Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Stopfkuchen
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Stopfkuchen
1891
– Werkseintrag –

Stopfkuchen

1891 · Roman

Zwei alte Schulfreunde, ein abgelegener Hof auf einem alten Festungswall und ein längst vergessener Mordfall: Raabes spätes Meisterwerk verkleidet eine scharfe Abrechnung mit der Enge der Provinz als gemütliche Plauderei.

Überblick

Mit Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte legte Wilhelm Raabe 1891 einen seiner reifsten Romane vor. Er selbst schätzte das Werk besonders. Romano Guardini schätzte es höher ein als Raabes Jugendwerke. Erzählt wird die Geschichte zweier alter Schulfreunde, die einander nach Jahrzehnten wiedersehen. Der eine ist ein heimgekehrter Auswanderer aus Südafrika, der andere ein spöttisch-gelassener Eigenbrötler auf einem abgelegenen Hof. Hinter der freundschaftlichen Plauderei verbergen sich ein alter Mordfall und eine scharfe Kritik am engen Provinzialismus des 19. Jahrhunderts. Dem deutschen Kleinstadtmilieu stellt Raabe eine bescheidene, ironisch verteidigte Idylle entgegen. In sie hat sich der Held mit seiner Frau zurückgezogen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Der Schiffsarzt Eduard hat sich am Oranjefluss in Südafrika als Schafzüchter niedergelassen. Nach Jahren kehrt er noch einmal in das namenlose Heimatstädtchen irgendwo zwischen Lausitz und Harz zurück. Er möchte alte Freunde wiedersehen und prüfen, was von seinen Jugenderinnerungen Bestand hat. Vor allem zwei Menschen interessieren ihn. Der eine ist der Landbriefträger Friedrich Störzer, dessen Erzählungen von fremden Ländern ihn als Jungen geprägt haben. Der andere ist sein einstiger Schulkamerad Heinrich Schaumann, den die anderen wegen seiner Gefräßigkeit und Trägheit „Stopfkuchen" tauften und für dumm hielten.

Bei seinem Besuch findet Eduard nicht alles vor, was er erwartet hatte. Heinrich lebt mit seiner Frau Tinchen, der einst verwahrlosten Bauerntochter Valentine, auf der Roten Schanze hoch über der Stadt. Diese ist ein alter Wallrest aus dem Siebenjährigen Krieg, der das Gehöft vom Klatsch der Dörfer abschirmt. Aus dem verspotteten Außenseiter ist ein selbstbewusster, kultivierter Mensch geworden, der seine eigene Welt eingerichtet hat. Im Laufe eines langen Nachmittags und Abends erzählt Heinrich dem Besucher seine Lebensgeschichte. Zugleich führt er ihn an einen alten, nie ganz vergessenen Kriminalfall heran, der über dem Hof seiner Schwiegerfamilie lastet. Auf der Rückfahrt an Bord eines Schiffes mit dem sprechenden Namen Leonhard Hagebucher beginnt Eduard, das Gehörte aufzuschreiben.

Die Handlung im Detail

Eduard, Sohn eines Postbeamten in dem Städtchen Maiholzen, hat als junger Mann die Heimat verlassen, Medizin studiert, ist als Schiffsarzt zur See gefahren und schließlich Schafzüchter im Oranje-Freistaat geworden, wo er Familie und Wohlstand gefunden hat. Aus nicht ganz klaren Motiven sucht er noch einmal die alten Orte auf. Bei der Ankunft erfährt er, dass der Landbriefträger Friedrich Störzer, sein wichtigster Jugendfreund und geistiger Führer, soeben gestorben ist. Als Zwölfjähriger war er Störzer oft auf seinen Touren gefolgt, vorbei am Gehöft auf der Roten Schanze, wo bissige Hunde kläfften und das scheue, struppige Bauernmädchen Valentine Quakatz lebte. Störzer hatte ihn mit François Levaillants Reisen in das Innere von Afrika für die weite Welt begeistert – und damit, ohne es zu wollen, Eduards Lebensweg vorgezeichnet.

Der Hof der Quakatz war seit Jahren geächtet. Andreas Quakatz, Valentines Vater, galt als der Mörder des Viehhändlers Kienbaum, mit dem er sich kurz vor dessen Erschlagung im Wald gestritten hatte. Die Beschuldigungen – obwohl ein Gericht ihn mangels Beweisen freisprechen musste – machten ihn argwöhnisch, jähzornig und trunksüchtig. Er führte Prozess um Prozess gegen Nachbarn, die ihn weiter beschuldigten, und ließ niemanden mehr auf seinen Hof außer dem einen Freund seiner Tochter: Heinrich Schaumann.

Heinrich, den die Kameraden wegen seiner Körperfülle und seiner Trägheit „Stopfkuchen" nannten, galt in der Schule als der Dümmste, Faulste und Gefräßigste. Eduard selbst nennt ihn rückblickend so und gesteht, dass er ihn gegen die Hänseleien nie entschlossen verteidigt hat – ein Vorwurf, den Heinrich später ausdrücklich erhebt. Niemand erkannte hinter der Schwerfälligkeit die praktische Intelligenz und das sensible Wesen des Jungen. Schon als Kind träumte Heinrich davon, Bauer auf der Roten Schanze zu sein, jenem alten Wallrest des Siebenjährigen Krieges. Über den Registrator Schwartner studierte er die Geschichte des Ortes; in den Sommermonaten verbrachte er Stunden dort und beobachtete von oben die Welt.

Nach einem halbherzig betriebenen und abgebrochenen Studium kehrte Heinrich heim, ging als Knecht und Verwalter auf den heruntergekommenen Hof der Quakatz, brachte Ordnung in den verlotterten Betrieb, gestaltete Haus und Hof wohnlich und heiratete die eingeschüchterte, isolierte Valentine. Der vom Schlaganfall hingefällige alte Quakatz durfte miterleben, wie die Dorfbewohner zum Hochzeitsfest erschienen und ihn wieder grüßten. Heinrich nahm den Schwiegervater öffentlich gegen die alten Verdächtigungen in Schutz. Aus Stopfkuchen und der „Wildkatze" Valentine – von Eduard nun erstaunt als freundliche, „propere" und liebevolle Tinchen wiedergefunden – sind ein wohlhabendes, kultiviertes Paar geworden, das mit kluger Marktorientierung auf Zuckerrübenanbau und Beteiligung an einer Zuckerfabrik den Respekt der Gegend gewonnen hat, sich aber demonstrativ vom Klatsch, Neid und der Schadenfreude der Stadt fernhält. Heinrich hat sich die Paläontologie als Liebhaberei gewählt; die alte Wallanlage erlaubt ihm, „seine Welt und die der übrigen im Auge zu behalten".

Während des halbtägigen Besuchs schüttet Heinrich dem alten Freund seine Lebensgeschichte aus, mischt Vorwurf und Genugtuung und führt Eduard zugleich an den Kern der „Mordgeschichte" heran. Am Abend, vor Eduards Abreise und vor der Beerdigung Störzers, geht er mit ihm in die Stadt, in eine bis auf die Kellnerin leere Gaststube. Dort enthüllt er, was er herausgefunden hat: Nicht Quakatz hat Kienbaum erschlagen, sondern Friedrich Störzer. Kienbaum, in besseren Verhältnissen aufgewachsen, hochfahrend und schikanös, hatte Störzer schon in Schule und Militärzeit gepeinigt; bei einer erneuten Demütigung warf der Briefträger im Affekt einen Stein, der den Spötter unglücklich am Kopf tödlich traf. Aus Furcht, seine Stelle zu verlieren, fand Störzer nie den Mut zum Geständnis und ließ den unschuldigen Quakatz im Verdacht. Er litt sein Leben lang an dieser Schuld – derselbe Mann, der auf seinen Dienstwegen fünfmal den Erdball hätte umrunden können und Eduard die Welt nahegebracht hatte. Heinrich hat das Geständnis Störzers schon zu dessen Lebzeiten erfahren, mit der Aufklärung aber bis nach dessen Tod gewartet. Im Wirtshaus, vor zufälligen Zeugen, stellt er nun öffentlich den Ruf seines inzwischen ebenfalls verstorbenen Schwiegervaters endgültig wieder her; niemand bezweifelt seine Darstellung.

Auf der Rückfahrt nach Afrika, an Bord eines Schiffes, das den Namen der Hauptfigur aus Raabes älterem Roman Abu Telfan trägt, schreibt Eduard das Gehörte auf – sein eigenes „ödestes, langgedehntestes, wenn auch nahrhaftestes Fremdenleben" vor Augen. Er erkennt, dass Heinrich „ganz und gar nach seiner Natur gelebt" hat, „getan und gelassen, was er tun oder lassen mußte", und dass dabei „in irgendeiner Weise doch etwas Vernünftiges" herausgekommen ist. Heinrichs Botschaft fasst der Schlusssatz zusammen, den er dem Freund mit auf den Weg gibt: „Es läßt sich leben auf Quakatzenburg, und man sehnt sich so leicht nicht fort. Das kann man im Grunde überall haben. Man muß nur von jedem Ort den von Rechts und Ewigkeits wegen dranhaftenden Spuk auszutreiben verstehen, und man sitzt immer gut."

Stil

Raabe baut den Roman als doppelt verschachtelte Erzählung. Eduard ist der Ich-Erzähler. Auf der Rückreise an Bord der „Leonhard Hagebucher" schreibt er nieder, was ihm Heinrich Schaumann während eines einzigen Besuchs zugetragen hat. So liegen zwei Zeitebenen übereinander: die Kindheit und Jugend der Beteiligten um die Mitte des 19. Jahrhunderts und die Gegenwart des Wiedersehens am Jahrhundertende. Heinrich erzählt seinerseits ausführlich, abschweifend und gern in Anekdoten. Er ist erklärtermaßen Raabes Sprachrohr, eine breite, behäbig wirkende Figur. Seine Redseligkeit trägt den Roman und verschleiert zugleich seinen Inhalt. Die eigentliche „Mordgeschichte" wird erst spät, im Gasthaus, herausgerückt.

Bezeichnend ist schon der Untertitel „Eine See- und Mordgeschichte". Er spielt mit der Erwartung von Abenteuer- und Kriminalliteratur, die der Text dann ironisch unterläuft. Das eigentliche Geschehen ist provinziell und still. Der Ton wechselt zwischen Humor, Spott auf das Spießbürgertum und einer melancholischen Wärme gegenüber den Außenseiterfiguren. Symbolisch verdichtet sich das Ganze in der Wallanlage der Roten Schanze, dem alten Festungsrest aus dem Siebenjährigen Krieg. Sie schottet das Glück der beiden Heimlichen gegen die Gerüchte der Stadt ab und gibt ihnen zugleich den erhöhten Blick auf die Welt der anderen.

Rezeption

Der Roman Stopfkuchen wurde zuerst in der „Deutschen Roman-Zeitung" abgedruckt und 1891 als Buch veröffentlicht. Raabe selbst hielt das Werk für eines seiner besten. Romano Guardini schätzte es höher ein als die Jugendwerke des Autors. Heute gilt der Roman vielen als Raabes Hauptwerk und als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Romane des späten 19. Jahrhunderts. Das gilt gerade wegen der verschachtelten Erzählweise, die der modernen Erzählkunst des 20. Jahrhunderts vorgreift.

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