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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Middlemarch
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Middlemarch
1871
– Werkseintrag –

Middlemarch

1871 · Roman

Ein breit angelegter Roman aus einer englischen Provinzstadt um 1830, in dem eine idealistische junge Frau, ein ehrgeiziger Arzt und ein leichtsinniger Erbschaftshoffender erfahren, was Ehe, Beruf und Geld aus großen Plänen machen.

Überblick↑

Mit Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz veröffentlichte George Eliot ihren bedeutendsten Roman. George Eliot war das Pseudonym der englischen Schriftstellerin Mary Ann Evans. Der Roman erschien zunächst 1871 und 1872 in zwei- bzw. einmonatigen Lieferungen und kam noch im selben Jahr als Buch heraus. Die deutsche Erstübersetzung von Emil Lehmann folgte 1872/73. Das umfangreiche Werk entfaltet das gesellschaftliche Leben einer fiktiven englischen Provinzstadt um 1830. In den Mittelpunkt stellt es die Beziehungen zwischen Frauen und Männern: wie Ehen angebahnt werden, wie sie sich im Alltag bewähren oder scheitern. Wegen dieser Thematik wird in der Literaturwissenschaft auch eine Nähe Eliots zum frühen Feminismus diskutiert. Heute gilt der Roman als ein Meilenstein der englischen Literaturgeschichte und wird zur Weltliteratur gezählt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Schauplatz ist die fiktive mittelenglische Kleinstadt Middlemarch zwischen 1829 und 1832, dazu die umliegenden Landgüter und Dörfer. Eliot verflicht vier Beziehungsgeschichten, die nebeneinander herlaufen und sich immer wieder berühren.

Im Zentrum steht die junge, idealistisch gestimmte Dorothea Brooke. Sie könnte den gleichaltrigen, freundlichen Baronet Sir James Chettam heiraten. Sie entscheidet sich aber für den deutlich älteren Gelehrten Edward Casaubon, weil sie sich an seiner wissenschaftlichen Arbeit beteiligen und an höherer Bildung teilhaben möchte. Auf der Hochzeitsreise in Rom begegnet ihr Casaubons junger Verwandter Will Ladislaw.

Parallel dazu trifft der junge Arzt Tertius Lydgate in der Stadt ein. Er will die Medizin auf neue, wissenschaftliche Grundlagen stellen und stößt damit auf den Widerstand der alteingesessenen Kollegen. Die schöne Rosamond Vincy, Tochter des Bürgermeisters, sieht in ihm die Aussicht auf gesellschaftlichen Aufstieg und lenkt seine Aufmerksamkeit auf sich.

Rosamonds Bruder Fred Vincy lebt unbekümmert in den Tag hinein. Er hofft auf das Erbe seines reichen Onkels Featherstone und liebt die nüchterne, klarsichtige Mary Garth. Diese gibt ihm jedoch deutlich zu verstehen, dass sie nur einen Mann nehmen wird, der für sich selbst sorgen kann. Im Hintergrund agiert der fromme Bankier Nicholas Bulstrode, dessen Vergangenheit allmählich an der Oberfläche zu kratzen beginnt.

Die Handlung im Detail↑

Ein kurzes Präludium nimmt den Ton vorweg: Mit dem Beispiel der Teresa von Ávila stellt die Erzählerin die Frage, wie Frauen mit großer innerer Sehnsucht in einer Welt zurechtkommen, die ihnen kein großes Wirkungsfeld bietet – eine Frage, auf die der Schluss zurückkommen wird.

Die 19-jährige Dorothea Brooke lebt mit ihrer jüngeren Schwester Celia als Mündel ihres Onkels Arthur Brooke auf dem Herrenhaus Tipton Grange. Sie ist religiös-geistig interessiert, idealistisch und teilweise realitätsfern; sie hat eine Kinderschule gegründet und plant bessere Häuser für die Kleinbauern. Der benachbarte Baronet Sir James Chettam wirbt um sie, doch sie entscheidet sich für den 45-jährigen Reverend Edward Casaubon, einen egozentrischen Gelehrten, der an einem großen Werk mit dem Titel The Key to All Mythologies arbeitet. Sie hofft, an seinem wissenschaftlichen Leben teilhaben und von ihm lernen zu können. Chettam überwindet seine Enttäuschung rasch und wendet sich Celia zu; bei Dorotheas Rückkehr von der Hochzeitsreise Ende Dezember sind die beiden verlobt.

Parallel werden die übrigen Figuren eingeführt, die durch ein Geflecht aus Verschwägerungen verbunden sind. Fred Vincy, ältester Sohn des Kaufmanns und Bürgermeisters, hat sein Theologiestudium abgebrochen, lebt verwöhnt bei den Eltern, hat sich leichtsinnig verschuldet und spekuliert auf das Erbe seines vermeintlich kinderlosen Onkels Peter Featherstone in Stone Court. Er liebt Mary Garth, die dort als Haushälterin angestellt ist. Seine Schwester Rosamond, 22, schön und auf Aufstieg bedacht, hört von dem neu zugezogenen, adlig geborenen Arzt Tertius Lydgate, der in Edinburgh und Paris studiert hat, und sorgt für eine Begegnung im Haus des Onkels. Sie gefällt ihm, er ihr; sie findet Gegenliebe.

Die Flitterwochen in Rom werden für Dorothea zur ersten Ernüchterung. Während Casaubon in der Vatikanischen Bibliothek arbeitet, soll sie sich von einem Fremdenführer durch die Stadt führen lassen; ein Gespräch über ihre Eindrücke kommt nicht zustande. Als sie ihm vorschlägt, seine zahllosen Notizen auf ihre Brauchbarkeit hin zu sichten, bevor sie sie kopiert, trifft sie seinen wundesten Punkt – er hat den Überblick über sein Forschungsziel längst verloren. In Rom begegnet ihr Will Ladislaw, Casaubons junger Verwandter, der bei einem deutschen Maler ausgebildet wird. Im Atelier des Malers Naumann lernen sie sich näher kennen; Ladislaw fühlt sich zu Dorothea hingezogen, verachtet seinen Onkel und beschließt, von dessen finanzieller Unterstützung unabhängig zu werden. Casaubon spürt die Rivalität und wünscht keine weitere Beziehung zu ihm.

Lydgate möchte sich in Middlemarch als Arzt und Forscher einen Namen machen und sucht die Unterstützung des frommen Methodisten und Bankiers Nicholas Bulstrode, der ihn als Leiter eines neuen Hospitals einsetzen will, an dem Lydgate Infektionskrankheiten erforschen soll. Damit zieht er sich den Widerstand der etablierten Ärzte zu.

Nach der Rückkehr aus Rom ist Dorothea ernüchtert; Casaubon erkennt, dass er seine eigenen hohen Erwartungen nicht erfüllen kann, und projiziert die Unzufriedenheit auf sie. Im März 1830 bittet Ladislaw brieflich um einen Besuch in Lowick Manor. Casaubon lehnt ab und bricht kurz darauf zusammen; Lydgate diagnostiziert einen Herzanfall infolge geistiger Überforderung und mahnt zur Schonung. Dorotheas Onkel Arthur Brooke nutzt die Lage und stellt Ladislaw als Sekretär und Redakteur seiner liberal-fortschrittlichen Zeitung „Pioneer“ ein – Brooke will als unabhängiger, gemäßigt reformorientierter Kandidat antreten und braucht ein Gegengewicht zum konservativen „Trumpet“. Casaubon ist über Wills Verbleib in Middlemarch verstimmt und vermutet hinter Brookes Plan eine Absicht seiner Frau.

Fred Vincys Schulden lassen sich nicht mehr verbergen. Er findet keine Unterstützer und sucht schließlich Hilfe bei Caleb Garth, dem gutmütigen Landvermesser und Vater Marys, der selbst nicht wohlhabend ist. Garth übernimmt die Bürgschaft. Ein letzter Rettungsversuch durch einen Pferdehandel scheitert, und am Stichtag müssen Garths Frau und Tochter mit ihren mühsam ersparten Mitteln den Schuldschein einlösen. Mary ist tief enttäuscht und erklärt, sie werde sich nur auf einen Mann einlassen, der für sich selbst sorgen kann. Beim Pferdehandel hat sich Fred mit Fleckfieber angesteckt; Lydgate erkennt es sofort, ordnet Quarantäne an und übernimmt die Behandlung anstelle des Hausarztes Wrench – was die Rivalität mit den alten Ärzten verschärft, sein Ansehen in der Bevölkerung aber steigen lässt.

Featherstones Krankheit verschlimmert sich. Die Verwandtschaft quartiert sich in Stone Court ein, um sich gegenseitig beim Warten auf das Erbe zu beobachten. In der Nacht vor seinem Tod befiehlt der Alte Mary, eine seiner beiden hinterlegten Testamentsfassungen zu vernichten. Sie weigert sich, ohne Verwandte oder einen Anwalt zu handeln, mit der Begründung, sie könne nicht zulassen, dass das Ende seines Lebens den Anfang ihres Lebens besudle. Dadurch wird überraschend ein plötzlich auftauchender unehelicher Sohn, Joshua Rigg, Alleinerbe; in der vorletzten Fassung wären auch die Verwandten und Fred mit zehntausend Pfund bedacht gewesen. Rigg lässt sich entgegen den Erwartungen seines Vaters nicht in Stone Court nieder, sondern verkauft das Gut an den Bankier Bulstrode.

Bei seinen Hausbesuchen sieht Lydgate Rosamond immer häufiger; in der Stadt wird bereits von Verlobung getuschelt. Ihre Tante Harriet Bulstrode redet ihm ins Gewissen, die Nichte nicht zu kompromittieren. Lydgate zieht sich zunächst zurück, entschließt sich nach kurzer Besinnung jedoch zur Liebeserklärung. Sie verloben sich und heiraten im Sommer 1830 gegen die Bedenken der Eltern, die nach der entgangenen Erbschaft auf einen reichen Schwiegersohn gehofft hätten. Das gemietete Haus, seine Ausstattung und eine eigene Kutsche werden auf Kredit finanziert. Lydgate übernimmt die Leitung des von Bulstrode gebauten „Fieberhospitals“ und hofft auf eine prosperierende Praxis.

Casaubons Eifersucht auf Ladislaw wächst. Er versucht, den jungen Verwandten aus seiner Nähe zu entfernen, fordert ihn auf, die seines Erachtens unwürdige Anstellung beim „Pioneer“ aufzugeben – und als dieser ablehnt, ändert er sein Testament.

Stil↑

Eliot erzählt aus der Perspektive einer souveränen, reflektierenden Erzählerin. Diese kommentiert das Geschehen, ordnet es ein und leuchtet ihre Figuren bis in feinste seelische Regungen aus. Schon das Präludium über Teresa von Ávila zeigt, dass die Autorin ihren Roman ausdrücklich als „Studie“ verstanden wissen will: als Untersuchung eines sozialen Gefüges, nicht nur als Geschichte einzelner Personen.

Die vier Beziehungsstränge laufen weitgehend parallel und werden kapitelweise miteinander verschränkt. Daraus entsteht ein breites Provinzpanorama. Darin schwingen Standesunterschiede, wirtschaftliche Zwänge, religiöse Prägungen und politische Diskussionen – etwa um die Reformpolitik Russells – selbstverständlich mit. Auffällig ist die Vorliebe der Autorin für längere sachbuchartige Exkurse in Medizin, Physik, Chemie und Zoologie. Damit bettet sie ihre Figuren in den Wissensstand der Zeit ein. Sprachlich ist der Roman anspruchsvoll. Lange, gedanklich dicht gefügte Sätze und psychologische Analysen verlangsamen den Lesefluss bewusst.

Rezeption↑

Die zeitgenössische Aufnahme war geteilt. Die amerikanische Dichterin Emily Dickinson zeigte sich begeistert von Eliots Blick in die Geheimnisse der menschlichen Natur. Andere Stimmen kritisierten die sprachliche Dichte und die ausführlichen psychologischen Analysen. Sie bemängelten auch den Pessimismus, der aus den gescheiterten Beziehungen einiger Figuren spreche. Auch die zahlreichen wissenschaftlichen Exkurse stießen auf Ablehnung. Einflussreiche Kritiker bemängelten, Eliot wisse für eine Romanautorin zu viel.

Thérèse Bentzon urteilte 1873 in der „Revue des deux Mondes“, der Roman bestehe aus einer zufälligen Abfolge unzusammenhängender Kapitel. Eliots Priorität gelte der unerbittlichen Analyse; Sensibilität, Leidenschaft und Phantasie kämen zu kurz. Henry James kam im selben Jahr in „Galaxy“ zu einem insgesamt positiven Urteil. Er bemängelte zwar die weitschweifigen wissenschaftlichen Passagen, lobte das Buch aber als „Schatzkammer der Details“ und großartige Leistung. Es setze „der Entwicklung des altmodischen englischen Romans eine Grenze“ und sei „ein erstrangiger Beitrag zu der reichen Abteilung der Phantasie in unserer Literatur“. Friedrich Spielhagen erkannte den Roman als einen der „bedeutendsten englischen Romane der Neuzeit“ an, kritisierte aber die Unübersichtlichkeit der Handlung.

Heute gilt Middlemarch unbestritten als einer der großen Romane der Weltliteratur. Richard Kämmerlings nannte ihn 2019 einen „Meilenstein der englischen Literaturgeschichte“. Der Literaturkritiker Sam Sacks vom „Wall Street Journal“ nannte ihn den großartigsten psychologischen Roman, der je in englischer Sprache geschrieben wurde. Der Kritiker George Scialabba bezeichnete den Schlusssatz des Romans über Dorothea als den bewegendsten der britischen Literaturgeschichte. Dieser Satz besagt, dass das Wohl der Welt zum Teil von unheroischen Taten abhänge und davon, dass viele „gewissenhaft im Verborgenen lebten und in vergessenen Gräbern ruhen“. Kritikerinnen wie Insa Wilke und E. S. Shaffer betonen die Aktualität des Buches. Eliot beschreibe das Leben in der englischen Provinz und treffe damit zugleich unser eigenes. 1994 verfilmte Anthony Page den Stoff fürs Fernsehen unter dem Titel George Eliots Middlemarch.

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