Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Abu Telfan
Eingang · Werke · Abu Telfan
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Abu Telfan
1867
– Werkseintrag –

Abu Telfan

1867 · Roman

Nach elf Jahren afrikanischer Sklaverei kehrt ein Mann heim und merkt, dass die selbstgefällige Enge der deutschen Kleinstadt schwerer zu ertragen ist als die Wüste.

Überblick↑

Der Roman Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge von Wilhelm Raabe erschien zu Weihnachten 1867 bei Eduard Hallberger in Stuttgart. Geschrieben hat ihn Raabe zwischen April 1865 und April 1867. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der nach elf Jahren afrikanischer Sklaverei in seine deutsche Heimat zurückkehrt und dort mit der Enge und Selbstgefälligkeit der kleinbürgerlichen Welt zusammenstößt. Das Werk gilt als Spiegel der deutschen Kleinstaaterei nach der Revolution von 1848 und wurde später in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Raabe erlebte sechs Auflagen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Leonhard Hagebucher, ein junger Mann, der von der Universität Leipzig fortlief und nach Ägypten ging, um beim Bau des Suezkanals zu helfen. Auf einer Reise ins Landesinnere geriet er 1848 in die Gewalt eines nomadischen Hirtenvolkes und wurde nach Abu Telfan, einer Stadt in Dar-Fur, in die Sklaverei verkauft. Erst nach elf Jahren der Erniedrigung wird er von einem Tierhändler namens Kornelius van der Mook freigekauft.

1860 kehrt Leonhard in seinen Heimatort Bumsdorf zurück, ein Dorf nahe dem Städtchen Nippenburg in einem kleinen, nicht genannten Fürstentum. Doch der Empfang ist kühl. Sein Vater hatte ihn längst für tot gehalten, und die spießbürgerlichen Nachbarn wissen mit einem Heimkehrer, der weder gefallen noch zu Ehren gekommen ist, nichts anzufangen. Sie nennen ihn fortan den „afrikanischen Fremdling“. Leonhard muss sich mühsam einen neuen Platz in dieser engen Welt erkämpfen.

Auf seinem Weg begegnet er einer Reihe eigenwilliger Gestalten: seinem wenig geachteten Onkel Wassertreter, einem Wegebauinspektor, einem träumerischen Schneider, der selbst lange im Orient lebte, einem koptischen Sprachgelehrten und mehreren Frauen, deren Schicksale eng mit alten Geheimnissen und ungelösten Kriminalfällen verknüpft sind. Während Leonhard versucht, wieder ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden, kommt nach und nach ans Licht, welche Verstrickungen hinter der biederen Fassade des Fürstentums verborgen liegen.

Die Handlung im Detail↑

Der 27-jährige Leonhard Hagebucher war an der Universität Leipzig eingeschrieben, lief jedoch von zuhause fort und ging nach Ägypten, wo er beim Durchgraben der Landenge von Suez helfen wollte. Von Chartum aus drang er ins Landesinnere vor und geriet 1848 in die Gewalt der Baggara, eines nomadisch lebenden Volkes von Viehhirten. Diese verkauften ihn nach Abu Telfan, einer Stadt in Dar-Fur, in die Sklaverei. Nach elf Jahren der Erniedrigung wurde er schließlich von einem Tierhändler namens Kornelius van der Mook freigekauft.

1860 kehrt Leonhard in seinen Heimatort Bumsdorf zurück, nahe dem Städtchen Nippenburg in einem nicht benannten Zwergstaat. Sein Vater, der pensionierte Steuerinspektor Hagebucher, hatte ihn bis dahin für tot gehalten. Die Bewohner des Dorfes waren davon ausgegangen, er sei vermutlich im Dienst des Vizekönigs von Ägypten gegen die Nubier gefallen. Da Leonhard aber weder an der Front gefallen ist noch einen Märtyrertod erlitten hatte, sondern als Vagabund heimkehrt, zeigt sich der Familienrat wenig erfreut. Künftig wird er als „afrikanischer Fremdling“ bezeichnet. Als die Nippenburger Spießbürger ihn schließlich für einen Lump erklären, setzt sein Vater ihn vor die Tür. Leonhard sieht sich gezwungen, wieder ein nützliches Mitglied des Gemeinwesens zu werden, um Anerkennung zu erhalten.

Sein Onkel Wassertreter, ein Wegebauinspektor aus Nippenburg, der von der Kleinbürgerschaft ebenso wenig geachtet wird wie Leonhard, nimmt ihn mit über Land zur Inspektion der Straßengräben. Dabei erfährt Leonhard Neuigkeiten aus der Umgebung. Er lernt Klaudine Fehleysen kennen, die seit acht Jahren auf die Rückkehr ihres Sohnes Viktor wartet. Viktor hatte seine Ehre verloren geglaubt und war vor dem Gerede der Leute geflüchtet. Seinen Vater, einen hochgestellten Beamten und Hofrat, hatte der Schlag getroffen, als dieser, in einen Kriminalfall verwickelt, verhaftet werden sollte. Leonhard sucht Klaudine auf und will von ihr wissen, wie er den Kampf mit dieser Zivilisation aufnehmen könnte. Die alte Frau rät ihm, seine Wüsten-Erlebnisse in Deutschland öffentlich zu machen.

Zudem lernt Leonhard die 27-jährige Nikola von Einstein kennen, eine Verwandte des Gutsherren von Bumsdorf und Hofdame der Prinzessin Marianne. Nikolas Vater war General gewesen, die Mutter eine geborene Freiin von Glimmern. Die bettelarme Nikola wurde von ihrer Mutter genötigt, den Oberstleutnant Friedrich von Glimmern zu heiraten. Ein Jahr später begegnet Leonhard ihr als Frau Nikola von Glimmern in der Residenzstadt des kleinen Fürstentums wieder. Es zeigt sich, dass ihre Ansichten erheblich auseinandergehen.

Leonhard mietet ein Zimmer in der Hauptstadt und freundet sich mit seinem Zimmernachbarn an, dem träumenden Schneider Felix Täubrich. Beide verbindet ihr Orientaufenthalt: Der deutsche Schneider hatte sich als Pascha Abul Täubrich ibn Täubrich in Damaskus aufgehalten. Leonhard erfährt, dass Täubrich Viktor Fehleysen kennt, den Sohn der wartenden Klaudine. Täubrich erwähnt zudem, dass Viktor vor Sebastopol zugrunde gegangen sein soll.

Onkel Wassertreter macht Leonhard mit seinem alten Universitätsfreund bekannt, dem Sprachgelehrten Professor Christian Georg Reihenschlager. Leonhard wird rasch zum Mitarbeiter des Gelehrten. Gemeinsam mit Täubrich arbeiten sie an einer großen Grammatik des Koptischen und an einem ägyptischen Lexikon. In dieser Zeit verliebt sich Leonhard in Serena, die 19-jährige Tochter des Professors. Schließlich folgt er dem Rat der Klaudine Fehleysen und trägt mit polizeilicher Erlaubnis vor Adel und gebildetem Publikum über das innere Afrika und das Verhältnis des europäischen Menschen dazu vor. Der Vortrag endet jäh, denn es verschlägt Leonhard mitten in der Rede die Sprache, als Kornelius van der Mook den Saal betritt. Im Getümmel des Aufbruchs verliert er seinen Retter aber wieder aus den Augen. Der Fürstliche Polizeidirektor Johann von Betzendorff, der den Vortrag aus der ersten Reihe verfolgt hatte, verbietet Leonhard tags darauf schriftlich, dem deutschen Bürger künftig „auf afrikanische Art den Kopf zu waschen“.

Kurz darauf dringt ein Herr Kind, pensionierter Leutnant der Strafkompanie zu Wallenburg, in die Dachkammer ein, in der Leonhard und Täubrich schlafen. Leonhard wird zu van der Mook gebracht. Leutnant Kind, von kleinbürgerlicher Herkunft, erklärt dort, er könne den Tod seiner Frau und seiner Tochter nicht verwinden. Einst hatte er mit dem Baron von Glimmern in einer Kompanie gestanden. Von Glimmern hatte Kind im Gegenzug für den Besitz von Kinds Tochter befördern lassen. Ihren Bräutigam Adolf, Soldat und Schreiber beim Gerichtsrat Fehleysen, hatte der Baron angeblich wegen Insubordination in Kinds Strafkompanie versetzen lassen. Als der Baron Wallenburg dienstlich aufsucht, feuert Adolf auf ihn. Kind lässt den Attentäter auf der Stelle erschießen. Von Glimmern überlebt das Attentat.

Van der Mook gibt sich als Viktor Fehleysen zu erkennen, Korporal und Kamerad Kinds. Viktors Vater, der Rat Fehleysen, war seinerzeit in der Kriegsgerichtssitzung im Fall Kind gegen von Glimmern als Rechtsbeistand des Leutnants Kind hinzugezogen worden. Es zeigt sich weiter, dass Viktor in seiner Jugend Nikola geliebt hatte. Nun ist sie mit dem feigen Mörder von Glimmern verheiratet. Leutnant Kind und Viktor wollen Leonhards Rat als Unparteiischen in der Sache. Der Befragte weiß keinen Rat. Viktor weigert sich schließlich, den Baron zu ermorden, und sucht zusammen mit Leonhard seine Mutter auf. Derweil liegt Leonhards Vater im Sterben. Leonhard kommt zu spät; der Vater ist tot.

Die Philister entscheiden nun, dass der afrikanische Fremdling durch die Erbschaft respektabel und gesellschaftsfähig geworden ist. Besonders für finanzielle Zwecke erscheint er ihnen brauchbar. Leonhard will daraufhin die Tochter des koptischen Gelehrten heiraten, kommt aber zu spät: Serena ist bereits mit einem früheren Mitarbeiter des Professors verheiratet. Auf einem Empfang des Herrn von Betzendorff schleust Täubrich den Leutnant Kind ein. Der Offizier klagt von Glimmern des Betrugs an und versucht ein Attentat auf ihn. Von Glimmern kann fliehen und wird von Kind verfolgt. In London bringen beide einander im Duell um. Korporal Viktor geht nach Übersee, schlägt sich auf die Seite des Generals Grant, zieht in den nordamerikanischen Krieg und fällt in der Schlacht bei Richmond.

Die verwitwete Nikola hat sich zu Klaudine Fehleysen geflüchtet und bleibt dort. Für Leonhard sind die beiden Frauen, die keine Tränen mehr haben und nur noch still hinter ihren Blumen sitzen, gleichsam gestorben. So verlässt er sie mit den Worten: „Jetzt wollen wir wieder zu den Lebendigen gehen.“ Er strebt den Posten des Ratsschreibers von Nippenburg an.

Stil↑

Mit leichter Ironie erzählt Raabe die Geschichte der Heimkehr seines „Afrikaners“ Leonhard Hagebucher. Viele Orte im Roman sind rein fiktiv oder nur flüchtig gezeichnet. Selbst schwerwiegende Verwicklungen werden schlicht und ohne aufregende Handlung beschrieben. Besonders kurz nach seiner Rückkehr dient Leonhard als Beobachter der deutschen Kleinstaaterei nach der Revolution von 1848.

Ein allwissender Erzähler nimmt den Leser bei der Hand und führt ihn auf gangbaren Wegen durch den Roman. Er drängt sich nicht auf und behält stets die Übersicht. Dem Kriminalfall des Leutnants Kind etwa schenkt er so wenig Beachtung wie möglich. Zugleich wagt er einen Blick in die Zukunft seiner Figuren und redet auch einmal selbst dazwischen: „Wir können es nur bedauern, daß wir uns nicht mehr im Anfange oder in der Mitte unseres Buches befinden.“

Der Roman ist dreigeteilt; Hagebucher hält sich abwechselnd auf dem Dorf und in der Residenz auf. Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil lässt Raabe eine Lücke, und auch sonst gibt es Unterbrechungen: Leonhard verschläft manches. Seine Vergangenheit verrät sich überdies in seiner Wortwahl, etwa wenn er „Maschallah!“ ausruft.

Rezeption↑

Schon bald nach dem Erscheinen wurde das Buch besprochen. Moritz Hartmann nannte den Roman 1868 in der Augsburger Allgemeinen Zeitung in der „deutschen Atmosphäre“ verwurzelt; der Stoff komme „aus dem wirklichen Leben“ und handle von den „Jämmerlichkeiten“ der europäischen Zivilisation. Raabe sei ein Humorist, Leonhards Brautwerbung etwa ein „Kabinettstück“. Sogar das Fehlen eines „befriedigenden Abschlusses“ wertete Hartmann als Vorzug. Hermann Hesse hob 1907 im Münchner März die lobenswerten Charaktereigenschaften des Afrikaners hervor. Wilhelm Heeß schrieb 1926, die afrikanische Gefangenschaft berge zugleich die Chance, „innere Freiheit“ zu gewinnen.

In der späteren Forschung deutete Hermann Meyer 1963 den „heroischen Pessimismus“ als einen Pfeiler des Buches, in dem Optimismus und illusionslose „Hellsichtigkeit“ ausbalanciert seien. Eine Doktorarbeit von Schwanenberg-Liebert behandelte das Werk als „politischen Roman“, dessen Thema „Collisionen mit den staatlichen Gewalten“ seien. In der Forschung wurde festgehalten, dass die Aristokraten im Buch schlecht wegkommen und Raabe mit der Figur der Nikola ein neues Frauenbild zeichne. Eine Bibliografie verzeichnet 52 Besprechungen aus den Jahren 1868 bis 1968. Später wurde der Roman in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen.

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