1597 – 1639
Martin Opitz
Kurzbiografie↑
Martin Opitz wurde am 23. Dezember 1597 in Bunzlau geboren und starb am 20. August 1639 in Danzig. Er gilt als der Begründer der Schlesischen Dichterschule und als der wichtigste Theoretiker der deutschen Barockdichtung. Mit seinem Buch von der Deutschen Poeterey (1624) gab er der deutschen Sprache erstmals ein verbindliches Regelwerk für die Dichtung. Damit beendete er die Vorherrschaft des Lateinischen in der gelehrten Poesie. Daneben war er Übersetzer, Diplomat und Hofbeamter im Dienst protestantischer wie katholischer Fürsten. 1627 wurde er vom Kaiser geadelt und nannte sich fortan Opitz von Boberfeld. In der Fruchtbringenden Gesellschaft trug er den Beinamen "Der Gekrönte". Seine Zeitgenossen verehrten ihn als "Vater der deutschen Dichtkunst".
Biografie↑
Martin Opitz stammte aus dem zünftigen Bürgertum seiner schlesischen Heimatstadt Bunzlau. Sein Vater Sebastian war Fleischer und Ratsherr. Die Mutter Martha Rothmann starb bereits 1597 oder 1598, kurz nach der Geburt des Sohnes. Eine prägende Rolle für die Bildung des Knaben spielte sein Onkel Christoph Opitz, der bis 1606 die Bunzlauer Schule leitete. Den Grund seiner gelehrten Ausbildung legte Opitz an der Lateinschule seiner Heimatstadt. Anschließend besuchte er das Breslauer Magdaleneum. Schließlich ging er auf das Gymnasium im schlesischen Beuthen an der Oder, das Georg von Schönaich 1614 als Ersatz für eine fehlende Landesuniversität gegründet hatte. Auf diesem Bildungsweg traf er überall auf Wortführer des schlesischen Späthumanismus. Diese orientierten sich am calvinistischen Bekenntnis und waren um die politische und religiöse Freiheit ihrer Heimat unter der habsburgischen Oberherrschaft besorgt.
1619 wechselte Opitz nach Heidelberg, die Residenz- und Hauptstadt des reformierten Bekenntnisses in der Kurpfalz. Er wohnte im Haus des pfälzischen Rats Georg Michael Lingelsheim, der weitreichende Kontakte zur späthumanistischen Elite Frankreichs und der Niederlande pflegte. So geriet er in ein Kraftfeld kultureller Erneuerung und patriotischen Aufbruchs. Von Julius Wilhelm Zincgref, Petrus Denaisius und Georg Rudolph Weckherlin empfing er den entscheidenden Anstoß, die literarische Erneuerung seines Landes in der Tradition Johann Fischarts voranzutreiben. Zugleich beteiligte er sich publizistisch an den Vorbereitungen des Kurfürsten Friedrich V. zur Übernahme der böhmischen Königskrone. Als spanische Truppen unter Spinola die Pfalz überrollten, musste er die Stadt verlassen. Über die Niederlande gelangte er 1621 in der üblichen Rolle eines Hofmeisters über Jütland zurück nach Schlesien. In den Niederlanden lernte er den niederländischen Dichter und Gelehrten Daniel Heinsius kennen.
Die Heimat stand inzwischen unter dem Druck der habsburgischen Gegenreformation. Opitz wechselte 1622 erneut in calvinistisches Milieu und folgte einem Ruf des siebenbürgischen Fürsten Bethlen Gábor. Schon 1623 bewegte er sich wieder im Umkreis der reformierten Fürsten von Liegnitz und Brieg. Diese blieben trotz ihrer prekären politischen Stellung die wichtigsten Bezugspersonen seines Lebens. Es folgten die äußeren Höhepunkte seiner Laufbahn. 1625 verlieh ihm der Kaiser den Titel eines Poeta laureatus. 1627 wurde er nobilitiert mit der Namensmehrung zu Opitz von Boberfeld. 1629 nahm ihn die Fruchtbringende Gesellschaft auf. Damit war seine Führungsstellung unter den Schriftstellern seiner Zeit besiegelt.
Politisch musste Opitz sich dem Primat des Katholizismus in Schlesien beugen. Er trat in die Dienste des habsburgischen Statthalters und schlesischen Oberhauptmanns Karl Hannibal zu Dohna. Seine wichtigste diplomatische Aktion neben Missionen nach Wien, Berlin und Warschau war seine Reise nach Paris 1630. Sie brachte ihn in Kontakt mit der royalistischen Gelehrtenschaft unter Richelieu und vor allem mit Hugo Grotius. Zu seinen eigentlichen Patronen konnte er erst nach dem Vordringen des Schwedenkönigs Gustav Adolf für eine knappe Frist zurückkehren. Nach dem Prager Separatfrieden 1635 war für Georg Rudolf von Liegnitz und Johann Christian von Brieg kein Bleiben mehr auf schlesischem Boden. Sie fanden im preußischen Thorn ein Exil, während Opitz bald weiter in die baltische Handelsmetropole Danzig zog. Diese behauptete eine selbständige Stellung gegenüber dem polnischen König Wladislaw IV. Der König nahm Opitz in seine Dienste und verschaffte ihm im anregenden multikulturellen und mehrkonfessionellen städtischen Milieu den Freiraum für seine gelehrten und dichterischen Studien. Hier starb er am 20. August 1639. Beigesetzt wurde er in der Danziger Marienkirche. Opitz blieb zeitlebens unverheiratet.
Literarische Merkmale↑
Opitz' Werk ist getragen von dem Anspruch, das gesamte europäische Gattungs-Repertoire der antiken und humanistischen Tradition in der deutschen Sprache verfügbar zu machen. Laut der Neuen Deutschen Biographie hat er sich darum so konsequent bemüht wie nur die Gründergestalten des europäischen Humanismus seit Petrarca. In seinen Poemata von 1625 legte er die erste autorisierte Sammlung seiner deutschen Gedichte vor. Darin vereinigte er wohlgeordnet acht Bücher poetischer Silvae: geistliche Gedichte, Lehrgedichte, Gelegenheitsdichtung auf Standespersonen und Bürgerliche, Liebesgedichte, Oden, Sonette und Epigramme.
Den theoretischen Rahmen für dieses Programm setzte Opitz im Aristarchus (1617), im Buch von der Deutschen Poeterey (1624) und in der Vorrede zu den Gedichten von 1625. Hier stellte er die Gesetze auf, die über mehr als ein Jahrhundert hinaus Richtschnur der deutschen Dichtung blieben: strenge Beachtung des Versmaßes unter zwingender Berücksichtigung des natürlichen Wortakzents, Verbot unreiner Reime, Ablehnung von Wortverkürzungen, Zusammenziehungen und Fremdwörtern. Den volkstümlichen Knittelvers verwarf er. Stattdessen empfahl er den Alexandriner. Zu seinen ästhetischen Grundsätzen gehörte das Horaz-Prinzip, dass die Poesie zugleich ergötzen und belehren müsse. Im Buch von der Deutschen Poeterey stellte er den grundlegenden philosophischen Wert der Dichtung heraus. Die Vorrangstellung der Dichtkunst vor der Philosophie leitete er daraus ab, dass sie nicht nur der Wahrheitsfindung diene, sondern auch erfreuen könne. Dichtung sollte, so Opitz, "eine lebendige Malerei" sein. Als zentrales Thema der ernsthaften Poesie nannte er die Gegenüberstellung von Vergänglichem und Ewigem.
Praktisch erprobte Opitz sein Programm in fast jeder Gattung. Das heroische Gedicht als Kreuzung von Epos und Lehrgedicht im Stil von Vergils Georgica schuf er mit dem Trost-Getichte In Widerwertigkeit Deß Krieges (1620/21, veröffentlicht 1633). Den Staatsroman vertrat er mit seiner Übertragung von Barclays Argenis (1621-31). Den allegorischen Schäferroman vertrat er mit der Bearbeitung von Sidneys Arcadia (1638). Die antike Tragödie führte er mit Senecas Trojanerinnen (1625) und Sophokles' Antigone (1636) ins Deutsche ein. Auch die Eindeutschung der Oper geht auf ihn zurück: 1627 bearbeitete er Rinuccinis Dafne für die Vertonung durch Heinrich Schütz. Die niederen Gattungen wie Komödie und Schelmenroman fehlen bezeichnenderweise in dem für Hof und Adel konzipierten Werk. Bürgerlich-gelehrte Mentalität spiegelt sich dafür in der Schäfferey von der Nimfen Hercinie (1630), einem pastoralen Erzählprototyp, der hundertfach variiert wurde, vor allem bei den Nürnbergern. Breit ist auch das Spektrum der geistlichen Dichtung, vom Lobgesang Jesu Christi (1621) über die Klage-Lieder Jeremiae (1626) und die Übertragung des Hohen Liedes (1627) bis zur Judith (1635) und den Psalmen Davids (1637). Daneben blieb die neulateinische Produktion zeitlebens in Kraft.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten genoss Opitz höchstes Ansehen. Seine Anhänger nannten ihn "Vater und Wiederhersteller der Dichtkunst". Sein Ziel war es, die deutsche Dichtung auf der Grundlage von Humanismus und antiken Formen zu einem Kunstgegenstand höchsten Ranges zu erheben. Das erreichte er so weitreichend, dass seine Regeln über mehr als ein Jahrhundert als Maßstab aller deutschen Poesie galten. Johann Christoph Gottsched nannte ihn in seiner Gedenkrede zum hundertsten Todestag 1739 den ersten, dem es gelungen sei, die deutsche Sprache auf eine Höhe zu bringen, die allen Ansprüchen an eine gehobene Diktion gerecht wurde und alltagsweltliche Sprache aussonderte. Damit, so Gottsched, habe Opitz dem Vordringen des Französischen Einhalt geboten. Sein öffentliches Ansehen währte laut der Neuen Deutschen Biographie bis tief in den aufgeklärten Absolutismus des 18. Jahrhunderts hinein.
In späteren Jahrhunderten schlug die Wertschätzung in scharfe Kritik um. Opitz' strenge Regeln wurden als Beengung des dichterischen Vermögens und der seelischen Schöpferkraft heftig angegriffen. Auch die Literaturwissenschaft setzte sein poetisches Werk laut der Neuen Deutschen Biographie zu Unrecht in den Verdacht unproduktiver, auf Vorlagen angewiesener Nachahmung. Klaus Garber urteilt in seinem NDB-Artikel, dass Opitz als Dichter im Umkreis humanistisch-doktrinaler Schreibpraxis bislang unterschätzt und als Ebenbürtiger von Fleming, Gryphius und Grimmelshausen noch weitgehend zu entdecken sei.
Eine fortlebende Wirkung hat Opitz auch in der Musikgeschichte. Für Heinrich Schütz schrieb er das Libretto der Tragicomoedia Dafne, die als erste deutsche Oper gilt. Die Uraufführung fand 1627 in Torgau auf Schloss Hartenfels statt. Die Musik ist verschollen.
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