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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Daniel Deronda
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Cover Daniel Deronda
Daniel Deronda
1876
– Werkseintrag –

Daniel Deronda

1876 · Roman

Zwei Menschen auf der Suche nach sich selbst – eine junge Frau in einer goldenen Falle und ein junger Mann, dem seine wahre Herkunft verborgen wird: George Eliots letzter Roman verbindet beißenden Spott über die feine Gesellschaft mit einer tiefen Frage nach dem Gewissen.

Überblick

Der Roman Daniel Deronda der britischen Autorin George Eliot erschien erstmals 1876. Es ist der letzte Roman, den Eliot vollendete, und der einzige, dessen Handlung in ihrer eigenen Zeit, dem viktorianischen England, spielt. Das Buch verbindet gesellschaftliche Satire mit einer ernsthaften Auseinandersetzung über Gewissen und moralische Verantwortung. Heute gilt es als ein Klassiker der Literatur des 19. Jahrhunderts.

Inhalt (ohne Spoiler)

Zwei Lebenswege stehen im Mittelpunkt, die durch die Titelfigur miteinander verknüpft werden. Im Spätsommer 1865 halten sich sowohl der junge Daniel Deronda als auch die schöne und selbstbewusste Gwendolen Harleth in der deutschen Stadt Leubronn auf. Daniel fühlt sich gegen seinen Willen zu Gwendolen hingezogen, die beim Glücksspiel ihr ganzes Geld verliert. Bald darauf erreicht sie die Nachricht, dass ihre Familie finanziell ruiniert ist.

Daniel wuchs als Mündel des wohlhabenden Sir Hugo Mallinger auf und hält sich für dessen uneheliches Kind, ohne Gewissheit über seine Herkunft zu haben. Er ist warmherzig und klug, weiß aber nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Als er die junge jüdische Sängerin Mirah vor dem Selbstmord rettet, lernt er auf der Suche nach ihrer verlorenen Familie die jüdische Gemeinde Londons kennen – eine Welt, die sein eigenes Schicksal in unerwartete Bahnen lenkt.

Gwendolen wiederum steht vor einer folgenschweren Entscheidung über ihre Zukunft und sucht immer häufiger Rat bei Daniel. Beide ringen mit der Frage, wer sie eigentlich sind und welchen Weg sie einschlagen wollen.

Die Handlung im Detail

Ende August 1865 sind Daniel Deronda und Gwendolen Harleth in der fiktiven deutschen Stadt Leubronn zu Gast. Daniel beobachtet, wie Gwendolen beim Roulette all ihr Geld verspielt. Am nächsten Tag erhält sie einen Brief ihrer Mutter, wonach die Familie ruiniert sei und sie heimkehren müsse. Gwendolen versetzt ein Halsband und überlegt, das Geld erneut zu verspielen, als ihr ein Portier das Halsband zurückbringt: Daniel hat sie beobachtet und es für sie zurückgekauft.

In einer Rückblende wird die Vorgeschichte erzählt. Ein Jahr zuvor starb Gwendolens Stiefvater, und die Familie zog in eine neue Gegend. Dort lernte Gwendolen den vermögenden Henleigh Mallinger Grandcourt kennen, einen arroganten und kaltherzigen Mann. Zunächst offen für sein Werben, entzog sie sich ihm, als sie erfuhr, dass er eine Geliebte und mit ihr mehrere Kinder hatte – und reiste nach Leubronn.

Daniel Deronda wurde von Sir Hugo Mallinger aufgezogen und gilt, wie er selbst, als dessen unehelicher Sohn, obwohl es keine Belege dafür gibt. Sir Hugo wünscht sich, dass Daniel in die Politik geht, was zu Spannungen führt. Im Juli 1865 rettete Daniel die junge Jüdin Mirah Lapidoth, die sich ertränken wollte. Er bringt sie bei Freunden unter; sie erweist sich als Sängerin. Mirah hatte sich von ihrem Vater losgesagt, der sie einst der Mutter geraubt, zum Anschluss an eine Schauspieltruppe gezwungen und schließlich versucht hatte, sie in die Prostitution zu verkaufen. Nun sucht sie in London Mutter und Bruder. Bei der Suche lernt Daniel die jüdische Gemeinde der Stadt kennen. Verunsichert über seine wachsenden Gefühle für Mirah schließt er sich Sir Hugo in Leubronn an, wo er Gwendolen begegnet.

Im September 1865 ist Gwendolen nach London zurückgekehrt; die Lage ihrer Familie ist verzweifelt. Sie erwägt, als Gouvernante oder Sängerin ihren Unterhalt zu verdienen, entscheidet sich aber, Grandcourt zu heiraten, um Mutter und Schwestern vor der Armut zu bewahren. Die Ehe wird zur Falle: Grandcourt lässt ihr kaum Freiraum, ihr Leben selbst zu gestalten, und sie sucht immer öfter Rat bei Daniel.

Daniel hat unterdessen den jüdischen Visionär Mordecai kennengelernt, der schwer an Tuberkulose erkrankt ist und sich als Mirahs vermisster Bruder erweist. Mordecai hofft, dass die Juden ihre Identität bewahren und eines Tages ins Gelobte Land zurückkehren. Da sein Tod absehbar ist, wünscht er sich, dass Daniel sein geistiger Erbe und ein Fürsprecher der Londoner Juden werde. Daniel ist fasziniert, zögert aber, sich für eine Sache einzusetzen, zu der er keinen persönlichen Bezug hat.

Gwendolen leidet an Gewissensbissen: Mit ihrer Heirat hat sie zugleich Grandcourts unehelichen Kindern die Aussicht auf das Erbe genommen. Grandcourt kommt bei einem Bootsunfall ums Leben. Obwohl Gwendolen vergeblich versuchte, ihn vor dem Ertrinken zu retten, fühlt sie sich an seinem Tod schuldig. Sie trifft Daniel wieder, für den sie immer tiefere Gefühle hegt.

Daniel erfährt von Sir Hugo, dass seine Mutter eine berühmte jüdische Sängerin ist. Bei der Begegnung mit ihr stellt sich heraus, dass er nicht Sir Hugos Kind ist, sondern aus der Ehe seiner Mutter mit einem streng gläubigen jüdischen Arzt stammt. Nach dessen Tod vertraute sie das Kleinkind Sir Hugo an, einem langjährigen Verehrer ihrer Kunst, und bat ihn, den Jungen als englischen Gentleman zu erziehen. Geprägt von ihrer strengen Kindheit, nahm sie ihm das Versprechen ab, dass nichts Daniel an sein jüdisches Erbe erinnern solle.

Im Bewusstsein seiner Herkunft fühlt sich Daniel in seiner Liebe zu Mirah bestärkt und begreift sich nun als Mordecais geistiger Erbe. Vor seiner Hochzeit kommt es noch einmal zu einer Begegnung mit Gwendolen. Sie ist zunächst zutiefst bestürzt darüber, dass er Mirah heiraten wird, doch der Moment wird zum Wendepunkt: Entschlossen will sie ihre Zukunft nun selbst in die Hand nehmen. Am Hochzeitstag schickt sie Daniel einen Abschiedsbrief, in dem sie schreibt, dass sie durch ihn ein besserer Mensch geworden sei. Der Roman endet mit dem Tod Mordecais und den Vorbereitungen des jungen Paares, nach Osten aufzubrechen.

Stil

Kennzeichnend für das Werk ist sein doppelter Aufbau: Zwei sehr unterschiedliche Handlungsstränge laufen nebeneinander her und werden allein durch die Titelfigur miteinander verbunden. Auf diese Weise stellt Eliot zwei Lebenswege einander gegenüber – den der weltgewandten, zunächst selbstsüchtigen Gwendolen und den des suchenden Daniel.

Im Ton wechselt der Roman zwischen scharfer Gesellschaftssatire und ernster moralischer Betrachtung. Daneben steht eine eindringliche Auseinandersetzung mit Gewissen, Schuld und Verantwortung, die das innere Ringen der Figuren in den Mittelpunkt rückt. Die Erzählung greift dabei auch auf Rückblenden zurück, um die Vorgeschichte der Hauptfiguren nach und nach zu enthüllen.

Rezeption

Als letzter vollendeter Roman von George Eliot nimmt das Werk in ihrem Schaffen eine besondere Stellung ein und ist zugleich der einzige, der in der eigenen viktorianischen Gegenwart der Autorin spielt. Heute zählt es zu den anerkannten Klassikern der Literatur des 19. Jahrhunderts.

Sein Rang in der englischsprachigen Literatur zeigte sich auch in jüngerer Zeit: In der BBC-Culture-Liste „100 Greatest British Novels" (2015), für die 82 Literaturkritiker außerhalb Großbritanniens abstimmten, belegte Daniel Deronda Platz 70; Eliots Middlemarch stand auf Platz 1. Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 2002 als Fernseh-Mehrteiler.

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