1819 – 1880
George Eliot
Kurzporträt↑
Mary Ann Evans schrieb unter dem männlichen Pseudonym George Eliot. Sie gehört zu den großen Romanautoren des viktorianischen Englands. In Werken wie Die Mühle am Floss, Silas Marner und vor allem Middlemarch verband sie genaue Beobachtung des ländlichen und kleinstädtischen Lebens mit philosophischer und gesellschaftlicher Reflexion. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und ‑wissenschaftler Middlemarch zum bedeutendsten britischen Roman überhaupt. Ihr Lebensweg führte sie von einer frommen Provinzkindheit zur Mitarbeit an einer der wichtigsten liberalen Zeitschriften Londons. Er führte sie auch in eine offene Liebesbeziehung, die ihre Zeit als Skandal empfand.
Biografie↑
Mary Anne Evans kam am 22. November 1819 auf der South Farm des Landguts Arbury in Warwickshire zur Welt. Ihr Vater Robert Evans war Gutsverwalter, ihre Mutter Christiana Pearson seine zweite Frau. Mary Anne war das jüngste von fünf Kindern, zwei davon aus erster Ehe des Vaters. Sie wuchs im Griff House nahe Nuneaton auf und besuchte Schulen in Nuneaton und Coventry, wo sie als hervorragende Schülerin galt. Die berufliche Stellung des Vaters verschaffte ihr Einblicke sowohl in das Leben der Arbeiterschicht als auch des Landadels und öffnete ihr die Bibliothek des Gutes. Eine Lehrerin beeinflusste sie 1834 stark in Richtung des Evangelikalismus.
Als ihre Mutter 1836 starb, war Mary Anne sechzehn. Sie bildete sich daheim mit Hauslehrern weiter und führte zusammen mit einer Schwester den Haushalt. Nach deren Heirat 1837 lag diese Pflicht allein bei ihr. In dieser Zeit verkürzte sie ihren Mittelnamen zu "Ann". 1841 heiratete ihr Bruder Isaac und übernahm das Familienhaus. Sie zog mit dem Vater nach Foleshill bei Coventry. Dort fand sie Anschluss an den Kreis des Fabrikanten Charles Bray, eines Unitariers und Anhängers Robert Owens, dessen Haus liberale Freidenker zusammenführte. Der sogenannte Rosehill circle eröffnete ihr neue intellektuelle und religiöse Perspektiven. Sie löste sich schrittweise von ihrem Glauben, was zu Konflikten mit dem Vater führte. Schon damals schrieb sie regelmäßig für die Zeitung Charles Brays und übersetzte David Friedrich Strauß' Das Leben Jesu ins Englische.
Nach dem Tod des Vaters 1849, den sie bis zuletzt gepflegt hatte, reiste sie mit Freunden durch Europa und blieb mehrere Monate in Genf. Zurück in England, zog sie nach London. Unter dem Namen Marian Evans arbeitete sie als Redakteurin für die liberale "Westminster Review". Mit dem verheirateten Herausgeber verband sie eine kurze Affäre. Über ihre Arbeit kam sie in Kontakt mit vielen wichtigen britischen Intellektuellen ihrer Zeit. Über die Bekanntschaft mit Herbert Spencer, in den sie sich verliebte, der sie aber zurückwies, lernte sie den verheirateten Autor George Henry Lewes kennen. Mit ihm begann sie eine offene Liebesbeziehung. Diese "wilde Ehe" galt als Skandal und wurde selbst im Bekanntenkreis des Paares nicht gebilligt. Lewes konnte das Geld für eine Scheidung nicht aufbringen. Er hatte außerdem die Vaterschaft für ein nicht von ihm gezeugtes Kind seiner Frau übernommen. Damit hatte er deren Ehebruch faktisch gebilligt und konnte ihn nicht mehr als Scheidungsgrund geltend machen. Nicht mehr bei der "Westminster Review" beschäftigt, übersetzte sie nun Ludwig Feuerbachs Das Wesen des Christentums. 1854 reiste das Paar nach Deutschland, wo Lewes Material für eine Goethe-Biographie sammelte. Beide erlebten unter deutschen Intellektuellen eine deutlich tolerantere Haltung. In Weimar wohnten sie in der Kaufstraße 2, woran eine Gedenktafel erinnert. Zurück in England ließen sie sich als Mr. und Mrs. Lewes in Richmond im Südwesten Londons nieder.
1857 erschien im "Blackwood's Edinburgh Magazine" die Kurzgeschichte The Sad Fortunes of the Reverend Amos Barton – ihr erstes belletristisches Werk. Lewes hatte das Manuskript an den Verleger geschickt und einen Mann namens "George Eliot" als Verfasser angegeben. Dieser Name blieb fortan ihr literarisches Pseudonym. Zusammen mit Mr. Gilfil's Love Story und Janet's Repentance erschien Amos Barton 1858 unter dem Titel Scenes of Clerical Life als Buch und wurde gelobt. In dieser Zeit erfuhr ihr Bruder Isaac, dem sie sich eng verbunden fühlte, von ihrem Verhältnis zu Lewes und brach jeden Kontakt zu ihr ab.
1859 folgte ihr erster Roman Adam Bede, ein Bestseller. Wie schon in den Kurzgeschichten zeichnete sie darin Figuren aus dem ländlichen Warwickshire ihrer Jugend. Noch vor dem nächsten Roman wurde bekannt, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg. 1860 erschien Die Mühle am Floss, stark an ihre eigene Biografie angelehnt, 1861 Silas Marner. Für die von 1862 bis 1863 in Fortsetzungen veröffentlichte Romola wechselte sie wegen eines lukrativen Angebots zum Konkurrenzblatt "Cornhill Magazine". Der historische Roman wurde jedoch zum Misserfolg. Mit Felix Holt, The Radical (1866), angesiedelt in der Zeit des Reform Act von 1832, kehrte sie zu Blackwood zurück. Ab Dezember 1871 erschien Middlemarch, angesiedelt um 1830 in einer fiktiven Kleinstadt der Midlands. Es wurde ihr größter Erfolg. Ihr letzter Roman, Daniel Deronda, folgte 1876.
Nach dem Tod von Lewes heiratete sie am 6. Mai 1880 den zwanzig Jahre jüngeren John W. Cross. Auf der Hochzeitsreise in Venedig stürzte er sich aus dem Fenster seines Hotelzimmers in einen Kanal und überlebte. Mary Ann Evans war eine wichtige Figur des geistigen Lebens Londons, wo sie am 22. Dezember 1880 starb. Ihr Grab befindet sich auf dem Londoner Highgate Cemetery.
Literarische Merkmale↑
George Eliot schöpfte ihre Stoffe vor allem aus dem ländlichen und kleinstädtischen Leben, das sie aus ihrer Jugend in Warwickshire kannte. Schon in den frühen Erzählungen der Scenes of Clerical Life und in Adam Bede stellte sie Figuren aus genau dieser Welt in den Mittelpunkt. Die Mühle am Floss lehnte sie eng an die eigene Biografie an. Middlemarch siedelte sie um 1830 in einer fiktiven Kleinstadt der Midlands an, Felix Holt, The Radical in der Zeit des Reform Act von 1832. Eliot schrieb also bevorzugt Romane mit deutlichem historischem und gesellschaftlichem Hintergrund, in denen sich die Lebensverhältnisse einer ganzen Region spiegeln.
In ihren späteren Arbeiten griff sie immer wieder philosophische und sozialpolitische Probleme auf. Ihre Auseinandersetzung mit Religion und Gesellschaft hatte tiefe Wurzeln. Sie übersetzte David Friedrich Strauß' Das Leben Jesu und Ludwig Feuerbachs Das Wesen des Christentums ins Englische und stand der liberalen, freidenkerischen Intelligenz Londons nahe. Diese Verbindung von genauer Milieuschilderung und gedanklicher Tiefe prägt das Bild ihrer Romane.
Rezeption↑
Schon ihr erster Roman Adam Bede wurde 1859 ein Bestseller. Der Erfolg setzte sich mit Die Mühle am Floss, Silas Marner und vor allem Middlemarch fort. Ihr Werk hatte beträchtlichen Einfluss auf die englische Literatur. Ihre freien, in Teilen revolutionären Gedanken stießen allerdings nicht überall auf Zustimmung. Ihre offene Liebesbeziehung zu George Henry Lewes galt der Gesellschaft lange als Skandal. Wegen ihres großen literarischen Erfolgs nahm die Öffentlichkeit sie jedoch allmählich wieder auf. In den letzten Jahren ihres Lebens war sie eine wichtige Gestalt des geistigen Lebens Londons.
Die Nachwirkung reicht weit über das viktorianische Zeitalter hinaus. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und ‑wissenschaftler Middlemarch zum bedeutendsten britischen Roman. Romane wie Middlemarch und Die Mühle am Floss zählen heute zu den Klassikern der englischen Literatur.
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