1890 – 1937
H. P. Lovecraft
Kurzbiografie↑
Howard Phillips Lovecraft wurde 1890 in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island geboren und starb dort 1937. Er zählt zu den einflussreichsten Autoren der Horrorliteratur des 20. Jahrhunderts. Sein Name ist eng mit dem „kosmischen Horror“ verbunden: der Angst vor dem Unbekannten und vor der Unermesslichkeit des Weltalls, in dem der Mensch nichts bedeutet. Seine bekanntesten Erzählungen gehören zum sogenannten Cthulhu-Mythos, einer erfundenen Welt voller uralter, gottähnlicher Wesen. Zu Lebzeiten kannte ihn kaum jemand, denn seine Texte erschienen vor allem in billigen Heftmagazinen wie Weird Tales. Erst nach seinem Tod wuchs sein Ruhm, und heute reicht seine Wirkung von der Literatur bis in Film, Musik und Spiele.
Biografie↑
Geboren wurde Lovecraft 1890 in Providence, Rhode Island. Sein Vater Winfield Scott Lovecraft war Handlungsreisender. Die Mutter, Sarah Susan Phillips Lovecraft, konnte ihre Familie bis 1630 zurückverfolgen, als die Vorfahren an der Massachusetts Bay siedelten. Beide Eltern waren bereits über dreißig, als ihr erstes Kind zur Welt kam. Das Geburtshaus in der Angell Street wurde 1961 abgerissen.
Als der Junge drei Jahre alt war, erlitt der Vater in einem Hotel in Chicago einen Zusammenbruch und kam ins Butler Hospital in Providence, wo er fünf Jahre später starb. Als Todesursache wurde „generelle Parese“ angegeben. Damit beschrieb man seinerzeit auch das Spätstadium einer Syphilis; deshalb wurde vermutet, der Vater habe an dieser Krankheit gelitten. Sicher belegt ist das nicht.
Aufgezogen wurde Lovecraft fortan von der Mutter, dem Großvater und zwei Tanten. Schon als Kleinkind lernte er Gedichte auswendig, mit sechs Jahren schrieb er eigene. Sein Großvater Whipple Van Buren Phillips (1833–1904) förderte diese Neigung und gab ihm Bücher wie die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht sowie Kinderausgaben von Odyssee und Ilias. Er erzählte dem Enkel auch selbst erfundene Gruselgeschichten. Der Mutter missfiel das, sie fürchtete den Einfluss auf den Jungen.
Die Schulzeit verlief unregelmäßig. Wegen körperlicher und seelischer Beschwerden besuchte Lovecraft den Unterricht bis zum achten Lebensjahr nur sporadisch; ein Jahr darauf nahm man ihn wegen seines aggressiven und undisziplinierten Verhaltens ganz von der Schule. In dieser Zeit las er viel und begeisterte sich für die Geschichte Neuenglands, für Chemie und für Astronomie. Ab 1899 schrieb er dazu handschriftliche Zeitschriften wie The Scientific Gazette und The Rhode Island Journal of Astronomy, die er unter Verwandten und Freunden verteilte. Mit dreizehn kam er wieder zur Schule, auf die Hope Street High School in Providence.
Nach dem Tod des Großvaters 1904 verarmte die Familie, weil das Erbe durch Misswirtschaft rasch aufgebraucht war. Das Haus in der Angell Street musste aufgegeben werden, die Familie zog in eine Pension in derselben Straße. Vor allem der Verlust des Geburtshauses traf Lovecraft so schwer, dass er zeitweise an Selbsttötung dachte. 1908, kurz vor dem Ende des letzten Schuljahres, erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Einen Abschluss erwarb er nie, und auch die erhoffte Brown University blieb ihm verschlossen. Noch spät im Leben empfand er das als schmerzhaft und beschämend.
Eine Wende brachte das Jahr 1914. Lovecraft trat der United Amateur Press Association bei, einem Verband amerikanischer Amateurjournalisten, der den Austausch unter Autoren fördern wollte und Kongresse veranstaltete. Aufmerksam geworden war der Präsident des Verbandes, Edward F. Daas, durch einen Leserbrief Lovecrafts im Heftmagazin The Argosy, in dem sich dieser über die fehlende „Würze“ der dort gedruckten Liebesgeschichten beschwert hatte. Rückblickend hielt Lovecraft den Beitritt für einen der entscheidenden Schritte seines Lebens: Im Umgang mit Gleichgesinnten fand er neuen Schwung. Im Juni 1917 schrieb er die Kurzgeschichte The Tomb, im Juli folgte Dagon, gedruckt im November 1919 in der Amateurzeitschrift The Vagrant.
Von da an baute er ein Netz von Briefkontakten auf, das später gewaltige Ausmaße annahm. Zu seinen Brieffreunden gehörten jüngere Autoren wie Forrest J. Ackerman, Henry S. Whitehead, Robert H. Barlow, Donald Wandrei, August Derleth, Fritz Leiber, Robert Bloch und Robert E. Howard. Howards Selbsttötung mit dreißig Jahren berührte Lovecraft tief.
1919 wurde auch die Mutter wegen seelischer Leiden ins Butler Hospital eingewiesen. Sie schrieb von dort rege mit ihrem Sohn und starb 1921. Ihr Tod erschütterte ihn sehr. Im selben Jahr 1919 fuhr Lovecraft mehrfach nach Boston zu Amateurkongressen; im Oktober hörte er einen Vortrag seines neuen Vorbilds Lord Dunsany. Bei einer dieser Tagungen lernte er Sonia Greene kennen, die sieben Jahre älter war als er. 1924 heirateten die beiden. Seine Tanten waren dagegen und hielten die Verbindung für nicht standesgemäß: Sonia Greene stammte aus der Ukraine, war Jüdin, führte ein Hutgeschäft und war zuvor in einer turbulenten Ehe mit dem zehn Jahre älteren Samuel Greene verheiratet gewesen, der 1916 offenbar Suizid begangen hatte.
Das Paar zog nach New York. Die anfängliche Begeisterung für das Leben in Brooklyn verflog schnell, Geldsorgen bestimmten den Alltag. Sonia verlor ihr Geschäft und war gesundheitlich angeschlagen. Da ihr Mann nicht für beide sorgen konnte, nahm sie eine Arbeit in Cleveland an und zog fort. Lovecraft blieb lange erwerbslos und musste viele Fehlschläge hinnehmen. Nach Ansicht einiger Biographen steigerte sich in diesen Jahren sein Menschen- und besonders sein Fremdenhass bis zur panischen Angst vor Einwanderern, in denen er Konkurrenten um Arbeitsplätze sah. Einige Jahre später einigte sich das getrennt lebende Paar auf eine Scheidung, die jedoch nie rechtswirksam wurde.
Außerhalb der Welt der Amateurpresse und der Heftmagazine fiel Lovecrafts Name vermutlich erstmals 1926, in einer Kolumne des Reporters Howard Wolf vom Akron Beacon Journal. Wolf hatte ihn in New York getroffen und beschrieb ihn als einen „noch unentdeckten“ Autor der Horrorliteratur. Besonders die Kurzgeschichte The Outsider hielt er für ein Meisterwerk; auch The Moon-Bog und The Unnamable lobte er.
Zurück in Providence lebte Lovecraft wieder mit seinen Tanten zusammen. Dieser letzte Lebensabschnitt war der fruchtbarste. Fast alle bekannten Erzählungen stammen aus dieser Zeit, darunter Der Fall Charles Dexter Ward und Berge des Wahnsinns. Ein Großteil erschien zuerst in Heftmagazinen wie Weird Tales und kam erst nach seinem Tod als Buch heraus. Daneben lektorierte und überarbeitete er Texte anderer Autoren. Im Ausnahmefall arbeitete er auch als Ghostwriter, etwa für Harry Houdini, für den er Imprisoned with the Pharaos verfasste.
Die bescheidenen literarischen Erfolge trugen dazu bei, dass Lovecraft immer ärmer wurde und schließlich mit seiner Tante in eine billigere Unterkunft ziehen musste. Er sah sich selbst als eine Art Aristokrat und hielt an einem Ehrenkodex fest, der ihn zeitweise lieber hungern als eine niedere Arbeit annehmen ließ. Auch für sein Schreiben galt dieser Anspruch: Er wollte künstlerisch anspruchsvolle, sorgfältig gebaute Erzählungen verfassen, die echte Gefühle darstellen und wecken. Als Lohnschreiber oder Verfasser billiger Groschenromane wollte er nicht arbeiten. 1936 wurde bei ihm Darmkrebs festgestellt. Bis zu seinem Tod im März 1937 litt er an ständigen Schmerzen und an Unterernährung. Sein Name steht neben denen seiner Eltern auf dem Familiengrabstein. 1977 setzten ihm Verehrer einen eigenen Stein mit den Lebensdaten und dem vieldeutigen Satz „I AM PROVIDENCE“, der aus einem seiner Briefe stammt.
Literarische Merkmale↑
Zugeordnet wird Lovecrafts Erzählwerk gewöhnlich dem übernatürlichen Horror. Er selbst sah sich in einer alten literarischen Tradition. Zu Beginn seines umfangreichen Essays Supernatural Horror in Literature heißt es: „Die älteste und stärkste Empfindung der Menschheit ist die Angst, und die älteste und stärkste Form der Angst ist die Angst vor dem Unbekannten.“ Zu den Vorläufern zählte er nicht nur die englischen Schauerromane, sondern auch Werke der Schwarzen Romantik wie The Turn of the Screw von Henry James.
Sein Schaffen lässt sich grob in drei Gruppen teilen. Die frühen, traditionellen Schauergeschichten wie Der Alchemist und Dagon erinnern deutlich an Edgar Allan Poe. Typische Schauplätze sind Friedhöfe und verlassene Häuser; einen gemeinsamen Hintergrund haben diese Texte noch nicht. Die zweite Gruppe bilden die Traumweltgeschichten, angeregt von Lord Dunsany und von William Beckfords Schauerroman Vathek. Hier gibt es fremdartige Landschaften, exotische Städte, verbotene Berge und geheimnisvolle Götter, dazu Ghoule, Dryaden und andere bizarre Wesen. Auch Katzen bevölkern diese Region gern. Wiederkehrende Gestalten sind ein gewisser Kuranes und der Traumreisende Randolph Carter, ein zweites Ich des Autors. Die dritte Gruppe sind die Mythosgeschichten, ein lose verbundener Kreis von Erzählungen, auf dem Lovecrafts heutiger Ruhm zum größten Teil beruht. Er selbst sprach vom Arkham Cycle, weil in vielen Texten die erfundene neuenglische Stadt Arkham vorkommt; August Derleth prägte später den Namen Cthulhu-Mythos.
Bis zu seinem etwa 25. Lebensjahr hielt sich Lovecraft in erster Linie für einen Dichter. Seine Beschäftigung mit älterer Literatur zeigte sich in langen Lehrgedichten im Stil des 18. Jahrhunderts. Daneben stehen Gedichte, die den Hintergrund der Mythoserzählungen aufgreifen, vor allem der Sonettenzyklus Fungi from Yuggoth, auf Deutsch Saat von den Sternen.
Lovecraft nannte sich einen „Menschen des 18. Jahrhunderts“, weil ihm jene Epoche mit ihren Umgangsformen als die beste erschien; das 20. Jahrhundert galt ihm als Zeit der Barbarei. Seine Briefe datierte er meist zweihundert Jahre zurück. Diese Vorliebe fürs Altertümliche prägt seinen Schreibstil und seine Wortwahl, die bewusst antiquiert wirken. Als erklärter Anglophiler benutzte er gern ältere englische Ausdrücke statt der amerikanischen.
Umstritten war dieser Stil von Anfang an. Kritiker bemängeln den übermäßigen Gebrauch von Adjektiven, wohlwollende Rezensenten nennen seine Sprache präzise und auf Wirkung berechnet. Lieblingswörter wie „blasphemisch“, „zyklopisch“ und „abscheulich“ kehren ständig wieder, die Texte steigern sich zu einem bombastischen Finale. Für Rein A. Zondergeld schwelgt dieser Stil in „obsoleten Ausdrücken und Archaismen“ und lässt das Grauen häufig ins Lächerliche umschlagen. Jörg Drews dagegen findet ihn sehr unterhaltsam und hat seine Freude an Bildern wie den „nebelzerkauten Friedhöfen“. Fritz Leiber beschreibt drei Kunstgriffe: die Bestätigung, bei der der Leser das Unheil längst ahnt und am Ende nicht überrascht, sondern überzeugt wird; die Schlussklimax, bei der der Höhepunkt mit dem letzten Satz zusammenfällt; und die orchestrierte Prosa, in der Lovecraft Sätze und ganze Absätze wiederholt und verstärkt, ähnlich einem lauter werdenden Orchester.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten blieb Lovecraft weitgehend unbekannt, weil seine Texte vor allem in Heftmagazinen erschienen. Anerkennung fand er erst nach seinem Tod, nicht zuletzt durch Freunde wie August Derleth, die seine Geschichten weiter verbreiteten. Der Cthulhu-Mythos wuchs zu einem eigenständigen literarischen Universum, das andere Autoren fortschrieben.
Zugleich wird sein Werk kontrovers diskutiert, denn seine Schriften enthalten rassistische und fremdenfeindliche Ansichten, die seiner Weltsicht entsprachen. Als Einfluss auf die Horrorliteratur gilt er dennoch als zentral, und Schöpfungen wie der große Cthulhu haben einen festen Platz in der Popkultur.
Beeinflusst von ihm wurden Schriftsteller wie Clark Ashton Smith, August Derleth, Neil Gaiman, Alan Moore, Ljubko Deresch, Wolfgang Hohlbein, Stephen King, Brian Lumley und Clive Barker; manche siedelten eigene Geschichten in seinem Universum an. Auch bildende Künstler und Filmregisseure griffen ihn auf. In vielen Gemälden des Schweizer Künstlers HR Giger ist der Einfluss unverkennbar, etwa im Bildband H. R. Giger's Necronomicon; ebenso tragen die Entwürfe für den Film Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt deutlich seine Spuren. Vermutet wurde außerdem, dass seine Erzählungen von außerirdischen Wesen, die vor dem Menschen die Erde beherrschten, Autoren der Prä-Astronautik wie Erich von Däniken angeregt haben könnten. Dort wurden die bei Lovecraft menschenfeindlichen Kreaturen allerdings zu „göttlichen Entwicklungshelfern“ umgedeutet.
Auch die Musik greift ihn breit auf. 1967 gründete sich eine Psychedelic-Rockband namens H. P. Lovecraft. Im Metal ist die Wirkung besonders stark: Gruppen wie Metallica, Samael und Celtic Frost beziehen sich in einzelnen Liedern auf ihn, Thergothon und Electric Wizard in ganzen Albumkonzepten, Catacombs oder Fungoid Stream sogar im gesamten Bandkonzept. Im Gothic Rock finden sich Anleihen bei Fields of the Nephilim, Garden of Delight und Whispers in the Shadow. In der zeitgenössischen ernsten Musik schrieb Olga Neuwirth das Orchesterstück Cthulhu-Ludium – Vor der Dunkelheit, Moritz Eggert vertonte Der Außenseiter als Melodram. John Zorns Band Electric Masada veröffentlichte 2005 das Album At the Mountains of Madness.
Besonders sichtbar ist seine Nachwirkung im Spielebereich. Das Pen-and-Paper-Rollenspiel Call of Cthulhu gilt als eines der einflussreichsten Rollenspiele überhaupt, weil es mit den übermenschlichen Fähigkeiten der klassischen Fantasyrollenspiele brach und stattdessen ganz normale Menschen in den Mittelpunkt stellt, die den Ungeheuern hoffnungslos unterlegen sind. Daraus gingen Brett- und Kartenspiele wie Arkham Horror und Eldritch Horror hervor. Die Spieledatenbank MobyGames listet 56 Computerspiele mit Bezug zu Lovecraft; die Vertriebsplattform Steam führte im Juni 2019 unter dem Stichwort „Lovecraftian“ 91 Titel. Das erste Computerspiel dieser Art war 1979 Kadath für den Heimcomputer Altair 8800. Im deutschsprachigen Raum wurde die Hörbuchbearbeitung Der Cthulhu Mythos 2003 mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet, und 2014 entstand in Flensburg die Deutsche Lovecraft Gesellschaft.
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