1624
Buch von der Deutschen Poeterey
Überblick↑
Mit dem 1624 erschienenen Buch von der Deutschen Poeterey legte Martin Opitz die erste deutschsprachige Regelpoetik überhaupt vor. Auf wenigen Kapiteln entwirft er ein vollständiges Regelwerk für das Dichten in deutscher Sprache. Er behandelt darin nahezu alle damals gebräuchlichen lyrischen Gattungen. Sein Buch hat die deutsche Dichtung tief geprägt und für lange Zeit den Maßstab gesetzt. An diesem Maßstab richteten sich die Lyriker des Barock und weit darüber hinaus aus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Opitz legt eine Anleitung vor, wie man auf Deutsch kunstvoll dichten soll. Er schreibt aus einer festen Überzeugung heraus: Die deutsche Sprache sei den romanischen Sprachen Frankreichs, Italiens und der Niederlande ebenbürtig. Bislang aber fehle es ihr an einer eigenen Kunstdichtung. Diese Lücke will er schließen.
Der schmale Band entwickelt zunächst eine Bestimmung dessen, was Dichtung sei und welchen Rang sie habe. Opitz stellt die deutsche Sprache vor und hebt ihre Eigenart hervor. Er verteidigt sie gegen den modischen Gebrauch romanischer Fremdwörter. Ebenso verteidigt er sie gegen den Vorrang, den die gelehrte Welt dem Lateinischen einräumt. Es folgt eine Gattungslehre, die nahezu jede lyrische Form jener Zeit aufgreift und ordnet. Im berühmtesten Kapitel widmet sich Opitz dem Versbau – also der Frage, wie deutsche Verse zu messen, zu betonen und zu reimen seien.
Wie weit Opitz dabei mit überlieferten Verfahren bricht, erschließt sich beim Lesen selbst. Auch welches neue Grundgesetz er der deutschen Verskunst zuweist, zeigt sich erst dort.
Die Handlung im Detail↑
Opitz schreibt seine Poeterey vor dem Hintergrund einer kulturpolitischen Lage, in der die deutsche Literatur den Nachbarn in Frankreich, Italien und den Niederlanden nachzuhinken scheint. Schon 1617 hatte er in der lateinischen Schrift Aristarchus sive de contemptu linguae Teutonicae („Aristarchus oder von der Verachtung der deutschen Sprache") gegen die Geringschätzung des Deutschen angeschrieben und für eine deutsche Kunstdichtung geworben. Er beruft sich dabei auf die Germania des Tacitus und überträgt die den germanischen Vorfahren zugeschriebenen Eigenschaften – Tapferkeit, Stärke, Sittenreinheit – auf die deutsche Sprache. Die Poeterey führt dieses kulturpolitische Programm fort und gießt es in praktische Regeln.
Der Band entfaltet seinen Stoff in mehreren Kapiteln. Opitz bestimmt zunächst Wesen und Würde der Dichtung, verteidigt die deutsche Sprache und führt in die Lehre von den Gattungen ein. In Kapitel V baut er eine Gattungslehre auf, in der nahezu alle damals üblichen Textsorten ihren Platz finden. Er stützt sich dabei auf zwei Traditionen zugleich: auf die antike Poetik, vermittelt vor allem über die neulateinische Lehre des Julius Caesar Scaliger von 1561, und auf die romanische und niederländische Dichtung, insbesondere auf die Nederduytschen Poemata des Daniel Heinsius von 1608. Die Wurzeln dieser Übernahmen verschweigt Opitz seinen Lesern nicht.
Den Höhepunkt bildet das siebente Kapitel mit seiner Reform der Metrik. Hier verabschiedet sich Opitz von der romanischen Silbenzählung und stellt zwei Grundsätze in den Mittelpunkt: das Gesetz der Betonung und das Gesetz des Wechsels von Hebung und Senkung. Im deutschen Vers, so seine Lehre, muss die natürliche Wortbetonung mit der Versbetonung übereinstimmen, und Hebungen und Senkungen müssen einander regelmäßig ablösen. Die einzelnen Bausteine dieses Gedankens sind nicht neu – Anklänge finden sich etwa schon bei Johannes Clajus, der Luther als sprachliches und dichterisches Vorbild gepriesen hatte. Neu ist, dass Opitz beide Gesetze zusammenführt und sie zu einem Grundgesetz der deutschen Metrik erklärt. Von Luthers Erhebung zum Vorbild rückt er ab und verweist lieber auf das Fehlen geeigneter Vorgänger – wobei er sich selbst stillschweigend zum Begründer der neuen deutschen Dichtung erklärt.
Damit eröffnet Opitz jedem, der ein deutsches Sprachgefühl hat, einen Zugang zur kunstvollen Verskunst: Wer die Betonung der Muttersprache hört, kann in der Theorie einen regelgerechten Vers bauen. Zugleich bleibt es möglich, den deutschen Vers weiterhin nach dem Schema der antiken Versfüße zu skandieren. Opitz beschließt die Schrift mit eigenen Beispielen und zeigt damit, dass seine Regeln in der Praxis tragen.
Stil↑
Opitz schreibt knapp, regelhaft und im Tonfall des gelehrten Späthumanismus. Die Poeterey ist ein schmaler Band, gegliedert in nummerierte Kapitel. Diese behandeln in straffer Folge Bestimmung, Gattungslehre und Verskunst. Sein Stil ist apodiktisch: Er stellt Regeln auf, begründet sie kurz, belegt sie mit Beispielen und schreitet weiter. Belehrung und Programm verbinden sich mit einem werbenden Ton für die deutsche Sprache.
Sein Verfahren ist das des Vergleichs und der Übertragung. Opitz nimmt antike und neulateinische Poetik zum Muster, vor allem Scaliger, sowie die niederländische Dichtung des Heinsius. Deren Vorgaben passt er den Verhältnissen des Deutschen an. Wo er Quellen übernimmt, nennt er sie. Eingestreute deutsche Verse aus eigener Feder dienen als Belege, dass die aufgestellten Regeln tragfähig sind. Die Sprache selbst will Opitz vom modischen Fremdwortgebrauch reinhalten und zugleich zu einer kunstfähigen Schriftsprache ausbauen. Er hebt das protestantische Mittel- und Norddeutsch in den Rang eines deutschen Standards.
Rezeption↑
Die Wirkung des Werks setzt mit Macht ein, besonders ab 1630. Im protestantischen Sprachraum wird die Poeterey rasch zum Maßstab, hinter den die deutsche Dichtung nicht mehr zurückfallen darf. Zwischen 1634 und 1690 erscheint sie in zwölf Auflagen. An diesen war Opitz selbst nach 1624 nicht mehr beteiligt.
In den dreißiger und vierziger Jahren des 17. Jahrhunderts führen Dichter und Gelehrte die opitzsche Versreform fort. Sie schärfen sie nach und entwickeln sie weiter, unter anderem August Buchner und dessen Schüler Philipp von Zesen, ferner Johann Peter Titz und Justus Georg Schottel. Die von Opitz übernommene Schubladeneinteilung der Gattungen prägt die deutschen Ästhetiken bis ins 19. Jahrhundert.
Über die Verskunst hinaus stellt das Buch einen weiteren Anschluss her: den der deutschsprachigen Dichtung an die europäische Gelehrtenkultur des Späthumanismus und an die europäische Weltliteratur. Die Forschung hat die Poeterey als „Kampfschrift", als „kulturpolitisches Programm" und als „Manifest des Aufbruchs" bezeichnet. Marian Szyrocki und Herbert Jaumann gehören zu denen, die diese Sicht geprägt haben. Bis heute gilt Opitz mit dieser Schrift als Begründer der deutschen Kunstdichtung der Neuzeit.
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