1807 – 1896
Anton Philipp Reclam
Kurzbiografie↑
Anton Philipp Reclam war ein Leipziger Verleger und Buchhändler, der mit billigen Büchern die Literatur in breite Schichten trug. 1828 erwarb er in Leipzig das „Literarische Museum“, eine Leihbibliothek mit Buchhandlung, und schloss ihr einen Verlag an. Seit 1837 führte er die Firma unter dem Namen „Philipp Reclam jun.“. In den 1840er Jahren galt er als entschiedener Gegner der Zensur und wurde deswegen vor Gericht gestellt. 1867 begründete er die „Universal-Bibliothek“, eine preiswerte Reihe klassischer Texte, die bis zu seinem Tod auf nahezu 3.500 Nummern anwuchs.
Biografie↑
Geboren wurde Anton Philipp Reclam am 28. Juni 1807 in Leipzig. Seine Familie war evangelisch reformierten Glaubens. Sie war aus Savoyen über Genf nach Berlin gekommen. Der Vater Carl Heinrich Reclam (1776–1844) betrieb seit 1802 in Leipzig eine Buchhandlung und einen Verlag. Die Mutter Wilhelmine, geboren 1783, stammte aus der Familie Campe. Über sie war Reclam mit mehreren bekannten Buchleuten verwandt. Der Pädagoge und Verleger Joachim Heinrich Campe war ein Großonkel. Der Nürnberger Buchhändler Friedrich Campe und der Hamburger Verleger Julius Campe waren Onkel. Der Mediziner Karl Heinrich Reclam war sein Bruder.
Auf Betreiben des Vaters begann Reclam 1823 eine Buchhändler- und Buchdruckerlehre in Braunschweig, in der Firma „Friedrich Vieweg & Sohn“ seines Onkels Friedrich Vieweg. Dieser führte dort die früher von Joachim Heinrich Campe geleitete Schulbuchhandlung weiter. Reclam arbeitete sowohl im Verlagsbereich als auch in der Buchdruckerei und in der Schriftgießerei.
Mit Unterstützung des Vaters erwarb Reclam 1828 in Leipzig das „Literarische Museum“, eine 1795 von Johann Gottlieb Beygang eröffnete Leih- und Lesebibliothek mit Buchhandlung. Binnen weniger Jahre machte er daraus einen Treffpunkt, der über die Messestadt hinaus bekannt war. Schon seit Oktober 1828 betrieb er in Verbindung mit der Bibliothek auch einen Verlag, dem er sich zunehmend widmete. Zum 1. Juli 1837 verkaufte er das „Literarische Museum“ an Albert Franz Ludwig Schiller und Johann Ernst Adolf Robitzsch. Von da an firmierte er unter dem Namen „Philipp Reclam“ und fügte das Kürzel „jun.“ hinzu, um Verwechslungen mit der väterlichen Firma zu vermeiden. 1839 kaufte er die W. Haacksche Buchdruckerei in Leipzig. Zunächst arbeitete sie für fremde Auftraggeber, dann stellte sie auch eigene Verlagstitel her.
Das Programm umfasste Unterhaltendes und Klassisches, dazu Zeitschriften wie „Charivari“. In den 1830er und 1840er Jahren trat Reclam als Mitverfasser zahlreicher Resolutionen und Denkschriften hervor. Die NDB nennt ihn einen der engagiertesten Zensurgegner. Er zeigte offen Sympathie mit den polnischen Freiheitskämpfern. Mehrfach nahm er Titel in sein Programm auf, die ihn mit der Obrigkeit in Konflikt brachten. Ab dem 5. Oktober 1842 verlegte er die Wochenzeitschrift „Locomotive, Allgemeine Intelligenz-Zeitung für Deutschland“. Herausgeber war Friedrich Wilhelm Held (1813–1872). Das Blatt brachte kritische und satirische Beiträge aus Politik, Wirtschaft und Kultur und fand bald viele Abonnenten. Nach dem 21. Juni 1843 fiel es der Zensur zum Opfer: Reclam wurde die Konzession entzogen, Held aus Leipzig ausgewiesen.
Schwer wog der Streit um die von Reclam verlegte Übersetzung des religionskritischen Buches Zeitalter der Vernunft von Thomas Paine. 1846 wurde sein Verlag für Österreich verboten, und in Leipzig stand er wegen öffentlicher Herabsetzung der Religion vor Gericht. Er wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Angetreten hat Reclam die Strafe nicht. Die geänderte Pressegesetzgebung nach der Revolution von 1848/49 und die Aufhebung der entsprechenden Urteile bewahrten ihn davor.
Nach der Revolution pflegte Reclam ein gemischtes Programm: Liedersammlungen, Klavierauszüge von Opern, Bibelausgaben, antike Klassiker und Wörterbücher. Er setzte dabei auf fortschrittliche Technik, etwa die Stereotypie, und bemühte sich um hohe Auflagen bei niedrigen Kosten. In den 1850er Jahren erschien eine Ausgabe der Werke Shakespeares in zwölf Bänden. Der sehr niedrige Preis machte sie zum Verkaufserfolg; mehrere Auflagen gingen in wenigen Jahren ab. 1862 bezog Reclam ein neues Geschäftshaus. Ein Jahr darauf trat sein Sohn Hans Heinrich in die Firma ein, 1868 wurde er Teilhaber.
Die entscheidende Gelegenheit kam am 9. November 1867: Werke von Autoren, die mindestens dreißig Jahre tot waren, wurden frei nachdruckbar. Reclam gründete daraufhin die „Universal-Bibliothek“, eine preiswerte Taschenbuchreihe, an der sein seit 1863 in der Firma tätiger Sohn mitwirkte. Angekündigt wurde „ein Erscheinen sämtlicher classischer Werke unserer Literatur“, dazu „die besten Werke fremder und todter Literaturen … in guten deutschen Übersetzungen“ sowie Werke, „die sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreuen“. Den Anfang machte Goethes Faust. Der erste Teil begann mit 5.000 Exemplaren; schon vier Wochen später wurde nachgedruckt. Als Nummer 3 erschien Lessings Nathan der Weise. Bereits 1868 lagen über 100 Nummern vor, bis zu Reclams Tod nahezu 3.500. Mitte der 1880er Jahre entstand im Graphischen Viertel Leipzigs ein neuer Gebäudekomplex auf einem 15.000 Quadratmeter großen Gelände, der später nochmals erweitert wurde.
Verheiratet war Reclam mit Auguste Susanne Baumann (1818–1865). Aus der Ehe ging der Sohn Hans Heinrich (1840–1920) hervor, der den Verlag nach dem Tod des Vaters weiterführte. Anton Philipp Reclam starb am 5. Januar 1896 im Alter von 88 Jahren in Leipzig. Seine Urne wurde im Reclamschen Erbbegräbnis auf dem Neuen Johannisfriedhof beigesetzt und 1965 nach Stuttgart überführt. Der Sarkophag des Familiengrabs kam auf den Alten Johannisfriedhof in das dortige Lapidarium.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Reclams Arbeit war nicht das eigene Schreiben, sondern die Art, wie er Bücher machte und verkaufte. Billig, in hoher Auflage, technisch auf dem neuesten Stand: Dafür nutzte er seit 1839 eine eigene Druckerei. Zudem setzte er die Stereotypie ein. Bei diesem Verfahren werden ganze Seiten als feste Platten gegossen und können so immer wieder nachgedruckt werden.
Sein Programm war bewusst gemischt. Unterhaltendes stand neben Klassischem, Liedersammlungen und Klavierauszüge neben Bibelausgaben, antiken Klassikern und Wörterbüchern. Kennzeichnend war die durchgängige Stereotypie der Titel. Hervorzuheben sind darunter die von Koch herausgegebenen lateinischen und griechischen Klassikerausgaben und Mühlmanns weitverbreitetes lateinisches Schulwörterbuch. Als Vorläufer der billigen Klassiker-Ausgaben gelten die Werke Shakespeares, die einen großen Absatz erzielten.
Dazu kam ein politischer Zug. In den 1830er und 1840er Jahren verlegte Reclam antirestaurative und antihabsburgische Schriften und schrieb an Resolutionen und Denkschriften gegen die Zensur mit. Die „Locomotive“ lebte von kritischen, satirischen Mitteilungen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Dieser aus dem Vormärz stammende soziale Antrieb verband sich später mit der Bildungstradition der Goethezeit und mit Geschäftssinn. Genau diese Mischung machte die „Universal-Bibliothek“ aus: Weltliteratur zu wohlfeilen Bedingungen.
Rezeption↑
Erfolg hatte Reclam schon mit dem „Literarischen Museum“, das er innerhalb weniger Jahre zu einem auch außerhalb Leipzigs bekannten Treffpunkt machte. Die „Locomotive“ erreichte bald eine hohe Abonnentenzahl. Die zwölfbändige Shakespeare-Ausgabe der 1850er Jahre fand wegen ihres sehr niedrigen Preises massenhafte Nachfrage.
In der zweiten Jahrhunderthälfte erlebte die Firma „Philipp Reclam jun.“ nach Darstellung der Neuen Deutschen Biographie einen enormen Aufschwung. Die „Universal-Bibliothek“ gilt dort als verlegerisches Glanzstück. Sie war 1867 nicht die einzige Niedrigpreisreihe und Klassiker-Edition auf dem deutschen Buchmarkt, blieb aber prägend. Das Wachstum lässt sich an Zahlen ablesen: 1868 über 100 Nummern, bis zu Reclams Tod nahezu 3.500, dazu ab Mitte der 1880er Jahre ein weitläufiger Gebäudekomplex im Graphischen Viertel.
Die Nachwirkung zeigt sich auch an der Aufmerksamkeit der Verlags- und Buchhandelsgeschichte. Reclam ist in der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1907, in der Neuen Deutschen Biographie von 2003 und in der Sächsischen Biografie verzeichnet. Zum Verlag erschien 1958 die Darstellung von A. Meiner, 1967 arbeitete H. Marquardt zum hundertjährigen Bestehen der „Universal-Bibliothek“, und D. Bode gab 1978 sowie 1992 Bände zur Verlagsgeschichte heraus. Der Zensur- und Kriminalfall um Das Zeitalter der Vernunft wurde 1998 von V. Titel und F. Wagner eigens untersucht.
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