1881 – 1936
Lu Xun
Biografie↑
Geboren wurde er 1881 in Shaoxing in der Provinz Zhejiang, damals Kaiserreich China. Ursprünglich hieß er Zhou Zhangshou. Erst 1898, während seiner Zeit in Nanking, änderte er den Namen in Zhou Shuren. Er stammte aus einer Literatenfamilie und wurde schon als kleines Kind in den chinesischen Klassikern unterrichtet. Sein jüngerer Bruder war Zhou Zuoren.
1898 begann er ein Studium an der Kiangnan-Marineakademie in Nanking. Von 1899 bis 1902 besuchte er das Institut für Bergbau und Eisenbahnwesen in Nanjing. Beides waren Schulen westlichen Zuschnitts. Sie kamen seinem Wissensdurst weit mehr entgegen als die herkömmliche Ausbildung zum Staatsbeamten. Während dieser Jahre lernte er die Schrift On Evolution and Ethics von Thomas Henry Huxley kennen. Darin sah er einen Ausweg aus der Misere seines Landes.
1902 ging Lu Xun nach Japan, um Medizin zu studieren. Tatsächlich beschäftigte er sich dort immer stärker mit ausländischer Literatur und Philosophie. Er kam zu der Überzeugung, dass China nur durch eine Veränderung des Bewusstseins zu retten sei. 1922 blickte er selbst auf den Wendepunkt zurück: Ein Film zeigte einen gefesselten Chinesen, der als angeblicher Spion im Dienst der Russen von japanischen Soldaten enthauptet werden sollte, umringt von kräftigen, aber teilnahmslosen Landsleuten. Er schrieb, er habe erkannt, dass Menschen „eines schwachen und rückständigen Landes, wie stark und gesund sie auch sein mochten, zu nichts anderem dienten, als stumpfsinnige Zuschauer oder willenlose Objekte solch öffentlichen Schauspiels abzugeben". Am wichtigsten sei es daher, ihren Geist zu ändern. Literatur hielt er dafür für eines der besten Mittel. Noch vor Semesterende reiste er nach Tokio ab und beschloss, eine literarische Bewegung ins Leben zu rufen. In dieser Zeit entstanden seine ersten politischen Essays.
1908 kehrte er nach China zurück und unterrichtete in Hangzhou und Shaoxing Naturwissenschaften. Nach dem Sturz der Qing-Dynastie 1911 wurde er Angestellter im Erziehungsministerium der neuen provisorischen Regierung, unterrichtete danach aber wieder in Peking. Im selben Jahr erschien seine erste Kurzgeschichte Eine Kindheit in China. 1918 übernahm er die Redaktion der Jugendzeitung Neue Jugend. Noch im gleichen Jahr schrieb er seine erste Erzählung Tagebuch eines Verrückten.
Von 1918 bis 1926 lebte er in Peking. Gemeinsam mit den Intellektuellen der Bewegung des vierten Mai kämpfte er an der Peking-Universität gegen den Imperialismus und gegen überlebte Traditionen. In diesen Jahren erschienen die Kurzgeschichtensammlungen Aufruf zum Kampf und Auf der Suche. Seine Angriffe galten auch den konservativen Kreisen, die sich nach 1920 neu formierten. In Essays wies er ihnen nach, dass sie die klassische Schriftsprache Wenyan selbst nicht korrekt beherrschten. Dabei kam ihm seine eigene klassische Bildung zugute.
1926 verließ er Peking und ging nach Xiamen, um der Zensur und der Verfolgung durch die nördlichen Kriegsherren zu entgehen. Dort wurde er Professor an der Xiamen-Universität. 1927 lehrte er als Professor in Kanton, dem heutigen Guangzhou, an der Sun-Yat-sen-Universität. Nach der Niederschlagung der Arbeiter durch die Nationalisten in Shanghai im selben Jahr zog er dorthin, um sich für seine gefangenen Studenten einzusetzen. In Shanghai blieb er bis zu seinem Tod. Eine Nominierung für den Literatur-Nobelpreis lehnte er ab. 1930 trat er der Liga linksgerichteter Schriftsteller bei. In seinen Shanghaier Essays deckte er die reaktionäre Politik der Guomindang unter Chiang Kai-shek auf. Ebenso griff er die japanische Aggression an, die seit der Mandschurei-Krise von 1931 zur Besetzung Nordchinas geführt hatte.
Lu Xun starb im Jahr 1936 an Tuberkulose, kurz vor seinem 55. Geburtstag. Der Sterbeort wird in den Nachschlagewerken unterschiedlich geschrieben: Wikidata führt Shanghai, die Deutsche Nationalbibliothek die eingedeutschte Form Schanghai. Gemeint ist dieselbe Stadt.
Literarische Merkmale↑
Seine Kurzgeschichten schildern soziale Konflikte offen und scharf. Lu Xun stellt darin die Klassenzugehörigkeit seiner Figuren in Frage und will aufgeklärte Anschauungen durchsetzen. Ein Beispiel dafür ist die Titelfigur in Die wahre Geschichte des Ah Q. Ah Q deutet jede Niederlage im Kopf in einen moralischen Sieg um. Diese Eigenart lässt sich als Anspielung auf die chinesische Regierungspolitik lesen, die sich der japanischen Aggression gegenüber ebenso unterwürfig wie selbstzufrieden verhielt. Anlass war der Versailler Vertrag, in dem die chinesische Provinz Shandong nach dem Ersten Weltkrieg an Japan gehen sollte.
In der Kurzgeschichte Kong Yiji stellt er die Frage nach der gesellschaftlichen Stellung besonders deutlich. Er beschreibt einen konfuzianischen Gelehrten, der den Gästen einer Weinschenke nur noch als Zielscheibe des Spotts dient. Die Erzählung Die Arznei wiederum ist ein Ruf nach Aufklärung der einfachen Bevölkerung. Kritisiert wird dort unter anderem der Aberglaube, ein an Tuberkulose erkrankter Junge lasse sich mit einem Brötchen heilen, das man in das Blut eines frisch geköpften Revolutionärs getunkt hat.
Neben der Erzählprosa war der Essay seine zweite große Form. Sie diente ihm zur politischen Auseinandersetzung, gegen die konservativen Zirkel der zwanziger Jahre ebenso wie gegen die Guomindang und den japanischen Imperialismus. Getragen ist all das von einer Grundüberzeugung, die er in Japan gewonnen hatte: Literatur ist eines der besten Mittel, den Geist eines Volkes zu verändern.
Rezeption↑
Wirksam wurde Lu Xun zunächst als Wortführer innerhalb der Bewegung des vierten Mai. Sein Eintreten für die Baihua-Bewegung, die der gesprochenen Sprache in der Literatur zum Durchbruch verhelfen wollte, machte ihn zu einer zentralen Gestalt der literarischen Erneuerung Chinas. 1930 nahm ihn die Liga linksgerichteter Schriftsteller auf. Dass ihm eine Nominierung für den Literatur-Nobelpreis angetragen wurde und er sie ablehnte, zeigt, welches Ansehen er zu Lebzeiten bereits über sein Land hinaus genoss.
Die Deutsche Nationalbibliothek führt ihn unter der GND-Nummer 118574647 als Schriftsteller. Auffällig ist dort die außergewöhnlich lange Liste von Namensformen, unter denen seine Werke in aller Welt erschienen sind, von Lu Hsün über Lou Siun und Ro Jin bis zu Zhou Shuren. Sie ist ein Hinweis darauf, wie weit seine Bücher übersetzt und in wie vielen Sprachräumen sie gelesen wurden.
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