1878 – 1937
Horacio Quiroga
Kurzporträt↑
Zu den prägenden Erzählern Lateinamerikas zählt Horacio Quiroga. Er wurde 1878 im uruguayischen Salto geboren. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er in Argentinien, behielt aber dennoch die uruguayische Staatsbürgerschaft. Er schrieb Erzählungen, Kurzgeschichten, kleine Romane und Skizzen. Darin kehren der subtropische Urwald, die Jagd und der Tod immer wieder. Sein Leben war von einer ungewöhnlichen Häufung von Unglücksfällen und Selbsttötungen im engsten Umkreis geprägt. Am 19. Februar 1937 setzte Quiroga seinem Leben in einem Krankenhaus in Buenos Aires selbst ein Ende.
Biografie↑
Horacio Quiroga wurde 1878 in der kleinen Stadt Salto in Uruguay geboren. Sein Vater war der dort amtierende argentinische Vizekonsul. Wenige Monate nach seiner Geburt starb der Vater bei einem Jagdunfall. Zwölf Jahre lebte der Junge mit seiner Mutter allein, bis diese erneut heiratete. Der liebevolle Stiefvater erkrankte jedoch bald schwer. Nach einem Gehirnschlag blieb er fast vollständig gelähmt. Lebensmüde geworden, beschaffte er sich ein Jagdgewehr. Er erschoss sich in dem Augenblick, als der sechzehnjährige Horacio das Zimmer betrat.
Quiroga studierte zunächst Chemie, später Geschichte und Fotografie. Früh begann er zu schreiben. 1894 wurde er Mitarbeiter der Zeitschrift Revista del Salto, die er ab 1898 auch herausgab. Im Jahr 1900 reiste er für einige Monate nach Paris, um Anschluss an die literarische Welt zu finden. Er kehrte aber desillusioniert und finanziell ruiniert nach Uruguay zurück. 1901 erschien sein erstes Buch Die Korallenriffe, in dem er mit moderner Sprache experimentierte. Am 5. März 1902 traf ihn ein weiterer Schicksalsschlag. Als er einem Freund den Gebrauch einer Pistole erklärte, löste sich ein Schuss und tötete diesen versehentlich.
Danach ließ sich Quiroga in Buenos Aires nieder. 1903 begleitete er als Fotograf den Dichter Leopoldo Lugones in den Urwald von Misiones im subtropischen Nordargentinien. Diese Gegend beeindruckte ihn tief. Eine Expedition in den argentinischen Teil des Gran Chaco im Jahr 1905 wurde dagegen ein vollständiger Fehlschlag. Er kehrte als gebrochener Mann nach Buenos Aires zurück. Dort arbeitete er als Professor für spanische Sprache und Literatur. In seinem Schreiben verzichtete er nun mehr und mehr auf die modernistischen Experimente und legte Wert auf authentische, genaue Details. Oft kreisen seine Texte um Tod und Wahnsinn, so im Erzählband El crimen del otro aus dem Jahr 1904.
Ende 1909 heiratete Quiroga Ana María Cires, die rund zehn Jahre jünger war. 1910 zog er mit ihr in den Urwald von San Ignacio in Misiones. Dort wurde er zum Juez de Paz ernannt, einer Art Standesbeamten. Dieses Amt führte er sehr nachlässig, und seine Heirats- und Sterbevermerke bewahrte er etwa in einer Keksdose auf. Hier kamen seine beiden Kinder zur Welt. Er erzog sie streng und eigenwillig und suchte sie an das Leben in Urwald und Bergen zu gewöhnen, indem er sie zeitweise über Nacht allein draußen aussetzte. Die Ehe war zerrüttet. Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung vergiftete sich seine Frau im Dezember 1915 und starb acht Tage später. Die beiden Kinder ließ Quiroga bei der Familie der Verstorbenen. Tochter Eglé und Sohn Darío nahmen sich später selbst das Leben, ebenso 1988 seine Tochter aus zweiter Ehe, María Elena, genannt Pitóca.
1917 ging Quiroga nach Buenos Aires zurück und war dort als uruguayischer Konsul tätig. 1918 erschienen die Cuentos de la Selva, die Geschichten aus dem Urwald, die er seinen Kindern widmete, sowie weitere Erzählungssammlungen. Mit fünfzig verliebte er sich erneut in eine sehr viel jüngere Frau, eine ehemalige Mitschülerin seiner Tochter. Er heiratete sie 1927 und zog auch mit ihr in die Wildnis von San Ignacio. Dort versuchte er sich als Schnapsbrenner, Farmer und Köhler. Doch auch diese Frau hielt es nicht lange aus und verließ ihn 1935 zusammen mit der achtjährigen Tochter. Im Alter von neunundfünfzig Jahren nahm sich Horacio Quiroga 1937 in einem heruntergekommenen Hospital in Buenos Aires das Leben, nachdem man ihm einen fortgeschrittenen Prostatakrebs mitgeteilt hatte.
Literarische Merkmale↑
Wie sein Lebenslauf sind Quirogas Geschichten und Fabeln von der Jagd und vom Tod geprägt. Auffällig und ganz gegensätzlich dazu ist die Fantasie, die Heiterkeit und die Gelassenheit, mit der er von der Jagd, von Gejagten und Jägern erzählt. Seine Texte verbinden eine gründliche Naturbeobachtung mit Phantasie und einer tiefen erzählerischen Leidenschaft. Sie sind spannend wie sein Leben und bunt wie der Urwald, in dem er viele Jahre verbracht hat. In jungen Jahren experimentierte er mit moderner Sprache. Später wandte er sich von diesen Versuchen ab und setzte stärker auf authentische, genaue Details.
Unter seinen zahlreichen Erzählungen finden sich auch solche phantastischen Inhalts. Vor allem wegen El Hombre Artificial aus dem Jahr 1910, auf Deutsch Der künstliche Mensch, wird er zu den Vorläufern einer eigenständigen südamerikanischen Science-Fiction gezählt.
Rezeption↑
Quiroga gilt als einer der bedeutendsten Meister der lateinamerikanischen Kurzgeschichte. Er beeinflusste Schriftsteller wie Gabriel García Márquez und Julio Cortázar. Diese nannten seine Technik, atmosphärische Dichte und psychologische Schärfe als prägende Vorbilder. Sein Wirkungskreis reichte weit über Uruguay und Argentinien hinaus.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (13 weitere Titel)