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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Alfred Polgar
Alfred Polgar
1873 – 1955
– Autorenporträt –

Alfred Polgar

1873 – 1955 · 81 Jahre

Meister der „kleinen Form“ und einer der bekanntesten Autoren der Wiener Moderne, den das NS-Regime 1933 ins Exil bis nach New York trieb.

Kurzporträt

Zu den bekanntesten Autoren der Wiener Moderne zählt Alfred Polgar, geboren in Wien und gestorben 1955 in Zürich. Er war Schriftsteller, Aphoristiker, Kritiker und Übersetzer und galt als Meister der „kleinen Form“ – des kurzen, pointierten Prosastücks. Als österreichischer Jude und linksliberaler Antifaschist floh er 1933 vor dem Nationalsozialismus und lebte im Exil, das ihn über Prag und Paris bis nach New York führte. Sein Witz und seine scharfsinnige Beobachtungsgabe brachten ihm schon früh einen Ruf ein, der weit über Wien hinausreichte. Kurt Tucholsky pries ihn als „feinsten und leisesten Schriftsteller unserer Generation“.


Biografie

Geboren wurde Polgar im 2. Wiener Bezirk, der Leopoldstadt, als jüngstes von drei Kindern einer assimilierten jüdischen Familie. Sein Geburtsjahr ist in den Quellen umstritten: Wikidata und die Neue Deutsche Biographie nennen 1873, die Datenbank der Deutschen Nationalbibliothek dagegen 1875. Die Eltern, Josef und Henriette Polak, betrieben eine Klavierschule. Bis 1914 trug der Autor amtlich den Namen Alfred Polak; am 23. September 1914 ließ er ihn offiziell auf Polgar ändern. Das ungarische Wort „polgár“ bedeutet „Bürger“.

Nach Gymnasium und Handelsschule wurde Polgar 1895 Redakteur bei der Wiener Allgemeinen Zeitung, der er bis 1919 angehörte. Anfangs arbeitete er als Gerichts- und Parlamentsreporter, später im Feuilleton. Daneben schrieb er für weitere Blätter, etwa für die sozialistische Zeitschrift Die Zukunft. Seinen Ruf verdankte er zunächst vor allem den Theaterkritiken, deren Witz und pointierte Formulierungen ihn über Wien hinaus bekannt machten. 1905 engagierte ihn Siegfried Jacobsohn für die neu gegründete Zeitschrift Die Schaubühne, die seit 1918 Die Weltbühne hieß. Für dieses Blatt schrieb Polgar bis zu dessen Verbot 1933.

Ein häufiger Treffpunkt war das Café Central, wo er in Gesellschaft von Peter Altenberg, Anton Kuh, Adolf Loos und Egon Friedell viel Material für seine Beobachtungen fand. Auch Karl Kraus schätzte ihn. Für das Kabarett war Polgar ebenfalls tätig: Zusammen mit Friedell schrieb er für das Cabaret Fledermaus das humoristische Stück Goethe. Eine Groteske in zwei Bildern (1908), in dem Johann Wolfgang von Goethe bei einem Examen über sein eigenes Leben und Werk durchfällt. Im selben Jahr erschien Polgars erstes Buch Der Quell des Übels. Als Bearbeiter und Übersetzer von Theaterstücken übertrug er 1913 Ferenc Molnárs Stück Liliom aus dem Ungarischen ins Deutsche. Er verlegte die Handlung in den Wiener Prater und fügte einen Prolog hinzu. Mit der Premiere am Theater in der Josefstadt fand das bis dahin erfolglose Stück den Weg zum Welterfolg.

Während des Ersten Weltkriegs arbeitete Polgar im Kriegsarchiv, schrieb aber weiter für Zeitungen. Der Krieg machte aus dem Kaffeehausliteraten und Pazifisten jenen Autor, der in die Literaturgeschichte einging: Seine Waffen gegen nationalistische Lügen waren Ironie und Satire. Der Band Kleine Zeit (1919) ist von Sozial- und Justizkritik geprägt. Nach Kriegsende wurde er Feuilletonchef der Zeitung Der Neue Tag und arbeitete an Stefan Großmanns Das Tage-Buch mit. Gemeinsam mit Friedell schrieb er ab 1921 das Böse Buben Journal. In den 1920er Jahren lebte er überwiegend in Berlin; viele Artikel erschienen im Berliner Tageblatt und im Prager Tagblatt. Seit 1926 veröffentlichte der Rowohlt Verlag eine vierbändige Auswahl seiner Schriften unter dem Titel Ja und Nein sowie mehrere Skizzenbände. Im Oktober 1929 heiratete er die Wienerin Elise Loewy.

Nach der Machtübernahme des NS-Regimes war für Polgar in Deutschland kein Platz. Anfang März 1933 floh er nach Prag. Am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher verbrannt. Später ging er nach Wien. Beim „Anschluss“ Österreichs im März 1938 hielten sich Polgar und seine Frau gerade in Zürich auf. Da er dort keine Arbeitserlaubnis erhielt, flüchteten sie nach Paris, wo er sich der Liga für das geistige Österreich anschloss, zu der auch Joseph Roth und Franz Werfel gehörten. Nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich floh er 1940 nach Marseille. Mit Hilfe des Emergency Rescue Committee gelang ihm die Flucht über die Pyrenäen nach Spanien und von Lissabon aus die Emigration in die USA.

In Hollywood arbeitete Polgar Anfang der 1940er Jahre für 100 Dollar in der Woche als Drehbuchautor für Metro-Goldwyn-Mayer. Er saß neben Alfred Döblin in einem Autorenteam und wirkte ungenannt am Kriegsfilm Mrs. Miniver mit. Ab 1943 lebte er in New York, wo er und seine Frau die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielten. Er schrieb für Exilzeitungen wie den Aufbau und für amerikanische Magazine. 1949 kehrte das Paar nach Europa zurück und ließ sich in Zürich nieder. Dort publizierte Polgar wieder für deutschsprachige Zeitungen. 1951 erhielt er den Preis der Stadt Wien für Publizistik. Er starb 1955 in Zürich und wurde auf dem Friedhof Sihlfeld begraben.


Literarische Merkmale

Als Meister der „kleinen Form“ ist Polgar in die Literaturgeschichte eingegangen. Damit ist das kurze, pointierte Prosastück gemeint, in dem er Unverwechselbares schuf. Sein poetisches Prinzip war die buchstäbliche „Verdichtung“ bis hin zum Epigrammatischen. Sein inneres Gesetz beschrieb die Neue Deutsche Biographie als radikale Skepsis zwischen Heiterkeit und Melancholie. Kennzeichnend war ein listiger Perspektivenwechsel; Marcel Reich-Ranicki brachte ihn auf die Formel: „Er erzählte vom Theater, und er rezensierte den Alltag.“

Sein Witz und seine pointierten Formulierungen verschafften ihm schon als Theaterkritiker früh einen Ruf, der über Wien hinausreichte. Als Feuilletonist und impressionistischer Erzähler gehörte er zum Kaffeehauskreis um Peter Altenberg. Die drei Prosabände, die bis 1914 erschienen, standen noch stark unter dem Einfluss der Fin-de-Siècle-Psychologie mit ihren nervösen und erotischen Seelenqualen. Erst der Weltkrieg formte den Autor, der bleibende Bedeutung gewann: Ironie und Satire wurden seine Mittel gegen nationalistische Lügen. Leichtigkeit des Ausdrucks verband er dabei mit unbeugsamer Gesinnung. Das 1938 erschienene Handbuch des Kritikers enthält in aphoristischer Verknappung sein ästhetisch-moralisches Credo.


Rezeption

Schon zu Lebzeiten wurde Polgar als Stilist gefeiert. Karl Kraus schätzte ihn, und Kurt Tucholsky pries den Kollegen als „feinsten und leisesten Schriftsteller unserer Generation“. Walter Benjamin rühmte ihn als „Obersten der Saboteure“. Für den jungen Reporter Joseph Roth wurde Polgar laut der Neuen Deutschen Biographie zum Vorbild. Zeitschriften wie Carl von Ossietzkys Weltbühne, das Berliner Tagebuch und das Prager Tagblatt zählten ihn zu ihren prominentesten Beiträgern.

Im Exil verschlechterte sich seine Lage zusehends. Seine streitbaren politischen Artikel gegen das NS-Regime erreichten nur noch die Leserschaft der Emigrantenblätter, etwa des Aufbau. Auch in Hollywood und später in New York blieb er auf Unterstützung angewiesen. Nach dem Krieg würdigte ihn die Stadt Wien 1951 mit ihrem Preis für Publizistik. 1965 wurde in Wien die Polgarstraße nach ihm benannt, die dort gelegene Schule trägt den Namen Polgargymnasium.

Sein Werk blieb auch nach seinem Tod lebendig. Marcel Reich-Ranicki, der ihn den „leisen Meister“ nannte, gab gemeinsam mit Ulrich Weinzierl eine sechsbändige Ausgabe der Kleinen Schriften heraus. Weinzierl legte 1985 auch eine Biografie vor. 2015 erschien postum der Essay Marlene, den Polgar 1937/38 über Marlene Dietrich geschrieben hatte und der 1984 in seinem Nachlass entdeckt worden war.

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