1494 – 1553
François Rabelais
Kurzporträt↑
Als Schriftsteller, Humanist und Arzt der Renaissance zählt François Rabelais zu den bedeutendsten Prosaschriftstellern der französischen Literatur. Geboren wurde er vermutlich um 1494 in der Touraine, gestorben ist er am 9. April 1553 in Paris. Bekannt geblieben ist vor allem sein fünfbändiger Romanzyklus Gargantua und Pantagruel. Er erzählt von den Abenteuern zweier Riesen und verbindet derben Witz mit gelehrter Anspielung. Sein Name lebt im Französischen bis heute fort – etwa in der Wendung „une plaisanterie rabelaisienne“ für einen derb-komischen Scherz.
Biografie↑
Über Geburtsjahr und Geburtsort von Rabelais sind sich die Quellen nicht einig. Die Wikidata gibt als Geburtsjahr 1494 und als Ort Seuilly an, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen 1490 und La Devinière. Auch in der Forschung gilt das Datum als unsicher. Genannt wird „um 1494, vielleicht 1483“, der Ort wird mit La Devinière bei Chinon in der Touraine angegeben. Sicher ist, dass er am 9. April 1553 in Paris starb. Geboren wurde er vermutlich auf einem Landgut bei Chinon. Er war der jüngste von drei Söhnen des wohlhabenden Grundbesitzers und Advokaten Antoine Rabelais.
Seinen Weg begann Rabelais in der Kirche. Er trat sein Noviziat im franziskanischen Kloster La Baumette nahe Angers an und empfing um 1511 die Weihe. Für 1520 ist er als Ordenspater in Fontenay-le-Comte belegt. Dort kam er mit dem aus Italien ausstrahlenden Humanismus in Berührung und begann, Altgriechisch zu lernen. Er knüpfte Briefkontakte zu Gelehrten, etwa zu dem Humanisten Guillaume Budé. Um 1522 verfasste er eine nicht erhaltene Übertragung eines Buches der Perserkriege Herodots. 1523 brandmarkte die Pariser theologische Fakultät, die Sorbonne, die Griechischstudien als Vorstufe zur Ketzerei. Deshalb geriet Rabelais wegen seiner antiken Studien in Konflikt mit seinen Ordensoberen.
Durch Vermittlung des Geoffroy d’Estissac erhielt er 1524 die päpstliche Erlaubnis zum Ordenswechsel. Er verließ die bildungsfeindlichen Franziskaner zugunsten der Benediktiner. Er lebte fortan meist im Gefolge Estissacs, dem er als Sekretär diente. Ab 1528 findet man ihn in Paris. Aus einer Verbindung mit einer Witwe gingen dort zwei uneheliche Kinder hervor. Im September 1530 schrieb er sich an der medizinischen Fakultät von Montpellier ein und erwarb dort schon am 1. November den Grad eines Baccalaureus. Die akademische Medizin war damals ein fast reines Buchstudium auf der Grundlage von Hippokrates und Galen. Rabelais näherte sich ihr vor allem philologisch und kommentierte 1531 deren Texte nach den griechischen Originalen.
Im Sommer 1532 lebte er in Lyon, praktizierte als Arzt und gab bei dem Drucker Sebastian Gryphius gelehrte Werke heraus. Ende 1532 erschien dort sein Roman Pantagruel. Schon im Titel war er als Parodie des Ritterromans erkennbar, und Rabelais veröffentlichte ihn unter dem Pseudonym Alcofribas Nasier. Bald darauf erhielt er eine Anstellung am Lyoner Hospital Hôtel-Dieu. Anfang 1534 lernte er den Bischof von Paris Jean du Bellay kennen. Dieser engagierte ihn als Leibarzt und Sekretär und nahm ihn mehrfach nach Rom mit. In Rom interessierte sich Rabelais besonders für die Spuren der Antike.
Ende 1534 oder Anfang 1535 ließ er anonym Gargantua erscheinen, der die Vorgeschichte zum Pantagruel erzählt. 1536 erhielt er die Erlaubnis Papst Pauls III., in den Benediktinerorden zurückzukehren, und bekam eine Pfründe als Stiftsherr. Anfang 1537 erwarb er in Montpellier den Doktortitel und hielt Vorlesungen über Hippokrates. Im selben Sommer erregte er in Lyon Aufsehen, als er die Leiche eines Gehenkten öffentlich sezierte. Ende 1539 empfahl ihn Jean du Bellay seinem Bruder Guillaume, dem Gouverneur des Piemont. Mit diesem pendelte Rabelais bis zu dessen Tod Anfang 1543 zwischen Norditalien und Frankreich. Eine Zeit lang wirkte er auch als städtischer Arzt in der Freien Reichsstadt Metz.
1546 erschien Le tiers livre, diesmal unter seinem eigenen Namen. Er durfte es der Schwester von Franz I., Marguerite de Navarre, widmen. Nach dem Tod des Königs 1547 begleitete Rabelais Jean du Bellay erneut nach Rom. Dort entstand Le quart livre. Es kam 1548 in Teilen und 1552 vollständig heraus und enthielt satirische Spitzen gegen die Papstpolitik. Als sich König und Papst arrangiert hatten, verurteilte die Sorbonne das Buch, und auch das Parlement de Paris verbot es. Anfang 1553 musste Rabelais seine Pfründen in Meudon und im Bistum Le Mans aufgeben. Danach verliert sich seine Spur; er starb im April 1553. Ein weiterer Fortsetzungsband, Le cinquième livre, erschien erst 1564 vollständig. Eine Teilausgabe unter dem Titel L'Île sonnante war schon 1562 erschienen. Der Band gilt zumindest in Teilen als nicht von Rabelais selbst stammend.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für das Schreiben von Rabelais ist die Mischung der Register. Er verband spielerische Ironie und Sarkasmus mit derbem Witz und pedantischer Gelehrtheit, dazu Wortspiele und komisch verwendete echte wie erfundene Zitate. Sein Erfolg beruhte gerade auf dieser Vermengung des Hochgelehrten mit dem Volkstümlichen. Die Romane sind locker strukturiert und mit zahllosen burlesken Anekdoten, witzigen Zitaten und satirischen Seitenhieben durchsetzt.
Hinter dem Gelächter stand ein humanistisches Programm. In Gargantua karikiert Rabelais am Bildungsgang seines Riesen die überkommenen scholastischen Lerninhalte. Er stellt ihnen neue humanistische Ideale entgegen, die philosophisch-historische und naturwissenschaftliche Studien gleichberechtigt nebeneinanderstellen. Der Schlussteil handelt von der utopischen „Abtei Thélème“, in der eine junge Elite allein nach Vernunft, Selbstbeherrschung und dem Evangelium lebt. Er wirkt alles andere als orthodox katholisch. Sein Romanwerk ist zudem durchdrungen von medizinischem Wissen und seinen Erfahrungen als Arzt.
Bemerkenswert ist sein Umgang mit der Sprache. Rabelais arbeitete hartnäckig daran, das Französische zu erneuern, indem er Dialekte und auch fremde Wörter einbezog. Zeitgenossen verstanden dieses Unternehmen nicht recht, und manches wurde zensiert. Dennoch fanden Hunderte von Wörtern und Wendungen ihren Platz in der Alltagssprache. Dazu gehören die Adjektive „pantagruélique“ und „gargantuesque“, die bis heute einen gewaltigen Appetit oder ein üppiges Mahl bezeichnen.
Rezeption↑
Vom zeitgenössischen Publikum wurden seine Romane vermutlich vor allem als heitere Zerstreuung gelesen. Die Zeit war von religiöser und ideologischer Polarisierung beherrscht, und es gab wenig zu lachen. Den Ausbruch der Hugenottenkriege 1562 erlebte Rabelais nicht mehr. Sein Werk wurde bald auch in England, den Niederlanden und Italien bekannt.
Die folgenden Jahrhunderte urteilten geteilt. Kritisiert wurden das derb Leiblich-Materielle, das Ungehobelte und die grotesken Übertreibungen, besonders von den Calvinisten. Ihnen gingen seine freie Moral und seine Religions- und Gesellschaftskritik zu weit. Akzeptiert wurden dagegen die Psychologie, die soziale Satire und die Dialogtechnik. Lange versuchte man, hinter den Figuren konkrete historische Personen zu entschlüsseln. Einer Werkausgabe von 1659 lag erstmals ein solcher Schlüssel bei, 1693 wurde auch die englische Übersetzung durch einen Schlüssel ergänzt. So vermutete man etwa hinter dem Riesen Gargantua oft den König selbst. Die Komik aber verliert auch dann nichts an Wirkung, wenn man diese Anspielungen nicht kennt.
Heute wird Rabelais wegen seiner archaisch gewordenen Sprache und seiner oft kaum mehr verständlichen Wortspiele zwar wenig gelesen. Er gilt aber als einer der bedeutendsten französischen Autoren des 16. Jahrhunderts und als Galionsfigur des volkstümlich-heiteren „esprit gaulois“. Michail Bachtin sah in ihm einen Protagonisten der Annäherung von mittelalterlicher Volkskultur und Hochkultur, die in einer karnevalistischen „Lachkultur“ verschmelzen. Zugleich sah er in ihm einen Vertreter einer grotesken, körperbetonten Weltsicht. Die erste deutsche Teilübertragung des Zyklus verfasste der Straßburger Humanist Johann Fischart 1575. Zu Ehren des Autors trägt die Universität in Tours seinen Namen.
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