1912
Campos de Castilla
Überblick↑
Der Gedichtband Campos de Castilla (deutsch etwa „Kastilische Felder“) von Antonio Machado erschien erstmals im Frühjahr 1912. Er markiert eine Wende im Schaffen des Dichters. In seinen früheren Büchern hatten sich das symbolistische Paris und das bohemische Madrid gespiegelt. Nach fünf Jahren in der kargen Landschaft um Soria wandte sich Machado dem zu, was er als das Wesentliche Kastiliens empfand. Es ist die Stimme des Dichters, der zur Generation von 1898 gezählt wird. In Soria begann Machado zugleich seine Laufbahn als Gymnasiallehrer. Dort lernte er auch Leonor kennen, die große Liebe seines Lebens.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Band versammelt in seiner ersten Fassung 54 Gedichte, die sich um Land und Menschen Kastiliens drehen. Am Anfang steht der Zyklus Campos de Soria mit neun Gedichten. Sie beschwören die weite Hochebene und die herbe Landschaft um Soria. Es folgt die Sammlung Proverbios y cantares, eine Reihe kurzer, sinnspruchartiger Gedichte. Dazu kommen einige einzeln stehende Stücke sowie zwei Lobgedichte auf die Dichter Miguel de Unamuno und Juan Ramón Jiménez.
Herzstück des Bandes ist die lange Ballade La tierra de Alvargonzález (Das Land des Alvargonzález). Sie spielt in den rauen Hochländern von Soria und erzählt vom Schicksal einer Bauernfamilie: ein Ehepaar mit drei Söhnen. Nach altem Brauch erben die beiden älteren Söhne den Hof – der eine die Gärten, der andere das Vieh. Der jüngste wird für die Kirche bestimmt. Doch der wenig fromme Nesthäkchen legt bald die Kutte ab und bricht nach Amerika auf, um dort sein Glück zu suchen. In seiner Abwesenheit nimmt in der Familie ein dunkles Drama um Neid, Habgier und das Land seinen Lauf.
Die Handlung im Detail↑
Der lange Vers-Text La tierra de Alvargonzález greift die Form der alten spanischen Bänkelballade auf und umfasst 712 Verse. Er ist Juan Ramón Jiménez gewidmet und in zehn Teile gegliedert, darunter „Der Traum“, „Die Strafe“, „Der Reisende“, „Der Amerika-Heimkehrer“, „Das Haus“, „Die Mörder“ und „Das Land“.
Erzählt wird die unglückliche, fast biblische Geschichte einer Bauernfamilie in den Höhen von Soria. Die beiden älteren Söhne erben den Hof, der jüngste soll der Kirche dienen. Dieser legt jedoch bald die Kutte ab und wandert nach Amerika aus. Während seiner Abwesenheit heiraten die beiden älteren Brüder. Die Zwietracht, die ihre Frauen säen, und die Habgier aller enden im brutalen Mord: Die beiden Söhne erschlagen den eigenen Vater. Sie verbergen die Leiche, indem sie sie in die Laguna Negra, den Schwarzen See, werfen. Von da an weigern sich die Felder, Frucht zu tragen.
Als der jüngste Bruder aus Amerika zurückkehrt, erzählen ihm die Mörder von dem rätselhaften Verschwinden des Vaters und vom allmählichen Verfall des Hofes. Der als wohlhabender Heimkehrer zurückgekommene Sohn kauft ihnen die Ländereien ab – und diese werden nun wieder fruchtbar. Zugleich erscheint den beiden Mördern der Geist des Vaters und steigert ihre Angst und Scham. Die Ballade endet dramatisch: Wahnsinnig geworden, stürzen sich die Vatermörder in denselben See, in dem die Seele ihres Vaters keine Ruhe fand.
Der Ballade lagen möglicherweise wahre Begebenheiten zugrunde. Der Hispanist Ian Gibson schildert, welch tiefen Eindruck ein Verbrechen vom August 1908 in dem Dorf Carrascosa de Abajo und der folgende Prozess in Soria auf Machado machten. Dieser Fall gab dem Gedicht Un criminal den Anstoß; auch ein weiteres Verbrechen aus dem Jahr 1910 könnte eingewirkt haben.
Ursprünglich hatte Machado dem Buch den Titel „Tierras de España“ geben wollen, den er dann in Campos de Castilla änderte. In späteren Ausgaben erweiterte er den Band immer weiter. Aus den anfangs 54 Gedichten wurden in den Poesías completas von 1936 schließlich 123. Die Proverbios y cantares wuchsen von 29 auf 53, die Lobgedichte von zwei auf zwölf.
Stil↑
Mit diesem Buch veränderte sich Machados Ton spürbar. Ihm fehlt die formale Geschlossenheit des früheren Bandes Soledades. Galerías. Otros poemas von 1907. Ángel González beschrieb 1986, wie sich der einst scheue und lyrische Machado im Zusammenstoß mit dem tiefen Kastilien wandelte. Aus dem in symbolistische Träumereien versunkenen Dichter wurde ein neuer, der sein Urteil ohne Scheu und ohne Zierrat ausspricht. Sichtbar wird nun der sittlich strenge, um die Erneuerung seines Landes bemühte Machado, der an der reformerischen Bildungsanstalt Institución Libre de Enseñanza geprägt worden war.
Die Ballade La tierra de Alvargonzález belebt die Tradition des spanischen Romancero, der alten Volksballade. Machado hatte das Lesen einst im Romancero general gelernt, den sein Großvater Agustín Durán zusammengestellt hatte. Ein früher Entwurf trug den Untertitel „Romance de ciego“, Bänkelsängerballade. Machado erklärte später, seine Romanzen gingen nicht von Heldentaten aus, sondern vom Volk, das sie schuf, und vom Land, in dem sie gesungen wurden; sie richteten sich auf das schlicht Menschliche, auf das kastilische Land und auf das erste Buch Mose. Neben dem erzählenden Gedicht stehen mit den Proverbios y cantares ganz knappe, spruchhafte Formen.
Rezeption↑
Schon bald nach dem Erscheinen fand der Band ungewöhnlichen Zuspruch bei Lesern und Kritik. Miguel de Unamuno gefiel er so gut, dass er dem Dichter eine Besprechung in der Zeitung La Nación in Buenos Aires versprach, die am 25. Juni 1912 erschien. Der Schriftsteller Azorín widmete dem Buch einen Artikel in der Madrider Zeitung ABC, und José Ortega y Gasset besprach es in der Literaturbeilage von El Imparcial. Trotz dieses Erfolgs erhielt Machado für das Werk nur 300 Peseten statt der vertraglich vereinbarten 800.
Die anhaltende Bedeutung des Buches zeigt sich auch daran, dass Machado es über Jahre hinweg erweiterte, bis es mehr als doppelt so viele Gedichte umfasste wie zu Beginn. In der Machado-Forschung gehört die Analyse von Ángel González zu den vielzitierten Arbeiten. Zum hundertsten Jahrestag der Erstausgabe wurde dem Werk 2012 eine eigene Ausstellung gewidmet.
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