1928
Cthulhus Ruf
Überblick↑
Die Erzählung Cthulhus Ruf zählt zu den bekanntesten Kurzgeschichten des amerikanischen Horrorautors H. P. Lovecraft. Er schrieb sie im Sommer 1926. Im Februar 1928 erschien sie im Pulp-Magazin Weird Tales, 1939 wurde sie in die Sammlung The Outsider and Others des Verlages Arkham House aufgenommen. Innerhalb des Cthulhu-Mythos nimmt sie eine besondere Stellung ein: Sie ist die erste Erzählung, die diesen Mythos ausformuliert, und die einzige, in der das außerirdische Wesen selbst auftritt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird die Geschichte aus hinterlassenen Papieren. Francis Wayland Thurston verwaltet den Nachlass seines verstorbenen Großonkels George Gammell Angell, eines emeritierten Professors für semitische Sprachen an der Brown-Universität in Providence. In einer Kiste findet er Unterlagen über einen unbekannten Kult und über ein Wesen namens Cthulhu. Dabei liegt auch ein Flachrelief, das Thurston abstoßend findet: Über seltsamen Hieroglyphen thront eine Figur mit schwammigem, von Tentakeln besetztem Kopf auf einem schuppigen Körper mit kleinen Flügeln.
Geschaffen hat dieses Relief der Künstler Henry Anthony Wilcox. Wochenlang hatte er verstörende Träume von Cthulhu und von einer Stadt namens R'lyeh, deren Häuser dieselben Schriftzeichen tragen. Angell ließ sich von ihm regelmäßig berichten, bis der Kontakt plötzlich abbrach.
Ein zweites Dokument führt nach Louisiana. Der Polizeiinspektor John Raymond Legrasse hob in den Sümpfen bei New Orleans einen grausamen Kult aus und fand dabei ein Standbild, das dem Werk von Wilcox gleicht. Auf einer Konferenz von Archäologen zeigt sich, dass ein Anthropologe in Grönland auf denselben Kult gestoßen war. Die gesungenen Worte stimmen überein. Je tiefer Thurston in die Papiere eindringt, desto weniger glaubt er an einen natürlichen Tod seines Großonkels.
Die Handlung im Detail↑
Zusammengehalten wird das Ganze durch die Aufzeichnungen Thurstons, der die Papiere seines Großonkels ordnet. Der Leser erfährt darin nur schrittweise und nicht in zeitlicher Reihenfolge, worum es geht, und befindet sich damit in derselben Lage wie Thurston selbst.
Der Reihe nach betrachtet beginnt alles weit vor der eigentlichen Handlung. Irgendwann im 19. Jahrhundert trifft ein Mann namens Castro in China auf die „todlosen Führer“ des Kultes. Von ihnen erfährt er, Cthulhu habe vor Äonen über die Erde geherrscht und liege seit Jahrtausenden in einem todesähnlichen Schlaf. Weltweit warte ein Kult auf seine Auferstehung; sein Ursprung liege in Arabien. Auch das berüchtigte Buch des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred, das Necronomicon, enthalte Andeutungen über Cthulhu. 1860 stößt der Anthropologe William Channing Webb auf einer Grönland-Expedition auf eine Gruppe von Menschen, die Cthulhu verehren. Im November 1907 dringt Inspektor Legrasse mit Polizisten in die Sümpfe um New Orleans vor, um entführte Siedler zu retten. Die Kultanhänger werden getötet oder gefangen genommen, unter den Überlebenden ist der inzwischen uralte Castro, der von dem Mythos berichtet. 1908 treffen Legrasse, Webb und Angell auf einer archäologischen Konferenz in St. Louis zusammen. Dort zeigt sich, dass die Kulte in Grönland und Louisiana einander gleichen, in der Darstellung des Wesens ebenso wie im Wortlaut der Rituale: „Ph'nglui mglw'nafh Cthulhu R'lyeh wgah'nagl fhtagn“, was so viel bedeutet wie „In seinem Haus in R'lyeh wartet träumend der tote Cthulhu.“
Ende Februar oder Anfang März 1925 hebt ein schweres Erdbeben die im Pazifik versunkene Stadt R'lyeh an die Oberfläche. Von da an quälen den Künstler Wilcox in Providence nächtliche Alpträume von Cthulhu. Er formt das Abbild des Wesens und sucht damit Professor Angell auf, der ihn um regelmäßige Berichte bittet. Dann bricht der Kontakt ab: Wilcox erkrankt an einer Art Fieber, spricht im Delirium immer wieder von einem namenlosen Ungeheuer und erholt sich nach neun Tagen, ohne sich an seine Visionen erinnern zu können. Angell stellt fest, dass sich in genau dieser Zeit weltweit seltsame Dinge zugetragen haben, Aufstände und Massenpaniken, ohne dass die Menschen ahnen, was dahintersteckt.
Was auf See geschah, erschließt sich erst später. Am 22. März 1925 kommt es zu einem Gefecht zwischen dem Schoner Emma aus Auckland, auf dem der Norweger Gustaf Johansen als zweiter Maat dient, und der schwer bewaffneten Yacht Alert, deren Besatzung aus Kultanhängern besteht. Die Emma sinkt, doch ihre Leute entern die Alert und töten deren Mannschaft. Als ranghöchster Überlebender übernimmt Johansen das Kommando. Einen Tag später landen die Männer auf der aufgetauchten Insel und betreten die Stadt R'lyeh, in der die bekannten Naturgesetze nicht mehr gelten. Ohne es zu wollen, wecken sie Cthulhu aus seinem Schlaf. Die Männer fliehen in Panik; sie werden von dem Wesen getötet oder sterben vor Angst. Nur Johansen und ein Seemann namens Briden erreichen die Alert. Als Cthulhu dem Schiff ins Meer folgt, wendet Johansen und rammt mit voller Fahrt den Kopf der Kreatur, der zerplatzt wie ein zerfetzter Fisch. Cthulhu löst sich in einen grünen Nebel auf und nimmt kurz darauf wieder seine Gestalt an, während das Schiff entkommt.
Am 2. April versinkt R'lyeh in einem schweren Sturm erneut im Pazifik, und Cthulhu schläft wieder ein. Die Alert wird seeuntüchtig und treibt dahin. Johansens Gefährte verfällt dem Wahnsinn und stirbt. Am 12. April nimmt der Frachter Vigilant die Yacht in Schlepptau. Johansen wird später von der Admiralität befragt, schweigt jedoch und kehrt zu seiner Frau nach Oslo zurück. Dort schreibt er ein Tagebuch über seine Erlebnisse und wird bald darauf von zwei Matrosen getötet, Agenten des Kultes. Angell forscht 1925 und 1926 weiter und sammelt Zeitungsausschnitte, die auf weltweite Spuren jener Tage deuten. Im Winter 1926/27 stirbt er, nachdem ihn auf der Straße ein Matrose angerempelt hat.
Damit schließt sich der Kreis. Thurston übernimmt 1927 den Nachlass, überwindet seine anfängliche Skepsis und sucht Legrasse in New Orleans auf. Auch von der Aufrichtigkeit des Künstlers Wilcox ist er nun überzeugt. Ein australischer Zeitungsartikel vom 18. April 1925 bringt ihn auf die Spur der Emma. Er reist nach Auckland und weiter nach Oslo, wo ihm Johansens Witwe das Tagebuch überlässt. Aus alldem verfasst er den Bericht, den der Leser vor sich hat. Am Ende ist Thurston sicher, dass der Kult fortbesteht und dass er zu viel weiß, um noch lange zu leben.
Stil↑
Kennzeichnend ist die kunstvolle Verschachtelung der Erzählebenen. Der Text gibt sich als Sammlung hinterlassener Dokumente aus: Nachlasspapiere, ein Konferenzbericht, Zeitungsausschnitte und ein Schiffstagebuch. Drei dieser Dokumente bilden je ein Kapitel und tragen eigene Überschriften, vom Schrecken im Lehm über den Bericht des Inspektors Legrasse bis zum Schrecken aus dem Meer.
Die Ereignisse werden bewusst nicht in ihrer zeitlichen Folge erzählt. Der Leser setzt die Bruchstücke selbst zusammen und erfährt die Zusammenhänge in genau dem Tempo, in dem auch Thurston sie begreift. Verstärkt wird die Wirkung durch den nüchternen Ton der Berichte, durch genaue Datums- und Ortsangaben bis hin zu Breiten- und Längengraden sowie durch die fremdartige Kultformel, deren Klang das Unheimliche greifbar macht. Die knappe, drastische Bildlichkeit der Beschreibungen tut ein Übriges.
Rezeption↑
Zu den bekanntesten Erzählungen Lovecrafts gehört Cthulhus Ruf bis heute. Nach dem Abdruck in Weird Tales fand sie 1939 Aufnahme in die Sammlung The Outsider and Others bei Arkham House und wurde damit über den Kreis der Magazinleser hinaus bekannt.
Ihre Nachwirkung verdankt sie vor allem der Rolle, die sie im Cthulhu-Mythos spielt. Hier wird dieses Erzähluniversum erstmals ausformuliert, und hier tritt das außerirdische Wesen selbst in Erscheinung. Auch der Film hat sich des Stoffes angenommen: 2005 entstand unter der Regie von Andrew Leman ein Kurzfilm nach der Erzählung.
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