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Werkseintrag · Falsche Vertraulichkeiten
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Falsche Vertraulichkeiten
1738
– Werkseintrag –

Falsche Vertraulichkeiten

1738 · Komödie

Ein verarmter Verehrer lässt sich im Haus einer reichen Witwe anstellen, während deren eigener Diener mit halben Wahrheiten ihr Herz für ihn gewinnt – eine Komödie über die Macht der Sprache und die schmale Grenze zwischen Verstellung und echtem Gefühl.

Überblick

Das Werk Les Fausses Confidences ist eine Komödie in drei Akten und in Prosa von Pierre Carlet de Marivaux. Sie wurde 1737 von einer italienischen Schauspieltruppe im Pariser Hôtel de Bourgogne uraufgeführt. Ihren heute geläufigen Titel trug sie erst bei der zweiten Aufführung im Jahr 1738. Erzählt wird, wie ein verarmter junger Mann mithilfe seines gewitzten Dieners die Liebe einer reichen jungen Witwe zu erobern versucht. Das Stück steht beispielhaft für Marivaux' Kunst, die um das Spiel zwischen Verstellung und wahrem Gefühl kreist.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Dorante, ein junger Mann aus guter Familie, der jedoch sein Vermögen verloren hat. Er hat sich in Araminte verliebt, eine reiche, gutherzige junge Witwe. Um sie für sich zu gewinnen, verbündet er sich mit Dubois, seinem früheren Diener, der inzwischen in Aramintes Haushalt arbeitet. Auf Empfehlung von Dorantes Onkel, dem Anwalt Rémy, wird Dorante als Verwalter im Haus der Witwe eingestellt.

Von nun an lenkt Dubois das Geschehen. Mit klug eingefädelten Andeutungen, mit Halbwahrheiten und geschickt gestreuten Gerüchten will er Araminte dazu bringen, sich in Dorante zu verlieben. Zugleich geraten andere Pläne in Bewegung. Marton, eine junge Schutzbefohlene Aramintes, fasst Zuneigung zu Dorante. Und Aramintes Mutter, Madame Argante, drängt ihre Tochter zu einer standesgemäßen Heirat mit dem Grafen Dorimont, mit dem Araminte einen Rechtsstreit um ein Landgut führt.

Dorante gerät zwischen widerstreitende Erwartungen. Er soll für fremde Interessen eintreten, bleibt aber standhaft. Während sich falsche Geständnisse, ein rätselhaftes Bildnis und heimliche Winke häufen, beginnt Araminte zu ahnen, dass um sie herum ein Spiel getrieben wird – ohne zu wissen, wem sie noch trauen kann.

Die Handlung im Detail

Zu Beginn ist Dorante mittellos und heimlich in Araminte verliebt. Gemeinsam mit Dubois schmiedet er einen Plan, der die Witwe zur Heirat bewegen soll. Über seinen Onkel Rémy, der von dem Vorhaben nichts ahnt, lässt sich Dorante als Verwalter im Haus einstellen. Kaum ist er da, rät Rémy ihm, doch Marton zu heiraten. Dorante zeigt sich wenig begeistert, doch der Onkel spielt eifrig den Kuppler und nimmt es dabei mit der Wahrheit nicht genau. Marton verliebt sich tatsächlich in Dorante und lässt sich auf das Spiel ein. Auch das dient am Ende den Absichten der Verschwörer, denn es soll Araminte später eifersüchtig machen.

Araminte ist Dorante von Anfang an gewogen und stellt ihn ein. Bald tritt Madame Argante an ihn heran, die ihn für ihre Zwecke gewinnen will. Araminte liege im Rechtsstreit mit dem Grafen Dorimont um ein Landgut; um einen Prozess zu vermeiden, solle sie den Grafen lieber heiraten, dann gehöre das Gut beiden. In Wahrheit geht es der Mutter um die Adelstitel des Grafen. Dorante soll Araminte einreden, sie werde den Prozess verlieren, obwohl ihre Aussichten gut sind. Dorante weigert sich, was Madame Argante erzürnt. Auch Marton versucht ihn umzustimmen und verrät ihm, der Graf habe tausend Écu geboten, falls die Heirat gelinge. Dorante lehnt weiterhin ab. Araminte, davon unterrichtet, lobt seine Redlichkeit und beauftragt ihn, ihre Papiere zu prüfen.

Dubois tritt hinzu, tut überrascht, Dorante zu sehen, und Dorante gibt sich verlegen. Allein mit Araminte fragt sie Dubois nach dem neuen Verwalter. Dubois nennt ihn den bravsten und ehrlichsten Mann der Welt, doch trage er eine Torheit im Kopf: Er sei verliebt und habe deshalb mehrere vorteilhafte Partien ausgeschlagen. Als Araminte wissen will, wer diese Leidenschaft entfacht habe, vertraut Dubois ihr an, sie selbst sei es. Araminte ist erstaunt, zugleich aber gerührt. Sie sagt sich zwar, dass sie einen solchen Verwalter nicht behalten dürfe, bringt es aber aus Mitleid nicht über sich, ihn sogleich zu entlassen.

Im zweiten Akt rät Dorante ihr, den Prozess zu führen. Rémy kommt, um dem Neffen eine reiche Heirat vorzuschlagen, und ärgert sich über dessen Ablehnung, während Marton glaubt, die Werbung gelte ihr. Da wird ein rätselhaftes Bildnis ins Haus gebracht. Marton ist sicher, es sei ihr eigenes, doch als Araminte die Schachtel im Beisein ihrer Mutter und des Grafen öffnet, zeigt das Porträt Araminte selbst. Von Dubois erfährt sie nun, dass die geplante Heirat zwischen Dorante und Marton eine Erfindung Rémys war und dass das Bildnis nicht vom Grafen, sondern von Dorante gemalt wurde. Araminte beschließt, ihm eine Falle zu stellen. Sie zwingt ihn, einen Brief aufzusetzen, in dem sie dem Grafen ihre Einwilligung zur Heirat ankündigt. Dorante ist beunruhigt, ahnt aber die Falle und verrät sich nicht. Als Marton erklärt, sie sei zur Heirat mit ihm bereit, gesteht Dorante Araminte, er könne nicht, denn er liebe eine andere. Da er den Namen nicht nennen will, öffnet Araminte die Schachtel mit dem Bildnis; Dorante wirft sich ihr zu Füßen und bittet um Verzeihung. Araminte verzeiht ihm, versichert danach aber Dubois, Dorante habe sich noch nicht offen erklärt.

Im dritten Akt begreift Marton, dass Dorante sich nicht für sie interessiert, und entwendet auf Dubois' Rat einen Brief. Dorante hatte ihn – ebenfalls auf Betreiben von Dubois – an einen erfundenen Empfänger geschrieben. Darin spricht er von seiner Liebe zu Araminte und von seinem Wunsch, aus Scham über die begangene Kränkung das Land zu verlassen. Madame Argante versucht ein letztes Mal, ihre Tochter zur Entlassung Dorantes zu bewegen, und gerät mit Rémy in Streit. Marton, die in dem Brief die ideale Rache sieht, lässt ihn vom Grafen laut vorlesen, vor allen Beteiligten. Dorante leugnet den Brief nicht. Araminte, besonders gereizt, schickt alle hinaus. Sie wirft Dubois vor, seinen früheren Herrn verraten zu haben, schenkt der sich entschuldigenden Marton wieder ihre Freundschaft und gestattet Dorante, sich von ihr zu verabschieden. Schließlich gesteht sie ihm, dass sie ihn liebt. Daraufhin bekennt er, dass die meisten Berichte falsche Geständnisse waren und dass Dubois alles gelenkt hat. Wahr sei allein seine tiefe Liebe zu ihr und das Bildnis, das er gemalt habe. Araminte verzeiht ihm alles um dieser Liebe und seiner Aufrichtigkeit willen. Der Graf, der erkannt hat, dass Dorante ihr gefällt, zieht sich mit Anstand zurück. Madame Argante erklärt, er werde niemals ihr Schwiegersohn, doch das kümmert Araminte nicht, und Dubois beglückwünscht sich zu seinem Sieg.

Stil

Der Titel Les Fausses Confidences – falsche Vertraulichkeiten oder falsche Geständnisse – benennt zugleich das Bauprinzip der Komödie. Immer wieder werden Geheimnisse anvertraut, die gar keine sind, sondern sorgfältig berechnete Enthüllungen. Diese falschen Geständnisse nehmen verschiedene Formen an. Mal ist es ein mündlich hingeworfenes Wort, mal wird es durch ein handfestes Beweisstück gestützt, durch einen Brief oder ein Bildnis. Falsch sind sie zudem in unterschiedlichem Maß, von der glatten Lüge über die Halbwahrheit und die Übertreibung bis zum bloßen Verschweigen. Es handelt sich also nicht immer um eine Lüge im engen Sinn.

In dieser Welt verfolgt jede Figur ihre eigenen Absichten, getrieben von Gefühl oder Eigennutz. Aus dem Gewirr der Ränke entsteht die Bauform des Stücks, und die falsche Vertraulichkeit ist der eigentliche Motor der Handlung. Als kühl rechnender Kopf und feiner Menschenkenner zieht Dubois dabei die Fäden. Für seine Täuschungen greift er auf altbewährte Kunstgriffe des Theaters und des Romans zurück: das Bildnis Aramintes, ein weiteres Gemälde, das Dorante angeblich allzu bewundernd betrachtet hat, und einen erdichteten Liebesbrief.

Im Zentrum steht die Macht der Sprache. Ein Geständnis setzt Vertrauen voraus, denn man muss dem Wort des anderen glauben, und gerade dieser Glaube verleiht dem Wort seine Wirkung. Ohne das volle Vertrauen des Opfers könnte die falsche Vertraulichkeit gar nicht funktionieren. So lässt sich das Stück lesen als Vorführung der Sprache als Werkzeug der Verführung und der Verstellung. Zugleich ist die Sprache bei Marivaux mehr als bloße Täuschung. Sie ist auch der Weg, auf dem die Liebe ins Bewusstsein dessen dringt, der sich ihr widersetzt. Für dieses kunstvolle, zuweilen grausame Spiel mit Andeutung und Zweideutigkeit steht der Begriff marivaudage.

Rezeption

Zu Lebzeiten Marivaux' fand die Komödie keinen großen Erfolg. Erst bei der Wiederaufnahme am Théâtre-Français im Jahr 1793 wurde sie freundlicher aufgenommen. Gelobt wurden die geschickt geführte Handlung, die liebenswerten und plastisch gezeichneten Figuren sowie die komischen, spannungsvollen Situationen.

In der literaturwissenschaftlichen Deutung gilt das Werk als Musterbeispiel für ein Grundmotiv bei Marivaux, das Jean Rousset das „doppelte Register" nannte. Seine Figuren bewegen sich zugleich auf zwei Ebenen: auf der des Scheins, auf der sie eine Maske tragen, und auf der des Seins, der Wahrheit des Herzens hinter allen Verstellungen. Ob der Schluss beide Ebenen zur Deckung bringt, bleibt offen, denn die Maske wird nie ganz gelüftet. Eben dieses schwebende Spiel zwischen Wahrheit und Täuschung, dieses Kunstwerk der Augentäuschung, meint man, wenn man von marivaudage spricht.

Der Stoff wurde auch für die Leinwand bearbeitet. 1984 entstand eine Kinofassung unter der Regie von Daniel Moosmann. Luc Bondy schuf den Fernsehfilm Falsche Vertraulichkeiten.

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