1904
Die Bauern
Überblick↑
Der Roman Die Bauern des polnischen Schriftstellers Władysław Reymont schildert das Leben eines Dorfes im Lauf der Jahreszeiten. Das Werk besteht aus vier Bänden, die die Titel Herbst, Winter, Frühling und Sommer tragen; der polnische Originaltitel lautet Chłopi. Zwischen 1902 und 1908 erschien der Roman zunächst als Fortsetzung in der Warschauer Wochenschrift Tygodnik Illustrowany. Die erste Buchausgabe folgte in vier Bänden zwischen 1904 und 1909. 1924 wurde Reymont ausdrücklich für dieses Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In den Jahren danach entstanden Übersetzungen in mindestens 27 weitere Sprachen; die deutsche Fassung erschien erstmals 1912. Im Mittelpunkt steht der Streit zwischen dem alten Bauern Matheus Boryna und seinem Sohn Antek, der eskaliert, als Boryna die junge Jagna heiratet. Der eigentliche Held des Romans aber ist die Dorfgemeinschaft als Ganzes.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist das Dorf Lipce in der Gegend von Łódź, die Zeit das ausgehende 19. Jahrhundert. In dem Dorf leben rund 40 Hofbauern, dazu einige arme Kätner in ihren Häuschen. Der reichste unter ihnen ist Matheus Boryna, ein Witwer von knapp sechzig Jahren. Sein Erstgeborener Antek soll einmal den Hof erben, doch der Vater gibt kein Land aus der Hand und behandelt den Sohn wie einen Knecht. Das Verhältnis der beiden ist gespannt.
Um seine Stellung auf dem Hof zu festigen, denkt Boryna an eine neue Heirat. Seine Wahl fällt auf Jagna, eine junge und schöne Frau, die zwar keinen guten Ruf hat, aber Land in die Ehe brächte. Was Boryna nicht weiß: Auch sein Sohn Antek begehrt Jagna, obwohl er längst verheiratet ist. Anteks Frau Anna versucht, Ehe und Familie zusammenzuhalten.
Um diese vier Menschen herum entfaltet Reymont das ganze Dorf: das gemeinsame Arbeiten und Feiern, die Bräuche und Streitigkeiten und den schwelenden Konflikt mit dem Herrn des benachbarten Guts, der Anspruch auf einen Wald erhebt, den die Bauern für den ihren halten. Die Handlung folgt dem Lauf der Jahreszeiten von Herbst über Winter und Frühling bis zum Sommer.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn lebt Matheus Boryna, der reichste Bauer von Lipce, mit zwei seiner vier Kinder auf seinem Hof. Sein Liebling ist die kleine Fine. Sein Ältester, Antek, ist bereits ein erwachsener Mann, verheiratet und Vater zweier kleiner Kinder. Weil Boryna fürchtet, aufs Altenteil abgeschoben zu werden, verweigert er dem Sohn jedes Mitspracherecht. Zur Hofgemeinschaft gehören außerdem der Knecht Jakob und der Hütejunge Witek.
Die Handlung setzt ein, als Borynas beste Kuh erkrankt und notgeschlachtet werden muss. Die Schuld gibt Boryna dem Heger des Nachbarguts, der das Tier und den Jungen Witek aus dem Weidewald vertrieben hatte, wobei sich die Kuh überanstrengte. Zugleich beschuldigt ihn Eve, seine frühere Magd, sie geschwängert zu haben; das Gericht wird ihre Klage später abweisen.
Als Witwer will Boryna erneut heiraten, um seine Stellung gegenüber Antek zu stärken. Die Schulzenfrau macht ihn auf Jagna aufmerksam, die Tochter der Dominikbäuerin. Jagna hat keinen guten Ruf, ist aber jung und schön und brächte Land mit. Am Jahrmarktstag schenkt Boryna ihr ein Schmuckband und ein Seidentuch und verspricht, dass sie als seine Bäuerin keine harte Arbeit verrichten müsse. Heimlich stellt aber auch der verheiratete Antek der jungen Frau nach – und Jagna gibt sich ihm hin.
Jagnas Mutter, eine geschäftstüchtige Frau, treibt die Verbindung voran. Sie hofft, der einflussreiche Boryna könne verhindern, dass ihr jüngerer Sohn Jendschych zum Militär eingezogen wird. Nach dem Brauch schickt Boryna einen Brautbitter, und die Dominikbäuerin führt die Verhandlungen. Jagna bringt sechs Morgen Land mit; im Gegenzug verschreibt Boryna ihr ebenfalls sechs Morgen, damit sie nach seinem Tod gegen seine Kinder abgesichert ist. Der Vertrag wird beim Notar geschlossen.
Vergeblich bitten Borynas Kinder den Vater, auch ihnen wenigstens etwas Land zuzusichern. Am schwersten trifft die Weigerung Antek, der um seine Zukunft fürchtet und zugleich vor Eifersucht brennt. Er warnt den Vater, Jagna habe bereits mit jedem im Dorf geschlafen, auch mit ihm. Daraufhin wirft Boryna den Sohn vom Hof und feiert mit Jagna Hochzeit.
Antek und Anna finden Unterschlupf auf dem Hof von Annas Vater, wo Annas herrische Schwester Veronka das Sagen hat. Die Not ist groß; das Paar muss seine letzte Milchkuh verkaufen. Anna übernimmt Spinnarbeiten, Antek findet Arbeit im Sägewerk. Dort gerät er mit dem Vorarbeiter Mathias aneinander, der einst ebenfalls ein Verhältnis mit Jagna hatte. Als Mathias vor den anderen Arbeitern damit prahlt, verprügelt Antek ihn so heftig, dass er selbst vorübergehend dessen Stelle einnimmt.
Auf dem Borynahof lassen sich zwei neue Bewohner nieder: die Tagelöhnerin Gusche und der fromme Wanderer Rochus, der die Dorfkinder unterrichtet. Boryna ist ganz vernarrt in seine junge Frau. Während der Christmette aber findet Antek Gelegenheit, Jagna zu einem heimlichen Treffen zu bewegen. Zunächst widersteht sie, weil sie sich nicht versündigen will, bald jedoch beginnen die beiden erneut ein Liebesverhältnis.
Zugleich bricht ein alter Streit auf: Der Herr des benachbarten Guts Wole erhebt Anspruch auf einen Wald, den die Bauern für den ihren halten, und will ihn abholzen und das Holz verkaufen. Schulze, Müller und Schmied wollen am Holztransport mitverdienen, die übrigen Bauern aber wollen sich wehren. Sie brauchen dafür Boryna als Anführer, doch der zögert, weil er wegen der verendeten Kuh selbst mit dem Gutsherrn im Rechtsstreit liegt. Sein Lavieren hat Folgen: Die anderen wollen ihn nicht mehr an ihrer Seite, und den Prozess gegen den Gutsherrn verliert er obendrein. Die Führung des Widerstands übernimmt schließlich Antek, der sich mit Mathias verbündet und so seinen Einfluss im Dorf zurückgewinnt.
Als Antek in der Dorfschenke offen mit Jagna tanzt, geht Boryna dazwischen; beinahe kommt es zwischen Vater und Sohn zur Prügelei. Kurz darauf ertappt Boryna die beiden in seinem eigenen Heuschober. Außer sich vor Wut sperrt er sie ein und steckt das Gebäude in Brand. Antek gelingt es, das Tor aufzubrechen; Boryna greift ihn mit der Mistforke an, doch der Sohn entkommt. Jagna wird verprügelt, vom Hof gejagt und muss bei ihrer Mutter Zuflucht suchen. Als die Dörfler in der Brandruine Jagnas Schürze finden, durchschauen sie zwar den wahren Grund des Feuers, glauben aber, Antek habe die Scheune angezündet.
Schon zuvor war es zwischen Antek und Anna zum Streit gekommen; er warf ihr vor, sein Leben sei durch sie freudlos geworden, bereute seine Härte später aber. Auch Boryna nähert sich Anna wieder an, die er lange geschnitten hatte. Anna geht darauf ein, denn sie hofft, ihr Schwiegervater werde ohne Bäuerin auf dem Hof nicht auskommen. Antek dagegen bringt kein Geld mehr nach Hause, gibt die Arbeit auf, trinkt und versinkt in Schwermut und Rachegedanken. Als der Priester ihn von der Kanzel herab als Sünder anklagt, wendet sich das Dorf erneut von ihm ab.
Schließlich nimmt Boryna Jagna wieder ins Haus, hält sie nun aber wie eine Magd. Auch zwischen Jagna und Antek kühlt das Gefühl ab; aus ihrer anfänglichen Zuneigung wird bloß noch körperliche Anziehung, und Anteks Verwandlung erschreckt sie.
Als der Gutsherr den Wald tatsächlich abholzen lässt, führt Antek die Bauern erneut an. Geschlossen ziehen sie in den Wald, um die Holzhauer zu vertreiben. Der Gutsherr schickt bewaffnete Reiter zur Verstärkung, doch die Bauern behaupten sich. Im Zweikampf mit dem Förster wird Boryna schwer verletzt. Antek hatte zuvor schon auf den Vater angelegt, um ihn zu erschießen, brachte es aber nicht über sich. Als er nun mitansehen muss, wie Boryna niedergeschlagen wird, tötet er in rasender Empörung den Förster.
Über fünfzig Männer des Dorfes hatten an dem Angriff teilgenommen und sitzen nun in der Stadt in Haft. Boryna liegt bewegungsunfähig und kaum ansprechbar in seinem Bett und wird sich wohl nicht mehr erholen. Anna, die wieder auf dem Borynahof lebt, pflegt ihn. In einem klaren Augenblick bittet er sie, zu Antek zu halten, und verrät ihr, dass in einem der Getreidesäcke in seiner Kammer ein großer Geldbetrag versteckt ist. Jagnas Anwesenheit hindert Anna zunächst am Suchen. Als sie Antek im Gefängnis besucht, empfängt er sie mit so wenig Wärme, dass sie enttäuscht heimkehrt. Der Schmied ahnt das versteckte Geld und bricht in die Kammer ein – doch Anna hat es da bereits gefunden und in Sicherheit gebracht.
Jagna gerät über Borynas hoffnungslosen Zustand in einen Zwiespalt: Sein naher Tod würde sie befreien, zugleich aber stünde sie ohne ihn auf dem Hof schutzlos da. Um sie zu versorgen, überschreibt ihr die Mutter bald ihren gesamten Besitz. Der Schulze nutzt aus, dass kaum noch erwachsene Männer im Dorf sind, und nötigt Jagna, die ihm nur halbherzig widersteht, in ein Verhältnis. Weit lieber wäre ihr Jascho, der heimgekehrte Sohn des Organisten – doch der ist völlig unschuldig und bemerkt ihre Verliebtheit gar nicht.
Als im Frühjahr die Feldarbeit beginnt, können die Frauen von Lipce sie ohne ihre Männer kaum bewältigen. Ausgerechnet jetzt wird das Dorf auch noch verpflichtet, zwanzig Wagen mit Arbeitern für Frondienste zu stellen. Aus den umliegenden Dörfern kommen aber Männer, um den Hofbäuerinnen bei der Bestellung der Felder zu helfen; nur die armen Kätnerinnen bleiben auf sich gestellt.
Der Gutsherr steckt seit dem Streit mit den Bauern tief in Schwierigkeiten. Er ist hoch verschuldet, und das Gericht hat ihm den Verkauf des Waldes vorerst untersagt. Unter ungeklärten Umständen brennen dann auch die Wirtschaftsgebäude seiner Meierei ab. Bald darauf treffen fünf Wagen mit deutschen Siedlern ein, denen der Gutsherr das Land rund um die Meierei verkaufen will. Die aus der Haft heimgekehrten Bauern von Lipce sind außer sich, denn um als wachsendes Dorf zu überleben, müssten sie dieses Land selbst erwerben.
Stil↑
Besondere Aufmerksamkeit haben Literaturhistoriker und Sprachwissenschaftler der Sprache des Romans gewidmet. In den Dialogen lässt Reymont seine Figuren im regionalen Dialekt sprechen; noch in der deutschen Übersetzung findet sich etwa das Wort „hale“ dort, wo die Hochsprache „ale“ (aber) verlangt. Für die erzählenden Teile hat der Autor darüber hinaus eine eigene, reiche Literatursprache erschaffen, die von der Volkssprache angeregt ist und den Eindruck erweckt, der Erzähler sei selbst ein Bauer.
Auch der Aufbau folgt der Welt, die er schildert. Die vier Bände tragen die Namen der Jahreszeiten – Herbst, Winter, Frühling und Sommer –, und die Handlung ist eng mit dem Rhythmus der Natur verflochten, der die Bauern ihre Lebensgrundlage abringen. Nicht eine einzelne Person, sondern die ganze Dorfgemeinschaft trägt die Erzählung: Reymont führt mehrere Dutzend Figuren ein und verfolgt ihre Schicksale, die alle miteinander verbunden sind.
Rezeption↑
Weite Anerkennung fand das Werk 1924, als Reymont dafür den Nobelpreis für Literatur erhielt – und zwar ausdrücklich für diesen Roman. Der Erfolg reichte weit über Polen hinaus: In den Jahren danach wurde Die Bauern in mindestens 27 weitere Sprachen übersetzt. Die deutsche Fassung stammt von Jan Paweł Kaczkowski, der unter dem Namen Jean Paul d’Ardeschah schrieb, und war schon 1912 erschienen.
Auch Film und Fernsehen haben den Stoff mehrfach aufgegriffen. Bereits 1922 entstand eine erste polnische Verfilmung. 1973 verfilmte Jan Rybkowski den Roman erneut und gestaltete daraus auch eine Fernsehserie. 2023 kam mit Das Flüstern der Felder eine Animationsverfilmung hinzu.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →