1830 – 1914
Frédéric Mistral
Kurzporträt↑
Frédéric Mistral schrieb seine Werke nicht auf Französisch, sondern in der provenzalischen Sprache seiner Heimat. Er wurde 1830 in Maillane geboren und starb 1914 im selben Ort. Bekannt wurde er vor allem durch das Versepos Mirèio und durch seinen Einsatz für die Wiederbelebung der provenzalischen Sprache und Kultur. 1904 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Neben seiner Dichtung schuf er mit Lou tresor dóu Félibrige ein umfangreiches Wörterbuch seiner Sprache.
Biografie↑
Geboren wurde Frédéric Mistral am 8. September 1830 in Maillane als Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Die höhere Schule besuchte er in Avignon. Dort führte ihn die Begegnung mit dem zwölf Jahre älteren Dichter Joseph Roumanille zur provenzalischen Literatur. Anschließend studierte er in Aix-en-Provence bis 1851 Jura. Danach ließ er sich in Maillane bei Arles nieder.
Im Jahr 1854 gründete Mistral gemeinsam mit Roumanille, Théodore Aubanel, Anselme Mathieu, Paul Giéra, Alphonse Tavan und Jean Brunet den Félibrige. Diese Bewegung setzte sich für die Wiederbelebung der provenzalischen Literatur und für den Erhalt der provenzalischen Sprache ein. Seit 1859 stand Mistral an der Spitze dieser Bewegung.
Im selben Jahr veröffentlichte er sein wohl wichtigstes Werk, das Versepos Mirèio in zwölf Gesängen. Es erzählt von einer reichen Bauerntochter, die um ihre Liebe zu einem armen Korbflechter kämpft und auf der Suche nach göttlicher Unterstützung auf Wanderschaft geht. Das Werk trägt Motive des Jeanne-d’Arc-Mythos in sich, aber auch zahlreiche Bezüge zu älteren provenzalischen Themen. Alphonse de Lamartine lobte es hoch, die Académie française zeichnete es aus, und es begründete auch international Mistrals Ruf. Charles Gounod vertonte es 1863.
Als weiterer Höhepunkt gilt das Heldenepos Calendau von 1867, das an die Äneis anklingt. Wegen seiner politischen Anspielungen und Polemiken steht es literarisch jedoch hinter dem Debüt zurück. Nach einem Aufenthalt in Paris lebte Mistral bis zu seinem Tod in Maillane. Im Jahr 1876 heiratete er Marie Rivière.
Parallel zur Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts setzte sich Mistral für eine geistige und kulturelle Unabhängigkeit der Provence gegenüber dem zentralistischen Frankreich ein, anfangs auch für ihre politische Autonomie. Er kämpfte gegen das Klischee der Rückständigkeit und suchte Anknüpfungspunkte der mediterranen provenzalischen Tradition an die Antike. Seine Epen, Gedichte und Erzählungen übersetzte er meist selbst ins Französische, was ihre Aufnahme in der Pariser Literaturszene erleichterte. Darin zeigt sich zugleich das Spannungsfeld zwischen seinem Streben nach regionaler Eigenständigkeit und der fortdauernden Abhängigkeit vom zentralisierten französischen Kulturleben.
Im Laufe von zwanzig Jahren verfasste Mistral das Wörterbuch Lou tresor dóu Félibrige, das von 1879 bis 1886 erschien und mehrere provenzalische Dialekte berücksichtigt. In seinem Spätwerk Lou Pouèmo dóu Rose von 1897 kommen pessimistische Töne zum Ausdruck. Diese mögen der apokalyptischen Stimmung am Ende des 19. Jahrhunderts geschuldet sein, aber auch Mistrals gescheiterten Versuchen, den Félibrige zu dauerhaftem Erfolg zu führen.
Im Jahr 1904 erhielt Mistral zusammen mit José Echegaray den Nobelpreis für Literatur. Der Preisverleihung wohnte er nicht bei; an seiner Stelle nahm ein Minister den Preis in Empfang. Das Preisgeld verwendete er, um die von ihm 1896 gegründete ethnographische Sammlung Museon Arlaten in Arles auszubauen. Sie ist im Hôtel Laval-Castellane untergebracht und zeigt bis heute Exponate zur provenzalischen Kultur. Frédéric Mistral starb 1914 und wurde in Maillane beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Mistrals Schreiben ist die Wahl der provenzalischen Sprache, in der er seine Werke verfasste. Seine bevorzugte Form war das Versepos, das er mit Stoffen aus dem Leben und den Sagen seiner Heimat füllte. So verbindet Mirèio die ländliche Welt der Provence mit älteren Themen und mythischen Motiven, während Calendau sich an das antike Vorbild der Äneis anlehnt.
Immer wieder suchte Mistral die Antike und die mediterrane Tradition als Bezugspunkte und stellte die provenzalische Kultur gegen das Klischee der Rückständigkeit. Seine Epen, Gedichte und Erzählungen übertrug er meist selbst ins Französische. Sein Spätwerk Lou Pouèmo dóu Rose lässt sich stilistisch dem Symbolismus und der Dekadenzdichtung zuordnen und ist von pessimistischen Tönen geprägt.
Rezeption↑
Schon sein erstes großes Werk verschaffte Mistral Anerkennung weit über die Provence hinaus. Alphonse de Lamartine lobte Mirèio hoch, die Académie française zeichnete es aus, und es begründete auch international seinen Ruf. Charles Gounod vertonte den Stoff 1863.
Die höchste Würdigung erhielt Mistral 1904 mit dem Nobelpreis für Literatur, den er sich mit José Echegaray teilte. In der Begründung wird die frische Ursprünglichkeit seiner Dichtung hervorgehoben, die Natur und Volksleben seiner Heimat getreu widerspiegle, ebenso seine Wirksamkeit als provenzalischer Philologe. Mit dem Museon Arlaten in Arles, das er mit dem Preisgeld ausbaute, wirkt sein Einsatz für die provenzalische Kultur bis in die Gegenwart nach.
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