1889 – 1957
Gabriela Mistral
Kurzbiografie↑
Unter dem Namen Gabriela Mistral wurde die chilenische Dichterin und Diplomatin Lucila Godoy Alcayaga weltbekannt. Sie wurde 1889 in Vicuña in den chilenischen Anden geboren. Viele Jahre arbeitete sie als Lehrerin. Danach fand sie als Schriftstellerin und im diplomatischen Dienst ihres Landes Anerkennung. Ihre Gedichte kreisen um Liebe, Tod, Hoffnung und die Sehnsucht nach Mutterschaft. 1945 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. Sie starb 1957 in Hempstead im US-Bundesstaat New York.
Biografie↑
Gabriela Mistral wurde als Lucila Godoy Alcayaga am 7. April 1889 in einem Andendorf geboren. Sie stammte aus einer baskisch-autochthonen Familie. Ihr Vater war Lehrer. Er verließ die Familie, als sie drei Jahre alt war. Schon mit sechzehn Jahren begann sie als Hilfslehrerin zu arbeiten, um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Bald fing sie an zu schreiben. Ihre ersten Texte erschienen 1905 in den Zeitungen La Voz de Elqui und Diario Radical de Coquimbo.
Ihr Pseudonym erklärte sie selbst. Den Vornamen wählte sie aus Andacht zum Erzengel Gabriel, den sie als Kind verehrte. „Mistral“ sei der Name des heftigen Mittelmeerwindes, denn sie fühle sich „immer und ungewöhnlich stark von den Elementen angezogen, überhaupt von allen Kräften der Natur“.
1909 nahm sich ihr Geliebter Romelio Ureta das Leben, nachdem eine von ihm begangene Unterschlagung bekannt geworden war. Dieses Erlebnis verarbeitete sie in ihrem Werk. 1914 gewann sie mit Sonetos de la Muerte den Chilenischen Literaturpreis. Dadurch wurde sie in ganz Lateinamerika bekannt.
Von 1906 bis 1922 arbeitete Gabriela Mistral als Lehrerin. Im Jahr nach Uretas Tod bestand sie ihr Lehrerinnenexamen. Ihre Tätigkeit führte sie an viele Orte, unter anderem nach La Serena, Antofagasta, Punta Arenas, Temuco und Santiago. 1921 wurde sie Schuldirektorin an einer der renommiertesten Schulen für höhere Töchter in Santiago de Chile. 1922 erschien ihr zweiter Gedichtband Desolación (Trostlosigkeit). Er handelt wie viele ihrer Schriften von Liebe, Tod und Hoffnung.
Zwischen 1922 und 1934 lebte sie vorwiegend im Ausland. Der mexikanische Bildungsminister José Vasconcelos lud sie nach Mexiko ein, um an der dortigen Schulreform mitzuwirken. In diesem Zusammenhang stellte sie das Schulbuch Lecturas para mujeres zusammen. Anschließend ging sie in die USA und nach Europa. 1930 war sie Gastprofessorin am Barnard College der Columbia University in New York City und am Vassar College in Poughkeepsie. Viele ihrer Reisen führten sie durch Lateinamerika und prägten ihr literarisches Werk.
1933 trat sie in den chilenischen diplomatischen Dienst ein und übernahm die Leitung des Konsulats in Madrid. Im selben Jahr adoptierte sie ihren Neffen Juan Miguel. In den folgenden Jahren vertrat sie Chile in Brasilien, Spanien, Portugal und den USA. Am 14. Mai 1933 sprach sie sich in der Zeitung El Mercurio für eine gerechte Landverteilung zugunsten der landlosen Bauern im Tal des Río Elqui aus.
Während des Zweiten Weltkriegs hielt sie sich im brasilianischen Petrópolis auf. Dort lernte sie das Ehepaar Lotte und Stefan Zweig kennen. Bald verband sie eine enge Freundschaft. 1942 nahmen sich die Zweigs das Leben, im Jahr darauf ihr Adoptivsohn. 1943 wurde sie als Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters gewählt.
In ihren letzten Lebensjahren zog sich Gabriela Mistral aus gesundheitlichen Gründen aus der Öffentlichkeit zurück, denn sie litt an Krebs. 1954 kehrte sie noch einmal nach Chile zurück. Dort bereitete man ihr einen begeisterten Empfang. Am 10. Januar 1957 starb sie in ihrem Haus in New York an den Folgen ihrer Krebserkrankung.
Literarische Merkmale↑
Tiefe Traurigkeit durchzieht das Werk Gabriela Mistrals. Sie hatte selbst keine leiblichen Kinder. Dennoch taucht die Sehnsucht nach Mutterschaft in vielen ihrer Gedichte auf. Sie war eine gläubige Katholikin und sympathisierte mit den Regeln des heiligen Franziskus. Zu einem Beitritt in einen Orden konnte sie sich jedoch nie durchringen. Die Rechte an ihrem Werk vermachte sie dem Orden „Franciscana de Chile“.
Auch Indien prägte ihr Schaffen. Über zwei indische Denker sagte sie: „Während Tagore die schlummernde Musik in mir erweckte, brachte mich ein anderer Inder, Sri Aurobindo, zur Religion.“ Ihre Schuld an Indien sei groß, teils um Tagore, teils um Sri Aurobindos willen. Zusammen mit Pearl S. Buck schlug sie Sri Aurobindo 1950 für den Literatur-Nobelpreis vor.
In zahlreichen Prosaschriften und Gedichten wandte sich Mistral der Natur und Kultur Lateinamerikas zu. Den Nobelpreis erhielt sie für ihre Lyrik. Sie schuf aber auch ein umfangreiches Prosawerk aus vielen crónicas. Dabei entwickelte sie eine eigene Prosaform, die sogenannten „recados“, auf Deutsch „Botschaften“.
Rezeption↑
1945 wurde Gabriela Mistral der Nobelpreis für Literatur verliehen. Damit fand ihr Werk weltweite Anerkennung. Die chilenische Literaturkritik stellte sie zeitweise in übertriebener Weise als „Heilige“ dar. Bei ihrer Rückkehr nach Chile im Jahr 1954 bereitete man ihr einen begeisterten Empfang.
Ihr Andenken wird in Lateinamerika bis heute geehrt. 1979 wurde ihr zu Ehren der interamerikanische Gabriela-Mistral-Preis für Kultur gestiftet. Zu den Preisträgern zählen der peruanische Dichter Antonio Cisneros und der britische Rocksänger Sting. 2009 benannte die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet das frühere Hauptquartier der Pinochet-Regierung in Centro Cultural Gabriela Mistral um. Der Neubau des Kulturzentrums entstand nach einem Brand von 2006 und wurde Ende 2010 eröffnet.
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