1785 – 1873
Alessandro Manzoni
Kurzporträt↑
Alessandro Manzoni gilt als der bedeutendste italienische Romanautor des 19. Jahrhunderts. Er war eine Art Nationaldichter des sich einigenden Italien. Sein 1827 erschienener Roman I Promessi Sposi (deutsch Die Brautleute oder Die Verlobten) ist sein berühmtestes Werk. Bis heute ist er ein Klassiker der italienischen Literatur. Manzoni wurde 1785 in Mailand geboren und starb dort 1873. Er wirkte nicht nur als Dichter und Romancier, sondern auch als Dramatiker, Sprachreformer und Politiker. Sein Schaffen verband einen jansenistisch geprägten Katholizismus mit einem entschiedenen Bruch von klassizistischen Konventionen. Schon früh stieß es die Bewunderung Goethes auf.
Biografie↑
Alessandro Manzoni wurde am 7. März 1785 in Mailand geboren, in ein literarisch geprägtes Milieu. Sein Großvater mütterlicherseits, Cesare Beccaria, war ein in viele Sprachen übersetzter Jurist und Verfasser des Werkes Über Verbrechen und Strafen. Auch seine Mutter Giulia war literarisch sehr interessiert. Als offizieller Vater galt Graf Don Pietro, ein Vertreter einer alten Familie aus der Gegend von Lecco. Diese Familie hatte einst eine strenge Feudalherrschaft über Barzio im Valsassina ausgeübt. Sein wirklicher Vater dürfte allerdings Giovanni Verri gewesen sein, der jüngste Bruder der bekannten Mailänder Aufklärer Alessandro und Pietro Verri.
Die Familienverhältnisse waren zerrüttet. 1792 trennte sich Giulia von Don Pietro und lebte fortan mit dem reichen und gebildeten Grafen Carlo Imbonati zuerst in England, dann in Frankreich. Der junge Alessandro wuchs von 1790 bis 1803 in kirchlichen Internaten auf. Dort lernte er nur langsam und galt zunächst als Versager. Mit fünfzehn Jahren entdeckte er jedoch seine Leidenschaft für die Poesie. Er knüpfte Kontakte zu Literaten und exilierten Patrioten und verfasste unter anderem das jakobinisch inspirierte Gedicht Del trionfo della Libertà. 1805, nach dem Tod seines offiziellen Vaters, zog der Zwanzigjährige zu seiner Mutter nach Paris. Dort stürzte er sich in das intellektuelle Leben des napoleonischen Kaiserreichs. Vor allem unter den Voltaire-Anhängern fand er Freunde, namentlich den hochgebildeten Claude Fauriel. Dieser machte ihn mit Shakespeare und früh schon mit den Ideen der deutschen Romantik bekannt. 1806/07 trat er erstmals mit zwei Gedichten an die Öffentlichkeit: einer noch klassizistischen Ode Urania und einer Elegie in freien Versen auf den Tod Carlo Imbonatis. Von diesem hatte er durch seine Mutter ein beträchtliches Vermögen geerbt, darunter die Villa in Brusuglio nördlich von Mailand.
1808 heiratete Manzoni die Genfer Bankierstochter und Calvinistin Henriette Blondel. Sie konvertierte 1810 zum Katholizismus. Durch sie kam der bis dahin eher antiklerikal gestimmte Dichter zu jenem jansenistisch eingefärbten Katholizismus, der sein weiteres Leben prägen sollte. Die Ehe verlief sehr glücklich, und Manzoni führte über Jahre ein zurückgezogenes häusliches Leben. In dieser Zeit entstanden die Inni sacri, eine Reihe geistlicher Dichtungen, sowie eine Abhandlung über katholische Moral. Diese verstand er als Busse für seine frühere Glaubensferne. 1818 musste er sein väterliches Erbe verkaufen, nachdem er Geld an einen unehrlichen Makler verloren hatte. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich seine grosszügige Haltung gegenüber den verschuldeten Bauern: Er erließ ihnen die Schulden und überliess ihnen die anstehende Maisernte.
1819 erschien seine erste Tragödie Il Conte di Carmagnola. Sie brach alle klassischen Konventionen der Einheit von Ort und Zeit und entfachte eine lebhafte Kontroverse. Die Vertreter des italienischen Purismo um Antonio Cesari griffen sie scharf an. Doch kein Geringerer als Goethe verteidigte das Werk. Der Tod Napoleons am 5. Mai 1821 inspirierte Manzoni zu seiner Ode Il Cinque maggio. Sie zählt zu den bekanntesten Dichtungen in italienischer Sprache und wurde zuerst von Goethe, später unter anderen auch von Paul Heyse ins Deutsche übertragen. Die politischen Ereignisse jenes Jahres und die Inhaftierung vieler Freunde bedrückten ihn schwer. Er zog sich nach Brusuglio zurück und vertiefte sich in historische Studien. 1822 folgte die Tragödie Adelchi über das Ende der langobardischen Herrschaft in Oberitalien durch Karl den Großen. Sie enthält zahlreiche Anspielungen auf die österreichische Herrschaft in Mailand und Venedig.
Parallel arbeitete Manzoni an seinem Roman I Promessi Sposi. Vorausgegangen waren ausgiebige Studien zur Geschichte Mailands im 17. Jahrhundert und besonders zur großen Pest von 1630. Eine erste Fassung vollendete er im September 1823 unter dem Titel Fermo e Lucia. Er unterzog sie aber sofort einer gründlichen Revision. Die zweite Fassung erschien 1827 in drei Bänden. Sie hob ihren Autor auf Anhieb in den ersten Rang literarischer Berühmtheiten. Manzoni hatte den fertigen Roman nach Weimar geschickt. Auf Goethes nachdrückliche Fürsprache wurden in Berlin und Leipzig zwei deutsche Übersetzungen parallel in Auftrag gegeben. In den 1830er Jahren überarbeitete Manzoni den Roman ein weiteres Mal. Er wollte lombardische Dialektreste tilgen und ihn in toskanischer Schriftsprache vorlegen, damit er von allen Italienern gelesen werden konnte. Diese endgültige Fassung erschien 1840–42 in Fortsetzungen, zusammen mit der Zugabe Storia della Colonna infame.
Danach schrieb Manzoni keine literarischen Werke mehr. Er verfasste nur noch Abhandlungen über die italienische Geschichte und vor allem über die Notwendigkeit einer allgemeinverständlichen italienischen Sprache. Er genoss bis ins hohe Alter großes Ansehen, besonders nach der Einigung Italiens, für die er sich unermüdlich eingesetzt hatte. 1860 wurde er zum Senator des neuen Königreiches ernannt. Bereits 1834 war er Mitglied der Accademia Roveretana degli Agiati geworden. 1844 wurde er als ausländisches Mitglied in den deutschen Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste aufgenommen. 1847 nahm ihn die Académie royale de Belgique als assoziiertes Mitglied auf. Die letzten Jahre wurden von persönlichen Verlusten überschattet. Seine Frau starb 1833, ihr folgten sechs seiner neun Kinder sowie seine Mutter. 1837 heiratete er Teresa Borri, Witwe des Grafen Stampa, die er ebenfalls überlebte. Der Tod seines ältesten Sohnes am 28. April 1873 beschleunigte sein Ende. Beim Verlassen einer Kirche stürzte er und zog sich eine Schädelverletzung zu. Er erkrankte rasch und starb am 22. Mai 1873 an einer Hirnhautentzündung in Mailand.
Literarische Merkmale↑
Manzonis Schreiben steht zwischen zwei Welten. Er wuchs in der klassizistischen Tradition auf. Seine frühe Ode Urania war noch ganz in jenem Stil gehalten, dessen schärfster Gegner er später werden sollte. Nach seinen Pariser Jahren wandte er sich entschieden gegen die alten Konventionen. Durch Claude Fauriel war er früh mit Shakespeare und den Ideen der deutschen Romantik in Berührung gekommen. Seine erste Tragödie Il Conte di Carmagnola brach demonstrativ mit den klassischen Einheiten von Ort und Zeit.
Inhaltlich prägt ein jansenistisch eingefärbter Katholizismus sein gesamtes Werk. Seine Frau Henriette hatte ihn nach ihrer eigenen Konversion 1810 zum Glauben zurückgeführt. Aus dieser Phase stammen die Inni sacri, geistliche Dichtungen, sowie eine Abhandlung über katholische Moral. Eine zweite, ebenso prägende Linie ist das historische Interesse. Sowohl in der Tragödie Adelchi als auch in I Promessi Sposi und der angehängten Storia della Colonna infame arbeitet Manzoni nach gründlichen Quellenstudien, etwa zur Mailänder Pest von 1630 oder zum Ende der langobardischen Herrschaft. Politische Gegenwart schwingt dabei oft mit. In Adelchi etwa liegen Anspielungen auf die österreichische Herrschaft in Mailand und Venedig.
Ein zentrales Anliegen war Manzoni schließlich die italienische Sprache. I Promessi Sposi überarbeitete er in den 1830er Jahren ein weiteres Mal vollständig. Er wollte lombardische Dialektreste tilgen und das Werk in toskanischer Schriftsprache vorlegen, damit es von allen Italienern im ganzen Lande gelesen werden konnte. Nach Abschluss des Romans schrieb er keine literarischen Werke mehr. Er widmete sich Abhandlungen über die italienische Geschichte und vor allem über die Notwendigkeit einer allgemeinverständlichen italienischen Sprache.
Rezeption↑
Manzonis Werk fand schon zu Lebzeiten ein begeistertes Echo. Keiner förderte es nachhaltiger als Goethe. Bereits Il Conte di Carmagnola verteidigte der Weimarer gegen die Angriffe der italienischen Puristen. Später übersetzte er die Ode Il Cinque maggio ins Deutsche. Durch seine Fürsprache veranlasste er, dass I Promessi Sposi in Berlin und Leipzig zugleich in zwei deutschen Übersetzungen erschien. Bis heute folgten ein gutes Dutzend weitere Übertragungen. Il Cinque maggio allein wurde unter anderem auch von Paul Heyse ins Deutsche übersetzt.
Mit dem Erfolg des Romans 1827 stieg Manzoni auf Anhieb in den ersten Rang literarischer Berühmtheiten auf. Im sich einigenden Italien wurde er zur Figur eines Nationaldichters, der zugleich politisch wirkte. 1860 ernannte ihn das neue Königreich zum Senator. Auch außerhalb Italiens wurde er hoch geehrt. 1844 wurde er als ausländisches Mitglied in den deutschen Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste aufgenommen, 1847 als assoziiertes Mitglied in die Académie royale de Belgique.
Sein Tod 1873 wurde von ganz Italien betrauert. Die Beisetzung erfolgte mit beinahe königlichem Prunk. Ein riesiger Leichenzug begleitete die sterblichen Reste zum Mailänder Cimitero Monumentale, wo Fürsten und hohe Staatsbeamte ihm die letzte Ehre erwiesen. Sein vornehmstes Monument aber bleibt Verdis Requiem. Der Komponist hat es Manzoni gewidmet und an dessen erstem Todestag 1874 uraufgeführt. Erste Biografien legten Cesare Cantù (1885), Angelo De Gubernatis (1879) und Arturo Graf (1898) vor. Ein Teil seiner Briefe wurde 1882 von Giovanni Sforza veröffentlicht.
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