1823
Grażyna
Überblick↑
Das Versepos Grażyna von Adam Mickiewicz erschien 1823 als Teil des zweiten Bandes seiner Gedichtsammlung Poezje. Mickiewicz selbst gab ihm den Untertitel „eine litauische Erzählung" und ordnete es damit der poetischen Erzählung zu. Das Werk gehört zu den frühen Dichtungen Mickiewiczs und ist im Stoff eng mit seinem fünf Jahre später veröffentlichten Konrad Wallenrod verwandt. Es spielt im heidnischen Litauen, in der Gegend von Nowogródek, der Heimat des Dichters, und verbindet einen heroischen Stoff mit dem Bild einer Frau, die Schönheit und Heldenmut in sich vereint. Zugleich knüpft es an eine frühere kleine Erzählung Mickiewiczs an, Żywila von 1819.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht ein fürstliches Paar im alten Litauen: Litawor und seine Gemahlin Grażyna. Ihren Namen erfand der Dichter eigens für das Werk, abgeleitet vom litauischen Wort graži, „die Schöne". Grażyna gilt als eine der schönsten unter den Töchtern des Niemen-Landes, und ihre Schönheit zeigt sich nicht nur im Äußeren, sondern ebenso in sittlicher Vollkommenheit, ritterlicher Tugend und mutigem Handeln.
Die Handlung kreist um einen Zwist, in den Litawor verstrickt ist, und um eine tapfere Tat, die im Namen des Gemeinwohls vollbracht wird – einer Sache, die höher steht als das eigene Interesse. Wer mit Homers Ilias vertraut ist, erkennt das zugrunde liegende Muster: Der zürnende Litawor entspricht der Gestalt des Achilles, Grażyna der des Patroklos, der an dessen Stelle in den Kampf zieht. Das Schicksal der Ehe von Grażyna und Litawor nimmt dabei einen tragischen Verlauf, dessen genauer Ausgang sich erst gegen Ende des Gedichts klärt.
Die Handlung im Detail↑
Das Geschehen ist im heidnischen Litauen angesiedelt, in der Welt der alten Sitten und Überlieferungen rund um Nowogródek. Litawor, ein litauischer Fürst, gerät in einen Konflikt – einen Streit, der ihn in Zorn und Zwietracht treibt. In dieser Haltung des Grolls erinnert er an den erzürnten Achilles aus Homers Ilias, der sich dem Kampf verweigert.
An seine Stelle tritt Grażyna. Wie Patroklos, der einst für den untätigen Achilles in die Schlacht zog, vollbringt sie die tapfere Tat, vor der ihr Gemahl zurücksteht. Ihr Handeln geschieht im Namen einer höheren, allgemeinen Sache, die über dem persönlichen Eigeninteresse steht – eine Frau „von Anmut, doch von heldischem Geist". Aus dieser Vertauschung der Rollen erwächst das tragische Schicksal der Ehe von Grażyna und Litawor.
Das Gedicht erzählt diese Geschichte in geordneter, zeitlich fortschreitender Folge und löst die zunächst verwickelt erscheinenden Umstände nach und nach auf. An den Haupttext schließen sich ein in Versen gehaltener Epilog des „Herausgebers" sowie Anmerkungen des Autors an. In diesem Epilog tritt Mickiewicz für einen Augenblick in der Rolle eines Herausgebers auf, der die Handschrift „nach einem Verstorbenen" übernommen habe und sie durch die Berichte der Bewohner von Nowogródek ergänze. Diese Zusätze runden das Werk ab und beleuchten das Geschehen noch einmal aus der Sicht der Überlieferung.
Stil↑
Klassizistische Klarheit prägt die Form des Werks. Obwohl Mickiewicz seine Dichtung „litauische Erzählung" nannte und damit in die Nähe der romantischen poetischen Erzählung rückte, fehlen ihr die typischen Merkmale dieser Gattung. Statt kompositorischer Freiheit und bruchstückhafter Handlung herrschen geschlossene Form, klare Grenzen und ein folgerichtiger Aufbau aus Ursache und Wirkung. Die Handlung verläuft chronologisch, Unklarheiten werden aufgelöst, das Geschehen wird greifbar gemacht. Den für die romantische Versdichtung kennzeichnenden byronischen Helden lässt Mickiewicz ebenso weg wie das psychologische Dunkel um die Beweggründe der Figuren.
Zugleich rührt der Dichter an die überlieferten Vorstellungen vom Epos. Die klassische Geschlossenheit wird durch eine gewisse Unvollständigkeit des Haupttextes aufgebrochen, die erst der abschließende Epilog des Herausgebers ergänzt. Die Gestalt des allwissenden Erzählers tritt zurück; verschiedene, oft unvollständige oder einander widersprechende Sichtweisen kommen zu Wort, und im Epilog erhält sogar die einfache Menge eine Stimme. Damit setzt das Werk eine Linie fort, die Mickiewicz schon in den Ballady i romanse verfolgt hatte.
Die Sprache ist altpolnisch eingefärbt und im Geist des sechzehnten Jahrhunderts stilisiert. Aus dem Bemühen, die alten Sitten und die Überlieferung des heidnischen Litauen zu erkunden, ist eine Art „archäologisches Gedicht" entstanden, angeregt auch von der damaligen Vorliebe für Epen im Stil Torquato Tassos. Mieczysław Jastrun urteilte, das Werk vereine „klassische Helle mit romantischem Schatten"; im Ganzen steht sein Stil den strengen Regeln des Klassizismus des achtzehnten Jahrhunderts näher als der neuen romantischen Dichtung. Dennoch finden sich Spuren der Doktrin von „Gefühl und Glaube", etwa in einer Sprache, die anschaulicher und natürlicher ist, als es die klassische Eleganz sonst zulässt. Der angefügte Epilog und die Anmerkungen dienten dazu, die erzählte Geschichte glaubwürdig erscheinen zu lassen, und greifen den damals beliebten Kunstgriff der „gefundenen Handschrift" auf, bekannt etwa aus den Gesängen Ossians oder der Handschrift von Saragossa.
Rezeption↑
Geschätzt wurde das Werk vor allem wegen seiner ästhetischen Vorzüge: der formalen Vollkommenheit und des Anklangs an die altpolnische Sprache. Bei der älteren Generation fand auch der klassizistische Charakter Anerkennung; ein Professor namens Borkowski lobte Mickiewicz dafür, während er die übrigen, der neuen romantischen Schule verpflichteten Dichtungen des Bandes tadelte. Maurycy Mochnacki ging in seiner literaturkritischen Abhandlung über die polnische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts auf das Werk ein.
Verbreitet war das Urteil, mit diesem Gedicht und mit der Versdichtung Maria besitze die polnische Literatur bereits eine eigenständige Stimme. Auch spätere Betrachter, darunter Mieczysław Jastrun in seiner Mickiewicz-Studie, schlossen sich der hohen Wertschätzung an, ebenso Stimmen der westlichen, besonders der französischen Kritik. An den Stoff erinnert ein Denkmal für Grażyna und Litawor in Krakau.
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