1749
Messias
Überblick↑
Mit dem Messias schuf Friedrich Gottlieb Klopstock das erste deutsche Versepos von europäischem Rang. Das Heldengedicht steht in zwanzig Gesängen und umfasst nahezu zwanzigtausend Verse. Es erzählt die Passion und Auferstehung Christi. Das Werk erschien in einem Zeitraum von fast einem Vierteljahrhundert: Die ersten Gesänge kamen 1749 heraus, der letzte erst 1773. Klopstock verwendet als erster Dichter der deutschen Literatur durchgehend den Hexameter. Damit knüpft er bewusst an die antiken Epen Homers an. Mit diesem Werk eröffnet er in Deutschland die Epoche der Empfindsamkeit.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Das Epos erzählt die letzten Tage Jesu nach den Berichten der Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas. Es setzt ein mit dem nächtlichen Gebet auf dem Ölberg. Von dort führt es über das Abendmahl, den Verrat des Judas, die Gefangennahme und das Verhör vor den Priestern bis zur Kreuzigung auf Golgatha und den Ereignissen danach.
Klopstock verknüpft den knappen biblischen Kern mit einem weit ausgreifenden kosmischen Geschehen. Über und neben den Menschen kämpfen Engel und Dämonen um die Seelen der Sterblichen. Im ersten Gesang reist der Bote Gabriel durch das Weltall zum Thron Jehovas. Im zweiten erscheint Satan im finsteren Reich der gefallenen Geister. Zusammen mit den anderen Dämonen beschließt er dort den Untergang des Messias. Von hier an verzahnen sich himmlische, höllische und irdische Handlung.
Neben Jesus treten viele Nebenfiguren auf: Maria, die Mutter, Jünger wie Petrus, Johannes und Thomas, die Schwestern des Lazarus, dazu erfundene Gestalten wie der reuige gefallene Engel Abbadona oder das junge Paar Cidli und Semidal. Über manches Geschehen berichten nicht die Beteiligten selbst, sondern ihre Schutzengel. Manches wird auch aus den Augen einer dritten Person geschildert. So entsteht ein vielstimmiges, mysterienspielhaftes Gewebe um den biblischen Kern.
Die Handlung im Detail↑
Im ersten Gesang betet Jesus nachts auf dem Ölberg. Er bittet den zürnenden Vater um Vergebung für die Sünden der Menschen, erinnert an den gemeinsamen Heilsplan und bietet sein „Blut der Versöhnung“ an, um das Ebenbild Gottes im Menschen neu zu schaffen. Der Bote Gabriel reist durch den ätherischen Strom hinauf zum Lichtzentrum des Himmels, übermittelt das Gebet und bringt die Antwort zurück: „Gott ist die Liebe und Erlöser der Menschen.“ Eingeflochten ist ein Hymnus auf die Erschaffung des Himmels und seiner Lichtgestalten.
Der zweite Gesang führt in die Gegenwelt. Jesus steigt mit dem Engel Raphael den Ölberg hinab, begegnet dem von Satan besessenen Samma, der aus Verzweiflung über den Tod eines Sohnes seinen jüngeren Sohn Benoni getötet hat und sich von einer Klippe stürzen will. Jesus vertreibt den Satan und befreit Samma. Satan flieht in die ewige Dunkelheit, zu den Dämonen Adramelech, Moloch, Belielel, Magog und „Tausendmal tausend“ verstoßenen Geistern. In ihrem Rat beschließen sie, die Menschen gegen Jesus aufzuhetzen, damit sie ihn töten. Satan und Adramelech machen sich auf den Weg zum Ölberg.
Im dritten Gesang stellen die Schutzengel dem Seraph Selia die Jünger vor. Ithuriel, der Engel des Judas, berichtet von dessen Eifersucht auf Johannes und befürchtet den Verrat. Satan sendet dem schlafenden Judas einen Traum: Der verstorbene Vater erscheint, klagt über die Zurücksetzung seines Sohnes und rät ihm, Jesus auszuliefern, um Geld zu erlangen und den Messias zu zwingen, endlich um die Macht zu kämpfen. Judas erwacht zerrissen, verflucht den Tag seiner Berufung und steht vor der unwiderruflichen Wahl zwischen Gut und Böse.
Im vierten Gesang sendet Satan auch dem Hohepriester Kaiphas einen Traum. Dieser beruft die Priester und Ältesten ein und fordert den Tod des falschen Messias. Es entbrennt ein heftiger Streit. Pharisäer und Sadduzäer geraten aneinander, Gamaliel mahnt zur Zurückhaltung, Nikodemus hält eine glühende Verteidigungsrede für Jesus und seine Botschaft. Die Versammlung schwankt, bis Judas erscheint, eine Belohnung annimmt und sich bereit erklärt, Jesus zu führen. Parallel sucht Maria mit Lazarus, dessen Schwestern und dem jungen Liebespaar Cidli und Semidal nach ihrem Sohn. Beim Abendmahl reicht Jesus dem Verräter ein Stück Brot „voll Freundschaft“ und gibt ihm zu verstehen, dass er ihn durchschaut. Judas verlässt zornig den Kreis. In einer Abschiedspredigt erklärt Jesus seine Mission: Er ist Gott und opfert sein Leben für die sündigen Menschen, um ihnen Auferstehung und ewiges Leben zu schenken.
Der fünfte Gesang führt ins Gebet von Gethsemane. Im sechsten und siebenten Gesang folgen Gefangennahme und Gericht; Petri Verleugnung wird aus der Perspektive Portias geschildert. Vom achten bis zehnten Gesang reicht die Kreuzigung. Der elfte Gesang berichtet von der Auferstehung der Toten beim Tod Jesu, der zwölfte von der Grablegung, der dreizehnte von der Auferstehung Jesu, der vierzehnte vom leeren Grab und seinen ersten Erscheinungen.
Vom fünfzehnten Gesang an weitet sich der Blick. Die Botschaft von der Auferstehung wird verkündet. Im sechzehnten Gesang ergeht das Gericht über Satan und seine Dämonen der Unterwelt. Der siebzehnte Gesang zeigt die Zeugen bei der Verkündigung, der achtzehnte gewährt Adam eine Vision vom Jüngsten Gericht. Im neunzehnten Gesang erscheint Jesus seinen Jüngern ein letztes Mal vor seiner Himmelfahrt. Der zwanzigste und letzte Gesang ist ein einziger Lobgesang der Scharen, die mit Jesus in den Himmel ziehen.
Eine eigene Linie zieht sich durch das ganze Epos: die Geschichte des gefallenen Engels Abbadona. Voll Reue sucht er sich dem leidenden Jesus und dem göttlichen Bezirk immer wieder zu nähern, vor allem im zweiten, fünften und neunten Gesang. Auch die Seelen der biblischen Urväter und Urmütter, der Propheten und Könige sowie die noch ungeborenen späteren Christen betreten die Szenerie wie in einem großen Mysterienspiel.
Stil↑
Klopstock schreibt sein Epos durchgehend im Hexameter. Damit führt er als erster das antike Versmaß Homers in die deutsche Dichtung ein. Den strengen Reim, der seit Martin Opitz die deutsche Dichtung beherrschte, schiebt er beiseite. So gewinnt er einen frei strömenden Rhythmus, in dem die Sprache sich weit entfalten kann.
Den hohen Ton des Hexameters verbindet er mit einer syntaktisch verschlungenen Rhetorik der Innerlichkeit und des Gefühls. Lange Perioden, ausgreifende Bilder, hymnische Anrufungen und ausgemalte transzendentale Szenen sollen suggestiv wirken. Das Lesen, mehr noch das laute Hören des Messias sollte nach Klopstocks Anspruch einem Erweckungserlebnis gleichkommen.
Auffällig ist auch die Erzähltechnik. Klopstock berichtet vieles indirekt, gespiegelt aus der Perspektive von Schutzengeln oder von Nebenfiguren. So lernt der Leser die Jünger zunächst durch die Augen der Engel kennen, die sich über sie austauschen. Die Verleugnung des Petrus erscheint aus dem Blick Portias. Bei den erdichteten Engels- und Höllenszenen beruft sich der Dichter auf seine Muse Sionitin, die Seherin Gottes. Beim Auftreten der vielen biblischen Personen setzt er die Kenntnis des Alten und Neuen Testaments selbstverständlich voraus.
Rezeption↑
Der Messias wurde im 18. Jahrhundert als religiöses Erbauungsbuch breit gelesen. Er entfaltete eine außergewöhnliche Wirkung auf die zeitgenössische Dichtung. Klopstock ist Wegbereiter und Impulsgeber der weiteren Literaturgeschichte. Er holt den Hexameter und freie Rhythmen in die deutsche Sprache. Damit lockert er den strengen Reimgebrauch der opitzschen Schule und schafft dem dichterischen Wort einen neuen Spielraum.
Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Hölderlin greifen die neuen freien Rhythmen auf und bauen auf der Sprachform weiter, die Klopstock erschlossen hat. Inhaltlich eröffnet der Messias in Deutschland die Epoche der Empfindsamkeit. In ihr rücken die Innerlichkeit und das Gefühl ins Zentrum der Literatur. Das Werk wurde zum Vorbild für eine ganze Reihe von Messiaden, also von Christusepen, die im 18. Jahrhundert in seiner Nachfolge entstanden.
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