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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Gregorius
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Cover Gregorius
Gregorius
1190
– Werkseintrag –

Gregorius

1190 · Versepos

Ein Kind aus verbotener Liebe wächst zum Ritter heran, gerät unwissend in noch tiefere Schuld – und findet doch durch Reue den Weg zurück zu Gott.

Überblick

Die Verslegende Gregorius, auch Der gute Sünder genannt, ist eine der bekannteren Dichtungen Hartmanns von Aue. Sie entstand vermutlich um 1186 bis 1190 in mittelhochdeutscher Sprache und geht auf eine französische Vorlage eines unbekannten Verfassers zurück. Erzählt wird das Leben eines Mannes, der in schwere Schuld gerät und doch am Ende Erlösung findet. Das Werk verbindet die Form der höfischen Ritterdichtung mit der frommen Heiligenlegende und stellt eine grundsätzliche Frage: Kann selbst schwere Sünde durch aufrichtige Reue und Buße getilgt werden?

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein einleitender Teil stellt allgemeine Gedanken über Schuld und Buße voran. Mit Nachdruck warnt der Dichter davor, an der Gnade Gottes zu verzweifeln, und erinnert an das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Die Erzählung selbst beginnt mit der Vorgeschichte: Der Herr des Landes Aquitanien muss nach dem Tod seiner Frau zwei Kinder allein großziehen, einen Sohn und eine Tochter. Aus dieser Geschwisterbeziehung geht ein Kind hervor, das später den Namen Gregorius trägt. Weil seine Herkunft schwer belastet ist, wird der Säugling in einem Kasten ausgesetzt und auf dem Meer Gottes Willen überlassen. Beigelegt werden ihm etwas Gold und eine Tafel, die seine vornehme Abstammung bezeugt.

Der Knabe wird an eine Insel getrieben, von einem Abt aus dem Wasser gezogen und in einer Fischerfamilie aufgezogen. Der Geistliche tauft ihn und sorgt für eine gründliche Bildung. Doch der Heranwachsende will nicht ins Kloster eintreten, sondern Ritter werden. Als junger Kämpfer befreit er eine Stadt von einem Belagerer und gewinnt damit die Hand ihrer Herrin. Damit beginnt eine Verstrickung, deren Tragweite sich erst allmählich enthüllt.

Die Handlung im Detail

Im Vorspruch entfaltet Hartmann seine Gedanken über Sünde und Vergebung. Eindringlich warnt er vor der Verzweiflung an Gottes Gnade und stellt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in den Mittelpunkt, das er mit weiteren biblischen Bildern und ihrer zeitgenössischen Deutung verbindet.

Die eigentliche Geschichte setzt mit den Eltern ein. Der Herr des Landes Aquitanien zieht nach dem Tod seiner Gattin seine beiden Kinder allein auf. Als er selbst unerwartet auf dem Sterbebett liegt, befällt ihn die Reue, die Tochter nicht versorgt zu haben, und er vertraut ihr Wohl dem Sohn an. Nicht zuletzt durch die Einflüsterungen des Teufels kommt es zwischen den Geschwistern zum Beischlaf. Daraus geht der Knabe hervor, der später Gregorius heißt. Auf den Rat eines väterlichen Freundes wird das Kind in einen Kasten gelegt und in einem Kahn aufs Meer geschickt – Gott überlassen, der es zugrunde gehen lassen oder an ein fernes Ufer treiben möge, wo es Rettung fände. Dem Knaben werden zwanzig Mark Gold und eine Tafel beigegeben, die seine edle Herkunft bezeugt. Der Bruder zieht unterdessen auf einen Kreuzzug und stirbt dort.

Der Kasten wird an eine Insel getrieben. Der Abt eines Klosters zieht das Kind aus dem Wasser, gibt es in die Obhut einer Fischerfamilie, tauft es selbst und sorgt für seine Erziehung. Trotz umfangreicher Bildung und mancher Überredungskunst des Abtes will der Heranwachsende kein Geistlicher werden, sondern Ritter. Dazu trägt bei, dass er von seiner sündigen Herkunft erfährt. Beim Verlassen des Klosters wird ihm die Tafel mit dem Zeugnis seiner Abstammung übergeben.

Als junger Ritter befreit Gregorius eine Stadt von einem Belagerer. Deren Herrin, eine allein regierende Frau, hatte das Begehren eines Herzogs geweckt. Sie ist die Mutter des Gregorius. Um seine Ehre bemüht, stellt er sich dem Zweikampf, besiegt den Belagerer und nimmt die Herrin zur Frau – so wird seine Mutter zugleich seine Gattin. Eine Magd bemerkt, dass der neue Herr täglich heimlich über die Tafel weint, und verrät dies ihrer Herrin. So erfährt die Frau, dass sie Mutter und Gattin desselben Mannes ist.

Für die Mutter ist die Schuld eine Wiederholung, und die Reue verlangt nun härtere Buße. Sie nimmt den Schleier und verzichtet auf Hab und Gut. Gregorius zieht sich auf einen Felsen zurück, wo ihn ein Fischer anketten muss. Siebzehn Jahre währt diese außergewöhnlich strenge Buße. Nach dem Tod des Papstes in Rom erscheint Gott zwei Kardinälen, die als Nachfolger im Gespräch sind, und verkündet ihnen, er habe einen heiligen Mann zum nächsten Papst bestimmt, der auf einer Insel in Aquitanien lebe. Der Erwählte wird gesucht und gefunden. Es folgen die Reise nach Rom, die Krönung zum Papst und schließlich die Lossprechung der Mutter. Ein abschließender Teil zieht die Lehre der Geschichte und wehrt falsche Schlüsse ab.

Stil

Verfasst ist das Werk in mittelhochdeutschen Reimversen, in der Form der höfischen Versdichtung. Eine kunstvolle Rahmung umschließt die Handlung: Ein theologisch geprägter Vorspruch eröffnet die Dichtung, ein deutender Nachspruch beschließt sie. Beide verleihen der spannungsreichen Erzählung den Charakter einer geistlichen Lehre.

Hartmann durchwebt die ritterliche Handlung mit biblischen Bezügen. Das aussetzende Kind auf dem Wasser ruft Erinnerungen an Jona und stärker noch an Moses wach, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter prägt den Grundgedanken von Schuld und Erbarmen. So verbindet das Werk die Welt des höfischen Ritters mit der frommen Heiligenlegende. Zentrale Begriffe wie die Verzweiflung an der Gnade oder die vermessene Selbstüberhebung ordnen das Geschehen in ein theologisches Deutungsgerüst ein.

Rezeption

Erhalten ist das Werk in sechs Handschriften und fünf Fragmenten aus der Mitte des 13. bis ins 15. Jahrhundert, die meist dem oberdeutschen Sprachraum entstammen. Nur von Iwein sind unter den Werken Hartmanns mehr Textzeugen überliefert. Die vollständigen Abschriften finden sich in Sammelhandschriften, die höfische Epen mit geschichtlich-heilsgeschichtlichem Stoff vereinen; ab dem 14. Jahrhundert tritt die Erzählung auch neben Legenden und geistliche Texte. Dass der Stoff stets unter Werken stand, die man für wahr hielt, gilt als Hinweis darauf, dass auch die Gregorius-Geschichte als wirkliches Geschehen aufgefasst wurde.

Bis 1450 wurde der Stoff in drei lateinischen und zwei deutschen Bearbeitungen weitergegeben. Bedeutend sind die Gesta Gregorii Peccatoris des Abtes Arnold von Lübeck, entstanden zwischen 1210 und 1213 im Auftrag eines welfischen Herzogs; Arnold veränderte vor allem die theologischen Aussagen des höfischen Dichters. Über die Beispielsammlung Gesta Romanorum verbreitete sich der Stoff in ganz Europa; über die volkstümliche Legendensammlung Der Heiligen Leben gelangte die Erzählung bis in die Welt des Volksbuches.

Mit der Romantik erwachte das Interesse an den alten Volksbüchern neu: 1839 nahm Karl Simrock den Stoff in eine Sammlung auf. Franz Kugler formte ihn 1832 zu einer Ballade, die Carl Loewe für Gesang und Klavier vertonte. Die wohl wirkungsvollste neuere Bearbeitung ist Thomas Manns Roman Der Erwählte aus dem Jahr 1951. Aus beiden Quellen erarbeitete das Düsseldorfer Theater der Klänge 2004 eine Bühnenfassung, die 2012 verfilmt wurde. Die wissenschaftliche Ausgabentradition reicht bis zu Karl Lachmanns Edition von 1838 zurück.

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