1883
Luceafărul
Überblick↑
Das Erzählgedicht Luceafărul gilt als das Meisterwerk des rumänischen Dichters Mihai Eminescu. Der Titel wird meist mit „Der Morgenstern“ oder „Der Abendstern“ übersetzt. Das Gedicht erschien 1883 in Wien, herausgegeben von rumänischen Auswanderern in Österreich-Ungarn. Es zählt zu den herausragenden Leistungen der rumänischen Literatur und zu den späten Höhepunkten der europäischen Romantik.
An diesem Werk arbeitete Eminescu rund zehn Jahre. Seine endgültige Gestalt erhielt es teilweise durch den Philosophen Titu Maiorescu, der bei der Überarbeitung half. In dieser langen Entstehungszeit verband Eminescu rumänische Volksüberlieferung, romantische Motive und Stoffe alter indoeuropäischer Mythen. Aus einem in Verse gefassten Märchen wurde so ein eigener Mythos: zugleich eine Selbstbetrachtung über das Wesen des Genies und eine dichterische Darstellung von Eminescus Auffassung der Liebe.
Die Hauptfigur, das Himmelswesen mit dem zweiten Namen Hyperion, wird vielfach als Eminescus dichterisches Ebenbild verstanden. In ihr verbinden sich Züge gefallener Engel und nächtlicher Geister, doch handelt sie weder boshaft noch verführerisch. Das Werk ist auch deshalb berühmt, weil es zu den letzten Dichtungen gehört, die Eminescu vollendete und öffentlich vortrug, bevor ihn eine schwere seelische Erkrankung aus dem öffentlichen Leben riss.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Wie ein klassisches Märchen beginnt das Gedicht mit einer Wendung im Sinne von „Es war einmal“ und der knappen Vorstellung einer wunderschönen Königstochter, des einzigen Kindes eines königlichen Paares. Ihr Name Cătălina fällt im ganzen Werk nur ein einziges Mal. Ungeduldig wartet sie auf die Nacht, um zum Morgenstern emporzublicken.
Das Himmelswesen Hyperion spürt ihre Aufmerksamkeit und blickt zurück. Obwohl es kein körperliches Wesen ist, beginnt es, ihre Nähe zu begehren. Nachts gleitet es durch ihr Fenster, während sie schläft, und berührt sie im Traum. In einem solchen Augenblick fleht sie ihn an, „auf einem Strahl herabzugleiten“ und ihr Verlobter zu werden. Diesem Ruf folgend stürzt sich der Morgenstern ins Meer und taucht in menschlicher Gestalt wieder empor.
Als Hyperion die wache Cătălina aufsucht, schlägt er ihr vor, mit ihm in seine Korallenschlösser auf dem Meeresgrund zu fliehen. Dieser Gedanke erschreckt die Prinzessin, die ein „lebloses“ und „fremdes“ Dasein zurückweist, auch wenn sie von seiner überirdischen Schönheit bezaubert bleibt. Wenige Tage später aber träumt sie erneut vom Morgenstern und ruft ihn abermals herbei. Diesmal erscheint er ihr als Wesen aus Feuer und bietet ihr einen Platz in seiner himmlischen Heimat an. Wieder weist sie ihn zurück. Sie begehrt keine Unsterblichkeit, sondern bittet ihn, in die Welt der Menschen einzutreten.
Die Handlung im Detail↑
Um Cătălinas Bitte zu erfüllen, muss Hyperion sterblich werden. Dazu bricht er von seinem Platz am Himmel auf, um den Demiurgen, den Schöpfergott, aufzusuchen. Diese Reise führt ihn bis an den Rand des Weltalls, in eine kosmische Leere. Dort angekommen, lacht der Demiurg über sein Verlangen. Er erklärt Hyperion, dass menschliches Leben vergeblich sei und dass ein Mensch zu werden nur eine Rückkehr in einen ewigen Schoß der Vergänglichkeit bedeute. Er befiehlt ihm, an seinen Platz am Himmel zurückzukehren, und deutet an, dass sich auf der Erde bald etwas ereignen werde, das seine Worte bestätige.
Tatsächlich hatte sich während Hyperions Abwesenheit ein junger Höfling namens Cătălin um Cătălina bemüht. Schritt für Schritt gewinnt der listige Page ihr Herz. Der Ausgang des Gedichts weist jedem der drei Liebenden seinen eigenen Bereich zu, dessen Grenzen keiner überschreiten kann. Als Hyperion seinen Platz am Firmament wieder einnimmt, erblickt er das glückliche Paar Cătălin und Cătălina. Sie schaut zu ihm empor und ruft ihn an, doch nur noch als Zeugen und Glücksbringer für ihre neue Liebe.
In den letzten beiden Strophen kehrt Hyperion zu seinem stillen, in sich selbst versunkenen Wirken zurück. Er begreift, dass der Demiurg recht hatte: Die Welt der sterblichen Menschen und seine eigene, ewige Sphäre bleiben für immer getrennt.
Stil↑
In seiner vollständigen Fassung umfasst das Werk 392 Verse, aufgeteilt in 98 Strophen. Es wechselt regelmäßig zwischen dem vierhebigen und dem dreihebigen jambischen Versmaß. Dieses Muster hat in der rumänischen Dichtung eine lange Tradition. Der Kritiker Alex Ștefănescu beschrieb den Ton als knapp, feierlich und schlicht zugleich.
Auffällig ist Eminescus Umgang mit dem Wortschatz. Der Sprachforscher Iorgu Iordan stellte fest, dass in drei der Strophen ausschließlich Wörter altlateinischen Ursprungs stehen und rund dreißig weitere Strophen nur ein oder zwei Wörter anderer Herkunft enthalten. Diese sprachliche Reinheit verleiht dem Gedicht seinen klaren, altertümlichen Klang.
Der Bau des Werks ist tief in der Volksüberlieferung verwurzelt. Der Herausgeber Perpessicius meinte, das Gedicht sei dem Volksgut so stark verpflichtet, dass es neben jenen Volksliedern erscheinen sollte, die Eminescu selbst gesammelt hatte. Zugleich betonte er, dass Eminescu daraus etwas völlig Eigenständiges geschaffen habe: Aus dem märchenhaften Stoff formte er seine eigenen Bilder, den Wechsel der Rhythmen, die zauberhafte Himmelsreise und das Gespräch zwischen Hyperion und dem Demiurgen.
Eine vielbeachtete Feinheit ist Cătălinas Anruf an das Himmelswesen, der wörtlich „Steig herab hinunter“ lautet. Manche Ausleger sehen darin eine bewusste Doppelung, die den Abstand zwischen der himmlischen und der irdischen Welt betont und an die wiederholenden Worte einer Beschwörung erinnert.
Rezeption↑
Schon zu Eminescus Lebzeiten, während er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog, gewann das Gedicht langsam eine treue Anhängerschaft. Bereits 1887 stellte der Pädagoge Gh. Gh. Arbore es als eine der bedeutendsten je auf Rumänisch geschriebenen Dichtungen vor. In den 1890er Jahren begeisterten sich vor allem junge Sozialisten für Eminescus Verse. 1906 fand das Gedicht mit einem Schulbuch für die siebte Klasse Eingang in den rumänischen Lehrplan. Nicht alle stimmten in das Lob ein: Kritiker wie Aron Densușianu widersetzten sich der wachsenden Beliebtheit und schrieben abfällig über das Werk.
Das Gedicht wirkte auf viele Künstler weiter. Nicolae Bretan formte daraus eine Oper, die er selbst ins Ungarische übertrug. Mircea Eliade huldigte dem Werk in seinem Roman Fräulein Christina und besonders in der Erzählung Șarpele („Die Schlange“). Alexandru Vlahuță griff den Konflikt des Gedichts in seinem Roman Dan von 1894 auf.
Unter dem kommunistischen Regime erreichte die Berufung auf den Morgenstern ihren Höhepunkt. Zwar wurden Eminescus politische Werke übergangen, doch Luceafărul blieb in den Schulbüchern. Beide Bezeichnungen, „Morgenstern“ und „Demiurg“, wurden zu inoffiziellen Titeln im Personenkult um Staatschef Nicolae Ceaușescu. Der Regisseur Emil Loteanu drehte in der Moldauischen Sowjetrepublik einen gleichnamigen Spielfilm, den einzigen über Eminescus Leben.
Auch in der rumänischen Diaspora blieb Hyperion ein starkes Sinnbild. Eliade und Virgil Ierunca gründeten in Paris eine antikommunistische Zeitschrift mit dem Titel Luceafărul. Paul Celan soll seine Freundin Ingeborg Bachmann mit Eminescus Gedicht bekannt gemacht haben; Kritiker fanden dessen Grundmotive in Bachmanns Roman Malina wieder. Der Kritiker Ștefănescu stellte 2015 fest, dass die Figur Hyperion inzwischen berühmter sei als ihr Schöpfer, ähnlich wie Hamlet neben William Shakespeare.
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