1821
Der fünfte Mai
Überblick↑
Bei Il cinque maggio handelt es sich um eine Ode, die Alessandro Manzoni 1821 auf den Tod Napoleon Bonapartes verfasste. Napoleon war am 5. Mai jenes Jahres in seiner Verbannung auf der Insel St. Helena gestorben, einem britischen Besitz im Atlantischen Ozean. Der Titel nennt genau dieses Datum. Manzoni würdigt darin die Schlachten und Taten des einstigen französischen Kaisers, stellt ihnen aber die Hinfälligkeit des Menschen und die Barmherzigkeit Gottes gegenüber. Das Gedicht fand früh über Italien hinaus Beachtung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Den Anlass des Gedichts bildet die Nachricht vom Tod eines mächtigen Mannes, der einst die Geschicke der Welt zu lenken schien und nun fern von allem auf einer einsamen Insel gestorben ist. Mit dem knappen Anfang „Ei fu" – „Er war" – teilt der Dichter mit, dass dieser Mann nicht mehr lebt. Die ganze Menschheit, so heißt es, hält beim Klang dieser Botschaft erstarrt inne.
Von dort aus lässt Manzoni das Leben des Verstorbenen vorüberziehen: den raschen Aufstieg, die Feldzüge in Italien, Ägypten, Spanien, Deutschland und Russland, die Siege und die Niederlagen. Dabei betont der Dichter, dass er weder zu kriecherischem Lob noch zu feigem Schmähen greifen will, sondern den Gefallenen ohne Parteilichkeit betrachtet.
Der zweite Teil führt in die letzte Zeit der Verbannung. Der einst Allmächtige ist zur Untätigkeit verurteilt und vom Gewicht seiner Erinnerungen erdrückt. Ein berühmtes Bild vergleicht ihn mit einem Schiffbrüchigen, den die Wogen überrollen, die er zuvor selbst beherrschte. Wie der innere Kampf dieses Mannes ausgeht und welche Wendung Manzoni an das Ende setzt, entfaltet das Gedicht in seinen Schlussstrophen.
Die Handlung im Detail↑
Den Ausgangspunkt schildert die Entstehungsgeschichte selbst: Am 17. Juli 1821 las Manzoni im Garten seiner Villa in Brusuglio die Mailänder Zeitung vom Vortag und erfuhr so vom Tod Napoleons, der am 5. Mai desselben Jahres auf St. Helena gestorben war. Schon als Fünfzehnjähriger war er dem General in der Mailänder Scala begegnet und von dessen durchdringendem Blick und seiner Ausstrahlung getroffen worden. Anders als manche Dichter seiner Zeit hatte er Napoleon weder gepriesen noch getadelt.
Das Gedicht beginnt mit dem strengen, unausweichlichen „Ei fu". Das feierliche Fürwort und die abgeschlossene Vergangenheitsform rücken die napoleonische Zeit als endgültig vergangen in die Ferne und deuten die Vergänglichkeit alles irdischen Ruhms an. Die Menschheit steht betroffen still. Vom „schicksalhaften Mann", der einst über das Geschick der Welt entscheiden konnte, bleibt nur eine leblose Hülle, die nichts mehr von vergangenem Ruhm bewahrt.
Es folgen Anspielungen auf die letzten Feldzüge: die Niederlage bei Leipzig 1813, die Hundert Tage und die endgültige Niederlage bei Waterloo 1815. Manzoni erklärt, er sei frei von knechtischem Lob wie von feiger Beleidigung. Er tadelt jene, die aus Eigennutz in maßloses Lob verfielen, ebenso wie jene, die den Gestürzten verhöhnten, als er sich nicht mehr wehren konnte. Eine weitere Strophe spannt den geografischen Rahmen auf: die beiden Italienfeldzüge, der Ägyptenfeldzug, der spanische Krieg, die Eingriffe in Deutschland und der Vorstoß bis nach Russland – ein Gebiet, das sich vom Mittelmeer bis zum Atlantik erstreckt.
Im zweiten Teil hält der Dichter inne und stellt eine rhetorische Frage. Für den gläubigen Manzoni zählt nicht der irdische Ruhm, sondern der geistliche Sieg. Es folgt eine Aufzählung der Gefühle, die Napoleons Aufstieg begleiteten: die bange Freude über große Pläne, der Trotz eines ungebändigten Geistes, der nach Macht strebt, und der Jubel des kaiserlichen Triumphs. „Alles erfuhr er" – den Ruhm des Sieges wie die demütigende Flucht nach der Niederlage, gemünzt auf den Russlandfeldzug von 1812 und die folgenden Niederlagen, dann erneut den Sieg und schließlich die Verbannung nach St. Helena.
In einer der gewichtigsten Strophen erscheint Napoleon als titanischer Herrscher, der sich selbst zum Kaiser erhob, indem er die Krone aus den Händen des Papstes nahm und sich selbst aufsetzte, und der sich zum Richter zwischen zwei Jahrhunderten machte – zwischen der Französischen Revolution und der Restauration. Doch er bleibt ein Mensch, den dieselben Gesetze beherrschen wie alle. Nach dem jähen Aufstieg verschwindet er von der Weltbühne, in erzwungene Untätigkeit auf eine kleine, verlorene Insel gebannt. Dort überfallen ihn die widerstreitenden Gefühle, die er selbst geweckt hatte: Neid und Achtung, unauslöschlicher Hass und unbesiegbare Liebe.
Es folgt das eindringliche Bild des Schiffbrüchigen, der zu fernen Küsten blickt und von den Wogen überrollt wird, die er einst beherrschte. Manzoni durchleuchtet die innere Krise des zur Untätigkeit verdammten, doch noch immer kraftvollen Mannes. Vom Ansturm der Erinnerungen getrieben, denkt er an die Zelte der Lager, an die vom Geschützfeuer durchpflügten Schützengräben, an das Blitzen der Schwerter, das Vorpreschen der Reiterei und die hastig befohlenen, blitzschnell ausgeführten Manöver.
Diese Erinnerung ist erdrückend und treibt ihn an den Rand der Verzweiflung; das abgehackte Wort „e disperò" – „und er verzweifelte" – klingt wie ein endgültiger Glockenschlag. Doch hier setzt Manzoni die entscheidende Wendung: Eine vorsorgende göttliche Hand steigt vom Himmel herab und erhebt ihn in eine ruhigere, „atembarere" Luft und zur Betrachtung des jenseitigen Lebens. In der vorletzten Strophe erinnert der Dichter mit einer aus der religiösen Überlieferung entlehnten Wendung daran, dass sich nie eine stolzere Größe der Schmach von Golgatha gebeugt habe: In seinen letzten Augenblicken verleugnete Napoleon den eigenen Stolz und beugte sich vor dem Kreuz, womit er das christliche Bekenntnis annahm. Auf diese Bekehrung Napoleons vor dem Tod, von der Manzoni ebenfalls aus der Zeitung erfuhr, läuft das ganze Gedicht zu: Nicht der Eroberer, sondern der reuige Sterbende und die rettende Gnade Gottes sind sein eigentliches Thema.
Stil↑
Geschrieben ist das Werk in der Form der Ode. Es umfasst 108 Verse, die zu Strophen aus je sechs Siebensilbern gebündelt sind. Der erste, dritte und fünfte Vers jeder Strophe tragen die Betonung auf der drittletzten Silbe und bleiben ungereimt; der zweite und vierte reimen miteinander, während der sechste, abschließende Vers verkürzt ist und sich mit dem Schlussvers der folgenden Strophe verbindet. So entsteht das Reimschema ABCBDE, FGHGIE, das die Strophen kunstvoll aneinanderkettet.
Inhaltlich lässt sich das Gedicht in drei Teile gliedern: Die ersten vier Strophen stellen das Thema vor, die folgenden zehn durchschreiten den napoleonischen Werdegang, und die letzten vier ziehen die moralischen und religiösen Schlüsse. Der mittlere Teil zerfällt seinerseits in zwei Abschnitte – den Feldherrn und Kaiser auf der einen, die Verbannung auf St. Helena auf der anderen Seite.
Der knappe, wuchtige Anfang „Ei fu" gilt als Musterbeispiel verdichteter Sprache: Ein einziges Fürwort und ein einziges Zeitwort genügen, um den Toten zu benennen und seine ganze Epoche in die Vergangenheit zu rücken. Manzoni arbeitet mit feierlichem Wortschatz, mit eindringlichen Vergleichen – am bekanntesten der Schiffbrüchige – und mit dem wiederkehrenden Bild der Augen als Spiegel der Seele, etwa in der Wendung von den blitzenden Blicken. Auffällig ist der Gegensatz zwischen dem raschen, drängenden Erzählen der Kriegsbilder und den ruhigen, nachdenklichen Strophen der Schlussbetrachtung.
Rezeption↑
Bemerkenswert ist schon die Entstehung in knapper Frist: Manzoni begann die Niederschrift am 18. Juli 1821 und schloss sie am 20. ab – eine Eile, die seinem sonst bedächtigen Wesen fremd war. Die österreichische Zensur, die im damaligen Königreich Lombardo-Venetien wachte, verweigerte den Druck, weil sie in dem Gedicht eine zu glänzende Huldigung an den gefürchteten Gegner sah, der aus seinem Grab heraufbeschworen schien. Vorsorglich hatte Manzoni jedoch zwei Abschriften angefertigt: Die eine behielt der Zensor zurück, die andere verbreitete sich in Handschrift, auch über die Grenzen des Königreichs hinaus.
Trotz des Druckverbots fand das Werk weite Verbreitung. Zu seinen frühen Bewunderern zählte Johann Wolfgang von Goethe, der die Ode 1822 ins Deutsche übertrug und sie 1823 in seiner Zeitschrift „Über Kunst und Altertum" unter dem Titel Der fünfte Mai. Ode von Alexander Manzoni veröffentlichte. In der italienischen Literaturkritik wurde das Gedicht immer wieder eingehend behandelt.
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