mittelalter wählte er einen bis dahin ungewöhnlichen Ton, indem er nicht nur mittelalterliche japanische Vorbilder aufnahm, sondern auch eine alte Sammlung mittelalterlicher Lieder. Seine Stoffe holte er sich ebenso aus der eigenen Biografie wie aus Zeitungsmeldungen: Der Tempelbrand geht auf eine wirkliche Brandstiftung zurück, Der Klang der Wellen auf eine Griechenlandreise und den spätantiken Roman Daphnis und Chloe.
Mishima wechselte mühelos die Gattungen. Neben Romanen schrieb er Erzählungen, Gedichte, Essays, Drehbücher und ein Libretto. Für die Bühne griff er alte Formen auf und füllte sie neu: Seine Fünf modernen Nō-Spiele gelten als das Werk, das dem traditionellen japanischen Theater auch im Ausland ein Publikum verschaffte, und Das Spiel des Biestes ist eine Parodie eines klassischen Nō-Stücks.
Immer wieder verarbeitete er Erfahrungen aus dem eigenen Leben. Die Zigarette erzählt von den Hänseleien, die er als Schüler erfuhr, und deutet zum ersten Mal seine Homosexualität an. Kyōkos Haus teilt seine eigene Person in vier Figuren auf: den Boxer, den Maler, den Schauspieler und den Geschäftsmann. In der Tetralogie Das Meer der Fruchtbarkeit verbinden sich buddhistische Vorstellungen vom Speicherbewusstsein, Pantheismus und das Verhältnis von Jugend, Schönheit und Erkenntnis zu einer Weltsicht, die später „kosmischer Nihilismus“ genannt wurde.
Rezeption↑
Bereits mit Bekenntnisse einer Maske gelang Mishima 1949 der internationale Durchbruch. In den folgenden Jahrzehnten galt er als einer der bekanntesten Autoren Japans; sein Werk überschreitet, wie es beim Perlentaucher heißt, bis heute inhaltliche und stilistische Grenzen. Fünfmal wurde er für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, 1963, 1964, 1965, 1967 und 1968, ohne ihn zu erhalten. Der Literaturwissenschaftler Donald Keene erklärte später, die Jury habe in der Hochphase des Kalten Krieges keinen rechtsgerichteten Aktivisten auszeichnen wollen; zudem habe Mishima 1968 darum gebeten, statt seiner seinen Mentor Yasunari Kawabata zu ehren.
Nicht alle Bücher fanden gleiche Zustimmung. Der Klang der Wellen wurde zum Bestseller, zog aber politische Kritik auf sich. Kyōkos Haus verkaufte sich gut, wurde von den Kritikern jedoch verrissen und galt danach als sein erstes gescheitertes Buch. Ein bezaubernder Stern dagegen führte der Kritiker Takeo Okuno als Beispiel für eine neue Art von Roman an, die überkommene literarische Konventionen umstürze.
Auch das Theater trug seinen Ruf weiter. Das Magazin Theater Arts nannte Madame de Sade 1994 „das beste Drama in der Geschichte des Nachkriegstheaters“. Über die Tetralogie Das Meer der Fruchtbarkeit urteilte der Schriftsteller Paul Theroux, sie sei „die vollständigste Darstellung von Japan des 20ten Jahrhunderts“.
Sein Tod wirkte weit über die Literatur hinaus. Der Prozess um den „Mishima-Vorfall“ wurde landesweit übertragen, das Ereignis erschütterte Gesellschaft und Literaturbetrieb und trug wesentlich zur Entstehung der Neuen Rechten in Japan bei. Seine politische Tätigkeit macht ihn bis heute zu einer umstrittenen Figur. 1988 wurde zu Ehren seines Lebenswerks der Mishima-Preis eingeführt, der seither jährlich vergeben wird. Auf Deutsch erscheinen seine Bücher weiterhin in neuen Übersetzungen, darunter Der Goldene Pavillon (2019), Leben zu verkaufen (2020), Sonne und Stahl (2023) und Der Held der See (2024).
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