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Autoreneintrag · Wilhelm Raabe
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Porträt Wilhelm Raabe
Wilhelm Raabe
1831 – 1910
– Autorenporträt –

Wilhelm Raabe

1831 – 1910 · 79 Jahre

Erzähler des poetischen Realismus, der die ökologischen und sozialen Folgen der Industrialisierung früher und schärfer beschrieb als die meisten seiner Zeitgenossen.

Kurzporträt

Wilhelm Raabe (1831–1910) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Er ist ein wichtiger Vertreter des poetischen Realismus. Geboren wurde er im niedersächsischen Eschershausen. Nach Stationen in Wolfenbüttel und Stuttgart lebte er fast vier Jahrzehnte in Braunschweig, wo er auch starb. In rund 50 Schaffensjahren verfasste er nach eigener Zählung 68 Romane, Erzählungen und Novellen, dazu eine kleine Zahl von Gedichten. Sein Werk reicht von der weithin beliebten Frühschrift Die Chronik der Sperlingsgasse bis zu gesellschaftskritischen Romanen wie Pfisters Mühle und Stopfkuchen. In diesen Romanen thematisierte er die ökologischen und sozialen Folgen der Industrialisierung früher und schärfer als die meisten seiner Zeitgenossen.


Biografie

Wilhelm Karl Raabe wurde am 8. September 1831 in Eschershausen im Weserbergland geboren. Seine Eltern waren der Justizbeamte Gustav Karl Maximilian Raabe und dessen Frau Auguste, geborene Jeep. Laut der Deutschen Biographie stammten die väterlichen Vorfahren von Harzer Bergleuten aus dem Raum Clausthal-Zellerfeld ab. Deren Nachkommen waren im 18. Jahrhundert ins Bildungsbürgertum aufgestiegen; die mütterliche Linie gehörte schon länger dieser Schicht an. Prägend für den Jungen war nach Auskunft der NDB nicht nur der Vater, der Reisetagebücher und landesgeschichtliche Studien verfasste. Vor allem der Großvater August Raabe wirkte auf ihn ein, ein Postmeister, Theologe und Aufklärungsschriftsteller. Für Wilhelm blieb er zeitlebens ein Vorbild.

Kindheit und Schulzeit verbrachte Raabe in Holzminden und Stadtoldendorf. Häufige Umzüge der Familie verhinderten eine kontinuierliche Schullaufbahn. Von 1836 bis 1842 besuchte er die Bürgerschule und das Gymnasium in Holzminden, danach bis 1845 die Stadtschule in Stadtoldendorf. Nach dem Tod des Vaters 1845 zog die Witwe mit Wilhelm und seinen zwei Geschwistern nach Wolfenbüttel zu Verwandten, die zum Großbürgertum zählten. Dort besuchte er die humanistische »Große Schule«, an der die Brüder seiner Mutter, Justus und Christian Jeep, unterrichteten. 1849 verließ er das Gymnasium mit der Sekundareife. Der Versuch, das Reifezeugnis extern nachzuholen, misslang.

Im selben Jahr begann Raabe in der Creutzschen Buch- und Musikalienhandlung in Magdeburg eine Buchhändlerlehre. Sie ermöglichte ihm eine unsystematische, aber kontinuierliche Beschäftigung mit deutscher und europäischer Literatur. 1853 brach er die Lehre laut der Deutschen Biographie aus gesundheitlichen Gründen ab. Zurück in Wolfenbüttel widmete er sich autodidaktischen Studien. Von 1854 bis 1856 hörte er als Gasthörer an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin Vorlesungen aus Geschichte, Geographie, Kunstgeschichte und Philosophie. Am 15. November 1854 begann er die Arbeit an seinem ersten Roman Die Chronik der Sperlingsgasse; diesen Tag stilisierte er später zum »Federansetzungstag«. Der Roman erschien 1856 unter dem Pseudonym Jakob Corvinus und mit der vordatierten Jahreszahl 1857. Nach Raabes eigenem Bekunden war dieses Buch sein größter schriftstellerischer und wirtschaftlicher Erfolg.

Ermutigt durch die positive Aufnahme entschloss sich Raabe zu einem Leben als freier Schriftsteller. Da er ausschließlich von seinen Einkünften lebte, war er zu hoher Produktivität gezwungen. Von 1856 bis 1862 baute er in Wolfenbüttel seine Verlegerbeziehungen aus. In diesen Jahren entstanden sechs Romane und dreizehn kleinere Erzählungen, viele davon in »Westermanns Monatsheften«. Zu diesem Blatt hatte ihm die Freundschaft mit dem Redakteur Adolf Glaser den Weg geebnet. Auf einer Bildungsreise 1859, die ihn unter anderem nach Prag und Wien führte, wurde er, wie die NDB notiert, zum überzeugten Anhänger einer kleindeutschen Lösung der deutschen Frage. Er nahm 1860 in Coburg und 1861 in Heidelberg als Delegierter an Versammlungen des Deutschen Nationalvereins teil und trat 1866 der nationalliberalen Deutschen Partei bei.

Am 24. Juli 1862 heiratete Raabe in Wolfenbüttel Bertha Emilie Wilhelmine Leiste, Tochter des Oberappellationsgerichtsprokurators Christoph Ludwig Leiste. Aus der Ehe gingen vier Töchter hervor: Margarethe, Elisabeth, Klara und Gertrud; ein Sohn starb früh. Nach der Heirat übersiedelte das Paar nach Stuttgart, wo bis 1870 umfangreiche Romane und Erzählungen entstanden. Zu den erfolgreichsten zählte Der Hungerpastor (1864), den die Deutsche Biographie wegen seiner antisemitischen Tendenz als fragwürdig einstuft. Das erzählerische Glanzstück Abu Telfan (1868) fand dagegen wenig Beachtung. In Stuttgart pflegte Raabe den Umgang mit Schriftstellern wie Friedrich Wilhelm Hackländer, Albert Dulk, Friedrich Notter und Paul Heyse. 1862 lernte er auch den Erfolgsschriftsteller Wilhelm Jensen kennen. Zu dessen Frau Marie fühlte er sich sein Leben lang hingezogen, wie der Briefwechsel laut der Deutschen Biographie dokumentiert.

1870 kehrte Raabe nach Braunschweig zurück, wo er bis zu seinem Tod blieb. Die literarischen Zirkel ersetzten ihm dort stammtischartige Gemeinschaften. Am 15. Dezember 1870 wurde er Mitglied des Stammtischs »Die ehrlichen Kleiderseller«, 1883 trat er zusätzlich der Künstlervereinigung »Der feuchte Pinsel« bei. In den 1890er Jahren wandte sich das Publikum einigen seiner Werke wieder verstärkt zu. Er wurde mehrfach öffentlich geehrt, obwohl er sich selbst bereits als »gestorbenen Schriftsteller« bezeichnete. 1901 erhielt er Ehrendoktorwürden in Göttingen und Tübingen, 1910 in Berlin auch einen medizinischen Ehrendoktor. Im selben Jahr 1901 wurde er Ehrenbürger von Braunschweig und Eschershausen. In seinen letzten acht Lebensjahren stellte er das Schreiben ein und unternahm mehrere Reisen. Sein letzter Roman Altershausen blieb 1902 Fragment. Wilhelm Raabe starb am 15. November 1910 in Braunschweig, am Tag seines Autorenjubiläums, genau 56 Jahre nach dem »Federansetzungstag«. Die Gedenkrede hielt sein Freund und Biograph Wilhelm Brandes, der 1911 die »Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes« mitbegründete.


Literarische Merkmale

Raabes Werk lässt sich grob in drei Phasen gliedern. Die frühen Wolfenbütteler Jahre (1856–1862) brachten neben der erfolgreichen Chronik der Sperlingsgasse auch historische Stoffe hervor: Der Student von Wittenberg (1857), Die alte Universität (1858/59) und Die schwarze Galeere (1861). Viele dieser Texte erscheinen, wie die Deutsche Biographie urteilt, noch klischeehaft und sentimental. Sie lassen aber bereits Ansätze eines sozial- und zeitkritischen Bewusstseins erkennen.

Der Umzug nach Stuttgart 1862 leitete eine Phase der literarischen Neuorientierung ein. In ihr fand Raabe zu Erzählformen, die dem Zeitgeschmack eher zuwiderliefen. Laut der NDB experimentierte er mit multiplen Erzählern in Drei Federn (1865), mit unzuverlässigen Erzählern in Die Gänse von Bützow (1866), mit weiblichen Erzählerfiguren in Im Siegeskranze (1866) und mit der aufklärerischen Umdeutung von Sagenstoffen in Die Hämelschen Kinder (1863). Diese erzählerischen Versuche setzte er in der Braunschweiger Zeit fort und brachte sie zur Reife.

Seine literarische Vollendung erreichte Raabes Werk in den historischen Erzählungen Höxter und Corvey (1875), Die Innerste (1876), Das Odfeld (1888) und Hastenbeck (1899). Noch mehr galt das für die gesellschaftskritischen Erzählungen und Romane Horacker (1876), Zum wilden Mann (1874), Pfisters Mühle (1884), Unruhige Gäste (1885), Im alten Eisen (1887), Stopfkuchen (1891) und Die Akten des Vogelsangs (1896). Hier thematisierte er, wie die Deutsche Biographie hervorhebt, deutlicher als seine Schriftstellerkollegen die ökologischen und sozialen Probleme der fortschreitenden Industrialisierung. Viele dieser Texte porträtieren die Schicksale der ländlichen Bevölkerung im Konflikt mit Fortschritt und Industrialisierung.

Kennzeichnend für Raabes Schreiben ist eine humoristische Grundhaltung. Sie nimmt auch das feuilletonistische Rezensionswesen seiner Zeit aufs Korn – etwa in Die Kinder von Finkenrode (1859) und der an E. T. A. Hoffmann angelehnten Erzählung Weihnachtsgeister (1858). Seine Texte sind, so die NDB, mit humanistischem Bildungsgut gesättigt und tragen ausgeprägt experimentellen Charakter. Neben dem erzählerischen Werk verfasste Raabe eine Reihe von Gedichten. Das politische Gedicht Zum Schillerfest am 10. November 1859 erwies sich darunter als das wirkungsmächtigste. Dramenpläne blieben unausgeführt.


Rezeption

Zu Lebzeiten blieben Raabes Romane und Erzählungen einem kleinen Leserkreis vorbehalten. Die Deutsche Biographie führt dies auf den Experimentalcharakter der Texte zurück, auf die Wahl von dem Publikumsgeschmack zuwiderlaufenden Stoffen und auf die starke Sättigung mit humanistischem Bildungsgut. Breite Aufnahme fanden ausgerechnet jene Werke, die Raabe selbst geringschätzte: die Chronik der Sperlingsgasse und Der Hungerpastor, die er als »Kinderbücher« beziehungsweise »abgestandenen Jugendquark« abtat. Die Popularität des Erstlingswerks erreichte kein anderes seiner Bücher.

In den 1890er Jahren wandte sich das Publikum einigen seiner Werke wieder verstärkt zu. Während dieses Aufschwungs wurde Raabe mehrfach öffentlich geehrt, obwohl er sich selbst längst als »Schriftsteller a. D.« betrachtete. Einen umfangreichen Briefwechsel führte er mit dem Literaturkritiker Sigmund Schott, der viele seiner Werke in der Presse besprach. 1886 erhielt er eine Ehrenpension der Schiller-Stiftung. 1899 wurde ihm der bayerische Maximiliansorden verliehen, 1901 das braunschweigische Kommandeurskreuz III. Klasse sowie Verdienstorden von Baden, Württemberg, Sachsen-Weimar und Preußen. 1908 folgte das braunschweigische Verdienstzeichen für Kunst und Wissenschaft. 1901 ernannten ihn die Universitäten Göttingen und Tübingen zum Ehrendoktor der Philosophie, 1910 Berlin zum Ehrendoktor der Medizin. Im selben Jahr 1901 wurde er Ehrenbürger von Braunschweig und Eschershausen.

1907 gehörte Raabe zum »Ehrenbeirat« des neu gegründeten Werdandi-Bundes. Bereits 1911, ein Jahr nach seinem Tod, wurde auf Initiative seines Biographen Wilhelm Brandes und mehrerer Braunschweiger Honoratioren die »Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes« gegründet. Deren Mitteilungen erschienen von 1911 bis 1943 und wurden nach 1948 als »Mitteilungen der Raabe-Gesellschaft« fortgeführt. Im Geburtshaus in Eschershausen und in seiner letzten Wohnstätte in Braunschweig wurden ein Raabe-Museum und eine Forschungsstelle eingerichtet. Sein Nachlass befindet sich heute, wie die Deutsche Biographie verzeichnet, im Stadtarchiv und im Raabe-Haus in Braunschweig sowie in Marbach am Neckar und in Wolfenbüttel. Die wissenschaftliche Braunschweiger Ausgabe wurde 1951 von Karl Hoppe begonnen und von Jost Schillemeit fortgeführt. Sie umfasst zwanzig Bände und fünf Ergänzungsbände und wurde 1994 abgeschlossen.

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