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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Cover Calligrammes
Calligrammes
1918
– Werkseintrag –

Calligrammes

1918 · Lyrik

Gedichte, deren Druckbild selbst zum Bild wird – hier formen die Wörter zwischen Frieden und Krieg Figuren wie eine erstochene Taube über einem Wasserstrahl.

Überblick↑

Der Gedichtband Calligrammes von Guillaume Apollinaire erschien 1918 bei Mercure de France in Paris. Sein Untertitel lautet »poèmes de la paix et de la guerre 1913–1916«, auf Deutsch: Gedichte über Frieden und Krieg. Bekannt ist die Sammlung vor allem für ihre namensgebenden Kalligramme, also Figurengedichte, deren Schriftbild selbst ein Bild ergibt. Apollinaire wird als Vorläufer des Surrealismus angesehen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Die meisten Gedichte des Bandes sind typografisch gewöhnlich gesetzt. Daneben stehen jene Stücke, für die das Werk bis heute bekannt ist: die Figurengedichte oder Kalligramme. Bei ihnen ordnen sich die Wörter so an, dass ihr Druckbild eine Figur nachzeichnet. Diese sichtbare Form steht mit dem Inhalt der Verse in Beziehung, sodass sich die Gedichte zugleich der Dichtkunst und der bildenden Kunst zurechnen lassen.

Der Untertitel weist auf das große Thema der Sammlung hin: Frieden und Krieg. Viele Gedichte gehen auf Apollinaires eigene Erfahrungen im Ersten Weltkrieg zurück, den er als Artillerist und Infanterieoffizier erlebte. So verbindet der Band eine kühne, neue Form mit einem Gehalt, der zwischen persönlichem Erleben und Zeitgeschehen schwankt.

Die Handlung im Detail↑

Der Band ist dem Jugendfreund René Dalize gewidmet, der im Krieg gefallen war. An ihn erinnert Apollinaire im Gedicht La Colombe poignardée et le Jet d'eau (Die erstochene Taube und der Wasserstrahl). In diesem Kalligramm nehmen die Zeilen selbst die Gestalt einer Taube und eines aufsteigenden Wasserstrahls an.

Als Frontispiz dient ein Holzschnitt von R. Jaudon. Er gibt ein Porträt Apollinaires wieder, das von Pablo Picasso signiert ist. Die enge Verbindung zur bildenden Kunst zeigt sich also schon auf den ersten Seiten.

Die Figurengedichte des Bandes sind teils mit Drucklettern, teils handschriftlich ausgeführt. Ihre Anordnung erzeugt verschiedene Figuren, die eine eigene, vom bloßen Wortlaut unabhängige Bedeutung tragen, diese aber inhaltlich mit dem Text verknüpfen. So lassen sie sich als konkrete oder visuelle Poesie verstehen.

Der Untertitel und viele Gedichte stehen im Zusammenhang mit Apollinaires Kriegsdienst. 1916 wurde er durch eine Schrapnellwunde an der Schläfe schwer verletzt. In einem Brief an André Billy ordnete der Dichter sein Werk selbst in die Geschichte der Poesie und der Typografie ein.

Stil↑

Im Zentrum des Bandes steht die Typografie als dichterisches Mittel. Apollinaire lässt das Schriftbild nicht länger neutral bleiben, sondern macht es selbst zum Träger von Sinn. In den Kalligrammen formen die Wörter Figuren, die das Gesagte sichtbar machen, und verbinden auf diese Weise Sprache und Bild.

Ausgeführt sind diese Gedichte mal in gewöhnlichen Drucklettern, mal in handschriftlicher Gestalt. Die entstehende Figur besitzt eine eigene Aussage, die mit dem Text in inhaltlicher Beziehung steht. Dadurch bewegt sich das Werk zwischen zwei Künsten: der Dichtung und der bildenden Kunst. Neben diesen auffälligen Stücken enthält der Band aber auch zahlreiche Gedichte, die in herkömmlicher Form gesetzt sind. Diese formale Neuerung machte Apollinaire zu einer Figur, die dem Surrealismus vorausging.

Rezeption↑

Die Verbreitung des Bandes in Frankreich verlief rege: Allein bis 1928 erschienen sieben Nachauflagen, und bis heute kamen viele weitere hinzu. In andere Sprachen wurde die Sammlung dagegen nur selten und meist in Auszügen übertragen, unter anderem ins Spanische; auch kritische Untersuchungen blieben eher vereinzelt.

Die erste Aufnahme fiel gemischt aus. Laurence Campa zufolge war das Echo bei der Veröffentlichung – von einigen lobenden Stimmen abgesehen – eher zurückhaltend oder sogar ablehnend. Einerseits wurde die formale Neuerung missverstanden, andererseits erschienen manchen die Gedichte teils zu leicht, teils zu wenig kritisch gegenüber dem Ersten Weltkrieg.

Das Werk wirkte auch in anderen Künsten nach. Der venezolanische Komponist Oswaldo Gonzalez schuf 1985 auf der Grundlage von sechs Gedichten aus dem Band eine gleichnamige Kammermusik für Klaviertrio mit Violine, Violoncello und Klavier.

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