1845
Struwwelpeter
Überblick↑
Das Bilderbuch Struwwelpeter stammt von dem Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann und entstand 1844. Gedruckt wird es seit 1845. Der Titel meint zugleich das Buch und seine Titelfigur, einen Jungen mit wildem Haar und langen Nägeln. Das Werk versammelt mehrere Geschichten in Versen, in denen Kinder nach unvorsichtigem Verhalten drastische Folgen erleiden. Es zählt zu den erfolgreichsten deutschen Kinderbüchern und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die vielen Nachahmungen und Bearbeitungen nennt man Struwwelpet(e)riaden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt werden in dem Buch kurze Geschichten von Kindern, die nicht brav sind und nicht auf ihre Eltern hören. Ein Junge quält zum Scherz Tiere. Ein Mädchen bleibt allein zu Hause und findet Zündhölzer, die die Eltern auf dem Tisch liegen gelassen haben. Konrad lutscht am Daumen, obwohl die Mutter es verboten hat und ihn vor dem Schneider warnt. Kaspar weigert sich, seine Suppe zu essen. Philipp kann am Tisch nicht still sitzen und kippelt mit dem Stuhl. Hanns Guck-in-die-Luft ist auf dem Schulweg mit seinen Gedanken ganz woanders. Robert hält es bei wildem Wetter nicht in der Stube aus und geht trotz Verbot mit dem Regenschirm hinaus. Drei Knaben verspotten einen schwarzen Jungen wegen seiner Hautfarbe und bekommen es mit dem „Nikolas“ zu tun.
Jede dieser Geschichten führt eine Unvorsichtigkeit vor und lässt ihr eine Folge auf dem Fuße nachkommen. Die Folgen reichen vom Sturz ins Wasser bis zum Tod. Aus der Reihe fällt allein die Geschichte vom wilden Jäger: Sie spielt nicht im kindlichen Milieu, sondern zeigt eine verkehrte Welt, in der ein Hase den Jäger mit dessen eigener Flinte aufs Korn nimmt.
Die Handlung im Detail↑
Die Titelgeschichte ist die kürzeste. Peter lässt Schere und Kamm nicht an sich heran: „An den Händen beiden ließ er sich nicht schneiden seine Nägel fast ein Jahr. Kämmen ließ er nicht sein Haar. […] Pfui! ruft da ein jeder: Garst’ger Struwwelpeter“. Hoffmann selbst nannte seine Titelfigur einen „ungeleckten Bären“. Als mögliche Vorlagen des langhaarigen Peter wurden eine französische Karikatur von 1842 und ein englischer Kupferstich eines Knaben mit unkämmbaren Haaren von 1793 vorgeschlagen.
Der bitterböse Friederich quält zum Scherz Tiere, bis er an einen großen Hund gerät: „Da biß der Hund ihn in das Bein, / Recht tief, bis in das Blut hinein.“ In der Geschichte mit dem Feuerzeug gehen die Eltern der jungen Pauline aus und lassen sie mit den beiden Katzen Minz und Maunz daheim. Paulinchen entdeckt die Zündhölzer und entzündet sie. Die Katzen warnen und drohen mit den Pfoten: „Der Vater hat’s verboten!“ Doch das Haar des Mädchens fängt Feuer, und Paulinchen verbrennt bis auf die Schuhe. Danach vergießen die Tiere bittere Tränen. Der Titel spricht von einem „Feuerzeug“, weil das Wort damals allgemein für Utensilien zum Feuermachen stand, also auch für Streichhölzer. Diese waren seinerzeit noch recht neu und erleichterten das Feuermachen so weit, dass auch Kinder damit umgehen konnten. Die Geschichte reagiert also auf eine Gefahr, die durch eine technische Neuerung entstanden war.
In der Geschichte von den schwarzen Buben wird ein schwarzer Junge von drei Knaben verspottet. Der „Nikolas“ taucht sie zur Strafe in schwarze Tinte, so dass sie am Ende noch viel dunkler sind als der Verspottete. In der 1859 erschienenen Neuausgabe ersetzte Hoffmann die Arabesken dieser Geschichte durch Davidsterne, möglicherweise um die bedrückende Lage der Frankfurter Juden in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts anzusprechen.
Die Geschichte vom wilden Jäger führt vor, wie der Hase dem Jäger die Flinte abnimmt und ihn in den Brunnen fallen lässt. Hier wird die Autorität verhöhnt und besiegt, der Schwächere triumphiert; das Motiv der verkehrten Welt war im Volksgut beliebt. Der Daumenlutscher Konrad hört nicht auf die Warnung seiner „Frau Mama“ – ihr Satz „‚Konrad‘ sprach die Frau Mama, ‚ich geh aus und du bleibst da‘“ ist heute Gemeingut. Schließlich kommt der Schneider und schneidet dem Jungen mit einer übertrieben großen Schere beide Daumen ab.
Der Suppen-Kaspar gehört zu den pointiertesten Kapiteln. In wenigen Versen erzählt es von einem Jungen, der sich weigert, seine Suppe zu essen, und daher innerhalb weniger Tage verhungert. Der Zappel-Philipp kippelt bei Tisch mit dem Stuhl und fällt mitsamt der Tischdecke und der Mahlzeit auf den Boden: „und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum“. Für diese Geschichte lassen sich mehrere Anregungen benennen. Nach Recherchen des Struwwelpeter-Museums bezeichnete sich der Arzt Philipp Julius von Fabricius, ein guter Bekannter Hoffmanns, selbst als Urbild des Zappel-Philipp; sein Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ist seit 2024 ein Ehrengrab der Stadt. Eine weitere Anregung fand Hoffmann im Ölgemälde Unterbrochene Mahlzeit seines Malerfreundes Heinrich von Rustige, der 1838 an das Städelsche Kunstinstitut in Frankfurt kam. In seinen Lebenserinnerungen schildert Hoffmann zudem eine Seereise von Amsterdam nach Hamburg im Mai 1836, auf der ein Zechgesell bei stürmischem Wetter vom Stuhl fiel und das Tischtuch mit allem, was darauf stand, mitriss.
Hanns Guck-in-die-Luft ist auf dem Schulweg mit seinen Gedanken woanders, was der Zeichner durch den zum Himmel gerichteten Blick zeigt. Erst rennt der Junge einen Hund über den Haufen, dann fällt er samt Schulmappe ins Wasser, zur Erheiterung der Fische. Der fliegende Robert schließlich hält es bei wildem Wetter nicht in der Stube aus, und der Sturm trägt ihn auf Nimmerwiedersehen davon. Diese letzte Geschichte bündelt die Eigenart des ganzen Buches: Der kindnahe Blick des Autors verfolgt auch das besondere Schicksal der Dinge, hier des Hutes und des Schirmes, der wie ein Luftballon wirkt. Das nimmt den pädagogischen Lehren das Aufdringliche und reizt die Phantasie. Hoffmanns Erziehungsprobleme und ihre Lösungen müssen nicht die heutigen sein, realistisch sind sie gleichwohl: Vor der Industrialisierung war die Natur für Kinder viel feindseliger, und dass Kinder aus Leichtsinn Gefährliches tun, weil sie die Folgen nicht überschauen, hat sich nicht geändert. Auf der Rückseite des Buches steht in der Regel der Vorspruch „Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind“.
Stil↑
Geschrieben ist das Buch in kurzen, gereimten Versen, die sich leicht im Ohr festsetzen. Bild und Text gehören dabei untrennbar zusammen: Hoffmann erzählt zeichnerisch und sprachlich gleichzeitig und behält gern auch das Schicksal der Gegenstände im Auge, etwa der Schulmappe oder des fortfliegenden Hutes. Die Wirkung beruht auf Zuspitzung und Übertreibung, sichtbar an der riesigen Schere des Schneiders. Mehrere Geschichten arbeiten mit Warnstimmen, die das Verbot wiederholen; in der Geschichte mit dem Feuerzeug übernehmen die Katzen Minz und Maunz diese Rolle. Die Verse sind so knapp gebaut, dass ganze Lebensläufe in wenigen Zeilen abgehandelt werden. Einzelne Zeilen und Namen sind dadurch sprichwörtlich geworden.
Rezeption↑
Zu den erfolgreichsten deutschen Kinderbüchern zählt das Werk bis heute, und es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die vielen Bearbeitungen und Nachdichtungen tragen einen eigenen Namen: Struwwelpet(e)riaden. Figurennamen wie Zappelphilipp, Suppenkaspar oder Hanns Guck-in-die-Luft sind in die deutsche Umgangssprache eingegangen.
Auch medizinisch wurde das Buch später gelesen. Die Geschichte vom Suppenkaspar gilt als eine der frühesten literarischen Darstellungen dessen, was die Medizin später Anorexia nervosa, Magersucht, nannte. Die freiwillige Verweigerung von Nahrung war im 19. Jahrhundert ein tabuisiertes Thema, denn Teile der Bevölkerung litten noch unter Hunger. In neuerer Zeit wurde die Geschichte vom Zappel-Philipp teilweise als Schilderung eines hyperaktiven Kindes verstanden. Die Initiative für brandverletzte Kinder Paulinchen bezieht sich mit ihrem Namen auf die Figur aus der Geschichte mit dem Feuerzeug. In Frankfurt am Main widmet sich ein Struwwelpeter-Museum dem Werk und seinem Verfasser.
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