1625
Acht Bücher Deutscher Poematum
Überblick↑
Im Jahr 1625 erschien in Breslau eine Gedichtsammlung, mit der Martin Opitz erstmals selbst und mit seiner Billigung eine Ausgabe seiner Werke vorlegte: Acht Bücher Deutscher Poematum. Es ist die erste von ihm autorisierte und herausgegebene Sammlung seiner Dichtungen. Sie fällt durch eine große Formenvielfalt auf und vereint Lieder, Sonette, Epigramme und weitere lyrische Formen. Mit dem Band setzte Opitz die Grundsätze um, die er kurz zuvor in seiner Schrift Buch von der Deutschen Poeterey aufgestellt hatte, und schuf damit ein Muster für die Dichtung in deutscher Sprache.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eröffnet wird die Sammlung mit einer Vorrede, die Opitz dem Fürsten Ludwig von Anhalt-Köthen widmet. Darin spricht er über die römischen Dichter und ihr Verhältnis zu Herrschern und bittet den Fürsten am Ende um Schutz und Förderung. Seine Gedichte bezeichnet er selbst als „poetische Wälder“ und stellt sie damit in die auf Statius zurückgehende Tradition der Silvae.
Bevor die eigentlichen Bücher beginnen, stellt Opitz Gedichte anderer Dichter voran, darunter Texte von Caspar Barthius, August Buchner, Julius Wilhelm Zincgref und Balthasar Venator. Es folgt eine zweite Vorrede, diesmal an den Leser, in der er sein Buch, dessen Titel und einen Teil des Aufbaus erläutert.
Trotz des Titels sind nicht acht durchnummerierte Bücher zu finden. Auf fünf gezählte Bücher folgen drei weitere ohne Überschrift und Nummerierung – Oden und Gesänge, Sonette und Epigramme. Zählt man diese drei mit, ergeben sich die im Titel genannten acht Bücher. Auf diesen Umstand weist Opitz den Leser ausdrücklich selbst hin. Die einzelnen Bücher ordnen geistliche Dichtung, Gedichte über Ruhe und Landleben, Texte zu Abschied und Tod, Hochzeitsgedichte sowie weltliche und Liebesgedichte zu eigenen Gruppen.
Die Handlung im Detail↑
Nach den beiden Vorreden und den vorangestellten Gedichten anderer Dichter gliedert sich der Band in fünf gezählte und drei ungezählte Bücher.
Das erste Buch enthält „geistliche Sachen“, darunter die Übersetzung des Lobgesangs Jesu Christi des niederländischen Gelehrten Daniel Heinsius. Das zweite Buch trägt den Titel „Anderes Buch Der Poetischen Wälder“ und sammelt Gedichte über die Ruhe des Gemüts und das Landleben. Es beginnt mit einer Vorrede, dann folgt ein Gedicht, das Opitz von Bernhard Wilhelm Nüßler übersetzt und in einem eigenen Kapitel erklärt. Anschließend steht ein Lobgesang des Feldlebens, und den Abschluss bildet ein weiterer Lobgesang nach Daniel Heinsius.
Das dritte Buch gehört ebenfalls zu den poetischen Wäldern. Es versammelt neun Gedichte, die vor allem Abschied und Tod behandeln – sogenannte Epikedien. Im vierten Buch stehen zwölf Gelegenheitsgedichte, die Opitz zu verschiedenen Hochzeiten verfasste, die Epithalamien. Das fünfte Buch der „Amatoria und weltliche Getichte“ richtet sich mit einem Gedicht an die deutsche Nation und an die Jungfrauen in Deutschland; dabei handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Holländischen nach einer Vorlage von Daniel Heinsius. Hinzu kommen Klagelieder unter dem Titel „Frülings Klagegetichte“, Geburts- und Neujahrsgedichte, eine weitere Elegie, ein Gedicht „aus dem ersten Buche“ und eine Nachklage.
Es folgen die drei Bücher ohne Nummerierung. Das erste davon besteht aus sechzehn Oden und Gesängen. Das zweite enthält fünfunddreißig Sonette, darunter Übersetzungen von Gedichten Francesco Petrarcas und der italienischen Dichterin Veronica Gambara. Den Abschluss bildet ein Buch mit insgesamt fünfzig Epigrammen.
Der Sammlung von 1625 ging eine Vorgeschichte voraus. Schon 1620, kurz vor seiner Flucht aus Heidelberg, hatte Opitz seinem Freund Zincgref eine Auswahl seiner bis dahin entstandenen Gedichte hinterlassen – insgesamt einhundertfünfundvierzig Texte. Zincgref veröffentlichte sie 1624 in Straßburg ohne Opitz' Einverständnis unter dem Titel Teutsche Pöemata und ergänzte sie unter anderem um die Schrift Aristarchus und um Opitz' Übersetzungen nach Heinsius. Außerdem fügte Zincgref eine eigene Auswahl von fünfundfünfzig deutschsprachigen Gedichten dreizehn verschiedener Dichter ein. Opitz kritisierte diese Fassung scharf als ungeordnet und mängelbehaftet und führte die Schwächen auf sein damals jugendliches Alter zurück.
Mit den Acht Bücher Deutscher Poematum legte er im Folgejahr eine Werkausgabe nach seinen eigenen Vorstellungen vor, die Zincgrefs unautorisierte Fassung ablösen sollte. Seine älteren Dichtungen passte er den Regeln der Versmetrik an, die er im Buch von der Deutschen Poeterey formuliert hatte. Dreiunddreißig der einhundertfünfundvierzig Gedichte der älteren Sammlung – vor allem aus seiner Jugend – nahm er nicht mehr auf. Auch der Aristarchus fehlt nun, weil er durch das Buch von der Deutschen Poeterey als überholt gelten musste.
Bis zu seinem Tod im Jahr 1639 brachte Opitz drei überarbeitete und ergänzte Neuauflagen heraus. Die erste erschien 1629 in Breslau in zwei Bänden; der erste folgt weitgehend der Ausgabe von 1625, während der zweite neu konzipiert wurde und erstmals umfangreichere Hauptwerke versammelt, darunter die Oper Dafne und die Übersetzung von Senecas Trojanerinnen. Eine zweite Neuauflage folgte 1637, eine dritte kurz vor Opitz' Tod, eröffnet durch den Band Geistliche Poemata. Seine weltlichen Dichtungen erschienen unter dem Titel Weltliche Poemata zwischen 1638 und 1644 in zwei Bänden. Deren Veröffentlichung verzögerte sich durch einen unautorisierten Nachdruck und durch die Kriegswirren, sodass der zweite Band erst nach Opitz' Tod gedruckt wurde. Da er ihn selbst zusammengestellt und überarbeitet hatte, gilt diese Fassung als Ausgabe letzter Hand, auch wenn er den Druck nicht mehr überwachen konnte.
Stil↑
Auffällig ist die Verbindung von Übersetzung und eigener Dichtung. Die Sammlung enthält zahlreiche Übertragungen aus dem Altgriechischen, dem Lateinischen und Neulateinischen, dem Niederländischen, dem Französischen und dem Italienischen. Opitz wollte damit moderne Klassiker als Vorbilder für Gattung und Stil im Deutschen verankern. Den Übergang zwischen Übersetzung und freier eigener Arbeit kennzeichnet er ausdrücklich durch Überschriften, etwa mit der Wendung „fast aus dem Griechischen“. So entsteht eine Art Schatzkammer wichtiger europäischer Literaturen und Literatursprachen.
In den Versen verwendet Opitz nicht allein den Alexandriner, sondern besonders in den vielen Liedern auch kürzere Verse. Es überwiegt das alternierende Versmaß, bei dem sich betonte und unbetonte Silben regelmäßig abwechseln; natürliche Betonung und Versakzent fallen dabei weitgehend zusammen. Damit setzt er die Regeln um, die er selbst aufgestellt hatte. Sein Ziel war es, das Dichten in der Muttersprache anerkennen zu lassen; er verpflichtete sich dabei den Grundsätzen von Nachahmung und Übertragung, der imitatio und der translatio.
Rezeption↑
Bereits die unautorisierte Sammlung, die Zincgref 1624 veröffentlicht hatte, trug entscheidend zum Ruhm des Dichters bei – auch wenn Opitz sie als ungeordnet und fehlerhaft ablehnte. Mit der eigenen Ausgabe von 1625 schuf er die Grundlage, auf der er sein Werk fortan selbst gestaltete. Dass er die Sammlung bis zu seinem Tod dreimal neu auflegte, überarbeitete und erweiterte, zeigt, welche Bedeutung er ihr beimaß. Die Bücher wuchsen über die Jahre und nahmen nach und nach seine umfangreicheren Hauptwerke auf, von der Oper Dafne über Dramenübersetzungen bis zur Schäfferey von der Nimfen Hercinie. Spätere Drucke ordnen sich strukturell immer wieder eng an die Ausgabe von 1625 an, die so zum festen Bezugspunkt seines lyrischen Werks wurde.
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