1864
Der Hungerpastor
Überblick↑
Der Roman Der Hungerpastor von Wilhelm Raabe erschien 1864 und gilt als sein populärstes Buch. Erzählt wird die Geschichte des armen Schusterjungen Johannes Unwirrsch, der sich durch seinen Bildungshunger emporarbeitet und Pfarrer wird. Ihm gegenübergestellt ist die Kontrastfigur Moses Freudenstein, die ihr hochgestecktes Ziel durch ihre Egozentrik verfehlt. Das verbindende Thema des Werks ist der Hunger in seinem doppelten Sinn: als aufbauende und als zerstörende Macht im Menschenleben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Hans Unwirrsch, geboren 1819 als Sohn eines armen Schuhmachermeisters in der fiktiven Kleinstadt Neustadt. Sein Vater stirbt früh, doch er hat dem Jungen seinen eigenen unerfüllten Wunsch nach Erkenntnis mitgegeben. Eine Schusterkugel, in die der Vater einst beim Träumen von einer besseren Zukunft blickte, wird Hans als Sinnbild dieses geistigen Erbes durchs Leben begleiten.
Am selben Tag wie Hans wird im Nachbarhaus Moses Freudenstein geboren, der Sohn eines jüdischen Trödlers. Aus einer gemeinsamen Straßenrauferei wächst eine Freundschaft der beiden Jungen, die zugleich beide als Außenseiter gelten. Gegen den Widerstand seines Onkels, der ihn zum Schuster machen will, erkämpft sich Hans den Weg aufs Gymnasium und später an die Universität, wo er Theologie studiert, während Moses sich mit scharfem Verstand der Philosophie widmet.
Auf seinem Weg ist Hans auf Stipendien, Empfehlungen und Hauslehrerstellen angewiesen. Er zieht über Land, von einem Gut zu einer Fabrik bis nach Berlin, und überall stößt sein Bildungshunger auf eine Welt, die vor allem nach Geld und Aufstieg strebt. Wie sich die ungleiche Freundschaft zu Moses entwickelt und welchen Weg Hans am Ende findet, entfaltet der Roman in vielen Stationen.
Die Handlung im Detail↑
Die Geschichte beginnt 1819 mit zwei Geburten am selben Tag. In der Kröppelstraße von Neustadt feiert der Schuhmachermeister Anton Unwirrsch mit seinem Schwager Nikolaus Grünebaum endlich die Geburt seines Sohnes Johannes, genannt Hans. Im Nachbarhaus wird dem jüdischen Trödler Samuel Freudenstein der Sohn Moses geboren; dessen Mutter stirbt bei der Geburt. Beim Blick in seine Schusterkugel sucht Meister Anton ein tieferes Verständnis der Welt und überträgt all sein Streben nach Erkenntnis auf den Sohn: Hans soll erreichen, was dem Vater versagt blieb. Schon 1820 stirbt Anton. Seine Witwe Christine schlägt sich als Wäscherin durch, tagsüber kümmert sich die Base Schlotterbeck um den Jungen und weckt mit Märchen und biblischen Geschichten seine Phantasie.
Mit fünf Jahren kommt Hans in die ärmliche Armenschule, wo der kränkliche Lehrer Silberlöffel an der Tuberkulose stirbt. Onkel Grünebaum, der im Gasthaus große Reden führt, aber seine Werkstatt verkommen lässt, mahnt den Neffen, sich auf die Seite der Schwachen zu stellen. Als eine Horde den Judenjungen Moses auf der Straße verspottet und angreift, stellt Hans sich offen dagegen. Seitdem sind die beiden Freunde. Im Trödelladen der Freudensteins entdeckt Hans eine Höhle voller seltsamer Gegenstände und Bücher; Moses dagegen ist ihm in praktischen Dingen weit überlegen. Als Moses erzählt, er werde aufs Gymnasium gehen, leidet Hans unter der für ihn geplanten Schusterlehre. Seine Mutter würde den Wunsch des Sohnes gern erfüllen, doch ihr fehlt das Geld, und der Onkel widersetzt sich.
In seiner Verzweiflung bittet der schüchterne Hans den Gymnasialprofessor Blasius Fackler um Hilfe. Fackler stammt selbst aus armen Verhältnissen, ist vom Bildungshunger des Schustersohns beeindruckt und setzt sich für ihn ein: Der Vormund gibt beleidigt seinen Einspruch auf. Später wird Fackler Hans' Lehrer und vermittelt ihm eine Hauslehrerstelle bei den verwöhnten Söhnen des Kanzleidirektors Trüffler. Die ersten Gymnasialjahre fallen Hans schwerer als dem schnell auffassenden Moses. Für Moses und seinen Vater ist die Schule vor allem der Weg zum Aufstieg und der Triumph über die anderen; Hans dagegen sucht die Erweiterung seines Weltbildes und verliert sich in der Odyssee. Das einst gleiche Verhältnis wird einseitig: Moses entwickelt sich geistig aus der Freundschaft heraus, ohne dass Hans es bemerkt, und holt ihn mit spöttischer Kritik immer wieder aus seinen Illusionen.
Am Mittwoch vor Ostern bestehen Moses als Bester und Hans als Zweitbester das Abitur. Während die Unwirrschs feiern, stirbt Samuel Freudenstein an zwei Schlaganfällen; zuvor hatte er dem Sohn seinen versteckten Reichtum an Bargeld und Wertpapieren gezeigt. Moses verkauft das Trödelgeschäft, und beide wandern in die Universitätsstadt. Dort leistet sich Moses mit seinem Vermögen eine Wohnung im besten Viertel und ein standesgemäßes Studentenleben, während Hans mit den Rücklagen der Mutter, einem Stipendium und Facklers Empfehlungen in einem billigen Dachkämmerchen sparsam wirtschaften muss. Moses studiert Philosophie und hört Jura; er fühlt sich als Kosmopolit und nennt seine Haltung Individualismus, wo Hans Egoismus sieht. Die Freundschaft bleibt mit der alten Rollenverteilung bestehen: Hans schützt Moses vor Anfeindungen, Moses ernüchtert Hans' naives Weltbild und hilft ihm beim Hebräischen für sein Theologiestudium.
Moses promoviert mit einer von Spinoza inspirierten Dissertation über die Materie als Moment des Göttlichen und geht als Doktor der Philosophie nach Paris. Hans wird mitten in den Examensvorbereitungen zu seiner sterbenden Mutter gerufen. Auf dem Heimweg kehrt er im Wirtshaus „Zum Posthorn“ in Windheim ein. Als er den Namen Moses Freudenstein erwähnt, wird er an den Tisch des Leutnants außer Dienst Rudolf Götz und seiner Nichte Franziska geladen. Der Offizier redet schlecht über Moses: In Paris habe sich dieser nach dem Tod von Franziskas Vater nicht sehr ritterlich gegen sie betragen. In Neustadt begleitet Hans über den Winter das Sterben der Mutter und bereitet sich auf sein Examen vor. Als er aus seiner Prüfungspredigt heimkehrt, ist die Mutter friedlich entschlafen. Er vermietet das Haus und verlässt die Stadt.
Da alle Pfarrstellen besetzt sind, muss Hans sich als Hauslehrer durchschlagen. Wieder durch Fackler kommt er auf das Gut des Landedelmannes von Holoch in Bocksdorf, wird dort aber von der angereisten Erbtante als „unpolierter Tölpel“ abgelehnt, die den Junker mit in die Residenzstadt nimmt. Eine neue Stelle findet Hans bei einem wohlhabenden Chemie-Fabrikanten in Kohlenau, dessen Söhne tüchtige Geschäftsleute werden sollen. In dieser materiellen Umgebung fühlt er sich wie im Gefängnis und sehnt sich nach einer freieren, schöneren Welt. Als eine dem Hungertyphus ähnliche Krankheit ausbricht, sterben viele Menschen, es kommt zu Not und Unruhen, die von Soldaten niedergeschlagen werden. Weil Hans die aufbegehrenden Arbeiter in Schutz nimmt, wird ihm gekündigt. Auf einem Spaziergang trifft er erneut Leutnant Götz, der ihm eine Hauslehrerstelle beim Sohn seines Bruders anbietet. So gelangt Hans nach Berlin zum Geheimen Rat Theodor Götz, und Leutnant Götz erzählt ihm auf der Reise die Geschichte seiner Familie und seines Soldatenlebens.
Während Hans seinen geraden, oft mühsamen Weg geht, beschützt von hilfreichen Figuren, die in kritischen Augenblicken eingreifen, läuft Moses' Aufstieg in eine andere Richtung. Hans geht aus jeder Konfrontation gestärkt hervor und schreitet immer sicherer in Richtung Ostseestrand. Am Ende heiratet er die ihm seelenverwandte Franziska, während Moses durch seine Egozentrik sein hochgestecktes Ziel verfehlt.
Stil↑
Den Roman trägt die Doppeldeutigkeit seines Leitworts: Der Hunger meint zugleich die leibliche Not der Armut und den geistigen Hunger nach Erkenntnis, Bildung und einer besseren Welt. Dieselbe Metapher wirkt aufbauend in Hans und zerstörend in Moses. Daneben steht die Schusterkugel als ein durchgehendes Sinnbild: das geistige Erbe des Vaters, das über dem Schreibtisch des Pfarrers hängt.
Auffällig ist die antinomische Anlage der beiden Hauptfiguren. Hans und Moses werden als Gegensatzpaar geführt, dem Gut und Böse klar zugeteilt sind. Diese Schwarz-Weiß-Zeichnung und die eher konventionelle Form gelten manchen als Vereinfachung, erklären aber zugleich die breite Wirkung des Buches. Hans wird zudem in kritischen Lagen von Beschützergestalten umgeben, die unvermittelt in die Handlung eingreifen, sodass das Böse ihm nichts anhaben kann. Mit dieser Anlage verbindet Raabe eine deutliche Zeitkritik, etwa in der Gestalt des Fabrikanten, der sich Wissen kauft, indem er sich einen Hauslehrer hält.
Rezeption↑
Beim Publikum war das Werk ein großer Erfolg und wurde meist als realistisch und bodenständig positiv aufgenommen. Schon bald nach dem Erscheinen äußerten sich Moritz Hartmann und Hieronymus Lorm zustimmend. Ferdinand Freiligrath empfahl die Lektüre 1868 seiner Tochter und nannte das Buch vortrefflich und unterhaltsam, zugleich aber eines von denen, die den Leser zur Einkehr in die eigene Brust zwängen. Spott gab es ebenfalls: Arno Holz reimte abfällig über den „Hungerpaster“.
Von einigen Kritikern wurde die konventionelle Form und die Schwarz-Weiß-Charakterisierung als Rückschritt gegenüber Raabes Die Chronik der Sperlingsgasse gesehen. Gerade diese Vereinfachung, so eine Deutung, erkläre aber den Erfolg: Der einfältige Unterschied zwischen Gut und Böse habe das Buch populär gemacht. Die klare Verteilung von Gut und Böse auf zwei Figuren, die einen echten Irrweg fast ausschließt, hat auch Zweifel an der Einordnung als Entwicklungsroman geweckt. Hans, im Biedermeier als Idealfigur bewundert, wirkt manchen mitunter lächerlich, etwa wenn er Moses kritiklos verehrt.
Raabes eigenes Urteil wandelte sich. Wollte er zunächst nicht nur ein deutsches Volksbuch, sondern das deutsche Volksbuch schlechthin schaffen, so nannte er den Roman in einem Brief von 1902 spöttisch „abgestandenen Jugendquark“. Dass die Wirkung anhielt, zeigt der Pfarrer und Schriftsteller Artur Brausewetter, der 1899 seinen ersten Roman bewusst anklingend Der Armenpastor nannte.
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