1889
Die Ballade von Ost und West
Überblick↑
Das Gedicht The Ballad of East and West stammt von Rudyard Kipling und erschien erstmals 1889. Es erzählt von der Begegnung zweier Männer aus feindlichen Welten an der Nordwestgrenze des britisch beherrschten Indien. Seit seiner Veröffentlichung wurde es vielfach gesammelt und in Anthologien aufgenommen. Vor allem seine erste Zeile ist bis heute geflügeltes Wort geblieben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Grenzland zwischen dem britischen Kolonialreich und den Stammesgebieten stiehlt Kamal, ein Stammesführer, die wertvolle Stute eines britischen Obersten. Der Sohn des Obersten, Anführer einer Reitertruppe, fragt seine Leute, wo der Dieb zu finden sei. Einer weiß es und warnt zugleich vor der Gefahr: Kamals Gebiet ist von versteckten Stammeskriegern bewacht, die zwischen Felsen und Gestrüpp lauern.
Trotz dieser Warnung nimmt der junge Mann ein Pferd und setzt dem Räuber nach, um die Stute zurückzuholen. An der Grenze von Kamals Land kommt es zur Begegnung – und damit beginnt ein Aufeinandertreffen, bei dem es um weit mehr geht als nur um ein gestohlenes Tier. Aus Verfolgung und Wortgefecht entwickelt sich etwas, das keiner der beiden zu Beginn erwartet hätte.
Die Handlung im Detail↑
Kamal, ein Stammesführer an der Nordwestgrenze des britischen Indien, raubt die preisgekrönte Stute eines britischen Obersten. Der Sohn des Obersten, der eine Schwadron der Guides-Reiterei befehligt, erkundigt sich bei seinen Männern nach dem Aufenthalt des Diebes. Einer kennt ihn und nennt ihn, warnt aber vor den Gefahren: In Kamals Gebiet liegen bewaffnete Stammeskrieger zwischen Felsen und Buschwerk verborgen.
Der junge Mann lässt sich nicht abschrecken. Er nimmt ein falbes Pferd und reitet los, um die Stute zurückzugewinnen. Am Rand von Kamals Gebiet holt er den Räuber ein und feuert seine Pistole ab, verfehlt ihn jedoch. Kamal fordert ihn zu einem Wettritt heraus, und die beiden jagen bis zum Morgengrauen dahin. Beim Durchqueren eines Flusses stürzt das falbe Pferd. Kamal zieht den Sohn des Obersten in Sicherheit und schlägt ihm zugleich die Pistole aus der Hand.
Kamal hält dem jungen Mann vor, dass dieser nur noch am Leben sei, weil er seinen verborgenen Männern kein Zeichen zum Töten gegeben habe. Der Sohn des Obersten entgegnet, die Vergeltung des Kolonialreichs für seinen Tod würde Kamal teurer zu stehen kommen, als die Tat es wert sei. Er verlangt die Stute zurück und erklärt, er werde sich seinen eigenen Weg zurück erkämpfen.
Durch die Verfolgung und das gegenseitige Auftrumpfen ist zwischen den beiden Achtung gewachsen. Kamal hilft dem jungen Mann auf die Beine, und dieser bietet an, ihm die Stute als Geschenk seines Vaters zu überlassen. Doch das Tier geht von sich aus zum Sohn des Obersten und schmiegt sich an ihn. Daraufhin beschließt Kamal, die Wahl des Pferdes zu achten. Er gibt die Stute zurück, samt dem feinen Geschirr, mit dem er sie ausgestattet hat. Der Sohn des Obersten bietet Kamal seinerseits eine Pistole an: Die erste sei einem Feind abgenommen worden, diese hier reiche ihm ein Freund.
Als letzte Geste befiehlt Kamal seinem einzigen Sohn, mit dem Sohn des Obersten zu ziehen, ihn zu schützen und ihm zu dienen – auch wenn das bedeutet, künftig für England gegen dessen Feinde zu kämpfen, zu denen Kamal selbst gehört. Die beiden jungen Männer schwören Blutsbrüderschaft und reiten zum britischen Fort zurück. Dort empfangen die Wachen Kamals Sohn feindselig, doch der Sohn des Obersten weist sie zurecht: Sein Begleiter sei kein Grenzdieb mehr, sondern ein Kamerad in Waffen.
Stil↑
Geschrieben ist das Werk in gereimten Siebenhebern, von denen je zwei einer Balladenstrophe entsprechen; manche Druckfassungen ordnen die Verse in Vierergruppen. Kipling hält sich an die Form der alten Grenzballade. Wortschatz, feste Wendungen und Rhythmus erinnern an die überlieferten schottisch-englischen Balladen, und die geschilderte Welt der Grenzräuber ähnelt jener der historischen Border Reivers an der englisch-schottischen Grenze.
Der Schauplatz ist die Nordwestgrenze des britischen Indien, doch die Sprache spielt bewusst auf das alte Grenzland zwischen England und Schottland an. So bedeutet das Wort „lifted" in der zweiten Zeile im Schottischen „gestohlen". An anderer Stelle ist von einem „calkin" die Rede, einem Teil des Hufeisens: Kamal soll es „gedreht" haben – eine Anspielung auf den Trick berittener Räuber, die Hufeisen verkehrt herum aufzunageln, um falsche Spuren zu legen. Auch die feste Wendung, mit der der Sohn des Obersten eingeführt wird, findet sich in der schottischen Ballade Sir Patrick Spens. Solche Anklänge ziehen sich durch das ganze Gedicht.
Gerahmt wird die Erzählung von einem Kehrreim, der das Werk eröffnet und beschließt. Er stellt die Himmelsrichtungen Ost und West einander gegenüber, hebt diese Trennung im selben Atemzug aber wieder auf: Wo zwei starke Männer einander begegnen, zählen Herkunft, Volk und Familie nichts mehr. Ein mehrfach mit kleinen Abwandlungen wiederkehrendes Verspaar verstärkt diesen liedhaften Charakter zusätzlich.
Rezeption↑
Bekannt geworden ist vor allem die erste Zeile des Gedichts, die bis heute oft zitiert wird. Mancher führt sie an, um Kipling eine abschätzige Haltung gegenüber den Völkern Asiens zu unterstellen. Wer so zitiert, übersieht jedoch meist die dritte und vierte Zeile, die der Eröffnung gerade widersprechen. Im Zusammenhang gelesen besagt der Kehrreim, dass die Himmelsrichtungen sich zwar niemals treffen, dass aber beim Aufeinandertreffen zweier ebenbürtiger Menschen die Zufälle der Geburt – Nation, Abstammung, Familie – keine Rolle spielen. Maßstab ist allein die gegenseitige Achtung vor Charakter, Können und Aufrichtigkeit des anderen.
Das Gedicht wurde seit seinem Erscheinen vielfach nachgedruckt und in Sammlungen aufgenommen. T. S. Eliot nahm es 1941 in seine Auswahl A Choice of Kipling's Verse auf.
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