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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Mihai Eminescu
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Porträt Mihai Eminescu
Mihai Eminescu
1850 – 1889
– Autorenporträt –

Mihai Eminescu

1850 – 1889 · 39 Jahre

Rumänischer Romantiker, der die moderne rumänische Dichtersprache prägte und als Nationaldichter verehrt wird.

Kurzporträt

Mihai Eminescu, eigentlich Mihail Eminovici, gilt als einer der bedeutendsten rumänischen Dichter des 19. Jahrhunderts. Sein Werk setzte Maßstäbe für die Entwicklung der modernen rumänischen Hochsprache. Er war von der deutschen Kultur und Philosophie geprägt, vor allem von Arthur Schopenhauer. So verband er eine pessimistische Weltsicht mit einer außergewöhnlichen sprachlichen Genauigkeit. Sein Leben war von Geldsorgen, einer unerfüllten Liebe und einer fortschreitenden Geisteskrankheit überschattet. Schon zu Lebzeiten wurde er als „Nationaldichter“ gefördert. Bis heute wirkt er als prägende Gestalt der rumänischen Literatur nach.


Biografie

Geboren wurde der Dichter als siebtes Kind des Gutsbesitzers Gheorghe Eminovici und seiner Frau Raluca. Das genaue Geburtsdatum ist nicht zweifelsfrei überliefert. Die eine Überlieferung nennt den 15. Januar 1850, die Deutsche Biographie verzeichnet den 20. Dezember 1849. Als Geburtsort wird in den Kirchenregistern die Stadt Botoșani genannt. Die Schwester des Dichters, Aglae Drogli, bezeugte hingegen das Dorf Ipotești im selben Kreis, wo die Familie ihren Gutshof hatte. Eminescu besuchte die deutschsprachige Hauptschule und später das deutsche Obergymnasium in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, die damals zur k. und k. Monarchie gehörte. Einer seiner Lehrer war Aron Pumnul, ein rumänischer Sprachforscher. Dieser suchte seine Schüler von der Bedeutung der rumänischen Kultur und Sprache zu überzeugen.

Er verschlang die Bücher der Bibliothek, doch die schulische Disziplin fiel ihm schwer. Gerade vierzehnjährig schloss er sich einer Truppe von Wanderschauspielern an, deren unkonventionelle Lebensweise ihn begeisterte. Er arbeitete als Rollenabschreiber und Souffleur oder schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. 1866 erschien sein Gedicht De-aș avea („Wenn ich hätte“) erstmals in der Zeitschrift Familia, die Iosif Vulcan in Budapest herausgab. Vulcan war es auch, der ihm den rumänischer klingenden Namen „Eminescu“ gab. 1869 gründete der junge Dichter mit Gleichgesinnten den literarischen Zirkel Orientul, der folkloristische Märchen und Gedichte sammeln sollte. Im selben Jahr spürte ihn sein Vater auf und schickte ihn zum Philosophiestudium nach Wien.

In Wien war er nur als Gasthörer zugelassen. Vor allem Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung beeindruckte ihn. Dessen Pessimismus prägte fortan sein dichterisches Werk, ebenso die Auseinandersetzung mit fernöstlichen Religionen, wie etwa im Gedicht Kamadeva. 1870 veröffentlichte er das Gedicht Venere și Madona („Venus und Madonna“) in der Zeitschrift Convorbiri literare, die der Kreis Junimea in Iași herausgab. Damit gewann er die Anerkennung des Politikers Titu Maiorescu, der die rumänische Literatur förderte. Maiorescu hielt von nun an ein Leben lang seine schützende Hand über Eminescu. Von 1871 bis 1874 studierte dieser in Berlin, nun als ordentlicher Student der Fachrichtungen Philosophie, Geschichte, Wirtschaft und Rechtswissenschaften. Der Einfluss der deutschen Kultur war in dieser Zeit enorm. Er las deutsche Lyrik, beschäftigte sich mit Schopenhauer und Kant und übersetzte Auszüge aus Kants Kritik der reinen Vernunft sowie Werke von Friedrich Schiller. Inwieweit manche seiner Gedichte Übersetzungen oder eigenständige Bearbeitungen deutscher Vorlagen sind, ist in der rumänischen Literaturwissenschaft bis heute umstritten.

1874 kehrte Eminescu ohne Examen zurück. Maiorescu verschaffte ihm die Stelle als Direktor der Zentralbibliothek in Iași. 1875 entflammte seine Liebe zu der verheirateten Veronica Micle, die ihn fortan begleiten sollte. Er schloss eine lebenslange Freundschaft mit dem Märchenautor Ion Creangă. Er war kurz Schulrevisor und arbeitete dann als Redakteur der Lokalzeitung Curierul de Iași. In dieser veröffentlichte er unter anderem die Gedichte Melancolie, Lacul („Der See“) und Dorința. 1877 zog er nach Bukarest und wurde Redakteur der Zeitung Timpul. Für sie schrieb er fast alle Artikel selbst, was seine Kräfte aufzehrte. In dieser Zeit trat er durch politische Artikel hervor, die eine nationalistische sowie fremden- und judenfeindliche Einstellung zum Ausdruck brachten.

Auch nach dem Tod von Veronica Micles Ehemann 1879 konnte sich Eminescu nicht zu einer Heirat entschließen. Der pessimistische Ton seiner Liebesgedichte nahm zu. Die ersten vier Briefe Scrisori (1881) und der Luceafărul („Abendstern“, 1882) sind von Sarkasmus und Enttäuschung erfüllt. 1883 zeigten sich erste Symptome seiner Geisteskrankheit. Man internierte ihn, und Maiorescu sorgte zum Jahreswechsel 1883/1884 für die erste Buchausgabe seiner Gedichte. 1884 starben sein Vater und einer seiner Brüder. In den folgenden Jahren wechselten sich bibliothekarische Hilfstätigkeit und Krankenhausaufenthalte ab. 1888 erhielt er eine staatliche Unterstützung. Die dritte Auflage seines Gedichtbandes enthielt zusätzlich La steaua („Zum Stern“), De ce nu-mi vii und Kamadeva. Ob seine Krankheit erblich bedingt war oder auf eine syphilitische Infektion zurückging, ließ sich nicht klären. Eminescu starb in der Nacht auf den 15. Juni 1889 in einem Bukarester Sanatorium. Im selben Jahr starben auch Veronica Micle und sein Freund Ion Creangă.


Literarische Merkmale

Kennzeichnend für Eminescus Schreiben ist eine außergewöhnliche sprachliche Sorgfalt. Er überarbeitete seine Gedichte immer wieder, verwarf einzelne Strophen, fügte andere hinzu und konnte sich oft nicht zu einer endgültigen Fassung durchringen. Von vielen Gedichten gibt es daher mehrere Versionen. Sie sind sprachlich brillant ausgefeilt, ohne dass eine als die gültige festzustehen scheint. Manche Manuskripte hatte er unzählige Male verändert. In seiner Unordnung gingen sie schlicht verloren.

Inhaltlich ist sein Werk tief vom Pessimismus geprägt, den er bei Schopenhauer fand. Der philosophische Einfluss verschränkt sich mit persönlicher Lebenserfahrung. Das zeigt sich etwa in den Sonetten, die von Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung erfüllt sind, und in der eher negativen Sicht der Frau als Liebespartnerin, die im Luceafărul zum Ausdruck kommt. Die Auseinandersetzung mit fernöstlichen Religionen, sichtbar in einem Gedicht wie Kamadeva, geht auf seine Wiener Studienzeit zurück.

Ein weiteres Merkmal ist die enge Verbindung zur deutschen Literatur. Eminescu las und übersetzte deutsche Lyrik, dichtete deutsche Texte nach und übernahm ins Rumänische, was ihm interessant erschien. Ob es sich dabei jeweils um Übersetzung oder eigenständige Bearbeitung handelt, bleibt in der Forschung umstritten. Fest steht jedoch, dass der Einfluss der deutschen Literatur für sein Werk von großer Bedeutung war. Aus dieser sprachlichen Arbeit ging eine Dichtung hervor, die der modernen rumänischen Hochsprache Maßstäbe setzte.


Rezeption

Schon zu Lebzeiten wurde Eminescu von Titu Maiorescu gefördert. Dieser sah in ihm den geeigneten „Nationaldichter“ für den jungen rumänischen Nationalstaat und stand ihm in schwierigen Situationen immer wieder bei. Im Junimea-Kreis fanden seine frühen Gedichte große Anerkennung. Maiorescu kümmerte sich auch um die erste Buchausgabe seiner Gedichte und verfasste das Vorwort.

Der Nachhall seines Werks reicht weit über seine Lebenszeit hinaus. Sein Freund Alexandru Vlahuță widmete ihm nach dessen Tod das Werk După Eminescu. Am 28. Oktober 1948 wurde Eminescu post mortem als Ehrenmitglied in die Rumänische Akademie aufgenommen, gemeinsam mit anderen rumänischen Literaten wie Ion Luca Caragiale, Ion Creangă und Alexandru Vlahuță. Im Jahr 2000 wurde der Asteroid (9495) Eminescu nach ihm benannt. Bis heute gilt er als prägende Gestalt der rumänischen Dichtung, dessen Werk Maßstäbe für die moderne rumänische Hochsprache setzte.

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