1688 – 1763
Pierre Carlet de Marivaux
Kurzporträt↑
Pierre Carlet de Marivaux war ein französischer Schriftsteller und Theaterautor. Er zählt zu den bedeutendsten Literaten Frankreichs in den 1720er und 1730er Jahren – der Zeit der Frühaufklärung und des Rokoko. Bekannt wurde er vor allem als Romancier und als Dramatiker. Er schrieb Komödien über das unmerkliche, ungewollte Sich-Verlieben. Seine Stücke sind in eleganter Prosa statt in Versen verfasst. Sie brachten die spielerische Sprache der Pariser Salons auf die Bühne. Das Lustspiel Le Jeu de l'amour et du hasard und die unvollendeten Romane La Vie de Marianne und Le Paysan parvenu gehören bis heute zu seinen meistbeachteten Werken.
Biografie↑
Marivaux wurde am 4. Februar 1688 in Paris geboren, als Pierre Carlet. Sein Vater war ein nichtadeliger mittlerer Beamter. Dieser erhielt bald darauf das Amt eines Kontrolleurs der Münze in Riom, der damaligen Hauptstadt der Auvergne. Seine Mutter Marie Anne war die Schwester des erfolgreichen Pariser Architekten Pierre Bullet. Sie blieb mit den Kindern zunächst in Paris. Den Namenszusatz „de Marivaux" benutzte er wohl erst ab 1716; seine Herkunft ist unbekannt. Das mitunter zu findende „de Chamblain" war eigentlich der Name seines älteren Cousins, des Architekten Jean-Baptiste Bullet de Chamblain.
Seine Jugendjahre ab dem zwölften Lebensjahr verbrachte Marivaux in Riom. Dort absolvierte er auf einem Kolleg der Oratorianer seine Schulbildung. Möglicherweise verfasste er schon dort sein erstes Stück Le Père prudent et équitable. Auch begann er einen ersten Roman, Les effets surprenants de la sympathie. Spätestens 1710 war er wieder in Paris. Dort schrieb er sich für ein Jurastudium ein, betätigte sich aber offenbar vor allem als Autor. 1712 wurden die ersten Bände der Effets gedruckt und der Père prudent in Limoges und Paris aufgeführt. Der Zensor der Effets, der Frühaufklärer Fontenelle, wurde zugleich sein Förderer. Er führte ihn in Pariser Literatenkreise ein.
In den folgenden Jahren schrieb er weitere erzählende Werke. Dazu gehören der Roman Pharsamon (1713, gedruckt erst 1737) und die Erzählung La Voiture embourbée (1714). Mit den Parodien Le Télémaque travesti und L'Homère travesti mischte er sich in den literarischen Streit um Homer ein. Dieser Streit wurde seit der „Querelle des Anciens et des Modernes" geführt.
Um 1719 investierte Marivaux sein eigenes Geld und das seiner 1717 geehelichten Frau in Aktien der Compagnie de l'Occident. Diese Handelsgesellschaft war von dem schottischen Bankier John Law geschaffen worden. 1720 brach das „Lawsche System" zusammen und die überbewerteten Aktien stürzten ab. Über Nacht wurden er, seine Frau und seine 1719 geborene Tochter arme Leute. Er legte nun offenbar noch ein Jura-Examen ab. Als Anwalt betätigte er sich aber nicht, sondern schrieb Theaterstücke. Vor allem waren es Komödien, die er der Truppe der Comédiens italiens auf den Leib schrieb. Sein Durchbruch gelang ihm 1720 mit Arlequin poli par l'amour.
Seine Spezialität wurde die Darstellung zweier Menschen, die sich unvermerkt und gegen ihren Willen ineinander verlieben. Vor allem zeigte er solche, die zunächst durch große Standesunterschiede getrennt scheinen, sich aber als sozial gleichrangig erweisen. Diese Thematik prägt Stücke wie La Surprise de l'amour (1722), La double inconstance (1723), Le Prince travesti (1724) und Le Jeu de l'amour et du hasard (1730). Daneben behandelte er aufklärerische Themen. In L'Île des esclaves (1725) zeigt er, wie zufällig und ungerecht Diener- und Herrenrollen verteilt sind. In L'Île de la Raison (1727) konfrontiert er vernünftige „Wilde" mit vorurteilsvollen Europäern. Der Erfolg seiner Stücke verschaffte ihm Zutritt zu den renommiertesten Salons der Hauptstadt.
Wohl Ende 1726 begann Marivaux, inzwischen Witwer, den Roman La Vie de Marianne. Darin wird ein Findelkind allein aufgrund seiner Schönheit, seines Geistes, seines Gefühls und seiner Tugend von einem Adeligen geheiratet und soll in den Adel aufsteigen. 1742 brach er das Werk nach zehn gedruckten Bänden ab, vermutlich weil er das Utopische seiner Konzeption erkannte. 1734/35 schrieb er fünf Bände eines weiteren Romans, Le Paysan parvenu. Dieser sollte den Aufstieg eines rechtschaffenen jungen Provinzlers zum reichen Bankier erzählen, blieb aber auch auf halber Strecke stecken. Neben Bühnenwerken und Romanen verfasste Marivaux zeitschriftenartige Feuilletonserien nach dem Vorbild des Londoner Spectator. Dazu gehören Le Spectateur français (1721–1724) und Le Cabinet du philosophe (1734).
1742 wurde Marivaux Mitglied der Académie française. Diese Mitgliedschaft erhielt er vor seinem Konkurrenten Voltaire. Sie bildete bis zu seinem Tod einen wichtigen Lebensinhalt. Marivaux starb am 12. Februar 1763 in Paris (so Wikipedia deutsch und englisch sowie Britannica; die Deutsche Nationalbibliothek gibt abweichend den 11. Februar an).
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Marivaux war, dass er die spielerisch-elegante Sprache der Pariser Salons seiner Zeit auf die Bühne übertrug. Seine Stücke sind deshalb nicht in Versen, sondern in Prosa verfasst. Im Mittelpunkt steht immer wieder das fein beobachtete, unmerkliche Sich-Verlieben – das langsame Erwachen eines Gefühls, das die Figuren zunächst nicht wahrhaben wollen.
Diese kunstvolle, zugespitzte Sprache wurde später zum Erkennungsmerkmal seines Werks. Der Salonton überlebte sich spätestens mit der Revolution von 1789. Danach galt dieser Stil zeitweise als manieriert. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde diese Sicht wieder revidiert.
Rezeption↑
Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts und besonders bei den Romantikern erschien Marivaux' Stil nur noch als ein manieriertes „marivaudage". Die zugrundeliegende Salonsprache hatte sich mit der Revolution von 1789 überlebt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde diese negative Sicht revidiert.
Seither zählt Le Jeu de l'amour et du hasard wieder zu den meistgespielten französischen Komödien. Auch die beiden unvollendet gebliebenen Romane La Vie de Marianne und Le Paysan parvenu gelten als zwei der besten und lesenswertesten französischen Erzählwerke des 18. Jahrhunderts.
Im deutschen Sprachraum wurden seine Werke früh aufgenommen und bearbeitet. Gotthold Ephraim Lessing übersetzte die Verstragödie Annibal teilweise. Von La Vie de Marianne erschien 1801 eine deutsche Adaption unter dem Titel Josephe des Verfassers Friedrich Schulz. Bis ins 20. Jahrhundert wurden zahlreiche seiner Stücke als Hörspiele bearbeitet, etwa Das Spiel von Liebe und Zufall und Der Streit. Mehrere Werke wurden zudem verfilmt.
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