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Werkseintrag · Die Kronenwächter
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Die Kronenwächter
1817
– Werkseintrag –

Die Kronenwächter

1817 · Roman

Ein in der Neujahrsnacht heimlich abgelegtes Kind, ein geheimer Bund auf einer verborgenen Burg und das verschollene Erbe der Staufer – Arnims großer Roman der deutschen Romantik führt mitten in die Umbruchzeit zwischen Reformation und Humanismus.

Überblick↑

Der historische Roman Die Kronenwächter von Achim von Arnim erschien 1817 in Berlin in der Maurerschen Buchhandlung. Vollendet wurde nur der erste Band. Der zweite Band ist ein Fragment aus nachgelassenen Zetteln. Er erschien erst 1854 posthum in Weimar, herausgegeben von Bettina von Arnim. Der Roman spielt zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Südwestdeutschland. Er erzählt von zwei Nachfahren der Staufer, die einem geheimen Bund unterstellt sind: den Kronenwächtern. Dieser Bund bewacht das Erbe des untergegangenen Stauferreiches. Arnim verbindet darin den romantischen Geschichtsroman mit Elementen des Phantastischen, Mystischen und Grotesken. Das Werk gilt als einer der bedeutendsten, zugleich eigenwilligsten Romane der deutschen Romantik.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In der Neujahrsnacht des Jahres 1475 erhält Martin eine unheimliche Lieferung. Martin ist der frisch eingesetzte Türmer von Waiblingen. Die Lieferung besteht aus einem Säugling, gebettet auf einen Totenschädel, dazu fünf Goldgulden. Dabei liegt die Warnung, sein Schwur gegenüber den Kronenwächtern dulde keine Treulosigkeit. Das kinderlose Türmerpaar zieht den Knaben unter dem Namen Berthold groß. Bald zeigt sich, dass der Junge kein gewöhnliches Findelkind ist, sondern ein Spross der untergegangenen Staufer. Auch die geheimnisvollen Kronenwächter werfen ein wachsames Auge auf ihn. Sie sind ein Bund von zwölf alten, geharnischten Männern auf einer verborgenen Burg.

Berthold wächst heran und gerät in Streit mit dem Bürgermeister. Auf den Trümmern eines alten Kaiserpalastes baut er ein Haus mit Weberei. Im Lauf der Jahrzehnte steigt er selbst zum Bürgermeister von Waiblingen auf. Doch je weiter er aufsteigt, desto stärker drücken ihn Müdigkeit und Schwäche. Schließlich greift ein berühmter "Wundermann" – Dr. Faust – mit einer kühnen Kur ein. Diese Kur verleiht ihm die Kraft eines jungen Mannes. Mit neuer Energie reist Berthold zum Reichstag nach Augsburg. Dort lernt er eine junge Frau kennen und hilft Luther bei der Flucht aus der Stadt. Verändert kehrt er in seine Heimatstadt zurück. Neben ihm tritt der junge, kecke Malergehilfe Anton in den Vordergrund. Sein Schicksal ist auf rätselhafte Weise mit Bertholds Leben verknüpft.

Im zweiten, fragmentarischen Band verschiebt sich der Blick ganz auf Anton. Er zieht durch Bauernunruhen und Landsknechtsabenteuer und erfährt die eigene Herkunft. Schließlich trifft er auf die geheime Burg der Kronenwächter. Arnim entfaltet ein breites Zeitbild zwischen Reformation, Humanismus und dem Beginn der Neuzeit – durchsetzt mit Liebesgeschichten, alten Schwüren und mystischen Verflechtungen.

Die Handlung im Detail↑

In der Nacht zum Neujahrstag 1475 wird dem neuen Waiblinger Türmer Martin ein Kasten in den Eimer gelegt. Der Bote ruft hinauf, kein Turm sei zu hoch, kein Grab zu tief für Gottes Richterschwert und für den Pfeil der Kronenwächter. Im Kasten liegt ein etwa sechs Monate altes Kind auf einem Totenschädel, in dem Schädel steckt ein blinkender Ring, dazu fünf Goldgulden. Martin erkennt das Gesicht des Knaben: Es gleicht jenem Ritter, dem er ein halbes Jahr zuvor im Auftrag der Kronenwächter den Schädel gespalten hat. Daraufhin hatte er den Dienst quittiert und Hildegard, die Witwe seines Vorgängers, geheiratet. Das kinderlose Paar zieht den Jungen unter dem Namen Berthold groß. Bürgermeister Steller setzt ihn später als Ratsschreiber ein.

Berthold führt seinen Pflegevater in den verfallenen Palast Barbarossas und will dort bauen. Bevor Martin ihm den Gebrauch der Waffen zeigen kann, durchbohrt ihn ein Pfeil der Kronenwächter. Mit den fünf Gulden ersteigert Berthold das Palastgelände und stößt im Garten auf einen Schatz, in dessen Truhe ein verrostetes Gürtelmesser mit einem Drachenkopf als Griff liegt. Als der herangewachsene Bursche die Bürgermeistertochter Apollonia derb küsst, wird sie zur Strafe ins Nonnenkloster gegeben, er wird aus dem Rathaus geworfen. Berthold errichtet auf der Ruine ein Wohnhaus mit einer Weberei und verkehrt beim Prior des Augustinerklosters. Dort trifft er einen Straßburger Baumeister und eine fremde Gräfin. Sie erzählt, wie ihr Mann von den Kronenwächtern getötet wurde, weil er sich dem Kaiser anschließen wollte; ihr Kind wurde bei einem von den Kronenwächtern gelegten Brand zusammen mit der Krone entführt, der Ritter selbst von einem Martin erschlagen. Berthold erkennt, dass die Fremde seine Mutter ist und der Tote sein Vater war. Aus dem Schädel zieht er den goldenen Trauring, den die Mutter dem Sterbenden ins gespaltene Haupt gedrückt hatte. Sie übergibt ihn dem Sohn, damit er ihn einer würdigen Braut weitergebe, und bleibt in Waiblingen.

Im Jahr 1518 ist Berthold ein über vierzigjähriger, wohlhabender Tuchmacher und Bürgermeister, fühlt sich aber kraftlos. Er lässt Dr. Faust kommen, der mit ihm Latein spricht und schließlich das Blut des Bürgermeisters mit dem eines kräftigen Jungen vom Land namens Anton tauscht. Bertholds Pflegemutter Hildegard bleibt bekümmert zurück, denn der verjüngte Berthold will sich nun als Ritter beweisen und heiraten. Auf dem Reichstag in Augsburg lernt er die junge Anna kennen und nimmt bei deren Mutter, Frau Zähringer, Unterkunft – die sich als seine Jugendliebe Apollonia entpuppt. Berthold kauft sich eine Rüstung, gewinnt beim Turnier einen Becher, hält um Anna an und wird trotz des Altersunterschieds erhört. Außerdem hilft er Luther, der sich in Augsburg mit Cajetan zerstritten hat, aus der Stadt zu fliehen. In Waiblingen findet Anna im Haus das Drachenkopfmesser und trägt es fortan am Gürtel. Der alte Kronenwächter Kronenhelm reitet vom Schloss Hohenstock heran und bringt vierzehn spitzbogige Glasfenster, die Geschichten der Hohenstaufer erzählen.

Anton arbeitet inzwischen beim alten niederländischen Maler Sixt und malt im Auftrag Bertholds ein Marienbild an dessen Giebel. Heimlich porträtiert er die am Morgen nach der Hochzeit noch im Bett liegende Anna. Als die Leiter kippt, springt er ihr durchs Fenster in die Kammer. Sie bewirtet ihn und verbirgt ihn vor dem zum Abschied erscheinenden Kronenhelm – Anton war den Kronenwächtern einst entkommen. Apollonia entdeckt Anton in Annas Zimmer und deutet die Lage absichtlich falsch, weil sie selbst Berthold liebt; Anna durchschaut sie und kämpft um ihre Ehe, Apollonia zieht in ein eigenes Haus. Hildegard stirbt. Berthold meint, das Christuskind auf dem Marienbild gleiche Anton. Kronenhelm deutet an, Berthold könne bald Herr des Schlosses Hohenstock werden. Anna drängt zur Inspektionsreise. Die drei Schlösser, die sie vorfinden, sind verwahrlost. Eines gehört dem alten Grafen Rappolt, einem staufischen Verwandten Bertholds, dessen Sohn Anton ist; Antons Zwillingsbruder ist Graf Konrad von Hohenstock. Zurück in Waiblingen erfährt Anna von der Bluttransfusion, und Anton bemerkt, dass Berthold immer wieder zu Apollonia geht.

Der Kaiser stirbt, Anna bringt einen Sohn zur Welt, der Anton gleicht. Das Gerede in Waiblingen reißt nicht ab. Auf Geheiß der Kronenwächter soll Berthold sich dem Schwäbischen Bund anschließen; er zieht stattdessen an der Seite Herzog Ulrichs ins Feld, weil dieser Waiblingen Reichsfreiheit versprochen hat. Die Kronenwächter siegen, die Truppen Konrads von Hohenstock besetzen die Stadt, Konrad verleugnet seinen Bruder Anton. Berthold kehrt kurz heim, verlässt dann Frau, Mutter und Sohn endgültig und tritt wieder in den Dienst der Kronenwächter. Auf einer Reise nach Einsiedeln nächtigt er im Kloster Lorch an den Gräbern der Hohenstaufen; ein Blitzschlag erschlägt ihn dort im Gewitter. Anna will dem Gerede über Antons Vaterschaft ein Ende setzen und einen Aufenthalt Antons bei Dürer in Nürnberg finanzieren. Graf Konrad wirbt um sie, zieht im Streit das Drachenkopfmesser aus ihrem Gürtel und verletzt damit Anton schwer. Die Waiblinger Bürger jagen Konrad aus der Stadt. Dr. Faust entführt Annas Kind und übergibt es Konrad. Apollonia geht ins Kloster.

Der zweite Band, dessen ungeordnete Zettel von Bettina von Arnim höchstwahrscheinlich stark bearbeitet wurden, rückt Anton in den Mittelpunkt. Er gesundet, wird Annas zweiter Mann, bringt mit unstetem Lebenswandel ihr Vermögen durch und schließt sich den Landsknechten an. Ab 1519, während der ersten Bauernunruhen, zieht er abenteuernd durchs Land, lernt seinen unsterblichen Halbbruder Fabian und seinen Vater, Graf Rappolt von Stock, kennen. Vom Vater erfährt er, dass sowohl Berthold als auch er selbst Hohenstaufen-Erben sind und dass Krone und Schatz von den Kronenwächtern in der Kronenburg gehütet werden. Annas Sohn aus erster Ehe heißt Oswald. Anna und Anton bekommen den kleinen Anton, der im Spiel Oswalds Tod verschuldet. Anton hadert mit Gott und der Welt, erblindet und gewinnt im Kampf gegen einen Drachen das Augenlicht zurück. Im Bauernkrieg kämpft er in Metzlers Bande gegen die Kronenwächter und zerstört mit den aufständischen Bauern die Kronenburg. Die Kronenwächter fallen. Graf Rappolt will die Krone zerschlagen, doch die deutsche Kaiserkrone kann niemand zertrümmern. Anton stirbt zusammen mit seiner neuen Frau Susanna.

Stil↑

Arnim verbindet im Roman die strenge Form des historischen Erzählens mit phantastischen, bizarren und grotesken Motiven. Die Welt zu Beginn des 16. Jahrhunderts – Reformation, Humanismus, beginnende Bauernunruhen, die Entdeckung Amerikas – wird als Umbruchzeit gezeichnet. In ihr stehen reale Gestalten wie Luther, Cajetan, Dürer und ein als "Wundermann" auftretender Dr. Faust neben erfundenen Figuren. Der Erzähler legt das Gewicht weniger auf psychologische Feinzeichnung als auf die Darstellung historischer Vorgänge. Die Figuren sind oft Träger einer Linie oder eines Geschicks. Mystisches durchzieht das Geschehen. So bricht Anton in dem Augenblick zusammen, in dem der weit entfernte Berthold stirbt – eine Folge der Bluttransfusion durch Faust. Dingsymbole wie der Trauring aus dem Totenschädel, das Messer mit dem Drachenkopf oder die spitzbogigen Glasfenster verklammern die Handlung. Sprachlich greift Arnim auf eine breite Materialgrundlage zurück. Zu seinen Quellen zählen unter anderem die Schwäbische Chronik des Martin Crusius, Fischarts Geschichtklitterung, Görres' Teutsche Volksbücher, Rüxners Turnierbuch und Wickrams Rollwagenbüchlin. Die beiden Hauptfiguren Berthold und Anton hat Arnim laut Böttcher dem Chronicon Waiblingense entnommen. Der zweite Band wirkt deutlich skizzenhafter. Ihm liegen, wie Bettina von Arnim erklärt, "viele ungeordnete Zettel" zugrunde, also wenig geformte Niederschriften aus dem Nachlass.

Rezeption↑

Schon die zeitgenössischen Stimmen waren geteilt. Die Allgemeine Literatur-Zeitung sprach 1818 von "Nebelpartieen" an unklaren Stellen. Die Leipziger Literatur-Zeitung bescheinigte Arnim 1819 eine "lebendige und anschauliche Darstellungsgabe", nannte das Werk aber einen "mährchenartigen Roman". Die Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung empfand es im selben Jahr als "langweilig". Wilhelm Grimm dagegen drängte 1819 brieflich auf den zweiten Band. Heinrich Heine hob 1836 den "vortrefflichen Anfang" hervor. Georg Herwegh meinte 1839, das Buch sei nur dem deutschen Leser verständlich. Moritz Veit registrierte einen Bruch zwischen erstem und zweitem Teil. Joseph von Eichendorff resignierte 1857 vor dem schwerfälligen Lesepublikum. Theodor Fontane hielt den Roman 1872 als "wahren Geistesschatz" in Ehren.

Im 20. Jahrhundert wuchs die Bewunderung, ohne die Vorbehalte zu verdrängen. Georg Brandes lobte 1900 die "schöpferische Kraft", kritisierte aber Unbeherrschtheiten, Mystik und Lyrik. Hugo von Hofmannsthal zählte das Buch zu den "tiefstdurchdachten Kunstwerken", vermisste jedoch ein Zentrum. Werner Vordtriede hebt Hofmannsthal, den Dichter des Andreas, als Kenner und Liebhaber des Romans hervor. Wilhelm Lehmann betonte in seinem Essay-Band Bewegliche Ordnung das Element der ruhigen Überlegung. Reinhold Schneider spürte Verwandtschaft mit Arnim in der Darstellung der christlichen Glaubenslehre. Paul Michael Lützeler ordnet das Werk in den romantischen historischen Roman ein. Unter der Restauration wurden Themen zu Revolution und Napoleon zensiert. Deshalb wählte Arnim mit dem frühen 16. Jahrhundert eine vergleichbare Umbruchzeit. Weil er die Legitimität der Herrscher in Frage stelle, lasse sich der Roman nicht nationalistisch vereinnahmen. Anthony Riley verweist auf die Überbetonung des Mystischen, etwa in den Folgen der Bluttransfusion. Vordtriede nennt den Bildungsroman "kraus, geheimnisvoll, unrealistisch, überladen verschnörkelt und zu riesenhaft im Bestreben". Er lobt aber den "erstaunlichen Kunstverstand" Arnims bei der Gegenüberstellung der verkommenen Burg Hohenstock und der Kronenburg als "großartigem romantischen und anachronistischen Ideal". Gerhard Schulz bezeichnet die Kronenwächter als "terroristischen Geheimbund", der das Erbe der Staufer verwalte. Detlef Kremer hält wegen der phantastischen Motive den Begriff "historischer Roman" für nur eingeschränkt brauchbar. Er betont, dass Arnim für eine Legitimation des Adels durch Leistung plädiere, nicht für eine Rückkehr zur Stauferherrschaft. Wirkungsgeschichtlich greifen Hofmannsthals Frau ohne Schatten (1919) und sein Roman Andreas oder Die Vereinigten (1932) Motive des Werkes auf.

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