1834 – 1912
Felix Dahn
Kurzporträt↑
Als Rechtsgelehrter, Historiker und Schriftsteller verband Felix Dahn wissenschaftliche Gründlichkeit mit dichterischer Leidenschaft. Geboren 1834 in Hamburg, gestorben 1912 in Breslau, wurde er vor allem durch seinen historischen Roman Ein Kampf um Rom bekannt, einem seiner erfolgreichsten Bücher. Immer wieder wandte er sich der germanisch-deutschen Frühgeschichte zu und ihrer Auseinandersetzung mit der untergehenden antiken Welt. Zu Lebzeiten genoss er hohes Ansehen; sein späterer Nachruhm wurde durch seine völkische Grundhaltung nachhaltig belastet.
Biografie↑
Ludwig Sophus Felix Dahn kam am 9. Februar 1834 in Hamburg zur Welt. Sein Vater Friedrich Dahn war Schauspieler und Theaterregisseur, tätig unter anderem in Hamburg, Wien und München. Die Mutter Constance, geborene Le Gaye, war Schauspielerin mit französisch-hugenottischen Wurzeln; ihr Vater war Hofkapellmeister am Kasseler Hof König Jérômes gewesen. Dahn wuchs in München in einer künstlerisch geprägten Atmosphäre auf, die reich an geistigen Anregungen war. Die Ehe der Eltern verlief unglücklich und wurde 1850 geschieden. Nach eigenem Bekunden belastete dies den jungen Felix schwer; die Neue Deutsche Biographie beschreibt eine seelische Erschütterung, die ihn in Vereinsamung, strenge Arbeitsdisziplin und Frühreife trieb.
Sein jüngerer Bruder Ludwig wurde ebenfalls Schauspieler, seine Schwester Constanze später Schriftstellerin. Dahn besuchte das Wilhelmsgymnasium München und begann danach an der Münchner Universität ein Studium der Rechtswissenschaft, Geschichte und Philosophie. Vorübergehend wechselte er nach Berlin und kehrte dann nach München zurück. Mit 21 Jahren wurde er summa cum laude zum Dr. iur. promoviert; die Promotion fällt laut den Quellen auf 1855. Das zweite juristische Staatsexamen bestand er 1856 in Bayern als Jahrgangsbester. Prägend war für ihn der Münchner Philosoph Karl von Prantl, dessen Lehre eines objektiven Idealismus er sich anschloss und den er als Student mutig gegen kirchliche Angriffe verteidigte.
In Berlin fand Dahn Zugang zum Haus Franz Kuglers und zum Dichterbund „Tunnel über der Spree“, der ihn unter anderem mit Theodor Fontane zusammenbrachte. Hier fand er zur heroisch-geschichtlichen Ballade. Schon 1854/55 entstand das Versepos Harald und Theano, zu dessen Veröffentlichung Friedrich Rückert ihn ermunterte; 1857/58 folgte das Epos Die Amalungen, das erst 1876 erschien. In diesen Jahren begann auch die Arbeit an Ein Kampf um Rom. In München gehörte er dem Dichterkreis „Das Krokodil“ an, geriet als Lyriker unter den Einfluss Emanuel Geibels und schloss eine langjährige Freundschaft mit Joseph Victor von Scheffel.
Finanzielle Not und journalistische Brotarbeit bedrückten diese Zeit. 1857 erhielt Dahn in München die Privatdozentur für Deutsches Recht, Rechtsphilosophie, Handels- und Staatsrecht; im selben Jahr habilitierte er sich mit einer Studie zur Geschichte der germanischen Gottesurteile. 1858 heiratete er die Malerin Sophie Fries, mit der er einen Sohn bekam. Die Ehe verlief unglücklich und führte, zusammen mit den beruflichen Sorgen, zu einem körperlich-seelischen Zusammenbruch, aus dem ihn 1862 erst eine längere Italienreise rettete. 1863 wurde er als ordentlicher Professor für deutsches Recht an die Universität Würzburg berufen. Am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 nahm er als Mitglied des Johanniterordens im Sanitätsdienst teil.
Eine Wende brachte das Jahr 1867: In Würzburg nahm Therese Freiin Droste zu Hülshoff, eine Nichte zweiten Grades der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, bei ihm Unterricht. Aus anfänglicher Abneigung wurde eine stürmische Liebe zwischen der jungen katholischen Baronesse und dem elf Jahre älteren Professor. Sie führte zur Scheidung seiner ersten Ehe. Gegen den Widerstand beider Familien heirateten Felix und Therese 1873 in Königsberg. Das Paar blieb kinderlos, doch Dahn beschrieb die Verbindung 1894 als überaus glücklich. Die Liebesgeschichte verarbeitete er in dem Werk Sind Götter? (1874). Therese führte, besonders in Breslau, eine Art literarischen Salon, in dem sich Gelehrte und Künstler versammelten; ihre Züge deutete Dahn in der Figur der Hukberta in seinem Roman Die schlimmen Nonnen von Poitiers an. Felix Dahn starb am 3. Januar 1912 in Breslau.
Literarische Merkmale↑
Historische Stoffe bildeten den Kern von Dahns dichterischem Werk. Ihn fesselten die großen Übergänge der Weltgeschichte, in denen sich heldische Schicksale abspielen, besonders die germanisch-deutsche Frühgeschichte im Ringen mit der zerfallenden antiken Welt. Aus liberaler Perspektive betrachtete er dabei auch das frühe Christentum. Seine Weltanschauung war von einem aufgeklärten Liberalismus und einem idealistischen Realismus geprägt, in dem Entwicklungsgedanke und Entsagungslehre zusammenflossen.
In der heroisch-geschichtlichen Ballade konnte sich seine lyrisch-epische, rhythmisch-rhetorische Begabung nach Darstellung der Neuen Deutschen Biographie am freiesten entfalten. Seine enthusiastische, empfindsame Phantasie suchte die großen historischen Motive. Stofflich und formal befruchteten ihn die Spätromantik, hier vor allem Friedrich de la Motte Fouqué, sowie der Klassizismus August von Platens. Als Lyriker stand er unter dem Einfluss Emanuel Geibels und des Münchner Dichterkreises. Seine frühen Versepen deuten formal auf den nachromantischen Historismus, den die Neue Deutsche Biographie als sein entscheidendes Bildungserlebnis bezeichnet. Neben dem dichterischen Werk stand stets die gelehrte Arbeit des Juristen und Historikers, die in umfangreiche geschichtliche Darstellungen mündete.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten genoss Dahn ein hohes internationales Ansehen. Seine Werke erhielten hervorragende Besprechungen, unter anderem in der English Historical Review in Oxford, auch wenn eine geplante Zusammenarbeit mit dieser Zeitschrift nicht zustande kam. Sein bekanntestes Buch blieb der Roman Ein Kampf um Rom.
Nach seinem Tod verschob sich das Urteil. Wegen seiner völkischen Grundeinstellung wurde Dahn teils als Wegbereiter des Nationalsozialismus neben Richard Wagner gestellt. Diese pauschale Abqualifizierung ist in neuerer Zeit als undifferenziert zurückgewiesen worden. Fest steht, dass auch führende Nationalsozialisten seine Werke schätzten, so Heinrich Himmler. Der Jurist und Historiker Dietmar Willoweit stellte 1994 fest, dass eine gründlich eindringende Analyse des „Phänomens Felix Dahn“ bis heute fast ganz fehle; der Historiker Arno Mentzel-Reuters sah diese Einschätzung 2012 weiter als gültig an.
In zahlreichen deutschen und österreichischen Städten wurden Straßen und Plätze nach Dahn benannt, darunter in Hamburg, Frankfurt am Main, Stuttgart, Dresden, Nürnberg, München, Wien, Salzburg, Villach und Graz. In Graz (2017) und Hamburg (2022) gab es wegen seiner völkischen Haltung Überlegungen zu einer Umbenennung. Trotz gewisser Vorbehalte der eingesetzten Historikerkommissionen wurde in beiden Fällen darauf verzichtet.
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