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Werkseintrag · Tagebuch eines Verrückten
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Tagebuch eines Verrückten
1918
– Werkseintrag –

Tagebuch eines Verrückten

1918 · Kurzgeschichte

Ein Mann schreibt in sein Tagebuch, die Menschen um ihn herum wollten ihn auffressen – und was wie Wahn beginnt, wird zur Anklage gegen eine ganze Gesellschaftsordnung.

Überblick↑

Die Kurzgeschichte Tagebuch eines Verrückten von Lu Xun erschien 1918, zu Beginn der Bewegung des vierten Mai in China. Sie ist in der Volkssprache Baihua geschrieben. Im Zentrum steht ein Mann, der überzeugt ist, die Menschen um ihn herum wollten ihn auffressen. Dieser Gedanke ist symbolisch gemeint: Er entlarvt die konfuzianische Feudalethik, die damals das gesellschaftliche Leben bestimmte. Angeregt wurde Lu Xun von Gogols Erzählung Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Zwei Erzählebenen bauen die Geschichte auf. Zuerst berichtet ein Ich-Erzähler, dass ein Freund von ihm an Verfolgungswahn erkrankt war. Vom Bruder des Freundes erhält er zwei Bände Tagebücher, die der Kranke während seiner Erkrankung selbst geführt hat. Er beschließt, sie „der medizinischen Welt zum Studium vorzulegen“.

Darauf folgen dreizehn Kapitel aus diesem Tagebuch. Hier spricht der Verrückte selbst. In einem inneren Monolog entwickelt er den Gedanken, die Menschen in seiner Umgebung wollten ihn auffressen, und sucht nach den Gründen dafür. Alles, was er sieht, deutet er in diese Richtum um: Schilt eine Mutter auf der Straße ihr Kind, fühlt er sich gemeint. Fühlt ihm ein Arzt den Puls, glaubt er, der prüfe nur, wie fett er schon geworden sei. Die Gesichter der Leute verzerren sich für ihn zu blauen Fratzen mit vorstehenden Zähnen.

Sein Verdacht richtet sich bald nicht mehr nur auf einzelne Nachbarn, sondern auf die Überlieferung selbst. Als er in seinem Geschichtsbuch nachschlägt, findet er dort statt Jahreszahlen nur die großen Schlagworte der alten Sittenlehre. Was der Verrückte zwischen den Zeilen zu lesen beginnt, treibt die Erzählung auf ihren Höhepunkt zu. Nicht die äußere Handlung soll den Leser fesseln, sondern der innere Konflikt der Hauptfigur.

Die Handlung im Detail↑

Am Anfang steht ein kurzer Rahmen. Ein Ich-Erzähler erfährt, dass ein Freund an Verfolgungswahn erkrankt ist, und bekommt von dessen Bruder zwei Tagebuchbände ausgehändigt. Aus ihnen stellt er dreizehn Kapitel zusammen und legt sie, wie er sagt, der medizinischen Welt zum Studium vor. Im zweiten Teil spricht dann der Kranke selbst.

Der Verrückte stammt aus einer Familie von Großgrundbesitzern. Er ist überzeugt, seine Umgebung wolle ihn auffressen, und führt deren Zorn darauf zurück, dass er „die Buchhaltung des Herrn Gu Jiu mit Füßen getreten hat“. Dieses Bild steht dafür, dass er die feudale Sittenordnung verachtet hat. Als er in seinem Lehrbuch der Geschichte nachschlägt, findet er keine Zeitangaben, sondern nur die konfuzianischen Schlagworte „ren yi dao de“ über jeder Seite. Zwischen den Zeilen aber erkennt er plötzlich etwas anderes: „Das ganze Buch enthielt nur die zwei Worte ‚Menschen essen!'“ Mit „essen“ ist gemeint, dass einer sich andere Lebewesen einverleibt, um sich selbst zu nützen.

Das ist eine Anspielung auf die Verhältnisse nach dem Sturz der Qing-Dynastie. Die republikanische Revolution von 1911 hatte die Gesellschaft nicht umgeschichtet, und die Bauern wurden weiterhin von den Feudalherren und der herrschenden Schicht unterdrückt und misshandelt. Das Bild einer menschenfressenden Obrigkeit erinnert an Hobbes' Leviathan, das Modell eines Staates, dem die Bürger ihre Macht vollständig übertragen und dem man vorwarf, damit die Tyrannei zu rechtfertigen.

Im Wahn wird der Kranke zum Ankläger. „Nur weil es immer so war, muss es deshalb richtig sein?“, fragt er, und er ruft: „Ihr müsst euch sofort ändern, aus der Tiefe eurer Herzen wandeln. Ihr müsst lernen, dass die Zukunft für Menschenfresser keinen Platz hat.“ Damit äußert er eine für seine Zeit sehr fortschrittliche Haltung, die die Intellektuellen am Vorabend der Bewegung des vierten Mai stark erschütterte. Er wendet sich vom Feudalismus ab und dem Humanismus und der Demokratie zu.

Lu Xun kritisiert zugleich die Stumpfheit der Menge. Der Protagonist spricht einen Mann offen auf die Menschenfresserei an, doch der reagiert unbeteiligt und weicht aus. Für einen Leser, der mit dem Verrückten mitfiebert, wirkt diese Gleichgültigkeit provozierend. Die Handlung liegt weniger in Ereignissen als in der Gefühlslage des Protagonisten: aus Trauer wird Wut, dann Misstrauen, dann Sehnsucht, schließlich Verzweiflung. „Wie kann ein Mensch wie ich nach viertausend Jahren Menschenfresserei […] jemals hoffen, wirklichen Menschen zu begegnen?“ Das Tagebuch endet mit einem verzweifelten Hoffnungsschrei: „Vielleicht gibt es Kinder, die noch kein Menschenfleisch gegessen haben. Rettet, rettet die Kinder…“

Wer dieses Ende gelesen hat, sieht den heiteren Rahmen am Anfang mit anderen Augen. Dort hatte der erste Ich-Erzähler erfahren, der Kranke sei längst wieder genesen und in die Kreisstadt gereist, weil ihn dort ein Amt erwarte. Sein Einsatz für fortschrittliches Denken und Humanismus hielt also nur so lange an, wie der Wahn dauerte. Danach fügt er sich wieder in die alten Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen ein. Darin zeigt sich der Sarkasmus des Autors.

Stil↑

Aufgebaut ist der Text als Rahmenerzählung mit zwei Ich-Stimmen. Im ersten Teil spricht ein nüchterner Berichterstatter, der die Tagebücher eines erkrankten Freundes weitergibt. Im zweiten Teil spricht der Kranke selbst, in dreizehn Tagebuchkapiteln. Die Form des Tagebuchs erlaubt es Lu Xun, ganz in den inneren Monolog zu gehen: Der Leser erlebt die Welt nur so, wie der Verrückte sie wahrnimmt, mit Fratzen, vorstehenden Zähnen und lauernden Blicken.

Die Literatur der Bewegung des vierten Mai richtet ihr Interesse auf die inneren seelischen Konflikte der Hauptfiguren, und genau das tut diese Erzählung. Die äußere Handlung tritt zurück, die Abfolge der Gefühle übernimmt ihre Stelle. Getragen wird das Ganze von einer durchgehenden Bildsprache: Das Essen von Menschen steht für das Ausnutzen anderer zum eigenen Vorteil. Der kühle, fast medizinische Ton des Rahmens steht in scharfem Gegensatz zur Verzweiflung des Tagebuchs, und aus diesem Abstand gewinnt der Text seine Ironie.

Rezeption↑

Veröffentlicht wurde die Erzählung 1918, zu Beginn der Bewegung des vierten Mai. Die fortschrittliche Haltung, die der Protagonist in seinem Wahn äußert, erschütterte die Intellektuellen am Vorabend dieser Bewegung stark. Die Forschung liest den Text seit langem als Abrechnung mit der konfuzianischen Feudalethik und als Anklage gegen eine Gesellschaft, die sich nach dem Sturz der Qing-Dynastie kaum verändert hatte. Auch in anderen Künsten hat der Stoff gewirkt: Unter dem Titel Wolf Cub Village entstand eine musikdramatische Bearbeitung.

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