1860
Die Mühle am Floss
Überblick↑
Der Roman Die Mühle am Floss erschien 1860 und stammt von George Eliot, dem Pseudonym der Schriftstellerin Mary Ann Evans. Das Werk gliedert sich in sieben Teile, die die Verfasserin als „Bücher" bezeichnet. Im Mittelpunkt steht das Schicksal der Familie Tulliver, die eine alte Mühle an einem englischen Fluss besitzt, und vor allem das der jungen Maggie Tulliver. Der Roman wird der psychologischen Erzählkunst zugerechnet, weil er das Innenleben seiner Figuren mit großer Genauigkeit ausleuchtet.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In Mittelengland, in der Nähe der Hafenstadt St. Ogg's, liegt die Dorlcote Mill am Fluss Floss. Sie gehört seit Generationen der angesehenen Familie Tulliver. Der gegenwärtige Besitzer ist ein kluger und gutherziger, aber leicht aufbrausender Mann, der sich durch leichtsinnige Geldgeschäfte, Gerichtsprozesse und seinen Hass auf den Rechtsanwalt Wakem immer tiefer in Schwierigkeiten bringt. Seine Frau Bessie stammt aus dem Dodson-Klan, einer Sippe, die streng auf Anstand und Konvention achtet.
Die eigentliche Hauptfigur ist die Tochter Maggie, die mit ihrem Bruder Tom an der Mühle und am Fluss aufwächst. Tom ist nur mittelmäßig begabt und herrisch, hält aber unerschütterlich an seinen moralischen Grundsätzen fest. Maggie dagegen ist aufgeweckt, feinfühlig und liebesbedürftig; zugleich unterwirft sie sich bedingungslos dem verehrten älteren Bruder, während sie bei ihren Tanten ständig aneckt.
Als Tom bei einem Pfarrer Privatunterricht erhält, lernt er dort Philip Wakem kennen, den künstlerisch begabten, aber buckligen Sohn des verhassten Rechtsanwalts. Zwischen Maggie und Philip entsteht eine Freundschaft. Ein finanzieller Zusammenbruch stürzt die Tullivers bald in eine lange Leidenszeit. Aus dem unbeholfenen Mädchen wird unterdessen eine anziehende junge Frau, deren Herz zwischen Pflicht, Familienbindung und eigenen Gefühlen hin- und hergerissen wird.
Die Handlung im Detail↑
Die Dorlcote Mill am Floss befindet sich seit Generationen im Besitz der Familie Tulliver. Der jetzige Besitzer, Herr Tulliver, ist intelligent und gutherzig, aber leicht aufbrausend. Durch leichtsinniges Geldverleihen, durch Gerichtsprozesse und durch seinen Hass auf den Rechtsanwalt Wakem treibt er seinen Besitz in den Ruin, die Familie in die Armut und sich selbst in den vorzeitigen Tod. Seine Frau Bessie gehört zum bornierten, selbstgerechten Dodson-Klan, der streng auf die Wahrung der Konvention achtet und von den Frauen beherrscht wird.
Maggie Tulliver wächst mit ihrem Bruder Tom an der Mühle und am Fluss auf. Tom ist gefühlsarm und herrschsüchtig, dabei aber von festen sittlichen Grundsätzen geleitet. Maggie ist impulsiv, feinfühlig und liebesbedürftig und ordnet sich dem verehrten Bruder vollständig unter. Tom erhält bei einem Pfarrer zusammen mit Philip Wakem Unterricht, dem aufgeweckten, künstlerisch begabten, aber buckligen und schüchternen Sohn des Rechtsanwalts. Bei einem Besuch freunden sich Maggie und Philip an.
Nach dem finanziellen Ruin beginnt die Leidenszeit der Familie. Der Rechtsanwalt Wakem wird neuer Besitzer der Mühle, und Herr Tulliver muss für seinen verhassten Widersacher als Pächter arbeiten. Tom müht sich ab, um die Schulden der Familie abzutragen. Maggie, inzwischen zu einer attraktiven jungen Frau herangewachsen, knüpft erneut an die Verbindung zu Philip Wakem an, der sie fast wie eine Göttin verehrt. Tom zwingt seine Schwester brutal, diese Beziehung zu beenden; daraufhin sucht sich Maggie auswärts eine Stellung als Lehrerin.
Bei einem Besuch ihrer Freundin und Cousine Lucy Deane lernt Maggie deren Beinahe-Verlobten Stephen Guest kennen. Stephen und Maggie fühlen sich unwiderstehlich zueinander hingezogen, obwohl Stephen an der Verlobung mit Lucy festhalten will und Maggie sich Philip verpflichtet fühlt. Bei einer eigentlich harmlosen Bootsfahrt geraten Maggie und Stephen in den Augen der Gesellschaft von St. Ogg's ins Gerede. Maggie wird daraufhin geächtet. Nur Lucy und Philip, deren Hoffnungen sie zerstört hat, bringen ihr Verständnis entgegen. Tom, der inzwischen wohlhabend und wieder Besitzer der Mühle ist, weist sie aus dem Haus.
Schließlich wird das Tal des Floss von einer großen Flut heimgesucht. Maggie rettet in einem Boot zunächst ihren Bruder. Dann aber gehen beide, einander wieder versöhnt und in den Armen liegend, in den Fluten unter. Auf ihrem gemeinsamen Grabstein steht: „In ihrem Tode waren sie nicht getrennt."
Stil↑
Als psychologischer Roman lebt das Werk von der genauen Beobachtung des Seelenlebens seiner Figuren. George Eliot zeichnet ihre Gestalten nicht in Schwarz und Weiß, sondern mit allen Widersprüchen: der gutherzige, doch jähzornige Vater, der rechtschaffene, aber harte Bruder, die kluge und zugleich gehorsame Maggie. Gerade aus diesen inneren Spannungen entwickelt sich die Handlung.
Der Aufbau in sieben Büchern gibt dem Roman einen weiten Atem und lässt Raum, das Heranwachsen Maggies und Toms über viele Jahre zu verfolgen. Schauplätze und Ortsnamen wie die Dorlcote Mill und die Stadt St. Ogg's sind erfunden, wirken aber wie ein wirklicher Landstrich Mittelenglands. So entsteht das dichte Bild einer Provinzgesellschaft, in der Geld, Ansehen und strenge Sitten über Glück und Unglück des Einzelnen entscheiden.
Rezeption↑
Schon im Erscheinungsjahr 1860 fand der Roman rasch Verbreitung. Zeitgleich mit der britischen Erstausgabe brachte der Verlag Bernhard Tauchnitz in Leipzig eine englischsprachige Ausgabe heraus. Im deutschen Sprachraum ist das Werk später unter dem Titel Die Mühle am Floss erschienen, unter anderem in einer von Eva-Maria König übersetzten und kommentierten Ausgabe in Reclams Universal-Bibliothek.
Die nachhaltige Wirkung zeigt sich auch in zahlreichen Verfilmungen. Bereits 1915 entstand in den USA eine erste Leinwandfassung, 1936 folgte eine britische Verfilmung. Das britische Fernsehen griff den Stoff mehrfach auf, unter anderem in Mehrteilern der Jahre 1965 und 1978 sowie in einem Fernsehfilm von 1997. Dass der Roman bis heute Leser und Kritiker beschäftigt, belegt auch eine Besprechung von Kathryn Hughes, die anlässlich des 150. Jahrestags des Erscheinens 2010 in The Guardian erschien.
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