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Die Bekenntnisse
1782
– Werkseintrag –

Die Bekenntnisse

1782 · Autobiografie

Ein Mann erzählt sein Leben ohne Beschönigung und macht die rückhaltlose Selbstbetrachtung zur Sache der Literatur.

Überblick

Das Werk Die Bekenntnisse ist die Autobiografie von Jean-Jacques Rousseau. Er schrieb sie zwischen 1764 und 1770 nieder. Veröffentlicht wurde sie erst nach seinem Tod, zwischen 1782 und 1789. In großer Offenheit beschreibt Rousseau an seinem eigenen Beispiel die ganze Bandbreite dessen, was ein Mensch sein kann. „Nichts ist mir so unähnlich wie ich selbst, sodass es sinnlos wäre, mich anders als durch meine Mannigfaltigkeit definieren zu wollen", heißt es darin. Auf diese Weise zeigte Rousseau das Spannungsfeld zwischen dem einzelnen Menschen und der Gesellschaft in einem neuen Licht. Damit leistete er einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung.

Inhalt (ohne Spoiler)

Erzählt wird ein Leben von der Geburt an, Schritt für Schritt in zeitlicher Folge. Rousseau schildert seine Kindheit in Genf als Sohn eines Uhrmachers, den frühen Tod der Mutter und eine Jugend ohne Schule, in der er Lesen und Schreiben eher zufällig lernte. Mit sechzehn Jahren verlässt er die Stadt ohne festes Ziel und beginnt ein Wanderleben.

Von Station zu Station lebt er bei zunächst fremden Menschen, die ihn auf Empfehlung früherer Gastgeber aufnehmen. Er arbeitet als Hauslehrer, Musiker und Unterhalter und bildet sich aus eigenem Antrieb weiter. Mit Charme und Geist versteht er es, einflussreiche Leute für sich zu gewinnen. Eine besondere Rolle spielt eine mütterliche Freundin, Madame de Warens, zu der er immer wieder zurückkehrt.

Rousseau verschweigt dabei nichts, was ihn in den Augen anderer beschädigen könnte. Offen spricht er über seine Empfindsamkeit, seine eigenwillige Sinnlichkeit und kleine Vergehen. Auch seine innere Unruhe verschweigt er nicht, die ihn ständig zwischen geistiger Arbeit und ziellosem Umherschweifen hin- und hertreibt. Zwischen die Lebensszenen flicht er immer wieder grundsätzliche Überlegungen ein. So entsteht das Bild eines Menschen, der sich selbst rückhaltlos zu durchleuchten versucht.

Die Handlung im Detail

Aufgebaut ist das Buch durchgängig nach der zeitlichen Folge des Lebens, von der Geburt bis ins Erwachsenenalter. Rousseau folgt den einzelnen Stationen und schildert dabei stets auch seine oft sehr feinfühligen Reaktionen auf Menschen, Ereignisse und Dinge.

Das erste Buch (1712–1719) behandelt Kindheit und Jugend. Sein Vater Isaac Rousseau, ein Uhrmacher, war in Genf geboren und hatte nach Auslandsaufenthalten (u. a. in Konstantinopel) Suzanne Bernard geheiratet, die Tochter eines Pastors. Die Mutter starb neun Tage nach der Geburt des Sohnes. Ein halbes Jahr lang zog ihn die Schwester des Vaters auf, danach lebte er längere Zeit in Pflegefamilien. Lesen und Schreiben lernte er beiläufig; der Vater las mit ihm Plutarch. Eine Schule besuchte er nie. Bemerkenswert ist die Schilderung einer Prügelstrafe, die er mit acht Jahren von der Schwester des Pfarrers Lambercier erhielt: Sie erschreckte ihn weniger, als sie ihn erregte. Daran knüpft Rousseau Überlegungen über die Verbindung von Sinnlichkeit und Unterwerfung. Nach abgebrochenen Lehren als Gerichtsschreiber und Graveur verlässt er mit sechzehn Jahren Genf, nachdem er mehrfach zu spät vor dem abendlich geschlossenen Stadttor gestanden hatte.

Das zweite Buch (1728) erzählt vom Beginn der Wanderschaft. In Annecy trifft er Madame de Warens, eine mütterliche Freundin, die sich um Übertritte zum katholischen Glauben kümmerte. Mit Empfehlungsbriefen ausgestattet wandert er nach Turin, wo er selbst katholisch wird und sich platonisch in eine gewisse Frau Basile verliebt. In diese Zeit fällt ein kleiner Diebstahl, den er einer jungen Frau in die Schuhe schieben kann und den er später tief bedauert. Hier zeichnet sich der Rhythmus seines Lebens ab: aufgenommen werden, sich nützlich machen, sich nebenbei weiterbilden und neue Fähigkeiten erwerben.

Das dritte Buch (1728–1730) beginnt mit einer offenen Schilderung seiner verstörten Sinnlichkeit. Nach mehreren Stationen kehrt er zu Madame de Warens zurück, spürt aber bereits, dass dieses süße Leben nicht dauern kann. Diese innere Unruhe wird zum Leitmotiv. Sie macht ihn zugleich zum Schriftsteller: Schreiben gelingt ihm nur auf Spaziergängen oder nachts im Bett, nie am Tisch. Von einer Reise nach Lyon zurückgekehrt, findet er Madame de Warens nicht mehr vor, denn sie ist nach Paris abgereist.

Das vierte Buch (1730–1731) zeigt ihn allein und in den Tag hinein lebend. Er stellt jungen Damen aus den besseren Kreisen nach, arbeitet in Lausanne als Gesangslehrer, begleitet einen Hochstapler quer durch die Schweiz, bis der Schwindel auffliegt. Schließlich überredet ihn „Mama", wie er Madame de Warens nennt, eine geregelte Arbeit als Landvermesser anzunehmen.

Das fünfte Buch (1731–1735) erzählt, wie ihn die geregelte Arbeit im Grundbuchamt bald nicht mehr fesselt. Er lernt Arithmetik und Botanik und widmet sich der Musik. Madame de Warens schlägt ihm eine Liebesbeziehung vor und gibt ihm acht Tage Bedenkzeit. Hin- und hergerissen lässt er sich darauf ein. Später erkrankt er ernsthaft an der Lunge und zieht mit ihr auf das Landgut Charmettes bei Chambéry.

Das sechste Buch (1736–1741) nennt er die kurze Spanne seines Lebensglücks. Er schildert sich in den Jahren zwischen 24 und 29: leidend an Magenschmerzen, mit Wasserkuren heilend, über Religion sinnierend und sich aus Büchern in Philosophie, Geometrie, Latein und Astronomie weiterbildend. Eine vermutete Herzkrankheit treibt ihn auf Reisen durch Südfrankreich. Zurück in Chambéry findet er bei Madame de Warens einen neuen Liebhaber vor. Als Erzieher zweier Söhne des Herrn de Mably in Lyon macht er sich erste Gedanken über Erziehung, die später in sein Buch Émile einfließen. Schließlich beendet er die Beziehung zu Madame de Warens. Damit endet der erste Teil der Autobiografie.

Das siebte Buch (1741–1749) entstand erst zwei Jahre später und eröffnet den zweiten Band. Rousseau schildert sein Leben in Paris, wo er seit 1742 wohnt. Den Kontakt zur gelehrten Welt knüpft er, indem er der Académie des Sciences ein neues, auf Zahlen beruhendes Notensystem vorstellt.

Stil

Geschrieben ist das Werk in strenger zeitlicher Folge. Rousseau geht die Stationen seines Lebens der Reihe nach durch. Die Schilderung der Ereignisse verbindet er immer wieder mit grundsätzlichen Überlegungen. Die Erzählung der eigenen Erlebnisse und das Nachdenken darüber gehen so ineinander über.

Bestimmend ist eine bis dahin ungewohnte Offenheit. Rousseau betrachtet sich selbst kritisch und unterschlägt nichts, was ihm in den Augen anderer schaden könnte. Er beschreibt seine feinfühligen, oft heftigen Reaktionen auf Menschen und Dinge. Auch vor peinlichen oder lächerlichen Einzelheiten scheut er nicht zurück. „Nicht das Verbrecherische ist am schwersten zu sagen, sondern das Lächerliche und Schimpfliche", heißt es bei ihm.

Einen verwandten Plan hatte schon Michel de Montaigne verfolgt. Er stellte sich selbst ins Zentrum seines Buches und schrieb: „Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buches." Montaigne tat dies aus der Haltung eines skeptischen Beobachters, der an der Möglichkeit sicheren Wissens zweifelte. Rousseau dagegen verband die Selbstkritik mit der Kritik an der Gesellschaft.

Rezeption

Seit dem Erscheinen ist das Buch bis heute in zahllosen Ausgaben gedruckt worden, einige davon gekürzt. Auch in viele Sprachen wurde es übersetzt. Schon Rousseaus Zeitgenossen empfanden es selbst in den entschärften Fassungen als provozierend. Gerade deshalb wurde es aber auch begeistert gelobt. Auf bis dahin unerhörte Weise legte Rousseau seine Schwierigkeiten im Umgang mit der Gesellschaft offen und gab dabei sehr persönliche Einzelheiten preis.

Mit dieser offenen Haltung wurde er zum Vorbild für viele spätere Autoren, die sich in ihren Werken schonungslos über sich selbst geäußert haben. Genannt werden unter anderem Friedrich Hebbel, Henry Miller, George Simenon, Charles Bukowski, Michel Houellebecq, Witold Gombrowicz, Fritz Raddatz, Emmanuel Carrère und Karl Ove Knausgård. Bis heute gilt das Werk als Maßstab für alle, die fähig sind, sich selbst kritisch zu betrachten und nichts zu verschweigen.

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