1913
Alcools
Überblick↑
Der Gedichtband Alcools von Guillaume Apollinaire erschien 1913. Er versammelt rund fünfzig Gedichte, die über einen langen Zeitraum hinweg entstanden. Bei seinem Erscheinen galt er als Manifest der modernen Dichtung. Man sah in ihm eine Poesie, die der Malerei des Kubismus nahesteht und dem späteren Surrealismus den Weg bahnt. Für Apollinaire war es das erste größere Werk, und es zählt bis heute zu seinen wichtigsten.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Wer den Band aufschlägt, findet keine durchgehende Erzählung, sondern eine Folge sehr unterschiedlicher Gedichte. Die Themen stammen weitgehend aus dem Leben des Dichters: unglückliche Lieben, Erinnerungen an die Jugend, Reisen durch Deutschland und Osteuropa. Daneben stehen die Erfahrung der Großstadt und der modernen Zeit, dazu Nostalgie und eine tiefe Beunruhigung über den Sinn des Daseins. Elegische, ernste Gedichte wechseln mit verspielten und humorvollen. Lange Stücke stehen neben sehr kurzen – eines, Chantre, besteht aus einem einzigen Vers. Klassisch gebaute Strophen finden sich neben freien Versen ohne festes Maß. Auffällig ist von der ersten Seite an, dass jedes Satzzeichen fehlt.
Die Handlung im Detail↑
Über vierzehn Jahre hinweg entstanden die Gedichte, die Apollinaire schließlich zusammenführte: die ältesten schrieb er als Achtzehnjähriger 1898, die jüngsten mit zweiunddreißig Jahren 1912. In den Band flossen Teile eines aufgegebenen Projekts ein, das den Titel Le Vent du Rhin (Der Wind vom Rhein) tragen sollte. Aus dieser Zeit stammt auch die Abteilung Rhénanes mit neun Gedichten, die von Apollinaires Aufenthalt in Deutschland (1901–1902) angeregt sind.
Reif zum Druck war das Buch im Sommer 1912. Beim Korrigieren der Fahnen im Herbst verwarf Apollinaire jedoch den bisherigen Titel Eau de Vie (Branntwein) und wählte stattdessen Alcools. Zugleich fügte er zwei neue Gedichte ein: Zone und Chantre. Im April 1913 kam der Band bei Mercure de France heraus, gedruckt in 567 Exemplaren. Dem Buch vorangestellt war ein kubistisches Bildnis Apollinaires von seinem Freund Pablo Picasso.
Apollinaire reihte die Gedichte nicht einfach aneinander. Er arbeitete sowohl an den einzelnen Texten als auch an der Anordnung des Ganzen. Verse wanderten von einem Gedicht ins andere, wurden versetzt und in neue Zusammenhänge gestellt – ein Verfahren, das man mit einer Einlegearbeit aus Holz, einer Marketerie, verglichen hat. So war das Gedicht La Maison des Morts (Das Haus der Toten) zunächst als Erzählung in Prosa geschrieben und wurde erst nachträglich in Versform zerlegt.
Hinter der bunten Oberfläche steht ein durchdachter Aufbau. Am Anfang steht als Auftakt das Gedicht Zone, den Schluss bildet Vendémiaire. Dazwischen geben der Zyklus der Rhénanes und die Gedichte der Abteilung À la Santé dem Ganzen Halt; diese Verse gehen auf Apollinaires Zeit im Gefängnis La Santé zurück. Auch andere Stationen seines Lebens klingen an: die vergebliche Liebe zu Annie Playden und zu Marie Laurencin, die Jugend in Stavelot, die Reisen nach Deutschland und in den europäischen Osten.
Stil↑
Formal fällt am Band zuerst auf, dass durchweg jedes Satzzeichen fehlt. Diese radikale Entscheidung traf Apollinaire erst im letzten Moment, beim Korrigieren der Druckfahnen. Sie erregte viel Aufsehen und wurde lange diskutiert. Der Dichter begründete den Schritt schlicht damit, dass ihm die Zeichensetzung überflüssig erschien: Der Rhythmus selbst und der Einschnitt der Verszeilen seien die eigentliche Interpunktion, eine andere brauche es nicht.
Bewusst uneinheitlich wirkt auch alles Übrige. Elegische Gedichte stehen neben fantasievollen und humorvollen, ausgedehnte neben ganz knappen – Chantre umfasst nur einen einzigen Vers. Apollinaire bedient sich klassischer Versformen ebenso wie freier Verse ohne festes Metrum, ohne Reim und ohne Strophe. Häufig fügt er Bruchstücke wie in einer Collage zusammen, sodass innerhalb eines Gedichts ein Flickenmuster entsteht. Diese scheinbare Buntheit spiegelt die lange Entstehungszeit, Apollinaires vielseitige Bildung und seine Lust an der Provokation, am Malerischen und mitunter am Anstößigen.
Der Bruch mit den Regeln wurde früh mit der Malerei des Kubismus verglichen. Wie ein kubistisches Bild auf die gewohnte Perspektive verzichtet und einen Gegenstand von mehreren Seiten zugleich zeigt, so nimmt der fehlende Satzbau dem Auge des Lesers die vertrauten Anhaltspunkte. Er muss sich beim Lesen selbst zurechtfinden.
Rezeption↑
Als der Band 1913 erschien, hatte er große Wirkung. Apollinaire galt den einen als bloßer Provokateur, den anderen als Wortführer der modernen Richtung. Auch im Ausland wurde das Buch bemerkt, in Deutschland und in Italien; Ezra Pound erwähnte es.
Manche Kritiker nahmen dem Band seine Uneinheitlichkeit übel, dazu sprachliche Nachlässigkeiten und leicht zu habende Provokationen wie das Fehlen der Satzzeichen. Georges Duhamel etwa verglich das Buch mit einem Trödlerladen voller zusammengewürfelter Gegenstände, ließ dabei allerdings die Gefängnisgedichte gelten. Andere sprachen von einem Kaleidoskop. Die schärfsten Stimmen spielten auf die Herkunft des Autors an oder deuteten den Titel spöttisch als Anspielung auf Trunksucht.
Die Verteidiger dagegen rühmten den bunten Reiz des Bandes, seine ungewöhnliche Gelehrsamkeit, den neuartigen Ton und die eindringliche Kraft seiner Bilder. Auf lange Sicht behielten sie recht. Zu den Bewunderern zählten Paul Léautaud, Max Jacob, Blaise Cendrars, Pierre Reverdy, Francis Carco, Jean Royère, die Surrealisten und die Dichter der École de Rochefort. Gedichte aus dem Band wurden von Arthur Honegger und Francis Poulenc vertont, von Léo Ferré und Yves Montand gesungen. Heute werden sie in der Schule gelesen und an der Universität untersucht.
Um das Eröffnungsgedicht Zone entstand später ein Streit. Der junge Blaise Cendrars, ein großer Bewunderer Apollinaires, hatte diesem im November 1912 sein Gedicht Les Pâques à New York (Ostern in New York) geschickt. Spätere Untersuchungen legen nahe, dass Apollinaire sich davon – ob gewollt oder nicht – für die endgültige Fassung von Zone anregen ließ, besonders für den völligen Verzicht auf Satzzeichen. Cendrars wartete vergeblich darauf, dass Apollinaire diese Anregung anerkannte.
Im Jahr 1999 wählte die Zeitung Le Monde den Band auf Platz 17 ihrer Liste der hundert Bücher des 20. Jahrhunderts.
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